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Ein offener Brief… an Ursula von der Leyen

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Ein offener Brief… an Ursula von der Leyen


Liebe Ursula, Respekt! Wirklich. In einer Zeit, in der sich die mächtigen Männer dieser Welt mal wieder gegenseitig mit diversen irren Ungeheuerlichkeiten überbieten, hast du bewiesen, dass Wahnsinn kein biologisches Geschlecht hat. Das darf man getrost historisch nennen. Wenn alle Herren permanent die Zone mit Scheiße fluten – wie es neuerdings so schön heißt –, dann sollten die Frauen jetzt einfach mal mitmischen. Ein genialer Plan mit geopolitischem Kalkül. Die Logik ist brillant. Wenn Autokraten und Narzissten die Vernunft begraben, sollte Europa sich nicht isolieren, sondern ebenfalls zur Schaufel greifen. Wer am bescheuertsten agiert, gewinnt. Der mit der schönsten Rolle rückwärts wird am Ende die Nase vorn haben. Los geht’s: Atomkraft!

Der ganz neue, heiße Shit. Da sind wir gerne maximal technologieoffen und freuen uns, weil nun vielleicht doch noch auf uns alle eine strahlende Zukunft wartet. Natürlich alles ganz anders, viel smarter, ganz niedlich und klein. Small Modular Reactors. Klingt großartig. Bitte mehr von diesen englischen Akronymen. Das hat diesen Sound von Startup und Innovation, das brauchen wir in Europa und insbesondere in Deutschland. Dafür müssen wir unbedingt Geld locker machen. Das sind lohnende Investitionen in Visionen. Wer weiß denn schon, was die Wissenschaft in Zukunft noch ausbaldowern wird. Vielleicht werden wir uns eines Tages in den Urlaub beamen können. Oder sie erfinden ein Faxgerät mit Bluetooth. Oder Small Modular Reactors, die restlos den eigenen Atommüll verbrauchen. Okay, das ist alles noch ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Diese kleinen Dinger rechnen sich noch nicht, ohne riesige Subventionen wird es wohl nie gehen, die Bauzeiten sind noch zu lang, die Technologie ist noch nicht wirklich serienreif und am Ende bleibt wohl doch immer ein kleines bisschen Müll übrig, den man über zehntausende Jahre irgendwo sicher aufbewahren muss. Davon abgesehen, dass die Brennstäbe auch nicht auf den Bäumen wachsen. Aber das sind ja alles nur Details. Unkenrufe aus der Wissenschaft. Man kennt sie ja, diese grünen Bedenkenträger, die alles kaputtreden, nur weil sie vielleicht das eine oder andere Buch mehr gelesen haben. Es ist gut, dass wir mit der CDU/CSU hier bei uns und der EVP in Europa Menschen haben, die auch mal die Wissenschaft beiseitelassen und schlicht an etwas glauben. Was ist klüger als die Fähigkeit, aus Fehlern der Vergangenheit neue, teurere Fehler zu entwickeln, und das dann Fortschritt zu nennen? Wo kommen wir denn hin, wenn wir den Glauben an solche Ideen verlieren?

Darum sind nicht nur wir dankbar für dein Plädoyer für die Atomkraft, für deinen klaren Kurs. Klein denken ist angesagt. Kein Geld mehr für erneuerbare Energien, Speichertechnologien und kluge Netze, solche Ideen sind nur was für Technokraten, die noch an Evidenz glauben. Wir sind alle zusammen dankbar. Deine große, kleine Atom-Idee, das ist Balsam für die von grünem Schmalz verklebten Ohren der Menschen hierzulande. Findet ja auch der Markus Söder. Was dir, liebe Ursula, den Rücken stärken wird. Denn wenn die Richtigen jubeln, weiß man, dass man einen klugen Kurs eingeschlagen hat. Markus Söder hat das schöne Bayern bereits als Testlabor für die Small Modular Reactors vorgeschlagen. Und für den Atommüll wird er bestimmt demnächst noch ein Endlager (in einem anderen Bundesland) aus dem Ärmel schütteln. Oder wie wäre es tatsächlich mit Bayern. Die Infrastruktur ist gut und eine gewisse Bereitschaft, Dinge unter den Teppich zu kehren, ist politisch ja durchaus vorhanden. Vielleicht wäre Bayern sogar eine gute Endlagerlösung für ganz Europa. Der Müll ist ja der Rohstoff der Zukunft.

