Lieber Gianni, gib jetzt bloß nicht auf! Wir wissen, die letzten Wochen waren hart. Dein kleiner Plan, die WM-Vermarktung scheibchenweise an Investoren zu verscherbeln, mit dem Bruder von Jared Kushner als Ankerinvestor, ist dir ziemlich krachend um die Ohren geflogen. Alle waren sie auf den Barrikaden. Aber das macht gar nichts. Im großen Spiel war das jetzt nur die Trinkpause in der ersten Halbzeit. Du wirst ja noch ein bisschen im Amt sein und bis du dann irgendwann aussteigst ist noch so ziemlich alles möglich. Weil du weißt, wen du anrufen und wohin du wie viel überweisen musst. Es ist noch nicht das Ende. Du wirst den Job noch erledigen, die endgültige Zerstörung des Fußballs, wie wir ihn kennen.
Um so diese alte, offene Rechnung zu begleichen. Alles erklärt sich aus deiner Biografie. Da spielt ein kleiner Junge im Wallis beim FC Folgore, nur Mittelmaß, kaum Talent, kein Torjäger, kein Kapitän, sondern nur Mädchen für alles. Trikots waschen, Spielpläne schreiben, Bälle aufpumpen. Traumatisch war’s, das Kindsein als gemobbter Rotschopf im Oberwallis, das hast du selbst mal öffentlich gemacht, mit zittriger Stimme, kurz vor einer WM. Es wäre aber auch so kein Geheimnis geblieben. Deine Familie hat das alles schon diverse Male ausgeplaudert. Wer weiß, was sie dir alles angetan haben, die Jungs aus deinem Team. Dein Kopf ähnelt schon sehr einem Fußball …
Wobei du in jungen Jahren noch keine Glatze hattest, vielleicht haben sie diesen „Spaß“ also ausgelassen. Aber traumatisch war’s wohl trotzdem. Und aus so einem Trauma, das muss man verstehen, erwächst eben irgendwann ein Plan. Damals hast du den Glauben verloren. Fairness, Ehre, der Sport um seiner selbst willen – alles Moppelkotze. Es geht darum, die Schlechten auszusortieren, bis ganz am Ende nur wenige sehr Starke übrigbleiben. Fußball ist harte Selektion. Und dich habe sie früh aussortiert.
Aber einen Gianni Infantino sortiert niemand einfach aus. Darum hast du begonnen, dich unentbehrlich zu machen. Du hast für deine Mannschaft erst Turniere organisiert. Und jetzt organisierst du den Weltfußball. Und zerlegst ihn Stück für Stück. Die WM-Vergabe an Saudi-Arabien, 2034, ganz ohne lästige Konkurrenz, das Rotationsprinzip so lange gedreht, bis nur noch ein Bewerber übrigblieb. Zwangsarbeit, Baustellentote, geschenkt. Den FIFA-Friedenspreis eigens für Donald Trump erfunden. Und spätestens bei der feierlichen Übergabe wussten alle, wozu so eine Glatze gut sein kann. Mit ein bisschen Öl tut es gar nicht so weh. Und Trump hat es sichtlich genossen. Er steht offensichtlich sehr drauf. Man kann ihm gar nicht genug hinten reinkriechen. Dein Büro hast du quasi in den Trump Tower verlegt, für die kurzen Wege, damit rote Karte im Zweifel keine roten Karten mehr sind.
Du hast mit all dem erreicht, was du erreichen wolltest. Der Fußball hat mal wieder sehr gelitten. Immer mehr schwarze Flecken auf der einst so reinweißen Weste des Königs Fußball. Nur dein neuster Coup ist dir nicht gelungen. Die Anteile am Weltfußball an Investoren verscherbeln, bevor irgendwer merkt, was passiert – ein schöner Plan, fast schon elegant in seiner Schamlosigkeit. Aber sie haben es leider doch zu schnell kapiert. Vorerst bist du nun gescheitert. Aber du hast jetzt diesen Freund im Weißen Haus. Vielleicht kauft der demnächst einfach die UEFA und dann ist Ruhe. Die FIFA hast du ja längst in der Tasche – mit den 110 von 211 Stimmen aus Südamerika, Afrika und Asien überstehst du jede Wahl, solange du weiter pünktlich die Fördermillionen überweist. Aber was tun mit der UEFA?
Zuerst Reue zeigen, den Kushner-Plan als „Missverständnis“ verkaufen und öffentlich Demut üben, bis das Schiedsverfahren der UEFA im Sande verläuft. Parallel bereits beginnen, die großen Klubs zu locken, mit besseren Slots und dickeren Preisgeldern bei einer möglichst aufgeblähten Klub-WM. Bayern, Real, PSG müssen ins Boot, die brauchen ein großes Stück des Kuchens. Und apropos, irgendwann wird auffallen, dass Ceferin plötzlich sehr entspannt wirkt, weil er diese neuen Beraterposten bei einer FIFA-Stiftung hat. Alle haben irgendeinen Preis, Aleksander eben auch. Und bis 2029 wirst du dann still und leise eine neue Version des Investorenplans durch die Hintertür einführen, diesmal ohne Kushner, mit freundlicherem Etikett und ganz viel Öl. Und spätestens 2031 ist es dann geschafft. Dann ist die Luft endgültig raus. Und deine Rache perfekt.
