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Ein letztes Wort im Juli

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Ein letztes Wort im Juli


Herr Weil, heute sprechen wir mal über Geld.

Macht allein auch nicht glücklich.

Stimmt, aber hilft doch sehr. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität hat ja vielen ein bisschen Hoffnung gemacht. Jetzt liegt der erste Monitoringbericht vor – und statt geplanter 37 Milliarden sind 2025 nur 24 Milliarden abgeflossen. Die Zielerreichungsquote liegt bei 54 Prozent. Haben Sie das so erwartet?

Bei diesen Zahlen habe ich noch kein Störgefühl. Die meisten Vorhaben müssen neu geplant oder zumindest überarbeitet werden, weil finanzielle Mittel jahrelang nicht in Sicht waren. Und dann sind Genehmigungsverfahren notwendig – das weiß jeder private Bauherr. Das Programm ist auf zwölf Jahre angelegt. Ich bin sehr sicher, am Ende ist kein Cent übrig, aber noch sehr viel Bedarf.

Das Finanzministerium spricht von einem „insgesamt erfolgreichen Start“. Ist das nicht doch ein bisschen schöngeredet?

Solche Programme fangen immer verzögert an, aber wenn sie erst einmal im Betriebsmodus sind, dann klappt es auch. Viele Vorhaben lagen einfach jahrelang in den Schubladen, weil nie jemand gedacht hat, dafür könnte jemals Geld da sein. Und jetzt braucht es ein bisschen Zeit, bis es sich in Gang setzt.

Ihre Worte in Gottes Ohr. Ich frag Sie in ein paar Monaten noch mal …

Ich bin mir sicher, dass die Quote dann schon ganz anders aussehen wird.

Die Länder haben bislang etwa ein Prozent ihrer Mittel ausgegeben. Gilt dasselbe? Braucht es einfach Zeit?

Es ist ähnlich. Die Länder haben schlicht nicht damit gerechnet, was da für ein Geldsegen auf sie zukommt. Wenn in drei Jahren die Zahlen immer noch so sind wie heute, muss man sehr genau hinschauen. Aber nach dem ersten Jahr, eigentlich den ersten Monaten, ist es einfach zu früh für eine Bewertung. 

Ihr Optimismus ist bewundernswert.

Das ist nicht nur Optimismus, sondern in diesem Fall auch ein gewisses Erfahrungswissen.

Das Geld, das bisher geflossen ist, landet vor allem bei Krankenhäusern und beim Sport. Bei der Digitalisierung, der Forschung und bei der Energie sind gerade mal 2,7 Prozent angekommen. Läuft da nicht grundsätzlich etwas falsch? Das Geld fließt offensichtlich nicht dorthin, wo Transformation wirklich nötig wäre.

Bei den Krankenhäusern ist es dringend notwendig. Viele würden in den kommenden Jahren allein baulich aus der Kurve fliegen, wenn nichts passiert. Gebraucht werden sie aber unbedingt. Und beim Sport wirkt vor allem die Sportmilliarde. Die ist auch gut investiert. Wenn ich allein in Hannover sehe, wie viele Vereine Bedarf haben, dann kommt das Geld genau richtig an.

Aber jetzt zur Forschung, Digitalisierung und Energie …

Das dürfte im Grundsatz die gleichen Gründe haben, auch da braucht es konkrete Konzepte, Planungen und Genehmigungen. 

Der Investitionsbeirat kritisiert, dass es kein ressortübergreifendes Zukunftsbild gibt. Haben Union und SPD das Sondervermögen beschlossen, ohne zu wissen, wo es wirken soll?

Aus der Überschrift ergeben sich ja schon zwei Schwerpunkte: Infrastruktur und Klimaschutz. Ich hätte nichts gegen ein gemeinsames und konkretisiertes Zukunftsbild über alle Ressorts hinweg. Aber ob das dann einen großen Mehrwert für die Umsetzung des Programms hätte oder es im Gegenteil schwieriger in der Umsetzung macht, wissen wir nicht. 

