Der Freundeskreis im Gespräch mit Alexandra Dzaack und Rainer Müller-Brandes

Für diese Ausgabe haben wir uns mit der Vizepräsidentin der Special Olympics Hannover Alexandra Dzaack (AD) und dem Stadtsuperintendanten des Kirchenkreises Hannover Rainer Müller-Brandes (RMB) getroffen. Was die beiden zum Thema Inklusion zu sagen haben, warum ihre Werte-DNA eigentlich die gleiche ist und welchen Weg Hannover beim Thema „Barrierefreiheit & gesamtgesellschaftliche Teilhabe“ noch zu bestreiten hat, darüber mehr im Interview …

Stellt euch zum Einstieg bitte kurz vor und erzählt, wie ihr ins Vereinsleben gekommen seid.

AD: Ich bin seit drei Jahren ehrenamtliche Vizepräsidentin von Special Olympics Niedersachsen. Meine primäre Aufgabe besteht in der Begleitung unseres Athletinnenrats, der über 1.500 Sportlerinnen in ganz Niedersachsen vertritt. Es geht also um Teilhabe, Sichtbarkeit und vor allem darum, Menschen Räume zu geben, in die sie gehören. Dem etwas entgegenzusetzen, macht mein Ehrenamt als Vizepräsidentin von Special Olympics Niedersachsen aus.

RMB: Ich vertrete den Kirchenkreis Hannover. Das umfasst circa 50 Kirchengemeinden und 70 Kindergärten. Dazu eine ganze Menge anderer Einrichtungen. Das nennt sich dann formal Stadtsuperintendent. Außerdem bin ich der Pastor der Kirche nebenan, der Marktkirche.

Kirchenkreis und Special Olympics – das klingt ja auf den ersten Blick nach zwei verschiedenen Welten. Was verbindet euch?

AD: Was uns verbindet, sind die Menschen, nicht die Grenzen.

RMB: Genau, nicht auf Grenzen schauen wir, sondern auf das Potenzial der Menschen. Dieses Potenzial wird nicht nur durch Sport erlebbar, wir versuchen das auch im Kirchenalltag umzusetzen. Ob in der Kita, in der Gemeinde oder der Diakonie. In der Bibel heißt es schließlich „Ein Leib, viele Glieder“. Das ist zwar ein uraltes biblisches Bild, aber gleichzeitig auch unsere DNA: alle haben verschiedene Fähigkeiten. Schaut man dabei nicht nur defizitorientiert, kann dann in der Gemeinschaft etwas Gutes geschaffen werden.

AD: Die Kernaussage ist ein gesellschaftliches Miteinander. Dafür stehen wir beide, auch wenn unsere Arbeit unterschiedlich aussieht. Es geht im Grunde um Begegnung, Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung. Egal wo man herkommt, egal wer man ist. Das brauchen wir ja momentan mehr denn je.

RMB: Gleichzeitig ist das auch ein Lernprozess. Auch bei uns in der Kirche ist noch Luft nach oben, was Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe angeht. Klar bieten wir Möglichkeiten für Schwerhörige beim Gottesdienst und natürlich sind wir teils barrierefrei. Aber eben längst nicht immer. Von unserer christlichen Theologie aus haben wir Inklusion dagegen längst verstanden. Gott macht keine Beschränkungen. Menschen mit Behinderung sagen mir zum Beispiel ganz selbstverständlich, dass sie ein Ebenbild Gottes sind. Wunderbar.

Der Begriff Inklusion ist ja seit einigen Jahren in aller Munde. Was bedeutet für euch Inklusion ganz konkret?

AD: Inklusion bedeutet auf jeden Fall nicht, einmal im Jahr eine schöne Veranstaltung zu machen und dann ist wieder gut. Für uns bei Special Olympics muss sich Inklusion im Alltag zeigen. Wer entscheidet mit? Wer sitzt mit am Tisch? Wer darf mitmachen? Menschen mit Behinderung nicht auszuschließen, ist unsere Kernaufgabe. Da gibt es immer noch ganz viele Hürden und Barrieren. Das Wichtige ist, dass Menschen mit Behinderung in Entscheidungsprozesse geholt werden. Es wird viel über Menschen mit Behinderung gesprochen, aber selten mit ihnen. Deshalb ist Inklusion für mich immer auch eine Haltung.

RMB: Haltung ist das Stichwort. Inklusion ist für mich kein Konzept, sondern dass man Dinge von Anfang an gemeinsam für alle mitdenkt. Ehrlich gesagt, gelingt uns das auch nicht immer. Trotzdem versucht die Kirche Barrieren aufzubrechen. Viele unserer Kitas arbeiten inklusiv und für Kinder ist es dann ganz selbstverständlich, zusammen zu spielen und aufzuwachsen. Auch im Jugendbereich versuchen wir etwas zu bewegen. So gibt es den inklusiven Jugendtreff FREI!RAUM, der übrigens das einzige inklusive Jugendzentrum in Hannover ist. Konzepte sind immer schön und gut, aber es müssen auch Taten folgen. So etwas auch immer wieder finanziell auszuhandeln, ist nicht einfach, aber das Wichtigste ist Haltung mit Herzblut beim Thema Inklusion.