» GAH
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Jupiter Jones – „Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes“
Wenn da nicht der letzte Song auf der Platte wäre, „Immer noch (auf das Leben)“, wüsste man gar nicht, dass man da gerade eine ehemalige Punkband hört. Das Album hier ist jedenfalls lupenreiner Pop, was natürlich auch okay ist. Nur gefallen dieser schöne, glattgezogene Gesang und die massentauglich gesetzten Chöre eher Tante Mathilda als den die-hard-Fans.
Weezer – „Selftitled (The Gold Album)“
In den letzten Jahrzehnten haben Weezer so viel angestellt, da konnte einfach nicht alles großartig sein. Jedenfalls nicht so großartig wie ihr erstes, blaues Album. Und da sind sie jetzt wieder: Besinnung auf College- und Indierock, back to the roots und jeder-bringt-was-mit-Songwriting. Naheliegend, da das Cover in Gold zu gestalten. Sehr gelungen.
Grandma’s House – „Baby, You’re A Winner“
Zwei gleichgeschlechtliche Ehepaare aus Bristol gründen eine Grungeband, klingt wie der Plot eines Arthouse-Films, ist aber besser. Denn statt sich auf die gängigen 3-Akkord-Phrasen zu beschränken, haben die vier Damen hier detailreich an vielen schönen Tracks gearbeitet und eher einen Screaming-Trees-Grunge als einen Nirvana-Grunge geschaffen.
Electric Cowboy – „Tanzneid“
Worauf man hier neidisch sein soll, ist nicht zu erkennen. Auf das Feature mit Babymetal, die dem Song wenigstens ein bisschen Relevanz verschaffen? Oder das mit The Offspring, das klingt, als würde man zwei Titel zeitgleich abspielen? Sonst sieht es nämlich sehr schütter aus. Können die nicht einfach zurück in die Braunkohlezeche, aus der sie mal gekrochen kamen?
Ariana Grande – „Petal“
Man muss kein Fan sein, um ihre Qualitäten schätzen und sich daran erfreuen zu können. Statt über Exfreunde, Hater und die Garstigkeit des Lebens ganze Songs zu schreiben (looking at you, Taylor Swift), handelt Grande das in Nebensätzen ab und fokussiert sich, auch unter uneitler Zurücknahme ihres Gesangtalents, auf das große Ganze. Schön.
The Strokes – „Reality Awaits“
Immer wieder erstaunlich, wie man mit Dreistigkeit und offensiv zur Schau gestellter Bocklosigkeit so viel Atmosphäre kreieren kann. Es wird wohl dieses Songwriting-Talent sein, das die Strokes einmal mehr den Eindruck vermitteln lässt, nichts könnte ihnen egaler sein, als ob wir das gut finden, was die so machen. Aber das tun wir, ganz entschieden.
Hi!Spencer – „Immernie“
Ein Album als „,Coming of Age‘-Snuff“ zu betiteln, klingt erst einmal nicht wie ein Kompliment. Und doch: Wohl selten hat jemand gleichermaßen wohlklingend wie bildhaft einen wirklich seltsamen Lebensabschnitt beschrieben. Wenn man sich hektisch nach einem Erwachsenen umschaut, der das Problem löst, um dann zu merken: Oh. Das wäre dann wohl ich. „Immernie“ ist reifer als seine Vorgänger, was die schmerzlich genaue Bildsprache, die exakten Beobachtungen verdeutlichen: Der Moment in dem man merkt, wenn das hier vorbei ist, kommt’s nie wieder – in der Sekunde, wo der Sommer zum Herbst wird. Zuhause und die Entfremdung davon, das Begraben alter Ängste, Erich und sein Motel One sowie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Das alles zusammengefasst unter einem Cover mit einer zerplatzenden Kaugummiblase. Metaphorisch passend, mitreißend und wie aus dem Tagebuch. Stark!
Brandon Flowers – „Thrasher“
Wieder ein unscharfes Cover, wie schon bei „The Desired Effect“ von 2015. Aber das war’s dann auch schon mit Gemeinsamkeiten. Brandon Flowers hat hier seinen inneren Johnny Cash gechannelt und – stilecht in Nashville – ein Countryalbum gebaut. Und alle, die denken, das ließe nichts Gutes vermuten, liegen damit komplett richtig. Flowers, der keinen Hehl aus seiner Vorliebe für greasi- und cheesiness macht, scheint dem Indiepoprock nun voll und ganz abgeschworen zu haben. Stattdessen macht der 45-Jährige Musik, als wäre er 80. Bereits das Killers-Album „Pressure Machine“ war beseelt von einer unangenehmen Heartlandigkeit, „Thrasher“ setzt noch eins drauf. Religion, Folklore und Kleinstädte, in der alle auf ungute Weise verwandt sind, prägen nun mal weite Teile der Staaten, aber der Rest der Welt hatte nun mal mehr Spaß an „Mr. Brightside“. Schade.