Kann man ein Land mit Geld modernisieren, das strukturell gar nicht in der Lage ist, dieses Geld sinnvoll auszugeben? Zu wenig Personal in den Planungsämtern, überbordende Bürokratie …

Das ist ein zentraler Faktor, der in der Tat für Verzögerungen sorgt. Alle planenden Bauberufe sind echte Mangelberufe. Deswegen ist es wichtig, dass parallel die Entbürokratisierung – zum Beispiel im Baurecht – massiv vorangetrieben würde. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit Bundesbauministerin Hubertz, und da klang an, dass sie bis zur Sommerpause noch Vorschläge machen wird, die das Bauen deutlich beschleunigen sollen. Das klang für mich ganz gut. Wenn man sehr komplizierte Systeme hat, braucht es entsprechend viele Fachleute, die das alles durchdringen. Diese Leute fehlen. Also muss das System einfacher werden.

Der WWF kritisiert, dass im Monitoring gar nicht geprüft wird, ob die Ausgaben auf Klimaneutralität einzahlen – obwohl das im Titel steht. Eine Mogelpackung?

Ich gehe davon aus, dass innerhalb der Vorhaben die Frage nach Nachhaltigkeit sauber mit abgeprüft wird – das ist eigentlich längst Standard. Und wenn das punktuell nicht der Fall sein sollte, gibt es hoffentlich andere Vorgaben, die das sicherstellen. Natürlich zahlt die Sanierung einer maroden Straße nicht direkt auf Klimaneutralität ein – es sei denn, es fahren nur noch Elektroautos drüber. Aber man muss ja trotzdem realistisch bleiben und das Notwendige tun. Es gibt über zehntausend marode Brücken in Deutschland, das kann doch so nicht bleiben. 

Im Kernhaushalt sind die Zukunftsausgaben gleichzeitig rückläufig. Das Sondervermögen kompensiert, was anderswo wegfällt. Wie viel Netto-Fortschritt bleibt übrig? Und was wäre ein Weg?

Wir haben einen riesigen Investitionsstau und es ist illusorisch zu glauben, den in ein paar Jahren überwinden zu können. Deutschland liegt beim internationalen Vergleich öffentlicher Investitionen irgendwo auf einer Höhe mit Costa Rica. Das ist das Ergebnis von jahrzehntelangem Sparen, ohne die Folgen zu beachten. Was jetzt mit dem Sondervermögen begonnen wurde, muss natürlich nachgehalten werden. Und das hängt unmittelbar mit der Frage der Schuldenbremse zusammen. Eine Schuldenbremse muss Investitionen dauerhaft möglich machen, nicht nur über Sondervermögen. Wenn ein Land aufhört zu investieren, hat es ein ganz anderes Problem. Das sieht man an der Deutschen Bahn. Warum klemmt es dort an allen Ecken? Weil die Bahn über Jahrzehnte unterfinanziert war. Es ist immer besser, gleich zu investieren, als die Investitionen auf später zu verschieben. Dann wird es nur noch teurer.

Wenn man die 500 Milliarden auf alle Kinder unter 14 Jahren aufgeteilt hätte, wäre jedes Kind mit 48.000 Euro ausgestattet worden. Wäre das nicht eine echte Zukunftsinvestition gewesen?

Da mache ich mal ein großes Fragezeichen. Erstens gibt es da noch die Eltern, die dieses Geld dann einsetzen müssen. Viele würden das im Sinne ihrer Kinder tun, aber wahrscheinlich längst nicht alle. Und zweitens: Was hätten diese Kinder von ihren 48.000 Euro, wenn sie erwachsen sind? Ein Land, das sie erst wieder aufbauen müssen. Eine gute Perspektive sieht anders aus.

Für mich ist das Entscheidende die Bildung. Deutschland hat im Grunde nur diese Ressource. Müssten es nicht an der Stelle ein Sondervermögen geben.

