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Stadtkinder streuen Gerüchte: Eine pragmatische Lösung

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Stadtkinder streuen Gerüchte: Eine pragmatische Lösung



So geht es absolut nicht weiter in der Ostsee! Ständig vergisst irgendein betrunkener Kapitän irgendeines Tankers den Anker, der dann den Meeresboden durchpflügt und diverse Kabel beschädigt. Die machen das bestimmt gar nicht extra. Man muss ja nicht allen Menschen gleich schlechte Absichten unterstellen. Okay, vielleicht gibt es ein paar schwarze Schafe, die Böses im Schilde führen. Und vielleicht ist der eine oder andere unterbezahlte Kapitän auch daran interessiert, das Kupfer aus den Kabeln zu verkaufen. Blöd, wenn er dann ein Glasfaserkabel erwischt. Aber das werden ja Ausnahmen sein. Die Krux ist, dass man als Kapitän gerne mal den Anker vergisst. Wer kennt das nicht? Und dann wundert man sich vielleicht, dass man ein bisschen langsamer unterwegs ist, bis man merkt, dass irgendwas am Haken hängt. Passiert. Und passiert vor allem, weil man die diversen Kabel am Meeresboden ja nicht sieht. Die sind meist im Schlamm verborgen, unsichtbar für die Kapitäne der Weltmeere, beziehungsweise der Ostsee. Was also tun? Okay, Xi Jinping und Wladimir Putin könnten mal ihren Kapitänen ins Gewissen reden. Weniger Alkohol, mehr Achtsamkeit. Aber man kennt ja diesen Schlag. Die senken schuldbewusst das Haupt, lassen den Ärger über sich ergehen, kratzen sich verlegen den Bart, aber wenn sie dann wieder unterwegs sind, die Nase im Wind, dann ist der Rüffel schnell vergessen. Es nützt also alles nichts, jetzt sind pragmatische Lösungen gefragt. Denn die Kabel sind ja wichtig, da hängt eine Menge Wirtschaftskraft dran. Und das alles ist ja auch eine Frage der Sicherheit. Freunde, die nicht miteinander kommunizieren können, sind im Zweifel allein, wenn ein Feind an die Tür klopft. Man hat natürlich schon einige Ideen durchgespielt. Abgerichtete Delphine als Wachhunde, Unterwasserdrohnen, die grundsätzlich alle Schiffe begleiten, die auf der Ostsee unterwegs sind, Stahlröhren, die die Kabel gegen Anker schützen. Aber die richtig große Lösung ist das alles nicht. Darum hat man sich nun entschlossen, einen ganz neuen Weg zu gehen. Schweden und Lettland werden demnächst das erste Überseekabel verlegen. „Wir arbeiten mit schwimmenden Masten, die auf dem Meer verankert werden. Das sind eigentlich ganz normale Freileitungsmasten, wie man sie vom Land kennt. Die sind dann auch für total besoffene Kapitäne gut sichtbar und wir können die gesamte Strecke dazu lückenlos überwachen, da reichen ja einfache Kameras. Wenn sich dann jemand an unseren Kabeln zu schaffen macht, werden wir das sofort registrieren“, so berichtet uns ein beteiligter schwedischer Ingenieur. Für deutsche Kabel ist das allerdings keine Lösung. „Wir würden allein für die Genehmigungsverfahren mehrere Jahrzehnte brauchen, weil bei uns natürlich sehr viele Bürgerinitiativen gegen so eine optische Verschandelung der Ostsee klagen würden“, so erklärt man uns am Telefon, wobei wir gar nicht genau wissen, ob wir bei dem richtigen Ministerium angefragt haben. Aber wahrscheinlich schon, es klingt ja plausibel. GAH