» IH
Abgelegt unter Musik, TonträgerKommentare deaktiviert für Tonträger September 2026
Sie sind weniger eine klassische Band, mehr ein musikalisches Kollektiv. Was als Schnapsidee von Nic begann, ist inzwischen ein Projekt, in dem unterschiedliche musikalische Hintergründe und jede Menge Lust am Ausprobieren zusammenkommen. Obwohl die Musik tanzbar ist, geht es inhaltlich um eine Welt, die ziemlich am Arsch ist. Im Kern besteht Taper aus Nic Knoll, Emilie Sandin, Nina Freckles und Darian Tabatabaei. Keine zwei Konzerte haben bisher in der gleichen Besetzung stattgefunden. Der Kern bleibt derselbe, gleichzeitig bekommt die Musikalität der einzelnen Personen Raum. „Es ist eine Spielwiese“, sagt Nic.
Die musikalischen Wege der vier sind dabei nicht allzu unterschiedlich. Nina hat schon früh Musik gemacht, sich zunächst ins Musical verliebt und schließlich über das Songwriting zum Studiengang Popular Music gefunden. Darian begann mit etwa zwölf Jahren, Klavier zu spielen und zu singen, nahm Konzerte und Stadtfeste mit und schreibt inzwischen selbst Musicals und eigene Songs. Beide studierten in Hannover und hatten bereits eigene musikalische Projekte, bevor Nic sie für Taper ansprach. Auch Emilie kommt aus der Region, hat ihr eigenes Solo-Projekt und bringt eine weitere musikalische Farbe mit. „Ich find’s total schön, dass wir alle so unterschiedliche Charaktere in unserer eigenen Musik sind“, sagt Nina. „Diese unterschiedlichen Farben unterstützen Taper in dieser Vielfalt.“
Die Idee zur Band entstand allerdings zunächst aus einer ziemlich pragmatischen Situation: Nic hatte Songs herumliegen und einen Gig in der Kellerbar unter dem Theater am Küchengarten – aber keine Band. Eine klassische Besetzung wollte er nicht. „Was macht man, wenn man keine Standardbandbesetzung hat? Ich hatte da sowieso keine Lust drauf.“ Also holte er sich drei Sänger*innen ins Boot, die alle Gitarre und Keys spielen konnten. „Und seitdem habe ich die an der Backe.“ Nic selbst hat in Hannover Schlagzeug studiert und die musikalische Leitung und Produktion des Projekts weitgehend in der Hand. Die meisten Songs stammen aus seiner Feder, gleichzeitig entstehen Stücke auch in gemeinsamen Songwriting-Sessions. „Golden Fruit“ schrieb er etwa mit Nina, „AI Love You“ mit Darian, beides Songs vom kommenden Debüt-Album.
Auch musikalisch lässt sich Taper nicht besonders leicht in eine Schublade stecken. Der bisher veröffentlichte Song „America“ gibt laut Nic nur bedingt vor, wohin die Reise auf dem Album geht. Die einzelnen Stücke haben jeweils ihre eigene Klangwelt, einen gemeinsamen roten Faden gibt es trotzdem. „Es hat alles die gleiche Attitude“, sagt Nina. Laut Nic ist es eine Reise: Es beginnt mit etwas Britpop, geht über „komischen Gorillaz-Strand-Pop-Rock“ zu Siebziger-Pink-Floyd, macht einen Abstecher in Latino-HipHop und Trip-Hop und landet wieder beim Siebziger-Rock.
Inhaltlich gibt es allerdings einen deutlich erkennbaren roten Faden. „Es ist eine dystopische Verzerrung der Welt“, sagt Nina. Im Mittelpunkt stehe dabei weniger die kaputte Welt selbst als die Frage, wie Menschen auf sie reagieren. News Fatigue, gesellschaftliche Entwicklungen und das Gefühl, dass vieles gerade nicht besonders gut läuft, finden ihren Weg in die Songs. Gleichzeitig soll die Musik nicht nur schwere Kost sein. Das Album wird bunt, tanzbar und teilweise deutlich rockiger als der bisher veröffentlichte Song. Inspirieren lassen sie sich unter anderem von Peter Gabriel, Twenty One Pilots und den Gorillaz – letztere auch wegen ihrer kollaborativen Arbeitsweise. Bei den Chören darf es dagegen ruhig etwas oldschool sein, etwa in Richtung Eagles.
Alle Bandbeteiligten sind Vollzeitmusiker*innen, ausschließlich von Taper leben sie aber nicht. Geld verdienen sie hauptsächlich durch Covermusik, Arrangements, Produktionsjobs, Unterricht und andere musikalische Tätigkeiten. „Man ist eigentlich die ganze Zeit darauf angewiesen, dass man sich aus unterschiedlichen Bausteinen das Leben finanziell zusammensetzt“, erklärt Nina. Gerade deshalb sei es angenehm, dass Taper nicht auf Profit ausgerichtet sei. „Wir wollen geile Mucke machen und auf der Bühne eine Show hinlegen, die wir selber fühlen.“ Statt sich einem bestimmten Stil unterzuordnen, ist Taper also genau das Gegenteil, nämlich ein Ort, an dem die unterschiedlichen musikalischen Identitäten zusammenkommen dürfen. Taper klingt jedes Mal ein bisschen anders – aber immer nach Taper.
Im September soll das Album fertig sein und Ende des Monats erstmals hörbar werden, wenn auch zunächst nicht über die üblichen Streamingplattformen. Am 30. September spielt Taper ein Release-Konzert im Indiego Glocksee, außerdem ist die Band beim Fuchsbau Festival zu hören. Und während Nic zugibt, dass das Album „die ganzen Gehirnkapazitäten“ auffrisst, steht zumindest ein Wunsch für die Zukunft schon fest: „Lass mal eine Tour machen“, sagt Nina.
