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Ein letztes Wort im Mai

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Ein letztes Wort im Mai


Ein letztes Wort

mit dem Ministerpräsidenten Stephan Weil

 

Herr Weil, heute sprechen wir für die Mai-Ausgabe. Was machen Sie am 1. Mai?
Ich bin auf einer DGB-Veranstaltung.

Es ist der Tag der Arbeit. Vielleicht erläutern Sie mir mal kurz, warum dieser Feiertag noch zeitgemäß und vielleicht auch wichtig ist.
Wir leben unverändert in einer Arbeitsgesellschaft. Die meisten Menschen in Deutschland und auch weltweit sind abhängig Beschäftigte. Und Menschen in abhängiger Beschäftigung müssen sich zusammentun, um ihre Rechte durchzusetzen. Das klappt in Deutschland noch relativ gut, aber auch bei uns geht die Tarifbindung immer weiter zurück. In anderen Ländern gibt es allerdings noch sehr viel mehr zu tun für die Arbeitnehmerrechte als bei uns. Der internationale Tag der Arbeit ist also wichtig, um uns daran zu erinnern, was bereits erreicht wurde und was noch erreicht werden muss. Ich finde diesen Tag aber noch aus einem anderen Grund wichtig. Ich glaube, dass Arbeit ein ganz entscheidender Faktor für ein glückliches Leben ist. Davon bin ich fest überzeugt. Wer einer Arbeit nachgeht, die zufrieden macht und unter guten Bedingungen stattfindet, hat ein vergleichsweise besseres Leben, als jemand der keine Arbeit hat oder eine unbefriedigende Arbeit, die dennoch kaum zum Leben reicht. Der Tag der Arbeit ist für mich also auch wichtig, um uns an den Wert von guter Arbeit zu erinnern.

Am 1. Mai ist immer viel von Solidarität die Rede. Den Begriff können Sie mir als aufrechter Sozialdemokrat bestimmt wunderbar erklären …
(Lacht) Man hält zusammen, man steht zusammen, man unterstützt sich gegenseitig, man braucht sich gegenseitig. Übrigens ebenfalls eine unabdingbare Voraussetzung für ein zufriedenes Leben. Ich habe diesen Gedanken, dass jeder und jede sich selbst der und die Nächste sein sollte, noch nie so richtig verstanden. Nach dem Motto: wenn alle an sich denken, ist an alle gedacht. Für unsere Gesellschaft ist das kein guter Weg. Gleichwohl scheint es bei uns einen Trend in diese Richtung zu geben. Und das sollten wir im Auge behalten. Es kann einem nur gutgehen, wenn es den anderen auch gut geht.

Solidarität als Kitt für eine gut funktionierende Gesellschaft?
Unbedingt! Gemeinschaft ist wichtig. Und auf die Gefahr hin, dass ich hier Phrasen dresche: Geld allein macht tatsächlich nicht glücklich. Was uns wirklich glücklich macht, das sind Freundschaften, Beziehungen, Austausch, Zusammenarbeit und Begegnungen. Und dies auch bei der Arbeit. Darum bin ich beim Thema Homeoffice vorsichtig. Natürlich erhöht mobiles Arbeiten die Flexibilität der Beschäftigten und kann Vorteile für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bringen. Aber für das kollegiale Miteinander und den inhaltlichen Austausch ist die gemeinsame Arbeit an einem gemeinsamen Arbeitsort unverzichtbar.

Den Begriff der Work-Life-Balance sehe ich deswegen durchaus kritisch. Im Grunde wird durch diese Unterscheidung zwischen Arbeit und Leben signalisiert, dass ein größerer Teil der Lebenszeit offenbar nicht als Teil des Lebens empfunden wird. Das kann doch nicht unser Ernst sein! Ich habe zum Glück immer Arbeit gehabt, die ich als Teil meines Lebens empfunden habe und die für mich auch eine Erfüllung war. Und ich denke, dass es eigentlich darum gehen sollte, so eine Aufgabe zu suchen und zu finden. Im Trend scheint derzeit eher der Wunsch zu sein, möglichst wenig in diesem System eingebunden zu sein und möglichst viel Zeit zur freien Verfügung zu haben. Ich bin nicht überzeugt, dass das alle Menschen gleichermaßen glücklich macht. Und ich fürchte, so funktioniert es unterm Strich auch insgesamt nicht mit unserer Wirtschaft.

Die Forderung nach einem starken Sozialstaat und einer leistungsfähigen öffentlichen Daseinsvorsorge unterschreiben Sie trotzdem ohne Wenn und Aber, richtig?
Ja, natürlich. Es gibt diesen alten Satz aus der Geschichte der Arbeiterbewegung: Nur die Starken können sich einen schwachen Staat leisten. Natürlich kann ein Millionär für fast alle Risiken vorsorgen. Mit einem kleinen, überschaubaren Einkommen kann man das definitiv nicht. Ich halte es für eine große Qualität, dass unser Sozialstaat für so etwas Vorsorge trägt.

In den vergangenen Wochen wurde in Deutschland ja viel über die diversen Streiks diskutiert. Die Gewerkschaften sahen sich der Kritik ausgesetzt, die Gesellschaft in Geiselhaft zu nehmen und Deutschland lahmzulegen. Was sagen Sie diesen kritischen Stimmen?
Streiks sind selbstverständlich absolut notwendig, wenn man im Konfliktfall Einfluss auf Arbeitsbedingungen nehmen will. Schon wieder so ein alter, wahrer Satz: „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“ Da sind wir wieder bei der Solidarität. Typischerweise sind ja die Kräfteverhältnisse so, dass der Arbeitgeber, meist ein Unternehmen, eine größere Macht hat als der oder die einzelne Beschäftigte. Das ändert sich nur durch den Schulterschluss. Ein wirklich historisches Erfolgsrezept.