Und ein schönes Endlager wäre Bayern auch für alle, die an der großen Energiewende mitgearbeitet haben. Du liebe Ursula, könntest in bester Gesellschaft mit all den anderen Atom-Fans, vielleicht mit Macron und Söder in der Nachbarschaft und in Sichtweite eines süßen Reactors deinen Alterssitz finden, mit einer großen Pferdezucht. Bestimmt werden wir mit den Jahren ganz neue Mutationen erleben, fünf Beine statt vier, zwei Köpfe aber halb so klug. Eigentlich das perfekte Symboltier für deine neue europäische Energiepolitik.

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Tonträger April 2024

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Tonträger April 2024


H-Blockx – „Fillin‘_The_Blank“

Wer irgendwann in der 90ern auch nur einen kleinen Zeh in Richtung Crossover gestreckt hat, kam an den H-Blockx nicht vorbei und kann jetzt nicht umhin, eine kleine Reise in die eigene Vergangenheit zu machen. Wem damals „Time to Move“ gefallen hat, der ist vielleicht versucht, der Verheißung zu verfallen, dass „Fillin‘_The_Blank“ an selbiges anknüpfen soll. Und in der Tat, das tut es, auf eine Art. Nach wie vor wissen die Münsteraner um Henning Wehland, wie man dicke Hooks schreibt, „Last Summer“, ganz bestimmt der beste Track des Albums, beweist das. Und ja, es ist toll, seinem eigenen Sound treu zu bleiben. Nur nimmt man die herrliche Unbekümmertheit, mit der vorgetragen wird, einem Twen eher ab als einem Mittfünfziger. Und ob diese Unbekümmertheit für einen selbst noch stimmt und die Platte somit verfängt, muss dann letztlich jeder selbst entscheiden.

The toten Crackhuren im Kofferraum – „Love, Hate & Engelenergie“

Seit fast zwei Jahrzehnten gibt es das Berliner Kollektiv jetzt schon. Und schon immer waren sie bissig, punkig, klug und schwarzhumorig. Vom ersten Attribut mal abgesehen, unterscheidet sie das von vielen feministischen Musiker*innen, die meinen, es reicht, lediglich mit platten und misandrischen Parolen zu werfen und selbstbestimmt ihre Möpse zu zeigen. Hier ist das ganz anders: Alt-Pop, Indie-Rock, Rap und Schlager stapeln sich auf, überlagern einander, sich im besten Sinne überfrachtend. Auch die Texte handeln nicht ausschließlich vom Kampf gegen das Patriarchat, sondern davon, womit sich Menschen befassen, die nicht permanent in Kampfstellung sind: Datingdynamiken, Freundschaft, Selbstzweifel. Feministisch? Ganz klar. Aber eben auch ein tolles Beispiel dafür, das feministische Musik nicht automatisch ein um-sich-Schlagen bedeutet.

The Fray – „A Light That Waits“

Tauscht man bei einer Band den Sänger, lädt man zum Vergleich ein. Ist so. Wo Isaac Slade also mit soviel Pathos und Substanz litt, dass man selbst beim Zuhören einen Swimmingpool vollheulte, weint Joe King eher subtil auf Zimmerlautstärke. Leider exemplarisch fürs ganze Album, Ausnahme: „My Heart‘s Crowded Room“. Schade.

Harry Styles – „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.“

Von einem, der so singen kann, erwartet man gefälligst ein Vocal-Pop-Album. Oder zumindest Hitnummern wie „As it was“ der „Sign of the times“. Nichts dergleichen! Der Vocoder erledigt das Meiste und das Songwriting wurde derart vernachlässigt, dass von einer Nummer abgesehen nichts hängen bleibt. Erträglich die ganze Zeit. Gut manchmal.

The Notwist – „News from Planet Zombie“

Sie haben mittlerweile vielleicht jede Stilart durchgespielt – und das auf hohem Niveau. Es macht enormen Spaß, da zuzuhören. Auch das aktuelle Album, das insbesondere durch ein Cover von Neil Young (!!! „Red Sun“) glänzt, reich und satt instrumentiert ist, bildet da keine Ausnahme. Wie ein Baum, der durch ein verlassenes Auto wächst: Das muss so.