» Larissa Peters
Abgelegt unter Musik, MusikerporträtKommentare deaktiviert für Bandporträt September 2026: Taper
Manchmal führt der Weg zur eigenen Gründung nicht geradeaus. Bei Stefanie Klinger brauchte es sogar einen zweiten Anlauf. Heute hat sie mit ihrer Praxis für Gesundheitsprävention und Vitalanalyse in Neustadt am Rübenberge einen Ort geschaffen, an dem sie Menschen dabei unterstützen möchte, ihre Gesundheit besser zu verstehen und präventiv zu stärken. Ihr Ansatz: nicht vermuten, sondern messen – und aus den Ergebnissen konkrete Schritte für den Alltag ableiten.
„Ich begleite Menschen auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit – analysebasiert und individuell“, sagt Klinger. „Statt Vermutungen anzustellen, arbeite ich mit Zahlen, Daten und Fakten.“ Dafür nutzt sie unter anderem Trockenblutanalysen, Herzratenvariabilität (HRV) und Vitalanalysen. Die Ergebnisse sollen Hinweise auf Nährstoffversorgung, Stressregulation, Regeneration und Belastungen geben. Anschließend geht es um die Frage, was sich im täglichen Leben verändern lässt – bei Ernährung und Bewegung ebenso wie bei Schlaf, Stressmanagement und Entspannung. Entscheidend ist für Klinger dabei, dass ihre Kundinnen und Kunden die Zusammenhänge nachvollziehen können: „Mir ist wichtig, dass Menschen verstehen, was in ihrem Körper passiert, damit sie ihre Gesundheit aktiv mitgestalten können.“
Dass Klinger heute auf Prävention setzt, hat viel mit ihrer beruflichen Vergangenheit zu tun. Sie kommt aus der Kinderintensivpflege und war dort viele Jahre auch in leitender Funktion tätig. Dabei erlebte sie, welche Folgen es haben kann, wenn Gesundheit erst dann in den Mittelpunkt rückt, wenn bereits ernsthafte Probleme entstanden sind.
Parallel zu ihrer Arbeit beschäftigte sie sich intensiv mit Ernährung, Prävention und Stressregulation und absolvierte zahlreiche Aus- und Weiterbildungen zur analysebasierten Ernährungsberaterin. Irgendwann entstand daraus der Wunsch, sich selbstständig zu machen. Der erste Versuch verlief allerdings anders als geplant. Nach der Elternzeit hatte sich Klingers Lebenssituation verändert. Sie entschied sich zunächst, wieder in eine Festanstellung zurückzukehren. Die Idee von der Selbstständigkeit verschwand jedoch nicht. „Eine gute Idee darf auch nach einigen Jahren noch einmal aufgegriffen und weiterentwickelt werden“, sagt sie heute.
Der entscheidende neue Impuls kam schließlich durch den „Business Brunch“, den Klinger gemeinsam mit zwei weiteren Frauen in Neustadt gründete. Darüber ergab sich die Möglichkeit, einen eigenen Praxisraum zu übernehmen. Gleichzeitig stellte sie fest, dass ein klassischer Teilzeitjob weder zu ihren familiären Anforderungen noch zu ihrer Vorstellung einer zugewandten Gesundheitsarbeit passte. So wurde aus dem ersten Gründungsversuch kein Endpunkt, sondern die Grundlage für einen zweiten Start: die Praxis für Gesundheitsprävention und Vitalanalyse mit einem neu geschärften Konzept.
Zu ihr kommen Menschen, die sich beispielsweise müde oder erschöpft fühlen, unter Schlafproblemen oder innerer Unruhe leiden. Sie arbeitet außerdem mit Familien und Paaren mit Kinderwunsch sowie mit Menschen mit chronischen Erkrankungen, die ihre ärztliche Therapie im Bereich der Prävention ergänzen möchten. Zunehmend interessieren sich nach ihrer Erfahrung auch Unternehmen für Angebote zur Gesundheitsförderung ihrer Mitarbeitenden.
Dabei setzt Klinger wirtschaftlich bewusst nicht alles auf eine Karte. Neben der Praxis hat sie ein Network und eine Gesundheitscommunity aufgebaut. Hinzu kommt ihr regionales Netzwerk, darunter der von ihr mitgegründete Woman Business Brunch. Mehrere Standbeine seien für sie ein wichtiger Stabilitätsfaktor – und ermöglichten es ihr zugleich, sich für die einzelnen Menschen ausreichend Zeit zu nehmen.