Ganz davon abgesehen gibt es in Deutschland vergleichsweise wenig Streiks, gerade im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, wie z. B. Frankreich. Das liegt insbesondere auch an der in Deutschland etablierten und erfolgreichen Sozialpartnerschaft. Es gibt natürlich Konflikte zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, aber diese werden meist sehr dialogorientiert gelöst. Ich verstehe natürlich trotzdem, dass für Eltern der Streik in Kitas ein echtes Problem ist, aber ich würde daraus trotzdem nicht die Schlussfolgerung ziehen wollen, dass man über die Berechtigung von Streiks nachdenken sollte. Das würde ich für komplett falsch halten.

Kritische Stimmen zu den Streiks gab es im Bund auch vom Ampelpartner FDP.
Streik ist in Deutschland ein Grundrecht und im Grundgesetz verankert – und dies zurecht. Die Tarifverhandlungen sind Sache der Sozialpartner. Tariferhöhungen einzufordern, gerade vor dem Hintergrund einer hohen Inflation, ist die Aufgabe der Gewerkschaften. Und dies im Zweifel eben auch mit dem legitimen Instrument des Streiks. Würden sie sich anders verhalten, würden sie ihren Job verfehlen.

Wie sieht es denn bei den Gewerkschaften aus, was die Mitgliedszahlen angeht? Das war ja die vergangenen Jahre eher rückläufig …
Das ist bei den einzelnen Gewerkschaften sehr unterschiedlich. Gerade im öffentlichen Dienst und auch im Industriesektor führen Tarifkonflikte aber nicht selten zu einem Mitgliederzuwachs. Hier sind wir auch wieder beim Thema Solidarität. Die Beschäftigten haben in der Vergangenheit im Zweifel immer mehr erreicht, wenn sie sich in Gewerkschaften zusammengetan habe.

Ein massives Problem ist die Tarifflucht, oder?
Ja, das sehe ich mit großer Sorge. Die Zahl der Arbeitsplätze, die tarifgebunden sind, geht stetig zurück. Immer mehr Unternehmen verabschieden sich – in Niedersachsen sind es nur noch knapp über 50 Prozent und damit sind wir in Deutschland sogar über dem Durchschnitt. Wozu das führen kann, das sehen wir beispielsweise in der Altenpflege. Da haben wir traditionell einen ganz schlechten Organisationsgrad. Und es verwundert darum nicht, wenn Arbeitsbedingungen dort problematisch ausfallen. Fest steht, dass sich die Menschen eher keinen Gefallen tun, wenn sie einen Bogen um die Gewerkschaften machen.

Bei den großen, internationalen Unternehmen, die auch in Deutschland Standorte haben, gibt es die Tendenz, die Rechte der Arbeitnehmer*innen nicht ganz so sehr in den Fokus zu stellen, um es mal charmant auszudrücken. Betriebsräte haben es in solchen Unternehmen schwer. Sie waren neulich nicht bei Amazon zu Besuch …
Amazon hatte den Termin kurzfristig ohne Presseöffentlichkeit und Beteiligung des Betriebsrats geplant. Daraufhin habe ich meinen Besuch abgesagt. Es gibt mittlerweile aber eine erneute Einladung von Amazon, der ich demnächst gerne folge, um dann vor Ort unter anderem auch über die Situation der Betriebsräte zu sprechen.

Es gibt bei vielen, gerade auch bei sehr großen Unternehmen diesen Geist, dass Betriebsräte nur stören. Und dann wird ziemlich massiv dagegen gearbeitet.
Ja, das sogenannte Union Busting. Das ist ein Problem. Wir hatten in Deutschland mal eine Tarifbindung von über 70 Prozent. Dabei sind starke Gewerkschaften und Betriebsräte nicht allein ein Vorteil für die Mitglieder, sie sind auch insgesamt für die Gesellschaft sinnvoll, zumindest wenn es mit der Sozialpartnerschaft so läuft wie in Deutschland. Gerade in den Krisen haben auch die Unternehmen nämlich festgestellt, dass die Gewerkschaften eine große Hilfe waren. Beispielsweise während der Weltfinanzkrise 2008/2009. Damals haben die Gewerkschaften alles dafür getan, dass sowohl die Beschäftigten als auch die Betriebe gut durch die Krise kommen. Denn es gibt ja auch ein übergeordnetes gemeinsames Interesse: sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer möchten, dass es dem jeweiligen Unternehmen gut geht.

Interview: Lars Kompa

 

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Der Freundeskreis im Gespräch im Mai

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Der Freundeskreis im Gespräch im Mai


Diesen Monat haben wir mit Justin Hahn, Geschäftsführung im Pavillon, und Michael Lenzen, stellvertretender Geschäftsführer von Neues Land e.V., gesprochen – über die Situation zwischen Hauptbahnhof und Weiße-Kreuz-Platz sowie über die Pläne der Umgestaltung des Raschplatzes.

Wer seid ihr und was macht?