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Zur guten Nacht: Süßes Blut

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Zur guten Nacht: Süßes Blut



Hinter einem Bett an der Wand unter dem Teppich, näher als du denkst, da wohnte einmal eine kleine Bettwanzenfamilie ihr stilles und heimliches Leben. Mama Bettwanze und Papa Bettwanze, und die vier Kinder, davon zwei Mädchen. Und eines Tages, da lächelte Mama Bettwanze mal wieder den ganzen Tag so seltsam selig und entrückt vor sich hin, und Papa Bettwanze war zwar hin und wieder schwer von Begriff, aber diesen Gesichtsausdruck seiner Frau kannte er. „Du hast schon wieder irgendwo ein Ei versteckt. Wir werden bald fünf Kinderchen haben, oder?“, fragte er ernst und sie nickte lächelnd. Doch sein Gesicht blieb ernst und er runzelte besorgt die Stirn. „Wir müssen ab jetzt aber wirklich aufpassen“, sagte er nachdenklich. „Wir dürfen nicht noch mehr werden, wir alle haben einen gesunden Appetit. Wenn wir zu viele sind, dann werden unsere Menschen nicht mehr davon ausgehen, dass sie eine zu trockene Haut haben oder dass Mücken ihr Unwesen treiben, sondern der Ursache der kleinen roten Pusteln auf den Grund gehen. Und du kennst die Geschichten, was passiert, wenn die Menschen von unserer Existenz erfahren.“ Natürlich kannte seine Frau diese Geschichten von den übelsten Gas- und Giftmorden. Sie wollte lieber nicht daran denken. „Ja, wir müssen aufpassen“, sagte sie. „Aber wir haben ja unsere spezielle Bisstechnik, mit der wir nur sehr kleine Pusteln produzieren. Sie werden uns schon nicht erwischen.“ Doch ihr Mann schüttelte ungeduldig den Kopf. „Bisstechnik hin oder her, eine Nummer Sechs sollten wir unbedingt vermeiden. Die Nummer Fünf ist schon heikel genug.“ Seine Frau nickte. Und dann sah sie Nummer Fünf, der ein bisschen früher als erwartet aus seinem Ei gekrochen war. Und Nummer Fünf knurrte der Magen. Aber er musste sich ein bisschen gedulden, es war noch keine Menschenschlafenszeit. Als die Zeit gekommen war, machten sie sich sogleich auf den Weg. Seine Mutter begleitete ihn beim ersten Bissausflug, so wie es in der Familie von jeher Sitte war, um ihrem Nachwuchs das Geheimnis des sanften Bisses zu lehren. Gut gesättigt kehrten beide ein bisschen später zurück. Doch was war das? Plötzlich erklang ein ohrenbetäubendes Geschrei. Wo kam das her? Stritten ihre Menschen? Mama und Papa Bettwanze und alle fünf Kinder krabbelten aus ihrem Versteck und lugten hinter dem Bettpfosten hervor. Und dann sahen sie es. Da stand gegenüber an der Wand ein sehr kleines Bettchen. Und davor stand einer ihrer beiden Menschen und hielt ein sehr viel kleineres Menschlein in den Armen, das erbärmlich schrie. „Hat einer von euch das kleine Menschlein gebissen?“, fragte der Vater streng, aber die Kinder waren sich keiner Schuld bewusst. „Das dürft ihr nämlich niemals tun. Sie achten sehr auf ihre kleinen Kinder.“ Und die Fünf nickten eifrig. Doch schon in der folgenden Nacht schlich sich Nummer Fünf leise davon. Er musste einfach mal probieren, er konnte den menschlichen Nachwuchs die ganze Zeit riechen und es duftete einfach zu verlockend. Er würde so sanft zubeißen, dass der Kleine nicht einmal aufwachen würde. So krabbelte er in das kleine Bettchen. Und es war ein Fest. Herrlich süßes Blut. Die erwachsenen Menschen schmeckten dagegen fast ein bisschen ekelhaft bitter. Schon in der darauffolgenden Nacht schlich Nummer Fünf wieder zum Kinderbettchen. Doch als er gerade hochklettern wollte, entdeckte er hinter sich seine vier neugierigen Geschwister. Und sie alle krabbelten in dieser Nacht zu dem Menschennachwuchs ins Bettchen. Auch in der nächsten und der darauffolgenden Nacht. Das Menschenkind wurde blass und blasser. „Es ist nicht gut, was wir tun“, sagte eines der Mädchen in der dritten Nacht. „Wir saugen dem kleinen Kerl sein ganzes Blut raus. Wir müssen aufpassen, dass dieser Mensch uns nicht stirbt.“ Duch die anderen blickten sie nur mit blutverschmierten Mündern und gierigen Augen an. Und das Mädchen sah sie trinken und schmatzen, dann siegte auch ihre Gier. In der darauffolgenden Nacht war das Menschenkind verschwunden. Und auch die Eltern tauchten nicht auf. Dafür kamen irgendwann ein paar Gestalten weißen Schutzanzügen mit Gasmasken. Und sie rückten Möbel beiseite und suchten in jeder Ecke. Und die Moral von der Geschicht: Gier lohnt sich nicht. Nie. GAH