Bei ihrem Neustart wurde Klinger von hannoverimpuls begleitet. Besonders wichtig war für sie dabei die Kontinuität: Ihre Ansprechpartnerin kannte bereits die Geschichte des ersten Gründungsversuchs und konnte ihre neue Situation entsprechend einordnen. „Wege entstehen beim Gehen“, sagt Klinger heute. „Entscheidend ist, den ersten Schritt zu machen und offen für Veränderungen und Weiterentwicklung zu bleiben.“
» AL
Healthcare Praxis für Gesundheitsprävention und Vitalanalyse Wunstorfer Str. 34, 31535 Neustadt am Rübenberge Tel. 01573 9132238 E-Mail: info@carelinchen.de www.carelinchen.de
Abgelegt unter Menschen, Stadtkinder sind mutigKommentare deaktiviert für Gründungsstory September 2026: Healthcare Praxis für Gesundheitsprävention und Vitalanalyse
Stefan Heuers neuer Gedichtband „und später die nacht“ mit ihrem aufgerissenen maul, erschienen im März dieses Jahres im Elif Verlag, beeindruckt mit Intensität und Dichte, ohne in Krokodilstränen und Kitsch abzurutschen. Persönlich und poetisch, ohne sich um größtmögliche Zugänglichkeit zu bemühen. Denn Heuer scheut nicht vor dem Unsagbaren zurück, gibt dem Verlust eine Sprache und fängt dadurch die „[sprachlosigkeit der anderen]“ ein. Der Ursprung liegt dabei in einem zufälligen Ereignis, das den in Burgdorf lebenden Autor so ergriff, dass er darüber schreiben musste.
Wobei eine Veröffentlichung im Verlag damals noch gar nicht geplant war. „Du triffst einen alten Schulfreund. Na, wie geht’s? Normalerweise kommt ein ‚ganz okay‘. Doch er sagt: ‚Nicht gut, ich sterbe bald.‘ Wie führt man das Gespräch weiter? Schon das nächste Wort ist das Schwerste“, erzählt Heuer. Aus diesem schweren ersten Wort folgten Gespräche, Notizen, Gedanken, Sätze und schließlich ein Buch. „Einmal im Prozess, stellt sich nicht mehr die Frage, ob man weiterschreibt – man tut es einfach“, sagt Heuer. Auch wenn während des Schreibens – und noch jetzt nach der Veröffentlichung – für ihn oft die Frage aufkam, ob er das überhaupt könne: so persönlich über die Krebserkrankung eines ehemaligen Schulfreunds zu schreiben. „Was fällt mir ein, über das Leben von jemandem zu schreiben? Ich bin ja kein Biograph“, reflektiert er. Trotz der Zweifel ermutigte ihn der Verleger des Elif Verlags, das Thema literarisch weiter zu gestalten. Erfahrung im Schreiben bringt Heuer dabei reichlich mit: Seit 1997 veröffentlichte er regelmäßig Werke der Lyrik, Prosa und experimentellen Kurzdramatik.
Der 80 seitenlange Gedichtband „und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul“ ist letztlich kein Krebstagebuch geworden, sondern „ein poetisches Werk über Freundschaft und Tod“. Er bietet Raum für Rückblicke und Reflexionen und ist das Persönlichste, was Heuer bis jetzt schrieb. Das merkte er, als er öffentlich daraus lesen sollte und es nicht konnte: „Vielleicht kann ich in ein, zwei Jahren locker darauf schauen, aber jetzt ist es noch zu nah.“ Dabei ist ihm die Auseinandersetzung mit Realität und Vergangenheit nicht fremd. Seine bisherigen Werke greifen oft die Wirklichkeit auf. Umso überraschender, dass diesmal das Schreiben ihn näher ans Thema brachte, statt Abstand zu schaffen. „Wenn du monatelang an so einem Buch arbeitest, bist du Tag und Nacht gedanklich darin. Das hat mich ausgelaugt“, meint Heuer. Als Leser*in ist das zum Glück anders: Die Sätze fordern, ohne zu überfordern.
Vielleicht liegt es an Heuers Wortakrobatik, seinen Vergleichen und Metaphern, den Zeitsprüngen, die in die Kindheit und Jugend zurückführen. Der Tod ist unausweichlich, doch Heuer vermeidet große Rührseligkeit. Er fängt dagegen das große Ganze ein: „[das spiel und sein limit]“, die Vergänglichkeit des Seins, das Leben, das man ins Feuer wirft: „[hör doch, wie du knisterst]“. „So zu schreiben, dass es für andere verständlich bleibt, war die größte Herausforderung“, hebt der 1957 geborene Künstler hervor. Heuer nutzt auch andere Ausdrucksformen: Collagen auf Röntgenbildern, Symbole des Kassettenrekorders – „das typische Ding aus meiner Jugendzeit“. Rewind, Play, Stop. „Es drängte mich, alles nicht nur in Worten, sondern auch visuell festzuhalten.“ Diese Elemente geben dem Buch Struktur. Mal spult auch der Text vor, dann wieder zurück. Hält inne, entzieht sich oft chronologischer und szenischer Reihenfolge. Oft der Blick zurück, wenn nach vorn nichts mehr kommt. Im Vordergrund steht dabei die Verdichtung der Realität „[ein letzter bissen licht. dann nacht]“, egal ob als Erinnerung [von den lerchen lernten wir flug und gesang, und mit getreidestoppeln bewaffnet zogen wir in den krieg] oder schonungslose Momentaufnahme im Krankenhaus „[kein duft nach weiter welt, nur frische kotze und urin]“. Trotz anfänglicher thematischer Scheu von Rezensierenden bestätigen ihm vor allem Leser*innen, dass die Veröffentlichung richtig war. Vielleicht, weil sie doch irgendwie Trost spendet, indem sie Krankheit, Abschied und Erinnerung poetisch ausdrückt, wenn eigene Worte fehlen und alle „[gedanken und lichter gedimmt]“ sind. Das Prinzip des Lebenswillens, der Kampf im kranken Menschen. Als Metapher: „[Die Schlange und der Mungo]“. Ein Buch, das sich ehrlich, abstrakt und doch ganz direkt dem Furchtbaren widmet, ohne das Schöne darin zu vergessen. Denn auf die eine oder andere Weise kämpft jede*r irgendwann mit der Schlange.
