Der Freundeskreis im Gespräch mit Naomi Peter und André Lawiszus

Naomi Peter ist seit zehn Jahren in der Veranstaltungsbranche unterwegs und hat seit letztem Sommer die Projektleitung für das Maschseefest. André Lawiszus, Geschäftsführer der Hannover Veranstaltungs GmbH (HVG), ist seit der Neuausrichtung 2011 dabei und hat das Konzept mitentwickelt, später als Prokurist, seit September 2024 als Geschäftsführer. Wir treffen die beiden wenige Wochen vor dem Startschuss. Am 22. Juli öffnet das Maschseefest zum 38. Mal – in diesem Jahr zeitgleich mit den Finals mit 24 Deutschen Meisterschaften. Die Tage sind lang, die To-do-Listen länger, und ein Gespräch ist eigentlich gar nicht drin. Trotzdem nehmen sie sich Zeit.

Naomi, du hast die Projektleitung beim Maschseefest. Was genau landet auf deinem Schreibtisch? Was ist dein Job?

NP: Alles, ehrlich gesagt (lacht). Die Gesamtorganisation teilt sich in viele Bereiche auf: Verkehr, Gastronomie, Programm, Infrastruktur, Sicherheit – Letzteres in enger Abstimmung mit unserem Veranstaltungsmeister Olli Schulte. Dazu kommen interne Absprachen, Genehmigungsverfahren mit der Stadt, die Kommunikation mit allen Partnern und Dienstleistern. Jedes Thema hat seine eigene Dynamik, eigene Beteiligte, eigene Tücken. Es ist umfangreich, ich könnte hier jetzt noch eine ganze Weile sitzen und weitererzählen.

Wie lang sind deine Tage gerade?

NP: Im Durchschnitt elf Stunden – seit einigen Wochen. Aber danach habe ich bestimmt auch irgendwann mal frei (lacht). Oder, André?

AL: Bestimmt.

Kannst du die Frage noch hören, wie das ist, als Frau in diesem harten Geschäft?

NP: Ich kann sie noch hören – und ich finde sie auch berechtigt. Für mich persönlich ist das intern bei der HVG kein Thema. Der Umgang ist fair, meine Expertise ist anerkannt. Draußen sieht das aber noch häufig ganz anders aus. Die meisten Ansprechpartner sind männlich. Man gewöhnt sich über die Jahre eine bestimmte Art an, damit umzugehen. Ein dickes Fell ist hilfreich – das gilt für diese Branche aber generell. Und es gibt natürlich auch jede Menge positive Erfahrungen, was den Umgang betrifft. Ich bin jetzt bald 33 und habe schon einige Jahre in der Veranstaltungsbranche hinter mir – ich komme mit meiner Rolle inzwischen gut zurecht. Aber ich würde mir natürlich insgesamt wünschen, dass das kein Thema mehr wäre und diese Frage sich irgendwann erledigt.

Das Fest gibt es seit 1986 – dieses Jahr zum 38. Mal. André, was ist das Erfolgsgeheimnis?

AL: Die entscheidende Wende kam 2011, als wir die HVG gegründet und das Fest von Grund auf neu aufgestellt haben. Vorher war das Maschseefest irgendwie einfach da – aber ohne das Konzept, das es heute trägt. Wir haben das Motto „In 19 Tagen um die Welt“ entwickelt, strukturierte Ausschreibungsverfahren eingeführt, Transparenz und Klarheit reingebracht. Für viele Gastronomen war es anfangs befremdlich, plötzlich 80- bis 100-seitige PDFs zu bekommen. Aber dadurch entstand Raum für neue Gesichter und mehr Qualität – und eine Chance für Gastronomen, die vorher noch nie dabei gewesen waren. Wir haben im Laufe der Jahre viele Dinge verändert, ohne dass die Gäste das so bewusst wahrgenommen haben. Wir haben zum Beispiel den Schwerlastboden erweitert, die Standgestaltung weiterentwickelt. Die Professionalisierung über mehr als zehn Jahre – das ist, glaube ich, der eigentliche Kern der Erfolgsgeschichte.

Du hast die Geschäftsführung im September 2024 von Hans Nolte übernommen. Wie hat sich das angefühlt, plötzlich Chef zu sein?

AL: Das Verantwortungsgefühl ist natürlich ein anderes. Früher gab es immer noch Hans. Wenn etwas brannte, hat Hans das geregelt. Heute muss ich es regeln. Und das gilt nicht nur für das Maschseefest, dazu kommt der Feuerwerkswettbewerb, die Glitterbox und vieles mehr. Das ist schon eine spannende und herausfordernde Aufgabe. Aber nach all den Jahren ja auch gelernt. Das Maschseefest war 2011 zuerst noch ein Halbjahresjob, heute ist es längst ein echter Ganzjahresjob. Als Naomi Anfang 2024 zu uns kam, haben wir das Fest dann gemeinsam organisiert – mit dem klaren Plan, dass ich später die Gesamtverantwortung für die HVG übernehme und das Maschseefest wirklich in ihre Hände übergeht.