Alexandra, bei den Special Olympics kann man erleben, wie Sport etwas in Menschen freisetzt, das sonst oft unsichtbar bleibt …

AD: Das stimmt. Da werden unglaubliche Energien freigesetzt. Rainer, du warst ja auch bei unseren Spielen letztes Jahr und hast das live erleben dürfen. Auch wenn das Regelwerk für Menschen mit Behiderung angepasst ist, steht doch wie bei anderen Sportevents Wettkampf, Teamgeist und vor allem Leidenschaft an erste Stelle. Schließlich machen auch die Athletinnen der hannoverschen Special Olympics das nicht nur „just for Fun“, sondern das sind immer auch Qualifizierungsspiele. Das spielt sich nicht nur auf Landesebene ab, sondern auch national. Bis zur Weltmeisterschaft nächstes Jahr in Chile. Aber auch, wenn es bei den Wettkämpfen der Sportlerinnen um Qualifizierungen geht, habe ich noch nie Sportevents mit so viel guter Laune erlebt. Leidenschaft pur. Diese Freude ist natürlich noch einmal größer, wenn wir im Verein tolle Erfolge feiern können. Unsere Helena Klintschar, Para-Skiläuferin, ist jetzt grade überraschenderweise als Behindertensportlerin des Jahres gekürt worden.

RMB: Auch der Glaube setzt natürlich Energien frei. Glaube hat dieses Credo: „Wir schaffen das zusammen.“ Da gibt es immer wieder schöne Begegnungen, auch im Kirchenalltag. Wir haben zum Beispiel mal Wohnungslosen eine kirchliche Hochzeit ermöglicht. Das Brautkleid haben wir von der Oper geliehen. Und dann diesen beiden Menschen vorm Altar diesen Augenblick zu schenken, das war wunderbar. Genauso merke ich diese Energien, wenn wir den „Konfi-Cup“ veranstalten die in gemischten Mannschaften gegeneinander antreten. Klar geht es um den Sieg, aber vor allem um das Miteinander, die Gemeinschaft. Auch die integrativen Turniere von unserem FREI!RAUM-Projekt sind immer beides: Energie und Gemeinschaft. Und das mittlerweile seit 12 Jahren.

Hannover positioniert sich selbst ja als sehr inklusive Stadt, was meint ihr: wie inklusiv ist Hannover wirklich?

RMB: Ich finde, Hannover ist schon sehr engagiert und auch auf dem richtigen Weg, aber es ist eben ein langer Weg. Der auch viel Geld kostet. Zum Beispiel der Ausbau der Hochbahnsteige. Ich habe mal bei der Aktion „Ein Tag im Rollstuhl“ mitgemacht – da bemerkt man erst viele der Hilfsmittel in der städtischen Infrastruktur, also Ampelhilfen, Fahrstühle, behindertengerechte Toiletten. Aber eben auch, dass da noch Luft nach oben ist. Da kommt die Stadt immer wieder an ihre Grenzen. Inklusion soll dafür sorgen, dass alle in der Stadt zusammenkommen können.

AD: Ich glaube schon, dass wir uns als Stadt schon gut positioniert haben, was die Barrierefreiheit angeht. Dazu gehört für mich auch noch viel mehr. Ich denke zum Beispiel gerade an den CSD. Zu einer inklusiven Stadt gehört, dass wir alle unter einem Dach gemeinsam feiern können. Schaut man auf die anderen inklusiven Angebote, besonders in den Schulen und im Sport, tut sich schon etwas. Zum Beispiel machen wir zusammen mit dem Hockeyverein Hannover 78 seit 2024 das Special Hockey. Sportler*innen mit und ohne Behinderung spielen gemeinsam. Das wird super angenommen. Wir von den Special Olympics machen oft Schnupper-Angebote mit Vereinen, unterstützen Trainer*innen in der inklusiven Arbeit und das Beispiel mit Hannover 78 zeigt eben auch, dass es möglich ist, eine inklusive Sportgesellschaft in Hannover zu schaffen. Dass die Stadt das auch will und uns unterstützen möchte, merken wir. Als wir die Länderspiele hatten, wollten wir nicht in abgelegene Sportstätten, sondern mitten in die Stadt vors Rathaus. Die Stadt war sofort bereit, das umzusetzen und uns Support zu geben.

Wo scheitert Inklusion noch? Und woran liegt das? Am Geld, an Haltungen, an Strukturen?

RMB: Am guten Willen scheitert es nicht, sondern an Strukturen und Ressourcen. Aber ich versuche das immer auch positiv zu sehen, dass wir nicht scheitern, sondern dass wir einfach noch nicht am Ziel sind.

AD: Ich bin in meinen Urteil ein wenig härter, vor allem, wenn ich mir die Frage auf bundespolitischer Ebene anschaue. Ich glaube, es scheitert an allem ein bisschen. An Haltung, Struktur und auch finanziellen Mitteln. Doch am meisten scheitert es an falschen Priorisierungen. Auf Bundesebene merkt man ja gerade sehr deutlich, wo Gelder eingespart werden. Da gibt es keine Priorisierung für Menschen mit Behinderung, keine Priorisierung für Inklusion. Barrierefreiheit wird immer noch als Zusatz gewertet, dabei sollte das eine Selbstverständlichkeit sein. Da müssen wir hinkommen.