» AS
und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul Stefan Heuer Elif Verlag, 22 Euro
Foto: Matthias Stehr
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Für diese Ausgabe haben wir mit Sabine Busmann (SB), Geschäftsführerin des MusikZentrums Hannover, und Dr. Benedikt Poensgen (BP), der den Veranstaltungsbereich der Herrenhäuser Gärten leitet, gesprochen, stellvertretend für zwei Orte, die Hannovers Musikleben auf ganz unterschiedlichen Ebenen prägen: Während das MusikZentrum Nachwuchs fördert und niedrigschwellige Teilhabe ermöglicht, bringt Herrenhausen Musik auf die große, historische Bühne.
Skizziert zum Einstieg am besten kurz ein bisschen euren Werdegang …
SB: Ich bin vor 29 Jahren über eine Zeitungsannonce im MusikZentrum gelandet und habe seitdem fast alle Bereiche mit aufgebaut, vom Ausbildungs- und Projektbereich bis zum Veranstaltungsbetrieb. Ursprünglich komme ich als Geografin und biologisch-technische Assistentin aus den Naturwissenschaften – ein klassischer Quereinstieg in die Kultur.
BP: Und ich bin promovierter Musikwissenschaftler, war zwölf Jahre geschäftsführender Intendant der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen und habe dann 2010 das städtische Kulturbüro Hannover geleitet. 2021/22 war ich ein Jahr Geschäftsführer für die Musikkultur Rheinsberg GmbH und seit 2022 leite ich nun den Veranstaltungsbereich der Herrenhäuser Gärten.
Sabine, was macht das MusikZentrum Hannover eigentlich genau – und für wen?
SB: Wir sind eine gemeinnützige Einrichtung, die Musikkultur fördert und dabei soziale Ziele verfolgt. Soziales, Wirtschaft, Migration und Jugend – das ist bei uns sehr vielfältig. Ziel ist, dass möglichst viele Menschen aktiv Musik machen und niedrigschwellig teilhaben können. Wir sind Ausbildungsbetrieb der Stadt, mittlerweile in sechs Musikberufen. Unsere Veranstaltungshalle und unser Tonstudio sind wichtige Infrastruktur – für Nachwuchs und Ausbildung, aber auch für unseren eigenen Geschäftsbetrieb.
Benedikt, wie viele Veranstaltungen laufen im Jahr durch die Herrenhäuser Gärten, und was für Anfragen bekommst du, bzw. was ist dein Anspruch?
BP: Wir haben jährlich eine Vielzahl an Veranstaltungen in Herrenhausen – Eigenveranstaltungen wie das Kleine Fest, die Sommernächte im Gartentheater oder Herrenhausen Barock, dazu Kooperationen und Vermietungen wie das Wintervarieté oder die Kammermusikreihe, sowie eigene Vermittlungsprojekte wie die Akademie der Spiele oder die Early Birds für Schulklassen. Wichtig ist uns, dass eine Veranstaltung atmosphärisch zu uns passt – unabhängig vom Genre. 2023 haben wir etwa mit dem Asambura Ensemble ein Benefizkonzert für die Erdbebenopfer in Syrien und der Türkei veranstaltet, mit Musikern aus den betroffenen Ländern. Viele im Publikum haben die Galerie zum ersten Mal gesehen. Auch die jährliche Klubnacht im Gartentheater im August hat sich inzwischen weit herumgesprochen und lockt Menschen in den Garten, die sonst ohne einen solchen Anlass nie kämen – und die sich bei uns frei und wie in eine andere Welt entführt fühlen.
Was ist das Schönste an eurer Arbeit?
BP: Immer wieder zu erleben, wie sich Menschen aller Generationen und jeglicher Herkunft im Garten wohlfühlen. Sich durch das bei uns Erlebte anregen lassen und darüber hinaus nicht nur etwas gemeinsam erleben, sondern häufig sogar miteinander ins Gespräch kommen. Der Garten und seine historischen Gebäude bieten eine Atmosphäre, die zum Nachdenken, zur Begegnung, zum Austausch und zum Feiern einlädt – genau dafür wurde dieser Garten mit seinen Gebäuden einst gebaut und konzipiert.
SB: Kein Tag ist wie der andere, die Arbeit im MusikZentrum ist unfassbar facettenreich. Wir arbeiten in vielen Kooperationen und meist dezentral, dabei lernt man viele Menschen aus Hannover kennen. Gemeinsame Ideen mit unterschiedlichen Akteur*innen zu entwickeln, macht bessere und tragfähigere Lösungen möglich. Und durch die Ausbildung haben wir immer junge Menschen im Team, die frische Perspektiven mitbringen – für mich ist das MusikZentrum lebenslanges Lernen, und das macht mir große Freude.
Und auf was könntet ihr verzichten?
