El Kurdis Kolumne im Juni: Kurz-Manifest für eine irre Randale-Kultur

Wenn man im Kulturbetrieb arbeitet, stellt man früher oder später fest, dass man der einzige – oder wie es spätestens in fünf Jahren sogar im Duden stehen wird: der einzigste – Mensch in diesem Berufsfeld ist, der keinen Dachschaden hat. Die Grunderfahrung ist, frei nach Jean-Paul Sartre: Die Irren, das sind die anderen. Nur man selbst ist normal. Und klar, alle Menschen um einen herum denken das selbstverständlich genauso. Seit Jahren frage ich mich deswegen immer wieder, ob ich beruflich nicht etwas anderes machen sollte: Profi-Killer oder Englischlehrer. Osteopath, Hebamme, irgendwas mit Holz oder harten Drogen…

Denn als Kulturschaffender hat es man unter anderem zu tun mit: Unerträglich eitlen Autoren, gleichzeitig von Hybris und Minderwertigkeitskomplexen geplagten Regisseurinnen, um sich selbst kreiselnden Schauspielern, klugscheißernden Lektorinnen und ihr Gegenüber ins Wachkoma labernden Dramaturgen… Aber wenn ich ehrlich bin: Trotz aller anstrengenden Extrovertiertheit und Klischee-Exzentrik der richtigen Kunst-Irren, sind mir diese tausendmal lieber als die technokratischen Mutanten, die zunehmend die Schlüsselpositionen in dieser Branche besetzen. Denn unter denen ist die Egomanie – in Form von Karriere-Orientiertheit – ebenfalls extrem verbreitet, nur fehlen diesen Menschen die kreativen, mutigen und wirr-aktionistischen Aspekte der richtigen Kulturgestörten. Diese Funktionäre und Verwalter agieren eben nicht künstlerisch, sondern vor allem taktisch-politisch. Und nebenbei rationalisieren und ökonomisieren sie die Institutionen.

Es ist absurd und eklig, aus der Kultur einen beherrschbaren, braven Wirtschaftszweig machen zu wollen. Nicht, dass das nicht funktionierte, aber auf der sogenannten Hochkulturseite produziert man so eine Art geistige Mittelschichts-Wellness, Kultur als sprudelndes Entspannungsbad oder für die, die es richtig „deep“ haben wollen: Kunst als sinnstiftenden Religionsersatz. Auf der anderen, der angeblich unterhaltenden Seite entstehen realitätsfremde Scripted-Reality-Shows fürs Prekariat. Oder zynisch-oberflächlicher Selbstoptimierungs-Käse. Damit lassen sich in dem einen Fall ordentlich Subventionen abgreifen und im anderen fette Werbe-Millionen verdienen. Ist aber leider beides stinkelangweilig.

Nicht langweilig ist es, nachzudenken, zu analysieren und dann dazwischen zu funken, ins Regal zu pissen und dabei ästhetisch etwas zu wagen: komisch, gut gelaunt oder meinetwegen auch todernst und bitter. Immer dann, wenn man die Zumutung, die man hier als Welt angeboten bekommt nicht mehr erträgt. Extrem langweilig ist es hingegen, nur den Mund aufzumachen, wenn mal wieder eine Theater- oder Museums-Etat-Kürzung ansteht.

Sobald irgendwo der Satz fällt „Nee, das können wir nicht machen“, sollte man es unbedingt tun. Wenn jemand meint, etwas wäre zu schwierig – machen! Wenn jemand meint, etwas wäre zu schlicht – machen! Zu komplex – machen! Zu verständlich – machen! Zu politisch – machen! Zu unpolitisch – machen! Zu experimentell – machen! Zu sehr Mainstream – machen!

Und das nur nebenbei: Ich habe keine Ahnung, wer die Stuhlkreis-Idee aufgebracht hat, Kritik müsse „konstruktiv“ sein. Kritik muss vor allem kritisch sein. Mir geht es dabei auch gar nicht um „meine“ Meinungen oder Inhalte; mir geht es darum, dass Kultur sich was traut, sich anlegt, sich streitet, einsteckt, selbst voll auf die Zwölf gibt – und nicht reinfällt auf diese öde Ausgewogenheitsideologie. Verwahren sollte man sich dabei gegen jede Einmischung, egal aus welchem politischen Lager. Auch aus dem eigenen. Politikerinnen und Aktivisten haben Künstlern und Künstlerinnen nichts vorzuschreiben. Grundgesetz, Artikel 5, Absatz 3: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Punkt. Nur eine sich gegen alle Versuche der Einflussnahme – ob vom Staat, von Religionen, einer Partei oder einer NGO – wehrende tatsächlich freie Kunst sorgt dafür, dass etwas passiert, dass es scheppert, dass es weiter geht.

Wer das nicht will, wer Ruhe, Konsens und Kontemplation braucht – wofür ich durchaus Verständnis habe –, der sollte mit der Kultur aufhören und sich zurückziehen. Da gibt es bekanntlich viele Möglichkeiten: Kloster, evangelische Jugendbildungsstätte, ein Studio für Alexander-Technik … Ich selbst stehe, wie gesagt, jeden Tag mindestens drei Mal kurz vor dem Ausstieg. Aber solange man den Absprung nicht wirklich schafft, sollte man einfach tapfer weiterrandalieren. Auch auf die Gefahr hin, für irre gehalten zu werden.

» Hartmut El Kurdi


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