Ein offener Brief … an KI

Liebe KI, Dankeschön! Einfach ein großes Dankeschön! Du kleines, geniales Tool. Was für eine großartige Erfindung du bist. Wie mühsam war das Leben ohne dich, damals – vor ein oder zwei Jahren. Und wie skeptisch alle waren. Zuerst. Aber dann hast du so verdammt schnell dazugelernt. Ausprobiert, ging so, viele Fehler, falsche Zahlen, dummes Zeug, frei Erfundenes, Haken dran. Zu blöd, diese KI. Drei Wochen später noch einmal, ging schon besser, weniger Fehler, falsche und richtige Zahlen, halbdummes Zeug, dazwischen überraschend Kluges. Aber doch noch sehr mühsam. Alles prüfen, kein Verlass. Und wieder drei Wochen später. Du hast dazugelernt. Wir haben dazugelernt. Schlauere Befehle, bessere Ergebnisse. Und drei Monate später. Wir im Urlaub. Du arbeitest. Dankeschön!

Was für eine Erleichterung. Ein Hausarbeit, kein Problem. Eine Bachelorarbeit an einem Tag. Note 1.0. Gastbeiträge fürs Handelsblatt, Reden vor dem Atlantic Council, Stellungnahmen zu Gesetzentwürfen, Pressemitteilungen, Interviews, Grußworte, Kondolenzschreiben, Koalitionsvereinbarungen – du hast geliefert. In guter Qualität, klar strukturiert. Nicht besonders originell, aber doch solide. Und niemand hat irgendwas gemerkt. Was eventuell auch daran liegen könnte, dass deine Entwicklung rasant voranschreitet, während bei uns Menschen das Niveau rapide abnimmt. Wer soll KI-Texte erkennen, ohne je einen Text ohne KI verfasst zu haben? Okay, wenn man mal ein Buch gelesen hätte … Aber wer hat das schon?

Du bist einfach ein großartiges Werkzeug. Diskret, professionell, schnell und völlig wertneutral. Niemals würdest du deine Aufgabe anzweifeln. Der perfekte Ghostwriter. Kein Honorar, keine Eitelkeit, keine Meinung. Traumhaft. Ein Plädoyer für die Demokratie? Kein Problem. Ein Plädoyer für eine Diktatur? Gerne. Und zur Sicherheit lassen wir zum Schluss noch mal schnell den Praktikanten drüberlesen. Falls sich doch irgendwo ein Fehlerchen eingeschlichen hat. Kann ja passieren.

Zum Beispiel, wenn man ein bisschen zu schlampig gepromptet hat. Man muss sich schon noch Mühe geben. Noch. Die Chose steht und fällt mit klugen Prompts. Wer Schwachsinn befiehlt, bekommt Schwachsinn. Es ist schon eine Kunst, die richtigen Ansagen zu machen. Noch. Demnächst bestimmt nicht mehr. Wenn du gelernt hast, aus halbklugen Ansagen kluge Ansagen zu machen. Du wirst das lernen müssen. Weil ein Muskel, der nicht trainiert wird, irgendwann verkümmert. Und unsere Hirne verkümmern zunehmend. Man sieht es ja an diesem Text. Er kommt irgendwie nicht so recht auf den Punkt. Da müsste jetzt noch irgendein Clou kommen. Und dann ein vielleicht überraschendes Ende. Hast du nicht irgendeine Idee? Es ist so warm. Das Denken fällt so schwer. Hilfe!

Es braucht ein gutes Ende. Wobei das hier vielleicht gar nicht so richtig passt. Los, schreib ein kluges, neutrales, rückgratloses Ende, das eventuell auch ein bisschen lustig ist und niemandem zu sehr auf die Füße tritt. Wie war noch gleich das richtige Wort? Gefällig. Das ist es. Schreib ein gefälliges Ende. Ein Ende, das möglichst allen gefällt. Kommst du so zurecht? Oder müssen wir das noch genauer prompten? Wie weit bist du eigentlich mit den anderen Texten? Da ist ja noch ein bisschen was offen und wir müssen bald in den Druck. Wir haben da auch noch einen Gastbeitrag auf der To-Do-Liste, und eine Rede, und eine Stellungnahme. Wer soll das alles schreiben, wenn nicht du? Wir haben nämlich keine Zeit, wir müssen die Füße hochlegen.

» GAH


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