Für diese Ausgabe haben wir mit Sabine Busmann (SB), Geschäftsführerin des MusikZentrums Hannover, und Dr. Benedikt Poensgen (BP), der den Veranstaltungsbereich der Herrenhäuser Gärten leitet, gesprochen, stellvertretend für zwei Orte, die Hannovers Musikleben auf ganz unterschiedlichen Ebenen prägen: Während das MusikZentrum Nachwuchs fördert und niedrigschwellige Teilhabe ermöglicht, bringt Herrenhausen Musik auf die große, historische Bühne.
Skizziert zum Einstieg am besten kurz ein bisschen euren Werdegang …
SB: Ich bin vor 29 Jahren über eine Zeitungsannonce im MusikZentrum gelandet und habe seitdem fast alle Bereiche mit aufgebaut, vom Ausbildungs- und Projektbereich bis zum Veranstaltungsbetrieb. Ursprünglich komme ich als Geografin und biologisch-technische Assistentin aus den Naturwissenschaften – ein klassischer Quereinstieg in die Kultur.
BP: Und ich bin promovierter Musikwissenschaftler, war zwölf Jahre geschäftsführender Intendant der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen und habe dann 2010 das städtische Kulturbüro Hannover geleitet. 2021/22 war ich ein Jahr Geschäftsführer für die Musikkultur Rheinsberg GmbH und seit 2022 leite ich nun den Veranstaltungsbereich der Herrenhäuser Gärten.
Sabine, was macht das MusikZentrum Hannover eigentlich genau – und für wen?
SB: Wir sind eine gemeinnützige Einrichtung, die Musikkultur fördert und dabei soziale Ziele verfolgt. Soziales, Wirtschaft, Migration und Jugend – das ist bei uns sehr vielfältig. Ziel ist, dass möglichst viele Menschen aktiv Musik machen und niedrigschwellig teilhaben können. Wir sind Ausbildungsbetrieb der Stadt, mittlerweile in sechs Musikberufen. Unsere Veranstaltungshalle und unser Tonstudio sind wichtige Infrastruktur – für Nachwuchs und Ausbildung, aber auch für unseren eigenen Geschäftsbetrieb.
Benedikt, wie viele Veranstaltungen laufen im Jahr durch die Herrenhäuser Gärten, und was für Anfragen bekommst du, bzw. was ist dein Anspruch?
BP: Wir haben jährlich eine Vielzahl an Veranstaltungen in Herrenhausen – Eigenveranstaltungen wie das Kleine Fest, die Sommernächte im Gartentheater oder Herrenhausen Barock, dazu Kooperationen und Vermietungen wie das Wintervarieté oder die Kammermusikreihe, sowie eigene Vermittlungsprojekte wie die Akademie der Spiele oder die Early Birds für Schulklassen. Wichtig ist uns, dass eine Veranstaltung atmosphärisch zu uns passt – unabhängig vom Genre. 2023 haben wir etwa mit dem Asambura Ensemble ein Benefizkonzert für die Erdbebenopfer in Syrien und der Türkei veranstaltet, mit Musikern aus den betroffenen Ländern. Viele im Publikum haben die Galerie zum ersten Mal gesehen. Auch die jährliche Klubnacht im Gartentheater im August hat sich inzwischen weit herumgesprochen und lockt Menschen in den Garten, die sonst ohne einen solchen Anlass nie kämen – und die sich bei uns frei und wie in eine andere Welt entführt fühlen.
Was ist das Schönste an eurer Arbeit?
BP: Immer wieder zu erleben, wie sich Menschen aller Generationen und jeglicher Herkunft im Garten wohlfühlen. Sich durch das bei uns Erlebte anregen lassen und darüber hinaus nicht nur etwas gemeinsam erleben, sondern häufig sogar miteinander ins Gespräch kommen. Der Garten und seine historischen Gebäude bieten eine Atmosphäre, die zum Nachdenken, zur Begegnung, zum Austausch und zum Feiern einlädt – genau dafür wurde dieser Garten mit seinen Gebäuden einst gebaut und konzipiert.
SB: Kein Tag ist wie der andere, die Arbeit im MusikZentrum ist unfassbar facettenreich. Wir arbeiten in vielen Kooperationen und meist dezentral, dabei lernt man viele Menschen aus Hannover kennen. Gemeinsame Ideen mit unterschiedlichen Akteur*innen zu entwickeln, macht bessere und tragfähigere Lösungen möglich. Und durch die Ausbildung haben wir immer junge Menschen im Team, die frische Perspektiven mitbringen – für mich ist das MusikZentrum lebenslanges Lernen, und das macht mir große Freude.
Und auf was könntet ihr verzichten?
BP: Auf extremes Wetter bei Open-Air-Veranstaltungen. Die Sommer werden heißer, Gewitter heftiger – diesen Sommer mussten wir erstmals sogar Indoor-Termine wegen der Hitze absagen, denn die historischen Räume lassen sich nicht klimatisieren.