JH – Ich bin Justin Laura Hahn, 27 Jahre alt und bin in Hannover aufgewachsen, habe aber kurz auf dem Dorf gewohnt. Das war ganz entspannt. So ein bisschen Bauernhof-Feeling als Kind mitzubekommen, ist ganz schön. Dann sind wir aber zurück in die Stadt und ich habe immer ca. 500 Meter entfernt vom Pavillon gewohnt, habe mein Abi gemacht und mich 2014 für ein FSJ für Politik entschieden – und das auch schon im Pavillon. Mir wurde damit die Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau mehr oder weniger vor die Füße gelegt. Das habe ich gemacht bis 2018. Ich hatte ein Stipendium von der IHK und entsprechend etwas Geld zur Verfügung für Weiterbildungen neben der Arbeit: erst eine Weiterbildung zur Wirtschaftsfachwirtin, jetzt zur Betriebswirtin. Und dann war Generationswechsel im Pavillon. Ich habe anfangs im Bereich Gesellschaft und Politik gearbeitet, Großprojekte betreut, viel zum Thema Inklusionsprojekte gemacht – bin dann aber so ein bisschen in der Verwaltung hängengeblieben. Dann war klar, dass mein alter Ausbilder, Till Strehlke, in Rente geht, und es gab die Aussicht, dass ich seine Stelle, die Verwaltungsleitung, übernehme – von der FSJlerin zur Verwaltungsleitung und Ausbilderin in so kurzer Zeit, das war schon ein super Angebot. Als schließlich auch klar war, dass unser Geschäftsführer, Christoph Sure, aufhört, haben wir einen umfangreichen Prozess gestartet und letztlich Verwaltungs- und Finanzleitung und Geschäftsführung zusammengelegt. Jetzt bin ich beides, seit 2022. Ich finde das klasse, weil wir als Doppelspitze arbeiten, also quasi die Verantwortung geteilt haben, und sowieso recht hierarchiearm arbeiten. Es ist schon eine Herausforderung in meinem Alter eine solche Stelle zu besetzen aber genau im Pavillon fühlt es sich richtig an.

ML – Ich bin Michael Lenzen, 51 Jahre jung, seit 30 Jahren in Hannover, komme aber aus dem Rheinland, aus Siegburg, und bin eigentlich auch auf dem Land groß geworden, auf einem Bauernhof. So zwischen 14 und 18 Jahren hatte ich eine heftige Zeit, was Alkohol und Drogen anging, bin aber durch einen Schulfreund in einen Jugendkreis gekommen, in dem niemand Drogen genommen oder Alkohol getrunken hat. Mich hat trotzdem seither die Frage beschäftigt, wie man Menschen helfen kann, die richtig tief abstürzen? Weil eben auch einer meiner besten Freunde heroinabhängig wurde … und auch einige andere. Darum habe ich mir einige Einrichtungen für den Zivildienst angeguckt und bin 1992 hier beim Neuen Land gelandet. Ich habe während des Dienstes gemerkt, wie hart und herausfordernd die Arbeit ist, habe aber danach den Impuls gehabt, nach einer Ausbildung zum Krankenpfleger, dass ich es wagen und weitermachen soll beim Neuen Land. Gute Entscheidung – ich habe meine Frau auf der Arbeit kennengelernt. Nebenbei habe ich hier an der Fachhochschule noch Soziale Arbeit studiert und die Immaturenprüfung gemacht. Ich habe Hannover bereits von vielen Seiten kennengelernt, die einem sonst eher verborgen bleiben. Ich hätte nie gedacht, dass 30 Jahre Neues Land e.V. daraus werden würden. Davon 21 Jahre im Auffanghaus, in der Clearingstation. Unsere drei Kinder sind auch dort geboren. Wir haben zwei leibliche Kinder und ein Pflegekind, das wir adoptiert haben, weil die Mutter drogenabhängig gewesen ist. Wir haben ein Stück unseres Lebens in der Oststadt, in der Clearingstation, mit den Patient*innen (wir nennen sie „Gäste“) geteilt, und unter einem Dach zusammen gewohnt. Dann haben wir 10 Jahre im Haus der Hoffnung in Ahlem gewohnt und sind jetzt vor zwei Wochen nach Amelith gezogen, unser Therapie- und Nachsorgezentrum. Ich habe noch die Ausbildung als Sozialtherapeut gemacht und gemerkt, dass das eine wertvolle Weiterbildung war. Seit 2011 bin ich nun auch im Vorstand. Wir sind dort zu dritt … insgesamt hat das Neue Land rund 80 haupt- und 70 ehrenamtliche Mitarbeiter an drei Standorten.

Du hast den Weißekreuzplatz und den Bahnhofsbereich angesprochen. Aktuell ist ja der Raschplatz ein großes Thema und wird oft als Problemzone oder Schmuddelecke bezeichnet. Ist das auch euer Eindruck? Wie würdet ihr die Situation beschreiben?

JH – Ich würde schon sagen, dass es Problematiken an diesen Plätzen gibt. Ich finde den Weißekreuzplatz nicht so heikel, wie immer dargestellt, aber gerade die Raschplatz-Unterführung zum Andreas-Hermes-Platz ist bedenklich und in den letzten fünf Jahren noch problematischer geworden. Das Sicherheitsgefühl fehlt dort, das zeigt sich etwa, wenn unsere Kolleg*innen abends Feierabend machen und sich beim Heimweg unwohl fühlen. Das ist schon schwieriger geworden. Und wir sind da ja so mittendrin. Wir sind gewollt ein offenes Haus – das werden wir auch nicht ändern, egal, wie sich die bahnhofsnahen Plätze entwickeln. Wir haben das offene Foyer und bei uns kann jeder reinkommen, sich aufwärmen, sich hinsetzen und das Internet und die Toiletten nutzen …

ML – Auf jeden Fall ist es um den Pavillon schmuddeliger geworden, aber der Raschplatz hat sich äußerlich gesehen zum Positiven verändert, wenn man bedenkt, wie der vor 10 oder 15 Jahren ausgesehen hat. Auch die Passerelle: Das hat durch die vielen Umbauten, die in den letzten fünf bis acht Jahren stattgefunden haben, ein anderes Erscheinungsbild. Aber die Stimmung hat sich verändert und es sind definitiv mehr Randgruppen und mehr Obdachlose in der Innenstadt. Ich finde es richtig, dass es um den Raschplatz viele Angebote für Obdachlose gibt, aber das bedeutet auch, dass Leute aus der Region hinzukommen. Und wir haben einen Zuwachs an Osteuropäern. Es ist also äußerlich schöner, aber innerlich weit angespannter.