Clueso – „Déja Vu 1 / 2“

Bei Clueso hat die Stanze für glatte Pop-Sänger etwas geklemmt. Aber diese kleinen Grate und Unregelmäßigkeiten, die auch dem seichtesten Song einen kleinen schrägen Twist verleihen, machen das Ganze besonders, auch, wenn es dann im Grunde doch eher Midtempo-Wellness-Pop ist. Für Zwei von Zwei vielleicht ein paar bpm drauf?

Gorillaz – „The Mountain“

„Britpop-Hegemonie am Arsch, ich mach jetzt Weltmusik.“ Und das hat Damon Albarn getan, unter Zurhilfenahme von Bollywoodgrößen, Tony Allen-Samples, Johnny Marr und, man halte sich fest, The Sparks. Dabei ist das alles aber weder Ethnokitsch noch kulturelle Aneignung oder sonst was: Es ist komplett artsy und bekloppt. Es ist grandios!

Unheilig – „Glaube, Liebe, Monster“

Man nehme einen Würfel und beschrifte ihn mit Phrasen wie: Nach den Sternen greifen, Ketten sprengen, jeder Atemzug, (neues) Leben, et cetera und würfele sich einen Popsong – oder 16. Dazu einen getragenen Bass-Bariton und eine Prise Beerdigungsstimmung, zack, fertig ist die neue Unheilig-Platte. Das ist ganz, ganz schlimm.

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Bandporträt April 2026: TECH

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Bandporträt April 2026: TECH


TECH – das sind Frontman Carsten Tech (Gesang und Gitarre), Hendrik Vogts am Klavier, Jan Geldmacher (Gitarre und Gesang), Arne Decker am Bass und Clemens Fleischer am Schlagzeug. Seit 2024 spielen die fünf Musiker aus Hannover in dieser Bandbesetzung. Aus vorherigen Zusammenarbeiten in ehemaligen Bands und vor allem durch ihre lange Freundschaft haben sie so zu einer festen 5er-Konstellation zusammengefunden. Am 06.03. haben sie ihre erste gemeinsame EP „Grün & Blau“ herausgebracht.