Mit Geld allein ist es da nicht getan. Das große Problem ist die zu geringe Zahl gut ausgebildeter Lehrkräfte und anderer Fachkräfte, die auch bei größten Anstrengungen nicht zur Verfügung stehen. Die brauchen wir dringend, zumal in vielen Familien die Ausgangslage nicht besser geworden ist in den vergangenen Jahren. Ich mache mit bei der Hausaufgabenhilfe in einer Grundschule und sehe jedes Mal, wie schwierig die Situation für viele Kinder ist. Kinder aus migrantischen Familien zum Beispiel, in denen nur die Heimatsprache gesprochen wird, haben vom ersten Schultag an Unterricht in einer Fremdsprache. Es ist wirklich bewegend zu sehen, wie diese Kinder kämpfen und vorankommen wollen. Sie brauchen dabei unsere maximale Unterstützung. Und leider ist es viel zu oft auch so, dass es schlicht ein Problem beim Förderung von Kindern durch Eltern gibt. Deswegen startet Niedersachsen jetzt überall mit der Ganztagsschule, zunächst im ersten Jahrgang und dann aufsteigend. Das ist der Versuch, dieses Defizit über ein öffentliches Angebot aufzufangen, aber das kann natürlich nur die zweitbeste Lösung sein.

» Interview: Lars Kompa

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Editorial 07-2026

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Editorial 07-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Peter Karst getroffen, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hannover und CDU-Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters. Ich kenne ihn schon eine Weile, darum duzen wir uns im Interview. Peter kommt aus einer Juristenfamilie, er hat selbst Jura studiert, aber dann einen etwas anderen Weg gewählt. Er war kurz Rechtsanwalt, dann unter anderem Geschäftsführer eines Bäckerinnungsverbands in Bochum und Strukturwandelmanager im Ruhrgebiet. Was auf den ersten Blick sehr unterschiedlich klingt, war für ihn, wie er selbst sagt, aber eigentlich immer dasselbe, nämlich Interessenvertretung, Verwaltungsleitung und Politikberatung. Und was er dabei für sich in Anspruch nehmen kann, ist, erfolgreich gewesen zu sein. Seine Bilanz konnte sich bisher immer sehen lassen. Und man merkt ihm an, dass er große Lust hätte, in ein paar Jahren auf eine mindestens ebenso erfolgreiche Bilanz als Oberbürgermeister Hannovers zurückzublicken. Er will. Und es würde ihm Spaß machen. Einen Plan hat er auch, wobei eines ihm sehr wichtig ist, nämlich die Dinge bis zu Ende zu denken. Quidquid agis, prudenter agas et respice finem, heißt es im Familienwappen. Was du auch tust, tue es klug und bedenke das Ende. Das klingt für mich nach einer ziemlich guten Grundlage für kommunale Politik.

Aber Moment mal, Peter ist in der CDU. Und was in der CDU so gedacht und auch beschlossen wird, korrespondiert nur sehr begrenzt mit meinen Überzeugungen. Manche seiner Ideen sind mir aber trotzdem sympathisch. Ist es in der Kommunalpolitik eigentlich spielentscheidend, zu welcher Seite man sich rechnet? Was spielen die großen Grundsatzdiskussionen für eine Rolle, wenn man ein Schwimmbad erhalten will oder einen Fahrradweg sanieren muss? Ideologie ist nicht per se schlecht. Sie gibt Orientierung, aber sie ist aus meiner Sicht eher ein Werkzeug und kein Selbstzweck. Und wie jedes Werkzeug taugt sie für manche Aufgaben besser als für andere. Für viele Probleme braucht man keine Weltanschauung, sondern den Willen, die Probleme zu lösen. Und genau das kann für mich die Stärke kommunaler Politik sein. Alle demokratischen Parteien müssen bereit sein, gelegentlich die Fahnen kurz einzurollen und zu fragen, was gebraucht wird und was funktionieren könnte. Was gar nicht so einfach ist, wie es klingt, denn der Reflex, alles durch die eigene ideologische Brille zu filtern, sitzt oft ziemlich tief. Auch bei mir.

