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Stadtkinder essen: Clyde Cinnamon Roll‘s and Co.

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Stadtkinder essen: Clyde Cinnamon Roll‘s and Co.


Ein billiger Trumm süßen Hefeteigs, der sich jeder kulinarischen Einordnung durch seine Monotonie und Tristesse entzieht. Doch die jungen Frauen geben offenbar gern 3,90 Euro dafür aus.“ Der vom Chef und mir über die Maßen geschätzte Max Goldt äußerte sich einst so über Zimtschnecken und hatte vollkommen Unrecht damit. Denn zum einen können Zimtschnecken etwas sehr Großartiges sein und zum anderen waren auch Männer da.

Wie gesagt: Zimtschnecken können großartig sein. Leider waren sie es bei unserem Test nicht. So absolut gar nicht. Da es sich beim „Clyde“ um eine Kette handelt, kenne ich an dieser Stelle weder Rücksicht noch Scham und ziehe ordentlich vom Leder – aber keine Sorge: Nicht mehr, als angebracht wäre. Fangen wir mal mit dem Namen an, bzw. mit dem Apostroph darin, das in keinem denkbaren Universum dort hingehört. Hätten wir das. Weiter: In der Natur hätten quadratische Schnecken es sehr schwer, aber aus logistischen Gründen ist es auf einem Backblech nicht anders machbar; das ist einzusehen, darum gibt es dafür auch keinen Punktabzug. Nach recht langem Warten dürfen wir bestellen und tun dies auch: Es gibt vier Sorten Schnecken und wir nehmen jeweils eine: Zimt, klar. Zitrone, immer gut. Schoko-Karamell. Lotus. Falls jemand zweifelt: Damit sind diese spekulatiusartigen Kekse gemeint, die Jahrzehnte lang einzeln eingeschweißt neben den Kaffeetassen lagen und ignoriert wurden, bevor sie auf wundersame Weise zum Trendkeks avancierten. Also, jeweils eine Schnecke zum Grundpreis von 3,50 Euro. Dazu kann man sich in unterschiedlichen Preisklassen Toppings bestellen – von Obst über Sauce bis hin zu kleingehackten Schokoriegeln. Aus Dekadenzgründen haben wir das getan, wussten da aber noch nicht, dass es auch nötig sein würde – doch dazu später. Zimt mit Erdbeeren, Schoko-Karamell mit Kinder-Bueno-Sauce, Zitrone mit weißer Schokoladensauce und Lotus mit Banane. Dazu hätten wir gern Limonade gehabt, aber da es die nicht gab, haben wir Smoothies zu 6,50 Euro das Stück bestellt. Einen mit Beeren drin und einen mit tropischen Früchten. Wir bestellen, bezahlen, werden nach unserem Namen gefragt und erhalten wenig später nach Ansprache mit etwas phonetisch Ähnlichem unser Gebäck. Damit verziehen wir uns an einen Stehtisch vor der Tür. Dann wollen wir mal sehen.

Ah, deshalb also die Toppings: Der erste Bissen fühlt sich an, als wäre man mit dem Gesicht voran in die Mojave-Wüste gestürzt und gleich danach in einen Zuckersilo, gefolgt von einer wilden Rutschfahrt durch einen Chemie-Grundkurs, in dem gerade Aromenherstellung durch Veresterung geübt wird, oder kurz: Trocken, süß, künstlich. Selbst das frische Obst schmeckt synthetisch. Überraschend, aber nicht auf die gute Art. Nach wenigen Bissen beschließen wir, dass wir das keinesfalls aufessen können, weil es schlicht und ergreifend nicht gut ist (ein Euphemismus). Mittlerweile sind auch unsere Smoothies fertig. Vielleicht sind die ja der Kracher?! Nein. Es handelt sich außerdem eher um Milchmischgetränke, in die etwas Obst püriert wurde. Auch das möchten wir nicht bis zum letzten Tropfen verzehren. Gefühlt liegt unser Blutzuckerspiegel im vierstelligen Bereich, wir sollten jetzt genug Energie haben, um nach Australien zu joggen, aber dafür ist uns zu übel. Die nächste Mahlzeit, die allerdings noch in weiter Ferne liegt, wird vermutlich eine Gurke sein. Einfach, um beim Körper Abbitte zu leisten. Man kann es sich denken: Dieser Artikel ist keine Empfehlung. Aber der Form halber:

Clyde Cinnamon Roll‘s and Co.