BP: Auf extremes Wetter bei Open-Air-Veranstaltungen. Die Sommer werden heißer, Gewitter heftiger – diesen Sommer mussten wir erstmals sogar Indoor-Termine wegen der Hitze absagen, denn die historischen Räume lassen sich nicht klimatisieren.
SB: Wir müssen immer wiederkehrend neue Anträge stellen, um insbesondere unsere Projektarbeit gewährleisten zu können. Eine langfristige Zukunftssicherung und Planbarkeit ist nie gegeben. Betrachtet man den Jahreshaushalt, begleitet einen da schon eine gewisse Angespanntheit im Hinblick auf mögliche Zukunftsszenarien – Planungssicherheit würde vieles erleichtern. Lange Wege innerhalb bürokratischer Verwaltungsvorgänge gehören auch dazu: Die Kulturszene arbeitet überwiegend mit kreativen Lösungsansätzen, die leider oftmals langwierig geprüft und am Ende nicht genehmigt werden, weil die Gesetzesgrundlage zu wenig Ermessensspielraum lässt.
Wie würdet ihr die Musik- bzw. Kulturszene Hannovers von eurem jeweiligen Blickwinkel aus beschreiben?
SB: Für mich ist die Musik- und Kulturszene Hannovers kein fertiges Produkt, sondern ein lebendiges, spartenübergreifendes Netzwerk. Als UNESCO City of Music ist Hannover weniger eine repräsentative „Musikstadt“ als eine Stadt vieler musikalischer Mikroszenen – vielfältig, oft selbstorganisiert. Die freie Szene ist dabei kein Gegenmodell zur etablierten Kultur, sondern ein eigener Produktionsapparat. Sie bringt neue Künstler*innen hervor, schafft Räume und Publika und sorgt für kulturelle Erneuerung – und sie ist damit auch politisch relevant, weil sie Fragen nach Räumen, Finanzierung, Sichtbarkeit, Teilhabe und Arbeitsbedingungen aufwirft. BP: Hannovers große Stärke ist die gleichzeitig vorhandene Vielfalt und Qualität über viele Genres hinweg – kombiniert mit Infrastruktur in Ausbildung und Örtlichkeiten sowie großer Bereitschaft zur Zusammenarbeit quer durch die Szenen. Genau diese Kombination gibt jungen Künstler*innen die Möglichkeit, zu wachsen.
Wo überschneiden sich eure Welten – Nachwuchsförderung auf der einen, große historische Bühne auf der anderen Seite?
SB: Ich glaube, wir überschneiden uns in der kulturellen Wertschöpfungskette: Wir fördern und unterstützen Künstler*innen und Formate, während die Herrenhäuser Gärten die Möglichkeit haben, diese auf eine größere, öffentliche Bühne zu bringen. Auch im Bereich der elektronischen Musik haben wir zuletzt neue Ideen initiieren können, und in Bezug auf Schulen ergibt sich mit den Gärten eine riesige Spielwiese – ich merke gerade, dass diese Überschneidungen auf jeden Fall ausbaufähig wären. BP: Herrenhausen ist Teil dieses Musik-Kosmos: Bühne für Konzerte der HMTMH-Studierenden bei Herrenhausen Barock oder den Chortagen, Ort für das Jubiläumskonzert der Musikschule Hannover und für das Schulkulturfestival, bei dem bis zu 4.000 Schüler*innen den Garten mit eigenen Produktionen bereichern. Ich bin mir sicher, Kurfürstin Sophie freut sich hierüber.
Gibt es einen Punkt, an dem eure Arbeit sich schon einmal berührt hat?
BP: Beim Kleinen Fest hatten wir dieses Jahr erstmals eine UNESCO City of Music Bühne, auf der Musiker*innen des Hidden Kollektiv mit Gästen aus Partnerstädten gejammt haben – ein Format, das auch ins MusikZentrum passen würde. Wir kennen uns ja noch aus meiner Kulturbüro-Zeit, auch über die Idee, Azubis des MusikZentrums beim Kleinen Fest Open-Air-Erfahrung sammeln zu lassen. Das greifen wir sicher noch mal auf, oder Sabine?!
SB: Wir begleiten seit Jahren das Schulprojekt „Akademie der Spiele“ in den Gärten, organisatorisch wie inhaltlich, und waren früher an einem Programmpunkt der Kunstfestspiele beteiligt. Das Gesprächsangebot zur Nachwuchsförderung greife ich sehr gerne auf.
Wie hat sich euer Bereich in den letzten Jahren verändert?
SB: Corona wirkt spürbar nach. Planbare Ticketkalkulationen gibt es kaum noch, Entscheidungen fallen spontan und kurzfristig, während der Getränkeverkauf zurückgeht. Man geht ins wirtschaftliche Risiko, ohne zu wissen, wie lange man das tragen kann. Viele Formate bekommen Eventcharakter, was Clubkultur und Nachwuchsförderung zusätzlich erschwert – das Publikum bleibt aus, und ich frage mich oft, ob niemand mehr neugierig auf neue Künstler*innen ist?
BP: Ich bin erst seit vier Jahren in Herrenhausen. Die größte Veränderung war 2024 die Übernahme der Veranstalterrolle für das Kleine Fest – zunächst mit Casper de Vries. Und dann der kurzfristige Wechsel zu Desimo, dessen Konzept unter ziemlichen Zeitdruck umgesetzt werden musste – eine echte Herausforderung für uns alle. Zudem galt es, die nötigen personellen Ressourcen aufzubauen, denn es gab keinerlei personelle Kontinuität aus der Böhlmann-Ära. Ein solches Großevent in die vorhandenen Strukturen zu integrieren, war und ist nicht ohne.