JH – Und auch anonymer. Vor sechs, sieben Jahren kannte man die Leute, die da unten waren vom Sehen. Jetzt sind es viel mehr wechselnde Personen. Auch wir als Pavillon-Mitarbeitende kriegen das mit. Früher kannte man seine Platznachbar*innen und hat ihnen mal Kaffee angeboten oder hinten auf dem Parkplatz gequatscht. Da war die Aggressivität noch nicht so hoch. Es ist heute schwierig für uns, damit umzugehen, weil wir niemanden ausschließen wollen. Da ist dann einerseits dieses Unbehagen der Kolleg*innen und andererseits wollen wir nicht auf diese Schiene: „Brauchen wir einen kommunalen Ordnungsdienst?“

Obdachlose und Drogenabhängige sollten Hilfe bekommen, da sind sich alle einig, zugleich scheint es aber doch so, dass man sagt: „Bitte möglichst nicht vor meiner Haustür.“ Spielt dieser Zwiespalt in das Unbehagen hinein, die Thematik anzusprechen?

ML – Ich finde, es ist nach wie vor eine Herausforderung. Ich gehe ja durch die Stadt und bin Privatperson und Neues Land gleichzeitig. Und es ist heute echt schwer hier, weil du diese Masse vorfindest. Wie gehst du damit um? Ich habe mich gefreut, als vor zwei, drei Jahren der Aufschrei kam und die Medien davon voll waren: „Was geschieht mit dem Raschplatz?“ und „Es gibt viel zu wenig Einrichtungen.“ Und Privatpersonen haben gesagt: „Dann tun wir was.“ Es gab diese Einzelpersonenhilfen. Das ist der Umkehrschluss: Wenn das Gefühl da ist, es geschieht nicht genug, denkt man als Privatperson nochmal mehr nach.

Ist das so die Tendenz? Ist die Hilfsbereitschaft gestiegen? Man könnte ja auch vermuten, dass die Leute eher aus Selbstschutz dicht machen und sich noch mehr weggucken als früher.

ML – Ich erlebe Hannover, auch als Spiegelbild für Deutschland, sehr zerrissen. Die Hilfsbereitschaft ist gestiegen, definitiv, aber auch die Polarisierung. Und wenn du dir die Stadtteile anguckst: In dem einen „Herzlich willkommen“, in einem anderen „Bleibt mir vom Leib“.

Für das Konzept mit dem Volleyballfeld gab es viel Spott und Häme …

JH – Nochmals Energie reinzustecken in die Plätze, finde ich super. Da liegt auch viel Potenzial. Jetzt aber einfach irgendwas draufzusetzen, bedeutet, dass das Klientel vor Ort weggedacht wird. Mehrere Punkte finde ich problematisch: Erstens, dass es für jeden Platz ein eigenes Gremium gibt. Es gibt eine Gruppe zum Raschplatz, eine zum Andreas-Hermes-Platz, eine zum Weißekreuzplatz. Diese Gruppen sind nicht sehr beteiligungsorientiert. Mir fehlt ein Gesamtkonzept. Die Verbindung von Lister Meile und Innenstadt muss einfach zusammen gedacht werden. Was auch fehlt, ist die Einbindung der Hilfseinrichtungen vor Ort. Und mit den Leuten vor Ort wird nicht gesprochen. Es gab eine HAZ-Umfrage, was „die Szene“ von den Plänen hält. Die Umfrage wurde aber vor dem Hauptbahnhof durchgeführt, wo die Punks sitzen, ein ganz anderes Klientel. Ich finde es auf der anderen Seite gut, dass darüber nachgedacht wird, am Andreas-Hermes-Platz einen Lesegarten einzurichten, oder den Weißekreuzplatz so herzurichten, dass da ein Spielplatz entsteht. Das ist für uns als Pavillon gut, weil wir den Platz besser nutzen können, beim Masala-Weltmarkt oder beim Klatschmohnfestival. Solche Investitionen finden wir super, aber die Personen vor Ort müssen zur Mitarbeit eingeladen werden, sie müssen das mitgestalten. Und es gab diese Pläne. Es gab eine Arbeitsgruppe zum Andreas-Hermes-Platz rund um Transition Town. Die haben sich überlegt, was man mit dem Brunnen macht, wie man ein Beteiligungsprojekt mit den Menschen dort hinbekommt – das wurde aber nicht gehört.