Seilwinderstraße 8

30159 Hannover

Mo.-Sa. 12.00–21.00 Uhr

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Neu in der Stadt: BEGEISTERBar & El Mundo Kiosk & Bar

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Neu in der Stadt: BEGEISTERBar & El Mundo Kiosk & Bar


BEGEISTERBar

Am 7. Juli wurde in Hannover List die BEGEISTERBar eröffnet und ist damit der erste Raum in Hannover, der sich dem Thema „Begeisterung im Arbeitskontext“ widmet. Inhaltlich, atmosphärisch und methodisch. In diesen herausfordernden Zeiten mit wachsendem Pessimismus setzt die BEGEISTERBar positive Zeichen: Als innovativer Workshop- und Mentoring-Raum für Einzelpersonen, Teams und kleine Gruppen. Er widmet sich ganz der Kraft von Begeisterung, Klarheit und positiver Zukunftsorientierung. „Begeisterung ist kein Luxus, sondern Haltung. Und Haltung ist heute wichtiger denn je“, sagt Gründerin Nicole Rösler. Sie ist Arbeitswissenschaftlerin, zertifizierter Coach und leidenschaftliche Gastgeberin. Die Bar befindet sich mitten im Stadtteil List, im charmanten Haus Martens – Das Lister Stadthotel, wo Nicole Rösler die ehemalige Hotelbar in einen Raum für Inspiration, Austausch und Entwicklung verwandelt. Die BEGEISTERBar bietet verschiedene Formate für Menschen, die mehr Arbeitsfreude in ihren Alltag bringen wollen. Dabei gibt es unterschiedliche Programme, wie den Breakfast-Booster, einen Impuls-Workshops mit Frühstück oder dem Jahres-Circle für Ausbildungsbetriebe, die eine begeisternde Ausbildungskultur etablieren wollen. Auch gibt es ab dem Herbst 2025 Afterwork-Formate mit Impulsen und Austausch untereinander, begleitet von alkoholfreien Begeisterungsgetränken. Für kleine Teams gibt es individuell buchbare Team-Coachings und Workshops. Bereits im Juli startet Nicole Rösler mit dem „Sommer der Begeisterung“, der drei Frühstücks-Highlights unter dem Motto „Sind Sie begeisterBar?“ sowie zwei Gratis-Termine, anbietet. Anmeldungen sind möglich per E-Mail an kontakt@begeistertarbeiten.de.

BEGEISTERBar Haus Martens, Waldstraße 38a, 30163 Hannover.

El Mundo Kiosk & Bar

In der Viktoriastraße 37 bringt ein neues Kiosk-Konzept frischen Wind nach Linden: Der Name El Mundo – die Welt – ist Programm. Beim Betreten der von außen eher unscheinbar wirkenden Versorgungsstation strahlt einem ein buntes Universum aus Angeboten entgegen. Ihab Dashto, 27 Jahre alt, schwebte vor, etwas Anderes, Besonderes schaffen zu wollen. Und besonders ist das Angebot allemal: Denn hier findet man nicht nur die typischen Spaßgetränke und Snacks für zwischendurch, sondern auch hausgemachten Kuchen und das absolute Highlight, frisch vor Ort gemixte Cocktails, die man an einer hölzernen Theke genießen darf. Nicht nur mit der Diversität an Produkten kann El Mundo punkten, sondern auch mit einer gemütlichen Atmosphäre, die durch verschiedene Sitzmöglichkeiten draußen sowie drinnen geschaffen wird. Ein Tipp, der uns zugeflüstert wurde, lautete, an den Wochenenden vorbeizuschauen – denn dort läuft nicht nur auf Wunsch auf dem großen, an der Wand hängenden Fernsehbildschirm Live-Fußball, sondern es gibt auch die Happy Hour auf alle Cocktails. „Wir wollen, dass niemandem etwas fehlt“. Derzeit wird bereits an einem Mittagsmenü getüftelt und auf der Instagramseite @el_mundo_kiosk_bar wird man stets über Updates der bunten Kiosk-Wundertüte informiert. Falls man also mal Lust hat auf einen Cocktail, to go oder direkt an der Bar, einem nach einer Leckerei aus der Backtheke ist, oder falls man einfach mal nur die gemütliche Atmosphäre auf sich wirken lassen will, kann man jeden Tag in der Woche bis 23 Uhr vorbeischauen.

Viktoriastraße 37, 30451 Hannover. Mo-Sa 9-23 Uhr, So 10-23 Uhr.