Damit ich hier nicht falsch verstanden werde: Was ich hier gerade geschrieben habe, ist kein Plädoyer gegen die Brandmauer. Im Gegenteil, ich spiele mit großer Überzeugung im Team Brandmauer. Kennt noch jemand Hans-Peter Briegel? Das bin ich. Ich halte die AfD für eine gefährliche Partei mit absurden Ideen. Auch im Kommunalen hört der Pragmatismus an genau dieser Stelle bei mir auf. Die AfD ist kein Teil irgendeiner Lösung, sondern ein leider wachsendes Problem. Und ein Gegenmittel ist ganz sicher keine Kooperation oder gar Anbiederung, ein probates Mittel ist eine vernünftige, progressive Politik, die ein Ziel hat und nicht bloß verwaltet.

Aber zurück zu Peter. Während des Gesprächs fällt mir immer wieder auf, dass er (noch) kein Politiker ist. Er formuliert nicht vorsichtig oder ausweichend. Auch mit den üblichen Phrasen ist er sparsam. Mir sitzt einfach jemand gegenüber, der Probleme lösen will. Ich mag das. Wir haben in Deutschland gerade eine seltsame Gleichzeitigkeit: Auf der einen Seite ein wachsendes, tiefes Misstrauen gegenüber „der Politik“ als Institution. Auf der anderen Seite eine Politikkultur, die Quereinsteiger*innen mit echten Biographien und echter Expertise eher als Risiko behandelt. Dass das zusammengehört, dieses Misstrauen und die Monokultur, liegt eigentlich auf der Hand. Vielleicht ist so ein Quereinsteiger wie Peter schon ein Teil der Lösung. Vielleicht aber auch nicht. Mehr im Interview ab Seite 58.

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Das Juli-Kind ist da!

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Das Juli-Kind ist da!


Im Juli gibt es ein weiteres Interview mit einem Oberbürgermeiserkandidaten, diesen Monat: Peter Karst von der CDU. Welche Ideen er hat und wie er Hannover in Zukunft sieht, lest ihr ab Seite 58 im neuen Heft!

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Ein offener Brief … an Kouri Richins

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Ein offener Brief … an Kouri Richins


Liebe Kouri, tja. Was kann man sagen? Glückwunsch? Und wenn, wozu genau? Einmal kurz rekapitulieren: Es ist doch richtig, dass du eines Nachts deinen Mann tot im Ehebett gefunden und daraufhin ein Kinderbuch über Trauerbewältigung geschrieben hast, weil du nicht wusstest, wie du deinen drei kleinen Söhnen sonst dieses Dilemma verklickern solltest? Und es stimmt doch, dass das Kinderbuch durch die Decke ging, from Utah to the world, du durch sämtliche Frühstücksfernseh-Formate getingelt bist und dich für dein kindgerechtes und einfühlsames Buch hast feiern und für den Verlust deines Mannes hast bemitleiden lassen? Und es ist doch auch korrekt, dass dieses Buch in Wahrheit von einem Ghostwriter geschrieben wurde, du deinen Mann mit einer Moscow-Mule-Fetanylmischung vergiftet hast und dafür zu lebenslanger Haft verurteilt wurdest, oder? Na, da wissen wir ja jetzt, wozu wir gratulieren können: Zu so viel Kaltschnäuzigkeit, alle Achtung. Das muss man erst mal fertigbringen – oder besser nicht. Da wolltest du doch nur medienwirksam die trauernde Witwe und Mutter geben und dann kam doch alles raus, das ist wirklich dumm gelaufen.