Foto: Zdenek Macat

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SK bewältigen den Alltag: Die Eskapismus-Challenge

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SK bewältigen den Alltag: Die Eskapismus-Challenge


Wie weit bringt uns die Vernunft? Keine drei Meter, wenn sonst keiner mitmacht. Sollte man so eine wichtige Entscheidung für Amerika wirklich den Amerikanern überlassen? Das Wahlergebnis sagt: Anscheinend nicht. Wenn wir eine Website besuchen, müssen wir zuvor der Verwendung von Cookies zustimmen. Die Bundesregierung dagegen verwendet Kukies, ohne uns zu fragen. Dabei wäre das doch vernünftig gewesen, einen Finanzminister, den niemand mag, hatten wir ja immerhin vorher auch schon. Es wäre vernünftig, die AfD zu verbieten und, wenn wir schon mal dabei sind, auch das BSW.

Vernünftig wäre es, Musikschaffenden gerne Tantiemen für ihre Arbeit zu bezahlen, stattdessen gibt’s dann halt keine Musik auf dem Weihnachtsmarkt. Vielleicht wäre es auch vernünftig, angesichts der aktuellen Weltlage schreiend im Kreis zu laufen und dabei wild mit den Armen zu wedeln. Oder nachts im Bett um einen Meteoriteneinschlag zu beten, damit die ganze Scheiße mal ein Ende hat. Merke also, Vernunft bringt einen nirgendwo hin.

Diese ganzen Memes mit „klug war’s nicht, aber geil“ kommen einem in den Kopf und man fragt sich: Ja, warum eigentlich nicht? Und wenn sich der Dezember auch nicht wie ein vernünftiger Dezember benimmt, es nicht schneit und man beim Glühweinsaufen nicht mal mehr Wham! auf die Ohren bekommt, scheint der Monat sich gut für etwas zu eignen, das ich die Eskapismus-Challenge nenne. Habe ich selbst erfunden und mir genauestens ausüberlegt. Es geht so:

Die erste Regel lautet: Alles ist erlaubt, solange es Spaß macht und niemand anderes dabei zu Schaden kommt. Je weniger die einzelnen Unternehmungen mit der Realität zu tun haben, desto besser. Die zweite Regel: Mach es täglich. Jeden Tag im Dezember wird nun eine Stunde lang aktive Realitätsflucht betrieben. Konsequent.

Als Aktivitäten bieten sich zum Beispiel an:

  • Aus zwei Esszimmerstühlen und einer Decke eine Bude bauen und drinsitzen. Aktiv drinsitzen und sonst nix tun. Das Rebellischste überhaupt!
  • Einen Bikini tragen. Auch und gerade als Mann!
  • Eine Kapitänsmütze aufsetzen und bei voller Lautstärke Yacht-Rock hören.
  • Kiffen.
  • In einer Phantasiesprache sprechen und zwar ausschließlich. Ob mit Anderen oder mit sich selbst, spielt keine Rolle.
  • Mit Stift und Papier am Küchentisch sitzen und die Ministerposten an geeignete Freunde und Bekannte verteilen. Man selbst ist dabei Kanzler*in, logisch.
  • Wild zu Musik tanzen, die man mit 14 gehört hat. Eine Stunde lang! Extrapunkte, wenn man noch die Texte kennt und mitsingt.
  • Süßes zum Abendbrot: Eine Mischung aus diversen Keksen und Lebkuchen anrichten, vielleicht ein bisschen hübsch dekorieren und mit vorweihnachtlicher Überzeugung verspeisen, als wäre es eine gute deutsche Schnittchenplatte.
  • Ein Gedankenexperiment: „Was würde ich den Menschen in meinem Umfeld schenken, wenn sie nur das erhalten dürften, was sie auch verdient haben?“

Und so weiter und so fort, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wenn einen dann an Weihnachten oder Silvester jemand anspricht: „Mensch, du wirkst so entspannt und gelassen. Und das im Dezember! Was ist dein Geheimnis?“ kann man ruhigen Gewissens und vollständig der Wahrheit entsprechend antworten: „Ich habe einen Monat lang Quatsch gemacht.“ Ein großes Hallo und riesige Empörung, ist doch der Dezember eher dafür da, sich selbst zu stressen und abzurackern während man dabei maximal christlich, in sich ruhend und achtsam wirkt. Am Arsch! Eskapismus-Challenge! Selfcare, ihr Waffeln! So sieht’s nämlich aus! Im Januar kann man dann ja wieder vernünftig sein. Muss man aber nicht, bringt doch eh nix. IH

HarryStueber/pixabay

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Randgruppenbeleidigung: Kontrolletties

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Randgruppenbeleidigung: Kontrolletties


Ja, genau, bleib dran, ich mag das! Schnüffel wie so ein Straßenköter an meinen Hacken rum, weich mir nicht von der Seite. Und stell ruhig deine Fragen: „Kannst du das?“ „Traust du dir das wirklich zu!“ „Schaffst du das?“ „Wie weit bist du denn?“ „Kann man dir noch irgendwie helfen?“ „Bist du dir sicher, dass das klappt?“ „Bist du wirklich sicher?“ „Zeig doch mal, was ist denn schon geschafft?“

Die Kontrolletties dieser Welt sind wirklich eine Pest. „Halt’s Mauls und lass mich arbeiten!“, möchte man sie anschreien. Aber man lässt es. Meistens. Um der liebe Friede willen. Dabei sollte man sie anschreien. Man sollte ihnen laut und deutlich sagen, was sie da eigentlich anrichten. Und dass sie sich gefälligst um ihren eigenen Scheiß kümmern sollen. Sie sorgen für Magengeschwüre, Burnouts und Schlimmeres. Weil sie stressen. Weil sie maximal nerven. Was ist denn falsch mit denen?

Wie kommt man denn auf die Idee, dass alle anderen Menschen unfähig sind? Das nur man selbst die Weisheit mit Löffeln gefressen hat? Dass man das einzige Wesen in der großen weiten Welt ist, das wirklich den Durchblick hat und was zustande bringt, während andere nur so laienhafte und/oder stümperhafte Krüppelergebnisse schaffen? Habt ihr euch mal umgesehen? Habt ihr euch mal gefragt, wer das Auto (ohne euch) gebaut hat, in dem ihr gerade unterwegs seid? Habt ihr euch mal gefragt, wer (ohne euch) das Flugzeug zusammengebastelt habt, das euch nach Malle bringt? Und wer hat eigentlich die Medizin (ohne euch) zusammengerührt, die ihr euch so vertrauensvoll einverleibt, während ihr krank im Büro herumlauft, um die anderen bloß nicht aus den Augen zu lassen. Idioten! Die Welt dreht sich ganz ohne euch. Und wenn ihr einiges Tages das Zeitliche segnet, wird sie sich einfach weiterdrehen.

