Sommerfeeling. Hüttenzauber. Wohlfühlmoment. Genusserlebnis. Man liest es auf Speisekarten, in Prospekten, an Hotelwänden, auf Kaffepäckchen. Bestimmt bald auch auf Grabsteinen. „Hier nimmt ein Mensch nach Momenten voller Lebensfreude die letzte Auszeit vom Alltag“. Was zur Hölle?!
Die Werbebranche hat uns nämlich etwas Großartiges geschenkt: die Möglichkeit, nicht mehr einfach Dinge zu erleben, sondern sie auch gleich mit einem passenden Kompositum zu versehen. Ein Kaffee ist kein Kaffee mehr, er ist jetzt ein Genussmoment. Ein Wochenende ist eine kleine Auszeit. Ein verschneiter Parkplatz vor einem Möbelhaus ist neuerdings Winterzauber. Überhaupt ist „Zauber“ ein erstaunlich leistungsfähiges Wort. Man kann damit praktisch alles aufwerten, was andernfalls nach einer ziemlich gewöhnlichen Angelegenheit aussehen würde. Hüttenzauber. Weihnachtszauber. Adventszauber. Winterzauber. Sommerzauber. Frühlingszauber. Alle zaubern plötzlich! Neue Rubrik ab Oktober: Stadtkinder zaubern. Na, am Arsch, ganz sicher nicht!
Besonders beliebt ist auch die Kombination aus Jahreszeit und Gefühlszustand. Sommerfeeling. Herbststimmung. Winterfreude. Frühlingsgefühle. Ich frag mich, wie ich früher überhaupt durch das Jahr gekommen bin, ohne meinen Gemütszustand nach jeder Kalenderwoche korrekt zu benennen. Es reicht nicht mehr, dass es warm ist. Wir brauchen Sommerfeeling.
Noch bekloppter wird es, wenn simple Bedürfnisse und Handlungen zur spirituellen Erfahrungen aufgeblasen werden. Man geht baden und erlebt „Me-Time“. Man sitzt auf dem Balkon und „lässt die Seele baumeln“ (da keiner weiß, wo die sitzt, kann man doch gar nicht sagen, wie lang das Seil und wie groß der Karabiner sein müssen. Was für eine absurd dummes Idiom ist das also?!). Man isst Kuchen und „gönnt sich eine kleine Auszeit“. Mit dem Entzünden einer Duftkerze schafft man sich „Wohlfühlatmosphäre“. Früher nannte man das sitzen, essen und eine Kerze anzünden.
Die Königsdisziplin dieser Idiotie ist allerdings das „Genusserlebnis“. Dieses Wort hat die bemerkenswerte Eigenschaft, selbst das banalste Lebensmittel in eine Expedition zu verwandeln. Ein Brötchen mit Frischkäse wird zur kulinarischen Reise. Drei Scheiben Käse sind plötzlich ein Geschmackserlebnis und ein Joghurt mit Mango eine exotische Genusswelt, Junge, Junge. Dann gibt es noch die tollen Wörter „Liebe“ und „Herz“. Mal stark alleinstehend, wie in „Mit Liebe gemacht“, „Liebe zum Detail“ oder „Von Herzen“. Aber auch eindrucksvoll als Präfix: Herzensangelegenheit. Lieblingsplatz. Lieblingsstück. Lieblingsmensch. Oder gar als Suffix: „Beerenliebe“. Da stellt man sich vor, wie Mr. Schwartau höchstpersönlich kleine Küsschen auf jedes fertig abgefüllte Glas Erdbeermarmelade drückt. Von Herzen!
Natürlich darf auch die „Auszeit“ nicht fehlen. Niemand macht heute mehr Pause. Man nimmt sich eine Auszeit, schlimmer noch, man „gönnt“ sie sich, „schafft Raum“ dafür. Offenbar ist der Alltag inzwischen so dramatisch geworden, dass fünfzehn als Pause deklarierte Minuten auf einer Parkbank untragbar sind.
Die Werbesprache hat aus dem normalen Leben eine permanente Erlebnislandschaft gemacht. Alles ist entweder Zauber, Genuss, Liebe, Balance oder Moment. Und wenn etwas nicht absolut emotionsträchtig aufregend ist, wird es eben „besonders“. Besonders gemütlich. Besonders lecker. Besonders herzlich. Besonders nachhaltig. Besonders besonders.
Dagegen sollten wir uns unbedingt wehren. Nicht bloß als Zeichen des gelebten Understatements, sondern weil es irgendwann keine Superlative mehr gibt. Vielleicht sollten wir wieder einfach sagen: Das Essen war lecker. Der Urlaub war schön. Die Hütte war kalt. Der Kaffee war Kaffee. Ich saß im Garten und habe nichts gemacht.
» IH


Allerorten fordern jetzt Menschen, man müsse „die Pandemie aufarbeiten“. Sie meinen damit jedoch keine wertfreie Evaluierung der Maßnahmen, im Sinne von: Was hat funktioniert? Was hat nicht funktioniert? Welche Maßnahmen waren übertrieben und welche zu lasch? Und was lernen wir aus der vergangenen für die nächste Pandemie, die – da sind sich alle seriösen Wissenschaftler*innen sicher – irgendwann kommen wird?
In diesem Jahr jährt sich der Abbruch meines Studiums zum 30. Mal. Offiziell, in der Statistik, gelte ich nämlich als „Studienabbrecher“. Inoffiziell, also quasi heimlich, habe ich selbstverständlich zu Ende studiert. Mit (fast) allem Drum und Dran. Nur zum Äußersten ließ ich es nicht kommen.