An einem warmen Juliustage saß die Großherzogin des Großherzogtums Klein-Unterniedern auf ihrer Veranda, eingepfercht zwischen Sahnetorten, Teekännchen und -tässchen sowie einer launigen Lektüre, mit der sie sich schon seit Tagen ihre Zeit vertrieb. Gerade wollte sie ihre Gabel wieder in besagte Torte versenken, als mit lautem Klatschen ein gefiedertes, faustgroßes Vogelvieh in selbige hineinschoss. Mit offener Kinnlade schaute die Großherzogin empört auf den bemerkenswert hässlichen Vogel, der mit aufgerissenem Schnabel, wie irrsinnig kullernden Augen und krampfartig zuckenden Flügeln und Beinchen in der großherzoglichen Torte ruderte und zu allem großherzoglichen Überdruss auch noch unkontrolliert Ausscheidungen in die besudelte Creme de la creme hineinschiss. „Pfui Spinne!“, entfuhr es der Großherzogin, die sich ein Herz nahm und nach ihrem Mediziner läutete, der als Hofgelehrter auch ein kundiger Ornithologe und Veterinär war. Dieser erschien auch kurz darauf und blickte bekümmert auf seine Herzogin und regelrecht bestürzt auf die Torte, in der das Vogeltier einen regelrechten Veitstanz aufführte. „Was“, wollte die Herzogin wissen, „ist denn nur in diesen garstigen Vogel gefahren, Johann?“ Es schwang eine Sorge in ihrer Stimme, die weniger der sich windenden und zuckenden Kreatur galt als vielmehr dem großherzoglichen Vogelbestand, dem eine elendige Seuche natürlich nicht gut zu Gesicht gestanden hätte. Johann, der Gelehrte, zückte sein Monokel, beugte sich dicht über das Tier im Sahnehaufen und strich ihm vorsichtig mit seinem Zeigefinger durchs Gefieder. Dann, mit durchaus triumphierenden, aber noch beherrschtem „Aha!“ blickte er wieder empor, hob schulmeisterlich einen Finger in die Höhe und sprach: „Vespa acaciae nubensis! Die nubische Akazien-Hornisse!“ Die Herzogin hatte ihre zu entgleisen drohenden Gesichtszüge gerade noch so im Griff. „Hornisse?“, fragte sie latent entgeistert. „Gewiss“, erläuterte der Gelehrte betont zustimmend. „Die nubische Akazien-Hornisse ähnelt ein bisschen der orientalischen Mörtelwespe, befällt allerdings auch Vögel und Säugetiere.“ Ein großherzogliches Auge verengte sich skeptisch, während Johann fortfuhr: „Im Grunde ganz einfach: Das Insekt sucht sich einen Wirt, fliegt ihn an, sticht und lähmt ihn. Dann befestigt die Hornisse ein Ei in Nähe der Tränendrüse und aus selbigem schlüpft alsbald eine Larve, die sich fortan in den Kopf des Wirtes vorarbeitet, um selbigen auszusaugen und sich zu nähren. Der Wirt neigt, wenn das Gift nachlässt, gelegentlich zu starken Muskelzuckungen und -krämpfen, die im Laufe der Zeit bloß noch peristaltischen Bewegungen weichen, ehe der Tod eintritt.“
„Pfui“, ekelte sich die Großherzogin, „pfui, pfui, pfui!“ Sie schnappte sich den Tortenheber und katapultierte das noch immer zuckende Bündel aus Federn und Sahne in die äußerste Ecke der Veranda. „Kümmern sie sich darum, Johann!“, trug sie dem Hofgelehrten auf, der sich souverän umwandte, die große Heilige Schrift vom Bücherstapel nahm und das auf den Verandafliesen herumhüpfende Tier – Klatsch! – zerschmetterte. Dann hob er die Heilige Schrift, wischte das tote Tier über die Verandabrüstung, reinigte den Ledereinband mit seinem Ärmel und machte sich daran, die Großherzogin zu beruhigen, die sich ängstigte, dass das scheußliche Insekt die schönsten Singvögel des Großherzogtums befallen könnte. Die Angst nahm ihr Johann geschickt und wortgewandt, sprach von invasiven Arten und Gegenmaßnahmen und stieß auf großes Gehör bei seiner Zuhörerin. Aber von Tag zu Tag und von Sahnetorte zu Sahnetorte fand sich das bizarre Schauspiel weniger und weniger in den Erinnerungen der Großherzogin, derweil die Belehrungen Johanns auf sie immer enervierender und dreister wirkten. Schließlich sprach er davon, dass es auf lange Sicht vonnöten sei, den großherzoglichen Reisedrang zu drosseln, die Holzöfen im Winter weniger zu nutzen und bei den großherzoglichen Forstgeschäften mehr Rücksicht auf natürliche Lebensräume zu nehmen. So ging das Tag für Tag, Woche für Woche: Johann redete sich immer mehr in Rage – und die Großherzogin bewegte sich zunehmend von Zustimmung zu Ablehnung, was aber Johann nur umso mehr anstachelte. Und schließlich kam der Tag, an dem der Großherzogin die nubische Akazien-Hornisse das kleinste aller Übel zu sein schien. So läutete sie an besagtem Tag, wieder eingepfercht zwischen Sahnetorte, Teekännchen und -tassen, nach Johann und setzte ihm bei sich bietender Gelegenheit eine zuvor eingefangene Vespa acaciae nubensis in den Nacken. Damit war ihr Problem dank der hilfreichen neuen Hornissenart gelöst und die Großherzogin aß Tag für Tag auf ihrer Veranda Sahnetorten, während Johann halb auf der Verandabrüstung hängend von Tag zu Tag weniger und weniger zuckte und ruderte. Und er würde wohl noch heute so zucken, hätte sich die Vespa acaciae nubensis nicht so restlos und gründlich gelabt.
» CK