ML – Dreh- und Angelpunkt für mich oder für uns als Neues Land ist Streetwork. Diese vier Stellen, die zusätzlich hinzukommen sollen. Es geht ja darum, keine Verdrängungspolitik zu betreiben, sondern für die Leute da zu sein. Entsprechend ist unterstützenswert, was angedacht ist. Wir haben eigentlich seit vier, fünf Jahren eine tolle Entwicklung in Hannover, weil Wohnungslosen- und Suchthilfe näher zusammengerückt sind. Das haben wir vor allem unseren Sucht- und Drogenbeauftragten zu verdanken, aber auch anderen Helfer*innen. Es gibt schon lange nicht mehr den klassischen Drogenabhängigen und den klassischen Obdachlosen, sondern wir haben ein buntes Sammelsurium. Dem wird man nur gerecht, wenn die unterschiedlichen Hilfestränge enger zusammenrücken. Das ist meines Erachtens schon gut geschehen, auch, wenn natürlich in Arbeitskreisen etc. noch mehr Vernetzung möglich ist. Aber es war eben auch ein großer Aufschrei bei den Suchthilfeeinrichtungen nötig. Wir als Neues Land haben ebenfalls eine Stellungnahme geschrieben, da Suchthilfeeinrichtungen in diesen Prozess nicht miteinbezogen wurden. Und es ist nach wie vor eine Gefahr, dass das, was sich in den vergangenen Jahren aufgebaut hat an Miteinander, von der Stadt wieder ausgebremst wird. Reine Verdrängung wird es nicht bringen. Das haben wir ja schon seit 30 Jahren, dieses Szene-Hopping …

Denkt ihr, dass eine Verdrängung angestrebt wird, weil der Bahnhof für Besucher*innen eine einladende Fassade bieten soll?

JH – Ich würde schon sagen, dass das auch ein Grund ist. Es sieht einfach nicht schön aus, wenn man hinten aus dem Hauptbahnhof rauskommt. Und wenn man sich überlegt, wo das Mecki hinziehen soll … Ich glaube schon, dass das Image-Aufpolierung ist. Und Verdrängung scheint da Mittel zum Zweck zu sein.

ML – Vor Lidl am Raschplatz muss was passieren, denn es ist ein Unterschied, ob sich dort ein paar Leute aufhalten oder ob es wirklich viele sind, sodass Passanten vertrieben werden. Deswegen ist es folgerichtig, dass es eine gewisse Verdrängungspolitik geben muss. Und wenn wir Hand in Hand arbeiten, dass Einrichtungen sich auch so zuarbeiten mit ihren Öffnungszeiten, dass man nicht an einem Ort verharrt, sondern letztlich auch die Hilfseinrichtungen so auseinander sind, dass man eben in Bewegung ist und sich keine so großen Ansammlungen bilden, dann macht das gepaart damit, dass man die Plätze verändert, Sinn. Aber allein darauf zu setzen, dass da Leute Volleyball spielen und die anderen verdrängt werden, ist zu kurz gedacht.

JH – Auf dem Weißekreuzplatz, muss man dazusagen, gibt es ja auch das Schwarmkunst Konzept panta rhei, bei dem schon innerhalb der Drucksache die Beteiligung der Szene vor Ort mitgedacht ist. Ich glaube, es kommt jetzt wieder darauf an, dass Akteur*innen wie wir als Pavillon, aber auch andere Kunst- und Kulturschaffende, dafür sorgen, Angebote zu schaffen. Dafür braucht es natürlich etwas Geld …

ML – Ich sage mal etwas provokativ, es hat damit zu tun, wie weit man will, dass Randgruppen weiterhin eine soziale Teilhabe in der Stadt haben. Die ganzen dezentralen Projekte, wo man nachts schlafen und sich auch tagsüber aufhalten konnte, sind in meinen Augen teils sehr hoffnungslose Orte: quasi Endstationen. Das ist nichts, um noch am Leben zu partizipieren und zu merken, sie sind in der Innenstadt noch gewollt – auch, wenn bestimmte Punkte nicht in Ordnung sind und man umdenken muss. Das ist ja eine Diskrepanz und die gilt es zum Teil auch mit ihnen zu besprechen.

JH – Ja. Und wenn wir den Masala-Weltmarkt machen, dann tanzt die Szene vorne in der ersten Reihe mit. Das muss man einfach mitdenken und die Besucher*innen entsprechend damit konfrontieren, dass das so in Ordnung ist, solange sich alle benehmen.

 

CK

 

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Stadtkinder essen: Marra Pizzeria Napoli

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Stadtkinder essen: Marra Pizzeria Napoli


Stadtkinder essen_ Marra Pizzeria Napoli

Italienische Restaurants gibt es in Hannover einige. Eigentlich sogar so viele, dass man eine eigene Rubrik damit füllen könnte. Wie viele davon wohl „Napoli“ heißen? Na, man kann es sich denken.

Und so geht es in diesem Monat in eine der mutmaßlich vielen Pizza- & Pasterien namens „Napoli“ – oh, wie wir wünschten, dies wäre der Standard für alle gleichnamigen Etablissements!

Ein winziger Laden auf der Deisterstraße in Linden: Davor stehen zu Dekorationszwecken Körbe mit frischem Gemüse, innen ist es eng, denn es wurden so viele Tische in den Gastraum gequetscht, wie es eben möglich war. Darauf rot-weiß-karierte Tischdecken, an den Wänden Familienfotos, Girlanden aus Plastikgemüse und Zierrat aller Art. Wir vermissen ein Bild von Papst Pius – stattdessen finden wir mehrere Aufnahmen von Diego Maradona. Nah dran. Italien, Argentinien, Hauptsache, Madrid, oder so ähnlich.