Aber wir müssen da ganz pragmatisch denken: Zum Glück wurdest du erwischt. Nicht nur, weil Mörder*innen bestraft gehören, mit oder ohne Kinderbuch. Nein, wärst du damit durchgekommen, stünde zu befürchten, dass dein Beispiel Schule macht. Bei uns in Deutschland könnte das etwa so aussehen: Unser Kanzler Friedrich Merz (musst du dir nicht merken, wir versuchen, ihn bald loszuwerden) probiert gerade, das „Stadtbild zu säubern“. Klingt etwas eleganter als bei eurem Präsidenten, meint aber das Gleiche, nämlich Ausländer raus. Angenommen, ihm gelänge das jetzt und er würde nach der Richins-Methode vorgehen: Das Stadtbild wäre sauber, alle Ausländer und Menschen, die ihm aus anderen Gründen nicht gefallen (Queere, Behinderte, Arbeitslose, such dir was aus), wären weg. Es gäbe jetzt nur noch deutsche Restaurants, was natürlich extrem einseitig und langweilig wäre. Servicepersonal wäre auch Mangelware, weil sich der gemeine Deutsche in diesem Job meist als unterbezahlt wahrnimmt. Man müsste also sehr lange auf seine Portion Königsberger Klopse warten, egal, in welches Restaurant man geht.

Das wäre Merz nicht recht, ist anzunehmen. Also würde er Markus Söder (den Namen merk dir bitte auch nicht, Verschwendung von Speicherplatz) von seinem Ärger (und Hunger) erzählen. Dieser wiederum würde in Merz’ Namen ein Buch schreiben mit dem Titel „In Deutschland kann man nirgends mehr richtig essen gehen“ und Merz würde sich dann mit Leichenbittermiene vor seine Wähler stellen und sagen: „Das ist wirklich traurig. Aber es ist ganz bestimmt nicht die Schuld von uns Deutschen, dass der Pizzabaum und der Dönerstrauch hier nicht wachsen. Da war das Universum einfach sehr fies zu uns.“ Und schon wäre unser einfühlsamer Kanzler im Frühstücksfernsehen. Kann man sich ja gar nicht blöder ausdenken. Nein, bevor dein Vorgehen sich rumspricht, intervenieren wir lieber, besonders im Hinblick auf unseren Kanzler und seinen Hiwi Söder! Diesbezüglich noch eine rein hypothetische Frage: Wieviel Fentanyl müsste man denn da wohl so nehmen pro Cocktail? Und wie heißt eigentlich dein Ghostwriter?

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Tonträger Juni 2026

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Tonträger Juni 2026


Maite Kelly – „24/7“

Im Schlager ist die Welt noch in Ordnung. Liebe, Freundschaft, girls support girls, Durchhalteparolen und Sex. Allein in den ersten drei Songs hat Maite Kelly erstaunlich viel Sex, was bestimmt auch gut geht bei immer gleichem Beat und stoisch pumpender Bassdrum. Tja. Man muss diese Art von Musik schon aktiv gut finden wollen.

Melanie C – „Sweat“

Man stelle sich ein Jane Fonda-Aerobic-Video vor, textlich kommentiert von DJ Bobo, dann hat man’s ungefähr. Sackdoof stampfende Beats und dümmliche Motivationssprüche à la „take your chance, it’s time to dance“ oder solcher Quatsch. Einzig „One Track Mind“ hat Potenzial. Ein verdammt guter Song, der aber in Summe nichts reißt.

Foo Fighters – „Your Favorite Toy“

Deutlich angriffslustiger als sein Vorgänger „But here we are“ präsentiert sich das neue Werk mit neuem Drummer Ilan Rubin. Dabei wünschte man sich, vielleicht nicht ganz so oft angeschrien zu werden, irgendwann ist ja auch mal gut mit ostentativer Katharsis. Abgesehen vom bereits bekannten „Asking for a friend“ und dem sensationellen „Child Actor“ nur mittel.