Der Druck auf euch wächst wahrscheinlich mit jedem Tag bis zur Eröffnung.

NP: Der mediale Druck ist im Grunde permanent da. Viele Menschen schauen drauf, das Presseinteresse ist groß – nicht ganzjährig, aber doch auch schon im Vorfeld eine ganze Weile, und rund ums Fest natürlich so richtig. Aber für mich ist der eigentliche Druck, dass ich den Gästen etwas Besonderes bieten möchte. Die Leute nehmen ja teilweise einen sehr weiten Weg in Kauf und kommen mit einer gewissen Erwartungshaltung. Was sich dazu wirklich stark verändert hat, ist die sicherheitstechnische Dimension. Die Verantwortung, die Veranstalter heute tragen müssen, ist enorm – das gilt für die gesamte Branche, nicht nur für uns. Sicherheitskonzepte sind inzwischen eine Wissenschaft für sich.

AL: Als wir 2011 angefangen haben, war das Druckgefühl für mich noch ein anderes, ein schwereres. Weil sehr viel noch nicht klar und gelernt war. Inzwischen gehört der Druck für mich zum Alltag. Man wächst ja mit den Situationen, mit den Krisensitzungen, den Erfahrungen. Dieses heftige Druckgefühl hat sich also mit der Zeit relativiert. Wir entwickeln das Fest täglich weiter, wir geben unser Bestes, für die Gäste ein schönes Sommererlebnis zu bieten. Und unseren Gastronomen wünschen wir 19 Tage Sonnenschein und gute Umsätze. Das Wetter können wir nicht beeinflussen. Ich denke, was wir geschaffen haben, ist ja durchaus vorzeigbar. Ein tolles Aushängeschild für die Stadt, ein echter Mehrwert für unser Image und einfach eine schöne Veranstaltung.

Schlaft ihr eigentlich gut und tief?

AL: Man träumt schon mal lebhaft. Je näher der Starttermin rückt, desto mehr nimmst du das Fest mit nach Hause. Was ist morgen dran? Kriegen wir das rechtzeitig hin? Wie wird das Wetter? Dann rufen Gastronomen an, die ihr Konzept noch leicht tunen wollen. Mit diesen Gedanken schläfst du ein und wachst damit auch wieder auf. Das hat sich aber mit den Jahren bei mir auch verändert. Ich schlafe heute sehr viel besser. Man weiß irgendwann einfach, dass man alle Situationen schon einmal gemeistert hat. Und dass man das wieder hinbekommt. Man bekommt auch einfach ein dickeres Fell.

NP: Ich habe mir zum Glück angewöhnt, auch unter Druck gut zu schlafen. Ich habe mir das in den Jahren im Privatsektor bei großen Events antrainiert. Aber nervös und angespannt bin ich natürlich durchaus. Und ich finde das auch okay. Es braucht ja eine gewissen Spannung. Wenn mir etwas wichtig ist, kommt das automatisch. Und ich möchte ja das Beste erreiche. Mein eigener Anspruch ist hoch, das wirkt sich schon aus.

Über 200 Acts, 35 Gastronomien, 20.000 Quadratmeter – wie plant man das, ohne den Überblick zu verlieren?

NP: Den Überblick behält man einfach durch klare Strukturen, eine enge Kommunikation mit allen Beteiligten und vor allem die physische Präsenz. Ich bin 19 Tage durchgehend vor Ort und gehe mehrfach um den See – auch zur Kontrolle bei den Gastronomen.

AL: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist notwendig. Wir haben Brauereiverträge, die eingehalten werden müssen. Wenn jemand das falsche Bier im Kühlschrank hat, stehen die Brauereivertreter sofort auf der Matte. Dann müssen wir eingreifen, reden, eine Lösung finden. Gastronomen wollen ihren Gewinn maximieren – das verstehe ich. Aber das Gesamtkonstrukt muss funktionieren, und da sind wir manchmal gezwungen, den Zeigefinger zu heben.

Wie entscheidet ihr, welche Gastronomen dabei sind?

NP: Wir haben 2025 die Ausschreibungsperiode für drei Jahre gestartet – das heißt, bei den Hauptstandorten gibt es in diesem Jahr keine grundlegend neuen Konzepte. Das Grundprinzip bleibt das Motto „19 Tage um die Welt“: Alle Gastronomen entwickeln ein Länderkonzept, das sich gastronomisch und im Standbau widerspiegeln soll. Die Foodmeile schreiben wir jedes Jahr neu aus. Inzwischen kommen die Betreiberinnen und Betreiber aus ganz Deutschland, zum Teil auch aus dem europäischen Ausland. Es ist eine europaweite Ausschreibung und wer gut ist, gewinnt. Das bringt frischen Wind und spornt auch die alteingesessenen Gastronomen an. Keine Position ist sicher, nur weil man schon lange dabei ist. Man muss sich entwickeln. Vegane Speisen sind inzwischen zum Beispiel Pflicht – jeder Stand muss sie anbieten. Auf der Foodmeile gibt es außerdem eine Location, die nur veggie und vegan anbietet. Das hat sich inzwischen sehr gut etabliert.