Trotz oder gerade wegen dieser Kuriosität fühlen wir uns direkt wohl. Es fühlt sich nach Urlaub an, wir möchten direkt auf einen der winzigen Tische springen und Tarantella tanzen, zumindest erwarten wir aber, dass die Dame des Hauses temperamentvoll mit Tellern nach ihrem Ehemann wirft. Nichts davon passiert allerdings, stattdessen begrüßen uns sowohl die Servicekraft, der Inhaber und die Inhaberin (unbewaffnet) alle einzeln und freuen sich, dass wir da sind.

Um diese Freude zu unterstreichen, serviert man uns Brot mit unterschiedlichen Dips, frisches Gebäck und eine kleine Tasse Kürbissuppe als Gruß aus der Küche, während wir uns mit einem italienischen Bier (3,00€) und einem Limoncello-Spritz (7,00€) auf alles einstimmen, was da noch kommen mag. Was uns freut und die Entscheidung erleichtert: Die Karte an Standardgerichten ist klein, aber es gibt eine beachtliche Auswahl an saisonalen Gerichten. Wir entscheiden uns für eine Pizza mit Blauschimmelkäse und Avocado (12,00€), sowie für ein Rumpsteak mit Pilz-Pasta und gegrilltem Frühlingsgemüse (26,00€) und werden nach dem gewünschten Gargrad des Fleisches gefragt. So geht das! Eine Empfehlung für den korrespondieren Rotwein gibt‘s noch dazu, der gehen wir gerne nach (7,00€).

Die Pizza ist italienisch – nicht amerikanisch oder das, was Deutsche oder Gastro-Ketten als Pizza bezeichnen. Der Teig wurde lange geführt und schmeckt nach was, die offenkundig lange gekochte Tomatensugo unterstreicht den leicht bitteren Gorgonzola und die Avocado rundet den Geschmack perfekt ab. Nicht superfancy, aber absolut stimmig. Das Fleisch kommt genauso medium-rare wie bestellt und ist von guter Qualität. Das Grillgemüse, bestehend aus weißem und grünen Spargel, Rübchen, rote Beete, Plattbohnen, Auberginen und Zucchini hat noch Biss und schmeckt herrlich mediterran. Der Knaller allerdings sind die Nudeln in Pilzsauce – absolut phantastisch. Die Portion ist allerdings so groß, dass kein Mensch sie aufessen kann. Wieder kommen sämtliche Mitarbeiter an unseren Tisch. „Gut?“ „Sehr!“ „Iss doch noch noch bisschen!“ „Ich kann nicht mehr!“ „Soll ich es dir einpacken?“ Als wir das verneinen, bekommen wir zum Nachtisch „wenigstens“ noch zwei Schokoladeneier und hausgemachten Limoncello serviert.

Fazit: Auch, wenn Martin Scorsese trotz passender Kulisse hier wohl kaum seinen nächsten Film drehen wird, kann man dieses Restaurant getrost als DAS Napoli in Hannover bezeichnen und alle STADTKIND-Leser*innen sollten sich selbst davon überzeugen.

Marra Pizzeria Napoli

Deisterstraße 40

30449 Hannover

0511-454882

Öffnungszeiten: Mittwoch – Sonntag, 16:00-23:00

IH, Fotos Gero Drnek

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A little help from my friends e.V.

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A little help from my friends e.V.


Ehrenamtlichen Engagement – A little help from my friends e.V.

Wenn das Geld an allen Ecken und Enden für die kleinsten Notwendigkeiten nicht reicht – das ist bittere Realität im reichen Deutschland für viele bedürftige Menschen. Der Verein A little help from my friends e.V. springt seit 2014 genau dann ein, wenn es sonst niemand tut.

Dennis Wiedenroth (Manufaktum), Dr. Stefanie Holm und Erik von Hoerschelmann, Spendenaktion: 1 € für jedes verkaufte Gerster – Rezept extra für Little Help von Manufaktum-Bächer entwickelt.

Was macht ein Mensch, für dessen Nöte keine Institution verantwortlich ist, der durchs Raster fällt? Man denkt ja immer, wir leben in einem Staat, der für jede*n sorgt. Wir haben ein gutes System, aber dieses System hat Lücken. Und wir brauchen diesen Verein, der die Lücken füllt“, erklärt Ann-Katrin Sessoyeff. Sie arbeitet beim Jobcenter in Langenhagen und ist eine der mittlerweile etwa 550 Botschafter*innen, die bedürftige Menschen in Notsituationen an den Verein vermitteln.

A little help from my friends e.V. hilft schnell und unbürokratisch Menschen in Hannover, die unverschuldet in eine finanzielle Notsituation geraten sind und bei denen die bestehenden sozialen Strukturen eben nicht greifen. Die Bespiele für diese Notsituationen sind schier endlos. Schon die kleinsten Beträge können für einige Menschen große Herausforderung darstellen. „Es geht hier nicht um Reichtümer. Manchmal kann man eben mit kleinen Dingen schon Freude verbreiten und Nöte lindern“, macht Sessoyeff deutlich. Das waren in der Vergangenheit zum Beispiel offene Medikamentenrechnungen, die Zahlung der Stromrechnung einer schwer depressiven Frau oder die Übernahme der Mietschulden einer alleinerziehenden, schwangeren Mutter, die sonst obdachlos geworden wäre.