Ringo Starr – „Long Long Road“

Der Mann ist sehr alt und er darf machen, wonach auch immer ihm der Sinn steht. Seit einiger Zeit ist das anscheinend Country. Auch wenn er mit der einen oder anderen Fab-Four-Referenz zurückblickt, klingt es, als fände Ringo sein Leben, so wie es jetzt ist, absolut spitze und es macht große Freude, ihm dabei zuzuhören.

Social Distortion – „Born to kill“

Endlich! 15 Jahre nach ihrem letzten Album schmeißen Mike Ness und seine Jungs was Neues auf den Markt. Oldschool-Attitüde trifft auf Eleganz und Hook trifft Hook trifft Hook. Ein besonderes Highlight dürfte der Honky-Tonk „Crazy Dreamer“ mit Lucinda Williams sein, während das Chris Isaak-Cover „Wicked Games“ wirklich nicht sein musste.

Thomas D – „Neocortex“

Es gibt wenig Schlimmeres, als wenn einem jemand auf spirituelle Art und Weise die Welt erklärt. Thomas D rappt hier ein ganzes Selbsthilfebuch, zwar mit Flow und bekannter musikalischer Qualität, aber doch lästig, während die wirklich schönen Storytelling-Momente wie in „Kurz zu mir“, „Auf Wiedersehen“ oder „Mein Nachbar“ leider zu kurz kommen.

V.A. – „We love Udo“ Das Udo Lindenberg Tribute-Album

Noch ein Album von der Sorte, na, darauf hat die Welt gewartet. Alles, was in der deutschen Musikszene Rang und Namen hat und ganz sicher ohne Udo völlig andere Wege eingeschlagen hätte, versammelt sich hier zur kollektiven Denkmalpflege. Während manche erwartungsgemäß farblos bleiben (Max Giesinger, Johannes Oerding, Michael Schulte oder Ina Müller), überbieten sich andere an Scheußlichkeiten. The Boss Hoss schunkeln sich unangenehm durch „Reeperbahn“ (nicht das „Penny Lane“-Cover, das andere), bei Thomas D. hofft man, der Sonderzug nach Pankow fährt durch bis Australien und Samy Amara und Deine Cousine – was hätte schön sein können – arbeiten sich bei „Horizont“ nervig aneinander ab. Positive Ausreißer sind Gentlemans Reggae-Version von „Eldorado“ und, man staune, „Na und?“ in der Interpretation von Tokio Hotel.

Madsen – „Smile“

Vielleicht ist das der Sound, den wir jetzt gerade brauchen. Wie immer treffen Madsen den kleinen, sensiblen Punkt zwischen Umarmung, Bestärkung und Eskapismus. Der letzte Longplayer „Hollywood“ schoss just an dem Tag auf Platz 1 der Albumcharts, da die Wendländer bei „Jamel rockt den Förster“ gegen Rechts auftraten. Das gibt einem ein bisschen Hoffnung. Ebenso wie die Tatsache, dass Madsen sich von dem gegen sie und den mitwirkenden Scheeßeler Kinderchor gerichteten Netz-Hass nach VÖ der Single „Auf die Barrikaden“ nicht einschüchtern ließen. Das ist exemplarisch für „Smile“. Du darfst durchhängen, du darfst auch straucheln, aber aufgeben darfst du nicht. Für alle, die lächeln, auch wenn ihnen gerade nicht danach ist: Madsens mittlerweile zehntes Album ist der Soundtrack zum Durchhalten.

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Bandporträt Juni 2026: Duo Suchanek & Peters

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Bandporträt Juni 2026: Duo Suchanek & Peters


Wir leben in einer Zeit, in der Algorithmen bestimmen, welche Musik wir finden und letztendlich mögen. Konzerttickets werden teurer, Clubs schließen und aufstrebende Musiker*innen hoffen, mit ihrem neuesten Kurzvideo möglichst viele Menschen zu erreichen. Es ist in der Musiklandschaft heutzutage nicht einfach, Fuß zu fassen. Was also tun? Das Duo Suchanek & Peters verfolgt einen ganz anderen Ansatz – sie suchen Verbindungen über Festivals, Begegnungen und Jamsessions, was nicht zuletzt an ihrem Genre liegt: Sie spielen Folk.