AL: Es gibt ja immer diese Idee, dass möglichst alles aus Hannover kommen muss. Aber wenn sich jemand aus München oder Hamburg mit einem guten Konzept und überzeugenden Produkten präsentiert, dann ist das für mich einfach eine Bereicherung. Das belebt das Fest, das bringt Qualität, und Hannover profitiert. Ein Wettbewerb ist hier auf jeden Fall sinnvoll.

In diesem Jahr startet das Fest eine Woche früher wegen der Finals. Sport und Feiern direkt nebeneinander – wie koordiniert man das?

AL: Die Finals laufen vom 23. bis 26. Juli, Kanu und Rudern haben wir direkt auf dem Maschsee. Und ich finde, die Finals sind eine echte Chance, für das Fest und für Hannover insgesamt. Wir werden bundesweit im Fernsehen gezeigt, unsere Gastronomen haben in den ersten vier Tagen potenziell deutlich mehr Gäste, und die Sportlerinnen und Sportler haben plötzlich Publikum und Atmosphäre bei ihren Wettkämpfen. Abends treffen sich die Verbände auf dem Maschseefest – tagsüber Sport, abends Fest. Das ist ein schönes Zusammenkommen. Wir gehen auch gemeinsam nach draußen. Das Maschseefest erscheint auf den Finals-Plakaten, die Finals bei uns. Hand in Hand – Hannover zeigt, dass es Großveranstaltungen kann.

NP: Natürlich braucht das viel Kommunikation. Zwei Großveranstaltungen, zwei Einzelinteressen, da gibt es auch mal Reibungspunkte. Aber das ist völlig normal und ehrlich gesagt auch ganz gesund. Jede Seite versucht, ihre Veranstaltung bestmöglich zu vertreten. Wir haben inzwischen einen guten, regelmäßigen Austausch aufgebaut und planen eine gemeinsame Pressekonferenz am 29. Juni. Wir verantworten dann den Eröffnungsempfang im Courtyard. Die Eröffnungsshow liegt in der Hand der Finals, gemeinsam mit Hannover Concerts und der Stadt. Es gibt eine eigene Bühne am Eröffnungsmittwoch mit Acts, die beim regulären Maschseefest sonst nicht auftreten würden – die Details verraten wir aber noch nicht.

Was ist euer persönlicher Lieblingsmoment beim Fest?

NP: Der letzte Festsonntag. Nicht weil es dann vorbei ist – sondern weil es ruhiger wird und wir als Team selbst einmal kurz wirklich teilnehmen können, ohne gleichzeitig alles steuern zu müssen. Dann ist das Fest durchgeführt, und man kann kurz durchatmen. Aber auch die stillen Momente unter der Woche gefallen mir. Wenn wir um 14 Uhr öffnen, es noch ruhig ist und ich Zeit habe, in Ruhe mit den Gastronomen zu reden oder einfach mal am See entlangzugehen. Leute zu treffen. Das Maschseefest hat intern ja ein winziges Kernteam, aber das Gesamtteam ist riesig, alle, die dort arbeiten, sind Teil davon. Und diese Momente der Verbindung zu spüren, das mag ich sehr.

AL: Bei mir setzt so eine Erleichterung ein, wenn der Eröffnungsabend gut gelaufen ist. Die ersten zwei Tage – dann atmet man durch. Danach fliegt das Fest regelrecht, und plötzlich ist man fast am Ende und wundert sich, dass es schon wieder vorbei ist Und dann ist man ein bisschen traurig, weil man wieder ein Jahr warten muss. Kopfmäßig ist man da aber schon beim Abbau, bei der Übergabe der Flächen zurück an die Stadt. Und dann dreht sich das Rad sofort wieder von vorne.

André, was kann Naomi, was du nicht so gut kannst? Was schätzt du besonders an ihrer Arbeit?

AL: Mich beeindruckt Naomis gründliche Arbeitsweise. Und sie schreckt vor nichts zurück, sie macht auch die unangenehmen Dinge. Einfach so, sie zieht das gnadenlos durch. Das verschafft mir natürlich Luft und hält mir den Rücken frei.

Und umgekehrt?

NP: Was ich sehr schätze, ist das Vertrauen und der Freiraum. Das Maschseefest ist kein normales Event – es ist ein Wildwuchs mit unzähligen Beteiligten. Dass ich diesen Übergang gemeinsam mit André gestalten durfte und jetzt wirklich den Raum bekomme, eigene Entscheidungen zu treffen, auch wenn André es vielleicht manchmal anders sieht, das ist nicht selbstverständlich. Der Umgang ist sehr fair.

» Lars Kompa


Schlagwörter: , ,

Kommentare sind geschlossen.

Folge uns