SB: Wir müssen immer wiederkehrend neue Anträge stellen, um insbesondere unsere Projektarbeit gewährleisten zu können. Eine langfristige Zukunftssicherung und Planbarkeit ist nie gegeben. Betrachtet man den Jahreshaushalt, begleitet einen da schon eine gewisse Angespanntheit im Hinblick auf mögliche Zukunftsszenarien – Planungssicherheit würde vieles erleichtern. Lange Wege innerhalb bürokratischer Verwaltungsvorgänge gehören auch dazu: Die Kulturszene arbeitet überwiegend mit kreativen Lösungsansätzen, die leider oftmals langwierig geprüft und am Ende nicht genehmigt werden, weil die Gesetzesgrundlage zu wenig Ermessensspielraum lässt.
Wie würdet ihr die Musik- bzw. Kulturszene Hannovers von eurem jeweiligen Blickwinkel aus beschreiben?
SB: Für mich ist die Musik- und Kulturszene Hannovers kein fertiges Produkt, sondern ein lebendiges, spartenübergreifendes Netzwerk. Als UNESCO City of Music ist Hannover weniger eine repräsentative „Musikstadt“ als eine Stadt vieler musikalischer Mikroszenen – vielfältig, oft selbstorganisiert. Die freie Szene ist dabei kein Gegenmodell zur etablierten Kultur, sondern ein eigener Produktionsapparat. Sie bringt neue Künstler*innen hervor, schafft Räume und Publika und sorgt für kulturelle Erneuerung – und sie ist damit auch politisch relevant, weil sie Fragen nach Räumen, Finanzierung, Sichtbarkeit, Teilhabe und Arbeitsbedingungen aufwirft. BP: Hannovers große Stärke ist die gleichzeitig vorhandene Vielfalt und Qualität über viele Genres hinweg – kombiniert mit Infrastruktur in Ausbildung und Örtlichkeiten sowie großer Bereitschaft zur Zusammenarbeit quer durch die Szenen. Genau diese Kombination gibt jungen Künstler*innen die Möglichkeit, zu wachsen.
Wo überschneiden sich eure Welten – Nachwuchsförderung auf der einen, große historische Bühne auf der anderen Seite?
SB: Ich glaube, wir überschneiden uns in der kulturellen Wertschöpfungskette: Wir fördern und unterstützen Künstler*innen und Formate, während die Herrenhäuser Gärten die Möglichkeit haben, diese auf eine größere, öffentliche Bühne zu bringen. Auch im Bereich der elektronischen Musik haben wir zuletzt neue Ideen initiieren können, und in Bezug auf Schulen ergibt sich mit den Gärten eine riesige Spielwiese – ich merke gerade, dass diese Überschneidungen auf jeden Fall ausbaufähig wären. BP: Herrenhausen ist Teil dieses Musik-Kosmos: Bühne für Konzerte der HMTMH-Studierenden bei Herrenhausen Barock oder den Chortagen, Ort für das Jubiläumskonzert der Musikschule Hannover und für das Schulkulturfestival, bei dem bis zu 4.000 Schüler*innen den Garten mit eigenen Produktionen bereichern. Ich bin mir sicher, Kurfürstin Sophie freut sich hierüber.
Gibt es einen Punkt, an dem eure Arbeit sich schon einmal berührt hat?
BP: Beim Kleinen Fest hatten wir dieses Jahr erstmals eine UNESCO City of Music Bühne, auf der Musiker*innen des Hidden Kollektiv mit Gästen aus Partnerstädten gejammt haben – ein Format, das auch ins MusikZentrum passen würde. Wir kennen uns ja noch aus meiner Kulturbüro-Zeit, auch über die Idee, Azubis des MusikZentrums beim Kleinen Fest Open-Air-Erfahrung sammeln zu lassen. Das greifen wir sicher noch mal auf, oder Sabine?!
SB: Wir begleiten seit Jahren das Schulprojekt „Akademie der Spiele“ in den Gärten, organisatorisch wie inhaltlich, und waren früher an einem Programmpunkt der Kunstfestspiele beteiligt. Das Gesprächsangebot zur Nachwuchsförderung greife ich sehr gerne auf.
Wie hat sich euer Bereich in den letzten Jahren verändert?
SB: Corona wirkt spürbar nach. Planbare Ticketkalkulationen gibt es kaum noch, Entscheidungen fallen spontan und kurzfristig, während der Getränkeverkauf zurückgeht. Man geht ins wirtschaftliche Risiko, ohne zu wissen, wie lange man das tragen kann. Viele Formate bekommen Eventcharakter, was Clubkultur und Nachwuchsförderung zusätzlich erschwert – das Publikum bleibt aus, und ich frage mich oft, ob niemand mehr neugierig auf neue Künstler*innen ist?
BP: Ich bin erst seit vier Jahren in Herrenhausen. Die größte Veränderung war 2024 die Übernahme der Veranstalterrolle für das Kleine Fest – zunächst mit Casper de Vries. Und dann der kurzfristige Wechsel zu Desimo, dessen Konzept unter ziemlichen Zeitdruck umgesetzt werden musste – eine echte Herausforderung für uns alle. Zudem galt es, die nötigen personellen Ressourcen aufzubauen, denn es gab keinerlei personelle Kontinuität aus der Böhlmann-Ära. Ein solches Großevent in die vorhandenen Strukturen zu integrieren, war und ist nicht ohne.