Duo Suchanek & Peters – das sind Ursula Suchanek (Quinton und Gesang) und Alexander „Alex“ Peters (Gitarre, Mandoline und Waldzither), Mitte 30 und Ende 20. Ihre musikalische Reise begann jeweils mit Instrumentalunterricht im Grundschulalter. Während Alex an der weiterführenden Schule seine ersten Berührungspunkte in einer Folk-AG hatte, war Folk für Ursula schon immer ein Thema – wobei sie nicht davon ausging, es selbst einmal zu spielen: „Ich dachte, man muss Folk mit der Muttermilch aufsaugen. Dabei ist das gerade das Besondere für mich am Folk: Er ist für alle erreichbar und hat so viele Gesichter: Gemeinschaft, Meditation, Party, Kunst, Ernst, überbordende Freude und vieles mehr.“ Folk biete zudem ein ganz anderes Verhältnis zwischen Künstler*innen und Publikum, sagt Alex: „In populären Musikrichtungen geht’s immer stark darum, eine Bühnensituation zu haben, quasi eine Top-Down-Beziehung. Einen Zusammenhalt gibt es dort in Fangemeinden. Im Folk hingegen wird gemeinsam musiziert und getanzt, und er stiftet auf eine ganz andere Art Gemeinschaft.“

Bevor sie zusammenfanden, haben beide bereits in der Folk-Szene koexistiert, etwa bei Festivals. Erste Gespräche und einige Jamsessions später kam dann die Idee für eine eigene Platte. „Wir haben überlegt: Was wäre, wenn man eine Session macht, auf Grundlage des Materials, was wir kennen, improvisiert, sich musikalisch die Bälle zuwirft und so eine musikalische Konversation führt?“ Drei Tage lang haben sie versucht, so viel wie möglich aufzunehmen. Das Ergebnis: Ihr erstes gemeinsames Album mit dem passenden Titel „Momentaufnahme“, erschienen am 2. Mai. Die Inspiration für ihre Musik nehmen sie aus den seit 300 Jahren existierenden, handschriftlich festgehaltenen Stücken der Tanzmusik. Folk gilt als immaterielles Kulturerbe – es geht also ums Bewahren, Erinnern, aber auch ums Adaptieren von nicht mehr zeitgemäßen Inhalten.

Bleibt die Frage, wie man die Leute von ihren Bildschirmen auf die Tanzfläche holt. Vor allem bei Festivals kann Folk ausprobiert werden – wie es sich anfühlt, die Musik zu spielen, darüber zu sprechen oder sich eben dazu zu bewegen. „Wir versuchen, Angebote gezielt für junge Leute zu schaffen, aber natürlich ist das nicht so einfach. Ich glaube, wer sich in der Popkultur schon wohl genug fühlt, hat schon alles. Aber allen, die Zweifel haben, ob Teil eines Fandoms zu sein genug Aufgehen in einer Gemeinschaft gibt, kann ich nur Mut machen, sich dem Folk einmal zu nähern“, so Alex. „Gerade die jungen Leute unter 18 sind wahnsinnig motiviert, weil es damit die Möglichkeit gibt, sich nicht nur gemeinsam zu betrinken, sondern auch kreativ zu sein, akustische Musik zu spielen und dadurch in direkter Verbindung zu stehen.“

Der Release des Albums wurde bereits mit einer kleinen Tour quer durch Deutschland gefeiert, Konzerte in Hannover und Umgebung sind, zumindest zusammen als Duo, erst einmal nicht geplant. In Zukunft möchten die beiden mit ihren Folk-Kolleg*innen weiterhin der Tanzmusik eine Bühne bieten und sie stärker im kulturellen Leben verankern.

» Larissa Peters

Mehr Infos und Termine auf duosuchanekpeters.de oder Instagram @duosuchanekpeters.

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