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Der besondere Laden: Paraphernalia

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Der besondere Laden: Paraphernalia


Mitten in Hannover-Oststadt, nur wenige Schritte vom Wedekindplatz entfernt, liegt eine Damenmodeboutique, die seit Jahrzehnten für Individualität, Eleganz und auch Nachhaltigkeit steht. Inhaberin Helga Bretschneider verspricht neben kompetenter Beratung auch ein außergewöhnliches Sortiment „immer ein Stück neben der Mainstreamspur“.

Schon am Wedekindplatz zieht ein liebevoll gestaltetes Schaufenster viele Blicke auf sich. Farbenfrohe Muster vereinen Extravaganz mit Eleganz und machen neugierig auf mehr. Ist das Interesse erst einmal geweckt, ist der Weg zum Geschäft in der Flüggestraße nicht mehr weit. Und auch hier grüßt unmittelbar ein Schaufenster, das in leuchtenden Farben einen Hinweis auf das besondere Sortiment von Paraphernalia gibt: ein durchdachtes Konzept, ein Hauch Vintage und viel Liebe zum Detail.

Hinter der gläsernen Eingangstür öffnet sich schließlich ein heller Raum, dessen eindrucksvoller Kronleuchter und wellenförmige Deckenverzierung der Verkaufsfläche Tiefe verleihen. Die weißen Wände werden durch bunte Muster ausgewählter Kleidungsstücke aufgebrochen und so befinden sich das Interieur und das Sortiment der gelernten Dekorateurin im Einklang. Klarheit und Farbenfreude ziehen sich wie ein roter Faden durch das große Angebot von überwiegend Kleidern, die das Herzstück des Sortiments bilden. „Es macht unser Sortiment einfach aus, dass es sich stark auf das Kleid konzentriert, auf einen femininen Look von der Freizeit- bis zur Anlassmode.“

Seit inzwischen fast 50 Jahren ist Bretschneider mit diesem Konzept erfolgreich. „Ich habe dieses Geschäft 1976 gemeinsam mit fünf Studentinnen gegründet“, erzählt sie mit einem Lächeln im Gesicht. „Damals sind wir viel nach Afghanistan und Indien gefahren und haben vor Ort nach Kleidern und Accessoires geschaut, die wir in Deutschland verkaufen konnten.“ Auch in London seien sie zu dieser Zeit viel gewesen. Der Fokus habe schon immer auf Sachen gelegen, „die es woanders meist nicht gibt“. Bis heute arbeitet Bretschneider mit Marken zusammen, die in anderen Geschäften in der Stadt kaum bis gar nicht vertreten sind und ihr so ein Alleinstellungsmerkmal garantieren. „Die Lieblingsmarken unserer Kundinnen sind die Firma Fox’s, mit der wir schon seit den 80er-Jahren zusammenarbeiten und die sich stilistisch immer wieder neu erfunden hat, und die Firmen Lanius und Ellen Eisemann.“ Beliebt seien aber auch die weichen Schals der irischen Firma McKernan und das ausgewählte Schmucksortiment.

Und auch gesellschaftliche Verantwortung spielt bei Paraphernalia eine wichtige Rolle. Bretschneider achtet heute bei der Auswahl ihres Sortiments stets darauf, „dass die Sachen in Europa unter guten Bedingungen produziert werden, möglichst mit Naturmaterialien und ohne Synthetik.“ Hinzu kommt, dass die Inhaberin einen Reparaturservice für kaputte Kleidungsstücke anbietet. Dadurch leistet sie aktiv einen Beitrag gegen die immer stärker werdende Wegwerfkultur. „Ich habe schon immer gern selbst genäht oder Second Hand getragen. Das mache ich bis heute. Für meine Kundinnen repariere ich auch hochwertige Pullover und biete Vintage Taschen an, die ich aufbereitet habe. Gerade habe ich zum Beispiel eine wirklich schöne Tasche von Yves Saint Laurent in Arbeit.“

So ist es nicht nur die jahrelange erfolgreiche Zusammenarbeit mit verschiedenen Modemarken, die Bretschneider bis heute schätzt, sondern auch die persönliche Verbindung zu ihren Kundinnen. Seit einigen Jahren gibt es einen Onlineshop von Paraphernalia und hin und wieder „gibt es Kundinnen, die anrufen und sich beraten lassen – das mache ich selbstverständlich gern!“ Jenseits von Fast Fashion und Einheitslook möchte Bretschneider für jede ihrer Kundinnen die passende Paraphernalie, auf Deutsch Zubehör, für ihren persönlichen Stil finden.