Was beschäftigt euch aktuell am meisten – wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturpolitisch?
BP: Vor allem das Kleine Fest: Es bringt ganz Hannover zusammen, oft über drei Generationen, in diesem Jahr wieder mit 60.000 Besucher*innen. Meine Aufgabe ist, dass es sich gut entwickeln kann und auch wirtschaftlich in ruhigem Fahrwasser bleibt. Daneben arbeite ich am Programm für das Steffani-Jahr 2028: Agostino Steffani wirkte in Hannover und Herrenhausen, vermittelte Händel an den Hof und trug zur Kurwürde des Welfenhauses bei – Grundlage der späteren Personalunion mit England. Seine Musik ist bis heute teils unaufgeführt geblieben. Das hoffen wir in 2028 in Kooperation mit anderen Kulturinstitutionen der Stadt ändern zu können. Genau diese Bandbreite an Themen macht mir auch besondere Freude.
SB: Das MusikZentrum muss wirtschaftlich arbeiten, darf als gGmbH aber primär nicht wirtschaftlich handeln – kostendeckende Veranstaltungen stehen oft gegen kulturelle Teilhabe. Besonders beschäftigt uns momentan der Investitionsbedarf. Seit dem 1. Januar 2026 sind wir Erbpachtnehmer, und unsere Gebäude weisen einen hohen Sanierungsstau auf, da müssen wir neue Wege finden. Kulturpolitisch passen wir meines Erachtens gut in die von der Stadt entwickelte Musikstrategie. Interessant wird die Frage, wer am Ende verantwortlich ist, wenn die Haushaltslage in eine Schieflage gerät.
Was braucht es, damit junge Musiker*innen in Hannover eine Zukunft haben?
BP: Raum und Möglichkeiten, sich auszuprobieren – niederschwellige Infrastruktur, Veranstaltungsreihen, die junge Musiker*innen einbinden, offene Türen bei Förderern und Ausbildungsstrukturen, die sich mit der Stadt vernetzen. Die Chorszene ist dafür ein großartiges Beispiel: Viele studieren hier Chorleitung oder singen zumindest im Rahmen ihrer Ausbildung, singen in städtischen Chören oder gründen eigene Ensembles und bringen neues Repertoire und Impulse mit. Bei den letzten Chortagen gab es sogar ein Konzert nur mit Chorleiter*innen, quer durch alle Generationen und Stilrichtungen – da entsteht viel Kollegialität und gemeinsame Verantwortung für die Szene. SB: Eigentlich alles, was Benedikt gerade genannt hat. Dazu könnte es noch mehr Synergien zwischen Hochkultur und Subkultur geben – die eine steht für Repräsentation und Sichtbarkeit, die andere für Nachwuchs, Teilhabe und Mut zur Innovation. Rücken beide enger zusammen, entsteht eine wirklich zukunftsfähige Perspektive für junge Musiker*innen.
Was ist euer persönlicher Lieblingsort in Hannover, wenn es um Musik oder Kultur geht?
SB: Natürlich liebe ich das MusikZentrum, aber ich gehe auch gerne in die Faust oder ins Lux – meist kommt es darauf an, wo gerade eine Künstlerin oder ein Künstler spielt, die oder den ich entdecken will. Der Ort selbst ist da zweitrangig, jede Spielstätte hat ihren eigenen Reiz.
BP: Wenig überraschend, auch wenn es langweilig klingen mag: Die Herrenhäuser Gärten in all Ihren Facetten. Ob beim Open Air mit dem Jugend Symphonie Orchester im Georgengarten – wieder junge Leute! –, bei Konzerten mit Elektro-, Jazz-, Klub- oder Bigband-Sounds im Gartentheater oder bei feiner und manchmal bombastischer Barockmusik im historischen Galeriegebäude.
Was wünscht ihr euch von der Stadt für die Kulturszene?
BP: Ein Bewusstsein für die Qualität, Vielfalt und Bedeutung der Kulturszene. Sie ist zentral für Lebensqualität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Identifikation mit der Stadt – und bietet Raum für Reflexion und Kreativität. Natürlich muss sich diese Szene verändern dürfen, aber es gilt auch, Strukturen zu erhalten und finanziell angemessen auszustatten, damit Entwicklung stattfinden und Qualität erhalten bleiben kann, während gleichzeitig Neues entsteht.
SB: Ich sehe die Kulturszene wie Benedikt als Gradmesser für die Lebensqualität einer Stadt und als Treiber des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Ich wünsche mir, dass Räume nicht einfach nur erhalten, sondern als Kulturinfrastruktur verstanden werden und die freie Szene stärker als Partner behandelt wird. Erste Wege dahin gibt es bereits mit der Vereinten Kultur, die aber sicherlich noch ausbaufähig sind. Entscheidungen für die Kulturszene sollten gemeinsam mit Akteur*innen aus Kultur, Politik und Verwaltung getroffen werden – vielleicht muss man das Rathaus dafür neu denken, etwa über Kulturbeiräte.
» LAK