Während die Special Olympics immer mehr an Sichtbarkeit gewinnen, verliert die Kirche gegenwärtig immer mehr Mitglieder. Was kann die Kirche von einer Bewegung wie den Special Olympics lernen?

RMB: Die Special Olympics machen deutlich, dass alle Menschen einzigartig sind. Das ist auch unsere Kirchen-DNA. Und daran halten wir fest. Trotz der gesellschaftlichen Entwicklung sind unsere Inhalte nicht schlechter, sondern immer noch genauso wichtig. Jeder Mensch ist gleich viel wert. Dass die Kirche für alle anschlussfähig bleibt, das haben wir offensichtlich dennoch verpasst. Man merkt aber gerade einen Generationswandel. Unsere Kirche wird immer anschlussfähiger für Menschen aus aller Welt. Viele junge Kolleg*innen kommen nicht aus Deutschland. Es folgt jetzt eine nächste Generation. Und unsere Aufgabe ist es jetzt, die Weichen zu stellen für eine kleinere und spirituelle Kirche. Dabei bleibt die Einzigartigkeit des Menschen als Grundidee bestehen. Die ist schon ziemlich alt, und deshalb auch so gut.

Ihr arbeitet beide mit sehr viel ehrenamtlichen Engagement. Was hält Menschen bei der Stange – und was treibt sie weg?

AD: Menschen bleiben, wenn sie merken, dass sie etwas bewegen mit dem, was sie tun. Und sie gehen, wenn sie gegen Mauern laufen, nicht das Gefühl haben, sich wirklich einbringen zu können. Das vertreibt. Egal ob im Sportverein oder in der Kirche. Menschen die ehrenamtlich arbeiten, brauchen neben der Selbstwirksamkeit auch Anerkennung. Unsere Gesellschaft ist sowieso unglaublich leistungsorientiert und lobt viel zu selten. Vor allem im Ehrenamt muss die Arbeit wahrgenommen und geschätzt werden.

RMB: Das kann ich zu 100 % unterstreichen. Vor allem bei Gläubigen – zum Glück nicht nur – gibt es diesen inneren Impuls, die Welt besser zu machen. Das motiviert. Aber es braucht auch Zuspruch von außen. Wir als Kirche sind beim Thema Ehrenamt weit vorne. Unsere Strukturen sind sehr auf das Ehrenamt ausgelegt und wir sind an dieser Stelle auch selbstbewusst. Den Urlaub des Bischofs genehmigt eine Ehrenamtliche. Auch in Kirchenkreisvorständen ist die Arbeit der Ehrenamtlichen von großem Gewicht. Gleichzeitig hat die Kirche aber immer noch Strukturen, die das fluide gemeinsame Arbeiten verlangsamen. Da sind wir noch nicht am Ziel angekommen. Aber das Grundprinzip im Ehrenamt bleibt: Ich bin dabei, weil ich etwas bewegen kann.

Kurz zum Schluss: Wie könnte eine Zusammenarbeit zwischen Special Olympics und dem Kirchenkreis konkret aussehen?

AD: Wir hatten schon schöne Begegnungen. Zum Beispiel letztes Jahr beim Evangelischen Kirchentag. Es gab eine kleine Sportmeile hinter dem Rathaus, bei der wir von den Special Olympics vertreten waren. Das war klasse. Die Menschen hatten keine Berührungsängste und die Athletinnen sind mit den Besucherinnen ins Gespräch gekommen. Wir haben uns beim Kirchentag unglaublich gut aufgenommen gefühlt. Das war sehr schön, auch weil es mal eine andere Art der Begegnung war. Und ich würde mich freuen, wenn so etwas in Zukunft mehr etabliert werden kann.

RMB: Von meiner Seite sehr gerne. Der Kirchentag war auch für mich ein Symbol, wie es eben auch anders geht. Dass ein Miteinander inklusiv und genauso gut funktionieren kann. Wir hatten viele Besprechungen im Voraus mit der Stadt bezüglich der Sicherheit, der Polizeipräsenz und so weiter. Die Tage selber selbst war dann so ruhig wie nie. Das hat gezeigt, dass so etwas wunderbar funktioniert. Ansonsten gibt es von uns viele kleine Aktionen. Nur ein kleines Bespiel: So spielt die Bronzegewinnern der Special Olympics in unserer Jugendkirche mit vielen anderen Tischtennis.

AD: Wer übrigens die diesjährigen nationalen Spiele der Special Olympics live erleben will, kann im gesamten Saarland dabei sein. Es kommen Athlet*innen aus ganz Deutschland zusammen und zeigen, wie Sport und Gesellschaft eigentlich funktionieren könnten, wenn man Menschen nicht zuerst nach ihren Einschränkungen bewerten würde.

» Lars Kompa


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