Ich sehe jeden Tag, von morgens bis abends die Not in unserem eigenen Land. Wenn eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern nicht weiß, wie sie schon Mitte des Monats das Essen auf den Tisch bekommen soll, dann ist das ein akutes Problem. Auch wenn wir in einem reichen Land leben. Der Staat regelt nicht alles“, betont Sessoyeff. Die Botschafter*innen, wie auch Sessoyeff, sind Mitarbeiter*innen aus vielen verschiedenen Institutionen, wie der Diakonie, der Caritas, der AIDS-Hilfe, der Bahnhofsmission und diverser Jobcenter. „Unsere Aufgabe ist es, Bedarfe zu erkennen und an den Verein weiterzuleiten. Wir stellen dann einen kurzen Antrag, bürgen, dass der Bedarf echt ist und Frau Dr. Holm entscheidet, wie viel Geld der Verein im jeweiligen Fall zur Unterstützung zur Verfügung stellen kann“, erklärt Sessoyeff.

Ann-Katrin Sessoyeff

Stefanie Holm ist Ärztin und die Initiatorin des Vereins. In ihrer Praxis begegneten ihr immer wieder Menschen, bei denen kleinere Summen zu großen Problemen führten. „Anfangs hat Frau Dr. Holm diesen Menschen noch oft Geld aus eigener Tasche zugesteckt“, erzählt Sessoyeff. Dann hatte sie die Idee für den Verein. 2014 wurde A little help from my friends ins Leben gerufen. „Der Verein lebt von Spenden, die zu 100 Prozent dort ankommen, wo sie benötigt werden. Niemand aus dem Vorstand oder von den Botschafter*innen bekommt einen Cent. Alle sind einfach mit Herzblut dabei“, betont Sessoyeff. Die Spenden generiert der Verein durch Privatpersonen, größere Spenden von Firmen oder durch Spendenveranstaltungen. „Wenn die Menschen sehen könnten, wie glücklich sie Bedürftige mit ihren Spenden machen, kämen sicher viel mehr Spenden bei „little help“ an.“

Jule Merx

A little help from my friends e.V.

www.help-my-friends.org

HypoVereinsbank (UniCredit Bank AG) Hannover

IBAN: DE 85 2003 0000 0015 9480 11

BIC: HYVEDEMM 300

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Der besondere Laden: Marien-Apotheke

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Der besondere Laden: Marien-Apotheke


Der besondere Laden – Die Marien-Apotheke

Tabletten gegen den Reizhusten, ein Wundermittelchen gegen die pochenden Kopfschmerzen oder eine Creme gegen die trockene, juckende Haut. Apotheken sind Anlaufstellen für Momente, in denen wir uns nicht ganz so fit fühlen. Die Helfenden in der Not. In Hannover sticht die Marien-Apotheke ganz besonders hervor – und das seit 150 Jahren.

Wir bilden eigentlich alles ab, was es auf dem Markt gibt. Es gibt nichts, was wir nicht können“, erklärt Philip Winter, seit 2018 alleiniger Inhaber der Marien-Apotheke. Von der Klinikversorgung, einem eigenen Steril-Labor, einer Zytostatika-Abteilung, einem Schwerpunkt für Erkrankte an Multiple Sklerose und eine Versorgung von Hämophilie-Patienten bis zur intensiven Beratung der Kundschaft – die Marien-Apotheke ist besonders breit aufgestellt. „Geht nicht, gibt’s nicht. Denn wo andere aufhören, machen wir weiter. Das ist unsere Mission. Irgendwie finden wir – im gesetzlichen Rahmen – immer eine Lösung, in allen Bereichen. Ob bei der Herstellung von Arzneimitteln oder bei Telefonaten mit den Kund*innen bei abrechnungstechnischen Fragen: Wir versuchen alles, dass es irgendwie funktioniert“, beschreibt Andrea Steding den Anspruch, die seit 15 Jahren in der Marien-Apotheke arbeitet.

Diese Vielseitigkeit macht unseren Arbeitsplatz zu etwas ganz Besonderem. Kein Tag ist gleich. Das kann auch anstrengend sein, aber es macht unsere Arbeit immer wieder spannend. Das macht unheimlich Spaß. Apotheke ist schon toll“, fügt Winter hinzu.

Ein Konzept, dass seit 1873 funktioniert. „Tradition und Fortschritt – das ist unsere Devise. Sich immer nach vorne zu orientieren, ist ein ganz wichtiger Punkt. Das ist auch das Besondere an Herrn Winter – er ist ein sehr kreativer Kopf, der ganz viele Ideen hat und uns immer nach vorne zieht. So sind wir stets auf der Höhe der Zeit, erzählt Andrea Steding. „Eine große Portion Glück gehört natürlich auch dazu“, fügt Winter hinzu. „Aber wir haben uns natürlich nie gescheut, neue Dinge auszuprobieren – auch wenn wir wussten, dass das zunächst keinen wirtschaftlichen Erfolg bringt. Wir sehen das als unsere Verpflichtung, unsere Dienstleistung, unsere Aufgabe als Apotheke.“

Seit der Gründung befindet sich die Apotheke in der Marienstraße. „Wir waren die achte Apotheke, die damals in Hannover eröffnete“, erzählt Winter. Das 150-jährige Bestehen wird jetzt im Mai, dem Gründungsmonat, gebührend mit vielen Aktionen gefeiert. Das Team der Marien-Apotheke hat sich einiges einfallen lassen: Aktionen für die Kleinsten, Beratungstage und eine Tombola erwarten die Kundschaft. 150 Jahre, 150 Cent (kostet ein Los), 150 tolle Preise – bei der Tombola kann man unter anderem einen Reisegutschein vom Reisebüro Beckmann und einen Speisegutschein vom Ristorante Tesoro gewinnen. Dazu locken Gewinne von Eis 2000, vom Restaurant Zio Totonno, von Betten Raymond, vom Restaurant Ginza und vom Restaurant Ca Phao Die Erlöse der Tombola werden dem Verein für krebskranke Kinder gespendet.