Carsten, Hendrik, Arne, Jan und Clemens kennen sich schon aus früheren musikalischen Zusammenarbeiten in ehemaligen Rockbands, allen voran quarter to eleven, und teils auch aus der Schulzeit. Sie alle wohnen in Hannover und spielen seit 2024 als feste Band unter dem Namen TECH. Musik ist ihre große Leidenschaft, hauptberuflich sind sie in anderen Gewerken tätig. Alle zwei Wochen trifft sich die Band in ihrem Probenraum, um gemeinsam Musik zu machen, Spaß zu haben und Songs zu produzieren.
So ist im März dieses Jahres ihre erste EP in der jetzigen Besetzung erschienen: „Grün & Blau“ behandelt gesellschaftliche Themen wie Gemeinschaft, Zusammenhalt und Solidarität, lädt die Menschen zum Nach- und Mitdenken ein und ist von einem rockig, rauen Pop Sound geprägt. Das Album ist in seinen Songs so vielfältig, dass man sich gar nicht auf einen Favoriten festlegen kann. Am 18.04. spielt die Band um 20 Uhr ein Release-Konzert im Lux. Der Abend wird eine ganz bunte Mischung, selbstverständlich mit den Songs von der neuen EP, aber auch mit Songs vergangener EPs („Von Wegen“ und „In guter Gesellschaft“). Neu, alt, besinnlich, energisch, emotional, laut und rockig: TECH bringen ein vielfältiges Repertoire und jede Menge Energie mit.
Carsten und Hendrik berichten, dass sie schon vor der festen Bandbesetzung gemeinsam an Songs gearbeitet haben und dass durch die neuen Mitglieder wieder frische Energie in die Band gekehrt sei. „Mit dieser Fünferkonstellation ist seit zwei Jahren wieder richtig Drive zu spüren“, berichtet Carsten. Da sich die Gruppe schon lange kennt und über ihre musikalische Zusammenarbeit hinaus eng befreundet ist, ist die Stimmung innerhalb der Band sowohl musikalisch als auch menschlich sehr harmonisch. Auf die Frage, wie so ein kreativer Prozess von der Idee bis zum fertigen Song aussehen kann, antwortet Carsten: „Primär entwickeln sich die Ideen bei Hendrik und mir, aber zunehmend auch bei Jan, der lange selbst Frontman einer Band war. Meistens bringt einer von uns ein paar Skizzen, Akkordfolgen oder Schemata zur Probe mit und wir spielen erstmal so ins Blaue hinein, wiederholen Abfolgen und überlegen, was stilistisch dazu passen könnte.“ Die Texte schreibe Carsten gerne selbst, da er als Sänger durch die Sprache sehr präsent ist. „In dieser Sache habe ich einen total hohen Anspruch an mich selbst, gerade auch, da wir Songs in unserer Muttersprache schreiben und die Texte für fast alle zu hundert Prozent verständlich sind. Für mich ist das etwas anderes als auf Englisch zu schreiben und ich fühle mich ein Stück weit wohler, wenn ich das zu verantworten habe, was ich da von mir gebe. Und tatsächlich habe ich dadurch auch entdeckt, dass das Schreiben mir richtig Spaß macht.“ Erst durch die gemeinsamen Proben zu fünft erlangen die Songs die richtige Prise TECH. Dadurch, dass jeder sich einbringe, Energie und Rock auf seinem Instrument hinzufüge, bekomme der Song einen ganz eigenen Charakter. „So geht dieser dann seinen Weg, findet seine Färbung, seine Zeit und seinen Raum“, ergänzt Hendrik. „Da wir auch ziemlich gute Zuhörer sind, uns gerne abstimmen, einbringen und auch kritisieren und weiterentwickeln, kommt oft ein sehr vielfältiger Output zustande. Da sind wir alle ganz froh drum, dass es ein sehr buntes Spektrum ist, was hoffentlich durch die neue EP und die Konzerte transportiert wird.“
„Immer für die gute Sache in Bewegung bleiben und dabei nicht leiser werden“ – ist ein Leitspruch der Band. TECH bleibt momentan dafür in Bewegung, jedem Menschen eine Stimme zu geben. Vor allem aber den leiseren, denen, die nicht in privilegierten Machtpositionen stecken und laut entscheiden können. Außerdem wollen sie den Menschen Lust machen, wieder aus ihren Wohlfühlecken und Komfortzonen zu kommen, sich auf das Unbekannte einzulassen. Abschließend möchten sie Offenheit und Bedeutungsspielräume schaffen und erweitern, um auf das Schwarz-Weiß-Denken in dieser Welt aufmerksam zu machen.
Lilly Struckmeyer

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Gründungsstory April 2026: HIMMELSFADEN – Wenn Kinderkleidung endlich richtig passt

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Gründungsstory April 2026: HIMMELSFADEN – Wenn Kinderkleidung endlich richtig passt


Kinder wachsen schnell – doch viele Eltern kennen das Problem: Hosen rutschen, Ärmel sind zu kurz oder die nächste Größe ist plötzlich viel zu weit. Für Daniela Schulz aus Hannover wurde diese Erfahrung zum Ausgangspunkt für eine Unternehmensgründung. Mit ihrem Label Himmelsfaden entwickelt die diplomierte Textil-, Mode- und Kostümdesignerin Kindermode, die sich an echten Kinderkörpern orientiert – und nicht an standardisierten Durchschnittsmaßen.

Die Idee entstand aus persönlicher Erfahrung. Schulz ist Mutter eines großen, schlanken neunjährigen Kindes und kennt die Schwierigkeiten schlecht sitzender Kleidung aus dem Alltag. „Ich habe unzählige Hosen gekauft und fast jede geändert: zu kurz, zu weit, falsche Proportionen“, erzählt sie. „Der Markt arbeitet mit Standardmaßen, die kaum einem Kind wirklich gerecht werden.“

Mit Himmelsfaden will sie dieses Problem systematisch lösen. Seit 2025 entwickelt und vertreibt sie Kindermode aus zertifizierten Materialien, deren Kern ein eigenes Maßkonzept für die Größen 104 bis 134 bildet. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – also brauchen sie eigene, durchdachte Proportionen“, sagt Schulz. Ihre Schnitte sollen deshalb nicht nur besser passen, sondern auch mitwachsen.