Da muss doch irgendwas in euer Kindheit falsch gelaufen sein. Seid ihr für jeden Mist gelobt worden und habt nun verinnerlicht, das einzig und allein ihr in der Lage seid, die Dinge wirklich perfekt zu erledigen? So perfekt, dass wirklich niemand auch nur den geringsten Einwand haben kann. Außer ihr selbst, versteht sich. „Ich weiß, das ist schon ziemlich genial, was ich da fabriziert habe und es wird schwer sein, das zu toppen. Aber man muss sich ja auch Ziele setzen.“ Ziele, die in euren Augen andere natürlich niemals erreichen. Weil sie es einfach nicht können. Zu faul. Nicht ehrgeizig genug. Nicht klug genug. Man muss ihnen darum ständig auf den Fersen sein, weil sonst gar nichts funktioniert. Und wenn man es nur ein einziges Mal ein bisschen schleifen lässt, was passiert dann? Genau, alles geht schief. NICHT! Es läuft vielleicht nur ein bisschen anders, als ihr euch das in euren „perfekten“ Hirnen vorgestellt habt. Es gibt nämlich immer mindestens zwei Wege, ihr Vollpfosten!

Aber das könnt ihr euch ja nicht vorstellen. Dazu reicht es nicht. Das Universum ist euer Ego, darüber hinaus existiert nichts. Ihr seid Gott, alle anderen sind nur erbärmliche Insekten, die kopflos auf dem Erdball herumkrabbeln und sich nach Führung sehnen. Nach jemandem, der wenigstens hin und wieder mal einen Blick riskiert, ob es noch gut läuft. Oder ob da schon wieder jemand Bockmist baut. Es nicht hinbekommt. Scheitert. Versagt.

Verdammt, jetzt stehst du schon wieder hinter mit! Was soll das werden. Warum bist du nicht Polizist geworden? Wenn ein Text noch gar nicht fertig ist, brauche ich noch keine klugen Kommentare! Niemand hat gesagt, dass du den jetzt schon lesen sollst! Ja, der wird ja heute noch fertig! Woher soll ich wissen, ob der lustig genug ist? Für dich wahrscheinlich nicht, du hast ja diesen genialen Humor, dafür wird es wahrscheinlich nicht reichen. Weißt du was, dann mach deine Scheiße doch allein! Ich kündige! GAH

pixabay

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Ein offener Brief… an den Baron von Münchhausen

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Ein offener Brief… an den Baron von Münchhausen


Lieber Baron von Münchhausen, du armer Kerl bist sicher schon ganz wund vom sich im Grabe umdrehen nach dieser erbärmlichen Vorstellung deiner Nachfahren. Baron Merz und Baron Linnemann haben total versagt. Die Kunst des Lügens ist ja, Geschichten so zu erzählen, dass sie zumindest wahr sein könnten. Diese Anfänger haben aber so offensichtlich gelogen, dass es stellenweise kaum auszuhalten war. Du musst in deinem Grab so richtig rotiert sein, oder?

Man stelle sich vor, du hättest damals deine kühnen Geschichten so plump vorgetragen. Niemals wärst du als großartiger Lügenbaron und Meister der Fantasie in die Geschichte eingegangen. Sie hätten dich ausgelacht und aus dem Land gejagt. Du wusstest einfach, wie man mit Witz, Charme und einem Hauch von Glaubwürdigkeit selbst das Unmöglichste plausibel erscheinen lässt. Ein bisschen mehr von deinem Geist im Wahlprogramm der Union und die 3 vorne wäre kein Problem gewesen. Aber was machen deine Nachfahren? Sie übertreiben ohne Scharfsinn, sie stapeln hoch ohne Eleganz, sie laden vollmundig die Kanone, doch die Kugel verfehlt das Ziel. Sie lügen ohne Raffinesse, alle durchschauen das Spielchen problemlos. Subtilität? Fehlanzeige! Selbst dein treues Pferd, das du einst samt halbem Körper aus dem Sumpf zogst, hätte sich mit Grausen abgewandt.