Mit der Aktion will die Marien-Apotheke ihrer Kundschaft etwas zurückgeben. „Ohne sie, aber auch ohne unseren Mitarbeitenden und unseren Arztpraxen wären wir nicht da, wo wir jetzt sind. Unser Paket stimmt einfach. Das ist ein Dank an alle, die dazu beitragen. Das beginnt bei den Reinigungskräften, die dafür sorgen, dass unsere Apotheke immer tipptopp aussieht und geht in alle Strukturen“, betont Winter. Er resümiert: „Das Schönste am Ende des Tages ist es, für unsere Kundschaft da zu sein. Wir haben diesen Beruf ja ergriffen, weil wir helfen wollen. Mit unserer Tätigkeit wollen wir dazu beitragen, Krankheiten zu lindern oder im besten Fall zu heilen. Und das auch gerne noch weitere 150 Jahre!“

Jule Merx

Marien-Apotheke
Marienstraße 55, 30171 Hannover
www.marien-apotheke-hannover.de
E-Mail info@marien-apotheke-hannover.de
Telefon 0511 3534070

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Randgruppenbeleidigung im Mai

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Randgruppenbeleidigung im Mai


Desinteressierte

Du bist es ist einfach. Gottes Geschenk. Gar kein Zweifel. Und darum ist es wichtig und richtig, dass die Welt erfährt, was du denkst und fühlst. Wer du bist. Was dich beschäftigt. Was dich bewegt. Wie es generell so läuft bei dir. Und es läuft natürlich super! Seht und hört und staunt!

Deine Sätze beginnen alle mit „Ich …“ und deine Sätze enden nie mit einem Fragezeichen. Du kannst dich einen ganzen Abend und gerne auch eine ganze Nacht lang bestens darüber unterhalten, wie geil du bist, ohne den Namen deines Gesprächspartners herauszufinden. Ohne überhaupt irgendwas über denjenigen zu erfahren, dem du so eifrig einen Blumenkohl an die Hörmuschel laberst. Dein Thema, das bist allein du. Was könnte interessanter sein? Und schon geht es los mit deinen Ergüssen über deine Herrlichkeit, Verbalonanie pur. Zweifel sind dir völlig fremd. Und dein Gegenüber bleibt dir völlig fremd. Denn du interessierst dich nicht die Bohne für andere. Du interessierst dich eigentlich für gar nichts, außer für dich.

Und so steht man dir ein bisschen ratlos gegenüber und versucht, ein höflicher Mensch zu bleiben. Man versucht nicht zu lachen, als man erfährt, dass du ausgerechnet Journalist bist. Man versucht, keine Miene zu verziehen. Währen du schwallerst und schwallerst und schwallerst. Deinen Job bist du gerade los, sie waren in der Redaktion einfach nicht schnell genug für dich, sie haben deine Genialität nicht verstanden, du warst wahrscheinlich einfach zu sehr Überflieger und dann entsteht natürlich Neid. Dann ist es besser, irgendwann einfach zu gehen. Du wärst darum auch von allein bald gegangen. Wenn sie dir nicht mit der Kündigung zuvorgekommen wären, hättest du gekündigt. Und klar, sie konnten diese Kündigung nur lächerlich begründen. Du hättest in deinen Interviews zu viel von dir erzählt, deine Fragen seien immer weitaus länger gewesen als die Antworten der Interviewten und nachgefragt oder nachgehakt hättest du nie. Lächerlich. Deine Fragen und Einlassungen seien doch im Gegenteil gerade das Salz in der Suppe gewesen Was soll man denn machen, wenn einem bei den Interviews nur langweilige Menschen vor die Nase gesetzt werden, die so gar nichts Spannendes zu erzählen haben. Da muss man dann halt kreativ reagieren und die ganze Geschichte entsprechend aufbrezeln. Oder etwa nicht?

Was bleibt einem übrig als zu nicken, wenn man nicht unhöflich sein will? Und schon geht es weiter mit der feuchtfröhlichen Selbstdarstellung. Jetzt steht die richtige Ernährung auf der Gesprächsliste. Man erfährt, wie du auf die Idee gekommen bist, Vegetarier zu werden, damals, schon vor Jahren. Als die ganze Problematik in den Medien noch gar kein Thema war. Du warst schon immer ein Vordenker. Und man kommt einfach nicht dazwischen, während es Argumente für den Fleischverzicht hagelt, man schafft ihn nicht, diesen einen Satz, der eigentlich gesagt werden müsste: „Ich bin längst Vegetarier und das schon ein paar Jahre länger als du!“ Der Satz bleibt ungesagt. Ist ja auch nicht so spannend.

Spannend ist, dass du jetzt große Pläne hast. Du willst noch einmal richtig angreifen. Und darum bist du auf dieser Party. Denn dieser Typ von dieser Zeitung soll auch da sein. Und wenn du den in die Finger bekommst und der checkt, was für ein Genie du bist, dann wird richtig Karriere gemacht. Der muss es halt nur kapieren. Dass er sich reines Gold ins Haus holen würde. Ein richtig spannendes Exemplar. Einen Lottogewinn, wenn man so will. Und dann wird man plötzlich stehengelassen. „Entschuldige, ich sehe da drüben jemanden, den ich kenne, glaube ich. War interessant, sich mit dir zu unterhalten. Wie war noch mal dein Name?“ Die Antwort bleibt ungehört.

VA

 

PS: Ich glaube, ich habe keinen Job für dich.

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