Die Entwicklung der Modelle erfolgt vollständig in Hannover: Von der ersten Idee bis zum Prototyp entsteht jedes Kleidungsstück in Handarbeit. Produziert wird anschließend in enger Zusammenarbeit mit einem langjährigen Partner aus der Textilbranche. „Wir kennen uns seit 17 Jahren. Diese gewachsene Vertrauensbasis macht es möglich, hohe Ansprüche an Qualität, Passform und Nachhaltigkeit konsequent umzusetzen“, so Schulz.

Auch die Materialien spielen eine zentrale Rolle im Konzept des Labels. Stoffe, Nähgarn, Knöpfe und Labels sind nach OEKO-TEX® Standard 100 zertifiziert, teilweise werden recycelte Materialien verwendet. Verpackt wird plastikfrei. Gleichzeitig setzt Himmelsfaden bewusst auf langlebige Basics statt auf schnell wechselnde Saisonware. „Wer ein Lieblingsteil findet, kann es dauerhaft nachbestellen – das vermeidet Frust und unnötige Retouren“, erklärt Schulz.

Besonderes Augenmerk legt die Designerin auf die Praxis. Ihre Schnitte entstehen klassisch von Hand und werden im Kita-Alltag getestet. „Und dort wird keine Rücksicht genommen – genau so soll es sein“, sagt sie.

Die Zielgruppe sind Familien mit Kindern im Kindergarten- und frühen Schulalter. Gerade in dieser Phase gehen Körperproportionen stark auseinander, während robuste und bequeme Kleidung besonders gefragt ist. Verkauft wird die Mode über einen eigenen Onlineshop, auf Designmärkten, über erste Boutique-Kooperationen und bei privaten Verkaufspartys. „Das persönliche Erleben der Stoffe und Schnitte ist vielen Kundinnen und Kunden wichtig“, berichtet Schulz.

Bei der Gründung erhielt sie Unterstützung von der Wirtschaftsförderung hannoverimpuls. „Von der ersten Beratung bis zu Workshops, Coachings und konkreter Hilfe bei Businessplan oder Bankgesprächen war der Austausch persönlich, praxisnah und sehr bestärkend“, sagt Schulz. „Ich habe mich nie als Nummer gefühlt, sondern als Teil eines Netzwerks.“

Auch dort sieht man großes Potenzial in der Idee. „Kinderkleidung, die mitwächst, fair produziert wird und gut aussieht – mit Himmelsfaden trifft Daniela den Nerv der Zeit“, sagt Ute Rebel, Projektleiterin Gründerinnen-Consult bei hannoverimpuls. „Qualität wird sich durchsetzen. Dabei unterstützen wir gerne.“

Kontakt

Himmelsfaden
Daniela Schulz

Tel: +491723813376

E-Mail: daniela.schulz@himmelsfaden.de
Web: www.himmelsfaden.de
Instagram: _himmelsfaden_
Facebook: Himmelsfaden

Pinterest: Himmelsfaden 

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Literarisches: Mareike Deppe

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Literarisches: Mareike Deppe