Laura Druselmann

Paraphernalia

Flüggestraße 14, 30161 Hannover

Tel.: 0511 664866

E-Mail: info@paramoda.de

www.paraphernalia-hannover.de

Facebook: Paraphernalia Hannover

Instagram: paramodehaus

Öffnungszeiten:

Mo bis Fr: 12 bis 18 Uhr

Sa: 12 bis 15 Uhr

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Editorial 08-2025

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Editorial 08-2025


Liebe Leser*innen,

in dieser Ausgabe habe ich René Schweimler zum Interview getroffen. Muss man den eigentlich noch vorstellen? René ist Geschäftsführer und Chefredakteur beim Fahrgastfernsehen. Und er zieht auch die Fäden beim Seh-Fest. René ist aber noch viel mehr als Geschäftsführer, er ist einer dieser Menschen, die man in Städten unbedingt braucht, wenn es funktionieren soll, jemand, der gerne etwas auf die Beine stellt, und das darf dann auch gerne ganz neu sein. Dazu ist er ein echter Netzwerker, jemand, der die richtigen Leute zusammenbringt.

René hat mir gleich zum Einstieg sehr viel darüber erzählt, wie er seinen Weg in den Journalismus gefunden hat, über den Einfluss seines Vaters und seine ersten Jahre. Und wir haben in der Folge natürlich darüber gesprochen, welchen Anspruch Journalismus haben sollte. Wir sind uns bei dieser Frage sehr einig: Journalismus soll die Öffentlichkeit informieren, und das unbedingt seriös und faktenbasiert. Im Fahrgastfernsehen ist das die tägliche Challenge. Wie bekommt man die Informationen auf ein paar wenige Zeilen so eingedampft, dass inhaltlich nichts verloren geht? Sie haben das mit den Jahren perfektioniert. Wer heute mit der Bahn unterwegs ist, und nicht auf sein Smartphone starrt, der kann sich darauf verlassen, kurz und knapp informiert zu werden, und das inhaltlich sehr gut recherchiert. Das ist schon eine Kunst. Das Fahrgastfernsehen ist die schnelle, fundierte Information, die Tageszeitung geht dann mehr in die Tiefe. Wobei die App „Das Fahrgastfernsehen.“ jetzt ebenfalls Zusatzinformationen bietet. Und wir sind mit dem Stadtkind sozusagen der Roman. Aber eben auch ein Monatsmagazin – und der Lesestoff muss ja reichen für den Monat.

Mir ist bei dem Gespräch mit René noch einmal sehr klar geworden, wie wichtig es ist, dass wir in Deutschland (noch) einen Journalismus haben, für den der Pressekodex nicht nur irgendein abgehobener Anspruch ist. Es geht um Wahrhaftigkeit, Fairness, Integrität, Unabhängigkeit und Verantwortung. Gerade, wenn immer mehr falsch gespielt wird in den Sozialen Medien, wenn Fake News lanciert werden, wenn gelogen wird, dass sich die Balken biegen, wenn beispielsweise eine Juristin, wie gerade geschehen, völlig grundlos diffamiert wird, muss der Anspruch sein, sehr genau und sehr klar auf der anderen Seite zu stehen.

Die Diffamierung der Öffentlich-Rechtlichen und auch privater seriöser Medien als Lügenpresse ist ja Teil einer übergeordneten Strategie. Es geht im Grunde darum, die Wahrheit zur Glaubensfrage zu machen. Und dann wird irgendwann vieles sagbar und denkbar. Bitte nicht darauf hereinfallen! Julian Reichelt ist beispielsweise kein seriöser Journalist und sein Nachrichtenportal Nius ist auch kein Nachrichtenjournal, sondern eine Sammlung ausgewiesenen Schwachsinns. Das Internet ist voll mit diesem Mist und auch die Social-Media-Kanäle werden momentan regelrecht geflutet. Man sollte bestenfalls einen großen Bogen um all das machen. Und man sollte den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. „Sapere aude!“ Immanuel Kant lässt grüßen. Den eigenen Verstand einschalten, das heißt gerade nicht, sich aus irgendwelchen zusammengewürfelten Desinformationen eine eigene Wahrheit zu kreieren, sondern sich tatsächlich gut zu informieren. Das geht in den seriösen Medien (aka Lügenpresse).

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Das August-Kind ist da!

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Das August-Kind ist da!


Wenn man zwei Journalisten aufeinander loslässt! Natürlich geht es im Gespräch mit René Schweimler (Geschäftsführer und Chefredakteur beim Fahrgastfernsehen) um den Kodex: Was darf Journalismus, was braucht er? Es geht um Wahrhaftigkeit und Fake News, Unabhängigkeit und Verantwortung, besonders aber geht’s um Hannover im Titel-Interview auf Seite 54.

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Ein offener Brief … an Ralf Stegner und Co.