Eigentlich verpflichtet doch Tradition. Ein echter Münchhausen-Lügner lässt die Zuhörer staunen und schmunzeln. Und alle wünschen sich insgeheim, dass die Geschichte wahr sein könnte. Doch bei diesen Herren mit ihren dreisten Behauptungen fragen sich die Zuhörer höchstens, wer den ganzen Scheiß bezahlen soll, wenn irgendetwas davon wirklich wahr werden sollte. Erfundene Zahlen, verzerrte Zusammenhänge, an den Haaren herbeigezogene angebliche Lösungen. Haben die wirklich gedacht, dass das niemand nachrechnet? Dass die Leute so dämlich sind? Ein Lügenbaron unterschätzt niemals sein Publikum. Er hält die Menschen für klug, damit seine Lüge perfekt sitzt und nicht nachlässige Improvisation bleibt. Nicht so Baron Merz und Baron Linnemann.

Was aber am schlimmsten ist. Wenn man schon kein großer Lügner ist, dann sollte man wenigstens ein bisschen Humor mitbringen. Schlecht lügen ist noch kein Beinbruch, wenn man an der richtigen Stelle ein sympathisches Augenzwinkern platziert. Wenn man den Leuten signalisiert: „Klar, ich erzähle euch kompletten Mist, ihr wisst das, ich weiß das, aber der absurde Kram ist doch trotzdem ganz spaßig, oder nicht?“ Doch keine Spur von Humor weit und breit bei deinen Nachfahren.

Sie nehmen sich selbst so ernst, dass ihre Lügen umso erbärmlicher wirken. Keine besonders gute Unterhaltung. Sie sind ganz schlechte Blender. Wir konstatieren den Niedergang der hohen Kunst des gepflegten Flunkerns. Was bleibt uns da noch übrig, verehrter Baron? Ein müdes Lächeln? Ein resigniertes Kopfschütteln? Vielleicht basteln wir dir vor der nächsten Wahl lieber ein Kugellager in dein Grab, damit du wenigstens reibungslos rotieren kannst. In tiefstem Mitgefühl für dein geplagtes Andenken, dein Stadtkind. VK

Ein offener Brief… an den Baron von Münchhausen

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Ein offener Brief… an Friedrich Merz

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Ein offener Brief… an Friedrich Merz


Lieber Friedrich, Gratulation! Jetzt ist es bald geschafft, trotz allem. Was für ein Glück, dass die Vollpfost*innen von der SPD den Olaf ins Rennen geschickt haben. Gegen so eine „Konkurrenz“ kann man es sich leisten, ganz viel falsch zu machen – und wird trotzdem Kanzler. Trotz AfD-Kumpelei, trotz Angelas Rüffel, trotz der galoppierenden Abwesenheit einer tragfähigen Strategie. Unter uns, mit Boris Pistorius wäre die Geschichte wahrscheinlich wesentlich knapper ausgegangen. Wir wissen das. Du weißt das. Die gesamte SPD weiß das – und wird Olaf jetzt schleunigst in die Wüste schicken.

In vier Jahren (vielleicht auch schon eher, man weiß ja nie) werden die Karten dann wieder neu gemischt. Und du wirst mit ziemlicher Sicherheit gegen Pistorius antreten müssen. Oder sogar gegen Anke Rehlinger. Eine Frau … Das wäre wirklich das Worst-Case-Szenario. Also an die Arbeit! Es muss jetzt darum gehen, die Macht zu zementieren. Der Anspruch ist klar: In Deutschland darf nie wieder eine andere Partei als die CDU den Kanzler (nicht die Kanzlerin) stellen. Und ein erster Schritt auf diesem Weg ist eine zweite und dritte Amtszeit Merz. Und möglichst auch noch eine vierte. Angela hat 16 Jahre auf deinem Platz gesessen. Es ist einfach eine Frage der ausgleichenden Gerechtigkeit. Vielleicht schaffst du auch 18 Jahre, das wäre ein neuer Rekord in Deutschland. Du könntest dann mit 87 Jahren mit wirklich stolzgeschwellter Brust in den wohlverdienten Ruhestand gehen.