Was beschäftigt euch aktuell am meisten – wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturpolitisch?
BP: Vor allem das Kleine Fest: Es bringt ganz Hannover zusammen, oft über drei Generationen, in diesem Jahr wieder mit 60.000 Besucher*innen. Meine Aufgabe ist, dass es sich gut entwickeln kann und auch wirtschaftlich in ruhigem Fahrwasser bleibt. Daneben arbeite ich am Programm für das Steffani-Jahr 2028: Agostino Steffani wirkte in Hannover und Herrenhausen, vermittelte Händel an den Hof und trug zur Kurwürde des Welfenhauses bei – Grundlage der späteren Personalunion mit England. Seine Musik ist bis heute teils unaufgeführt geblieben. Das hoffen wir in 2028 in Kooperation mit anderen Kulturinstitutionen der Stadt ändern zu können. Genau diese Bandbreite an Themen macht mir auch besondere Freude.
SB: Das MusikZentrum muss wirtschaftlich arbeiten, darf als gGmbH aber primär nicht wirtschaftlich handeln – kostendeckende Veranstaltungen stehen oft gegen kulturelle Teilhabe. Besonders beschäftigt uns momentan der Investitionsbedarf. Seit dem 1. Januar 2026 sind wir Erbpachtnehmer, und unsere Gebäude weisen einen hohen Sanierungsstau auf, da müssen wir neue Wege finden. Kulturpolitisch passen wir meines Erachtens gut in die von der Stadt entwickelte Musikstrategie. Interessant wird die Frage, wer am Ende verantwortlich ist, wenn die Haushaltslage in eine Schieflage gerät.
Was braucht es, damit junge Musiker*innen in Hannover eine Zukunft haben?
BP: Raum und Möglichkeiten, sich auszuprobieren – niederschwellige Infrastruktur, Veranstaltungsreihen, die junge Musiker*innen einbinden, offene Türen bei Förderern und Ausbildungsstrukturen, die sich mit der Stadt vernetzen. Die Chorszene ist dafür ein großartiges Beispiel: Viele studieren hier Chorleitung oder singen zumindest im Rahmen ihrer Ausbildung, singen in städtischen Chören oder gründen eigene Ensembles und bringen neues Repertoire und Impulse mit. Bei den letzten Chortagen gab es sogar ein Konzert nur mit Chorleiter*innen, quer durch alle Generationen und Stilrichtungen – da entsteht viel Kollegialität und gemeinsame Verantwortung für die Szene. SB: Eigentlich alles, was Benedikt gerade genannt hat. Dazu könnte es noch mehr Synergien zwischen Hochkultur und Subkultur geben – die eine steht für Repräsentation und Sichtbarkeit, die andere für Nachwuchs, Teilhabe und Mut zur Innovation. Rücken beide enger zusammen, entsteht eine wirklich zukunftsfähige Perspektive für junge Musiker*innen.
Was ist euer persönlicher Lieblingsort in Hannover, wenn es um Musik oder Kultur geht?
SB: Natürlich liebe ich das MusikZentrum, aber ich gehe auch gerne in die Faust oder ins Lux – meist kommt es darauf an, wo gerade eine Künstlerin oder ein Künstler spielt, die oder den ich entdecken will. Der Ort selbst ist da zweitrangig, jede Spielstätte hat ihren eigenen Reiz.
BP: Wenig überraschend, auch wenn es langweilig klingen mag: Die Herrenhäuser Gärten in all Ihren Facetten. Ob beim Open Air mit dem Jugend Symphonie Orchester im Georgengarten – wieder junge Leute! –, bei Konzerten mit Elektro-, Jazz-, Klub- oder Bigband-Sounds im Gartentheater oder bei feiner und manchmal bombastischer Barockmusik im historischen Galeriegebäude.
Was wünscht ihr euch von der Stadt für die Kulturszene?
BP: Ein Bewusstsein für die Qualität, Vielfalt und Bedeutung der Kulturszene. Sie ist zentral für Lebensqualität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Identifikation mit der Stadt – und bietet Raum für Reflexion und Kreativität. Natürlich muss sich diese Szene verändern dürfen, aber es gilt auch, Strukturen zu erhalten und finanziell angemessen auszustatten, damit Entwicklung stattfinden und Qualität erhalten bleiben kann, während gleichzeitig Neues entsteht.
SB: Ich sehe die Kulturszene wie Benedikt als Gradmesser für die Lebensqualität einer Stadt und als Treiber des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Ich wünsche mir, dass Räume nicht einfach nur erhalten, sondern als Kulturinfrastruktur verstanden werden und die freie Szene stärker als Partner behandelt wird. Erste Wege dahin gibt es bereits mit der Vereinten Kultur, die aber sicherlich noch ausbaufähig sind. Entscheidungen für die Kulturszene sollten gemeinsam mit Akteur*innen aus Kultur, Politik und Verwaltung getroffen werden – vielleicht muss man das Rathaus dafür neu denken, etwa über Kulturbeiräte.
» LAK
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