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Ein offener Brief … an Ralf Stegner und Co.


Lieber Ralf und liebe alle, ganz großartig! So ein schönes Manifest. Und zum genau richtigen Zeitpunkt. Wenn all die nassforschen und besserwisserischen jungen und jüngeren und mittelalten Menschen in Verantwortung den falschen Weg einschlagen, weil sie sich einfach nicht genug mit der jüngeren Geschichte auskennen und verdammt noch mal nicht reden wollen, wenn sie nur alle Krieg wollen und Aufrüstung, dann ist es eine gute Idee, wenn die Altgedienten sich vereinen und mahnende Worte finden.

Du, lieber Ralf, hast auf die Schnelle eine beeindruckende Truppe zusammengetrommelt. 32 x heißt es a. D. in der Liste der ersten, die das Manifest unterzeichnet haben. Und das ist ein Qualitätsmerkmal, denn wer außer Dienst ist, wer keine Verantwortung mehr hat, der hat einfach ein bisschen mehr Muße, sich den Dingen von der Seitenlinie grundsätzlicher zu widmen. Und klar, wer sich grundsätzlicher mit dem Russland-Ukraine-Konflikt auseinandersetzt, der kommt schnell darauf, dass man das alles nicht so einfach schwarz-weiß sehen darf. Ja, Russland hat die Ukraine angegriffen, aber man muss Russland auch ein Stück weit verstehen. Putin hat sich einfach bedroht gefühlt vom Verteidigungsbündnis NATO. Immerhin hat dieses Bündnis 1999 Serbien angegriffen – einfach so, völlig grundlos. Oder gab es einen Grund, den ihr im Manifest vergessen habt? Egal. Die Amerikaner haben jedenfalls ganz viele Verträge und Absprachen gebrochen. So war das. „Einseitige Schuldzuweisungen“ sind also eindeutig zu kritisieren. Die Amis sind auch nicht ohne und manchmal ziemlich böse.

Und wenn das endlich mal allen klar ist, dann kann man doch auch wieder ins Gespräch kommen miteinander. Leonid Breschnew, Willy Brandt, John F. Kennedy, Ronald Reagan, Michail Gorbatschow – sie alle haben miteinander geredet. Und sie haben auf diese Weise friedlich Vertrauen zueinander aufgebaut. Warum soll das jetzt nicht wieder gehen? Donald Trump, Wladimir Putin, Xi Jinping, das sind doch alles total rationale und gutmeinende Menschenfreunde – warum setzen wir uns nicht alle gemeinsam an einen Tisch und reden. Mehr Diplomatie wagen! Statt immer nur Aufrüstung. Und wenn der Wolodymyr Selenskyj nicht wieder so stur ist, sondern ein bisschen realistischer, darf er auch kommen und über die Zukunft der Ukraine mitdiskutieren. Man muss doch jetzt endlich wieder aufeinander zugehen. Verdammt noch mal!

Und es könnte alles so einfach sein. All die Kriegstreiber müssten einfach nur einsehen, dass man Russland nicht schlagen kann. Weswegen es auch total irre ist, der Ukraine immer weiter Waffen zu liefern. Wozu denn? Damit dieser Krieg nur immer weiter geht? Ein Leiden ohne Ende? Das kann es doch nicht sein. Du lieber Ralf, kennst die Russen sehr gut, und du bist dir sicher, dass es für die Menschen in der Ukraine schon nicht so schlimm kommen würde. Keine entführten Kinder, keine Folter, keine Vergewaltigungen, keine Massaker an der Zivilbevölkerung, keine Willkür. Weil die Menschen in der Ukraine ja eigentlich auch Russen sind. Und so etwas tut man doch den eigenen Leuten nicht an. Butscha war bestimmt nur ein Versehen …

Lieber Ralf, es ist gut, dass ihr jetzt so mutig wart, du, zusammen mit dem Rolf und den anderen. Für den Frieden zu sein, das muss man sich heutzutage ja erstmal trauen. Ein wichtiger Schritt. Lasst euch jetzt bloß nicht beirren von all den schießwütigen Idioten à la Carlo Masala. Die wollen diesen Krieg, weil sie ohne diesen Krieg nicht ständig in den Talkshows sitzen würden – ist doch klar. Alle, die nicht euer Manifest unterzeichnen, wollen Krieg. So ist das. Du, und der Rolf, und die Sahra und die Alice, ihr seid die wahren Friedenstauben. Wobei, Sahra und Alice – das war ein anderen Manifest. Da haben wir jetzt was verwechselt.

Foto: StockSnap / Pixabay.com

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