Aber erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wie muss es jetzt weitergehen? Es gibt zwei denkbare Wege: Du krempelst die Ärmel hoch, machst einen Strich unter all das, was du im Wahlkampf so rausgehauen hast, suchst dir einen fähigen und willigen Koalitionspartner, und dann arbeitet ihr fleißig und gemeinsam möglichst geräuschlos und sehr effektiv daran, Deutschland so richtig nach vorne zu bringen. Mit echten, nachhaltigen Lösungen, die manchmal unpopulär sind und für manche Menschen auch anstrengend.

Oder du krempelst die Ärmel hoch, machst keinen Strich unter all das, was du im Wahlkampf so rausgehauen hast, suchst dir einen machtgeilen Koalitionspartner und lieferst ab. Die schlechten Ausländer raus und die guten rein, Höchststrafen für Faulenzer und Schmarotzer, keine Geschenke mehr, außer für die Leistungsträger, bloß nicht zu viel Umweltgedöns und ein Hoch auf den deutschen Verbrenner. Und weil klar ist, dass all diese „Lösungen“ auf Dauer ein Schuss ins eigene Knie sind, braucht es ein gutes Marketing für diese Agenda. Wie schafft man es, dass möglichst viele Menschen den ganzen Quatsch glauben? Man sorgt erstens – ganz wichtig – dafür, dass sich im Bildungsbereich möglichst wenig bis gar nichts bewegt. Wozu auch gehört, dass man ein Fach „Medienkompetenz“ an den Schulen verhindert. Zweitens muss weiter die Angst der Treiber in Deutschland sein. Wer keine Angst hat, der denkt am Ende nach, was gar nicht gut wäre. Und drittens darf die Debattenkultur nicht wieder an Niveau gewinnen. Das ist sehr wichtig. Nur so kann man gute Ideen und skeptischen Fragen von der Oppositionsbank ins Lächerliche ziehen, ohne Gefahr zu laufen, in eine echte Diskussion einsteigen zu müssen.

Was es braucht, ist dazu ein gutes Team. Menschen ohne Gewissen, die im Zweifel die Wahrheit bis zur Schmerzgrenze biegen. Die tatsächlich keinerlei Skrupel haben und das Wohl der Menschen jederzeit den eigenen Interessen unterordnen. Da bietet sich ein Jens Spahn natürlich an. Es braucht so einen Bombenleger, gefragt ist diese gewisse Hinterfotzigkeit. Klar, der Markus Söder gehört auch in so ein Team. Aber dreh ihm nie den Rücken zu. Und vielleicht noch die Julia Klöckner. Okay, eine Frau, da bist du skeptisch. Aber in diesem speziellen Fall kann man ja vielleicht mal eine Ausnahme machen. Mit so einem Team sollte es eigentlich ganz gut gelingen, das Niveau in Deutschland weiter zu schleifen. Und ganz nebenbei auch die Grenzen weiter zu verschieben – nach rechts. Denn mal angenommen, die SPD und die Grünen sind auf Dauer nicht machtgeil genug, was dann?

Dann gibt es noch eine andere Option, die schon eine Weile machtgeil mit den Füßen scharrt, jenseits der Mauer. Wir wissen das. Du weißt das. Wenn die nächsten 18 Jahre mit dir als Kanzler realistisch sein sollen, muss auch diese Option irgendwann auf den Tisch. Zum ersten Mal spätestens 2029, wenn die Bilanz deiner ersten vier Jahre sichtbar wird und sich die Menschen noch viel mehr nach Alternativen umsehen werden. Man muss beizeiten bereit sein, Kompromisse zu machen. Niemand hatte jemals die Absicht, eine Brandmauer zu errichten. Das haben immer nur die anderen erzählt. VA

Tiago Sierra Sierratds / Pixabay.com

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