„Ich habe zwei Mädels und mit denen hat eigentlich alles angefangen.“ Mareike Deppe ist 44
Jahre alt, kommt aus Hannover und ist studierte Bioverfahrenstechnikerin. Zum Schreiben
ist sie durch ihre Töchter gekommen, die zum Einschlafen immer selbstausgedachte
Gute-Nacht-Geschichten von ihr verlangt haben. „Und wie das dann bei Kindern so ist,
wollten sie am nächsten Tag nochmal die gleiche Geschichte hören. Dann habe ich
angefangen, sie aufzuschreiben, und gemerkt: Das macht mir total Spaß.“
Sie ist diejenige, die zu Hause den Haushalt schmeißt und sich um die Kinder kümmert.
„Mein Alltag war ohnehin sehr von Kinderdingen geprägt und Kindergeschichten gingen
schnell. Aber das hat mich intellektuell nicht so gefordert. Deswegen wollte ich gerne ein
Projekt haben, außerhalb von Geschirrspülmaschine ausräumen und Waschmaschine
anstellen.“
Mareike Deppe hat dann viele Schreibkurse der Volkshochschule besucht und in einem
dieser Kurse entstand schließlich die Idee für ihren aktuellen Roman „Die Schattenseiten
von Sansibar“. „Wir haben die Aufgabe bekommen, eine Kurzgeschichte zu schreiben.
Anhaltspunkt war eine Person, die in einem Laden arbeitet.“ So entstand Pauline – die
Hauptfigur in Deppes Roman –, die auf Sansibar das Gewürz- und Tee-Geschäft ihrer Eltern
führt. „In dem Kurs habe ich dann gedacht, dass ich gar keine Kurzgeschichte geschrieben
habe, sondern eher das erste Kapitel von meinem neuen Roman.“
Pauline ist die Tochter einer englischen Familie, die sich zu Kolonialzeiten auf Sansibar
ansiedelt. Paulines Familie möchte sie bald verheiraten, und als Nathan, ebenfalls
englischer Kolonist, auf die Insel kommt, sieht es zunächst so aus, als hätte sich ein
passender Mann gefunden. Im Laufe der Geschichte wird klar: Pauline möchte sich gar nicht
mit Nathan verloben. Sie liebt jemanden anderen: Samé. Der als Sklave in Mozambique
gefangen genommen und nach Sansibar an einen Plantagenbesitzer verkauft wird. Nathan
entwickelt währenddessen eine gefährliche Obsession mit Pauline und will sie nun um jeden
Preis besitzen.
Der Roman beinhaltet nicht nur eine verworrene Liebesgeschichte und krankhafte
Obsessionen, sondern behandelt auch die Kolonialgeschichte Sansibars und dabei auch
explizit Sklaverei und Gewalt. Mareike Deppe rät daher, ihr Buch erst ab 18 Jahren zu lesen.
Für ihre Recherche war die Autorin selbst auf der Insel vor Tansania. „Ich habe mich mit der
Historie auseinandergesetzt und versucht, das so getreu wie möglich wiederzugeben.“ Das
führt auch dazu, dass die Autorin in ihrem Buch das N-Wort benutzt. Weshalb sie auch von
einem Verlag abgelehnt wurde. Deppe sagt dazu: „Das Wort steht jedes Mal in wörtlicher
Rede. Und ich finde es schwierig, in der heutigen Zeit, das alles vergessen zu wollen und
immer nur zu sagen: ‚Das darf man nicht mehr sagen.‘ Natürlich darf man das nicht mehr
sagen. Aber früher haben die halt so gesprochen.“
Auf die Frage, warum sie sich dazu entschieden hat, zwei weiße, englische Personen aus
Kolonistenfamilien zu ihren Hauptfiguren zu machen, antwortet sie: „Diese Kultur war mir
einfach näher. Ich hätte schwer über eine islamische Kultur in der Zeit schreiben und
originalgetreu bleiben können. Außerdem hatte ich in dem VHS-Kurs mit Pauline schon
meinen Grundstein für die Geschichte gelegt und im Islam zu dieser Zeit, hätte niemals eine
Frau einen Laden geführt.“
Aktuell arbeitet Mareike Deppe schon am zweiten Teil des Romans. Dieser soll in Indien
spielen. „Es geht natürlich in erster Linie um die Personen aus dem ersten Teil. Aber ich
habe mich da an der Fernsehserie Bridgerton orientiert. Hier kommen zwar die gleichen
Personen vor, aber die Perspektive ändert sich.“
Zudem schreibt Deppe auch noch an weiteren Büchern. Ihr Kinderbuch „Leonie tanzt“ steht
schon in den Startlöchern. „Ich finde, es gibt wenig Bücher über behinderte Kinder – zum
Beispiel über Kinder mit Down-Syndrom. Deswegen ist es mir auch ein Anliegen, Bücher zu
veröffentlichen, die Anderssein zeigen.“ In „Leonie tanzt“ findet ein Mädchen mit
Down-Syndrom, das von Deppes jüngerer Tochter inspiriert ist, durchs Tanzen
Freund*innen.
Die Autorin möchte dazu auch die Rubrik Jugendbuch umkrempeln. „Wenn ich diese Bücher
lese, die für Zehnjährige geschrieben sind, könnte ich kotzen. Es geht entweder um Fußball
oder um Ponyhöfe.“ Dem will sie sich mit neuen Ideen widersetzen. „Ich will zum Beispiel
zeigen, dass auch Kinder schon in jungen Jahren Schicksalsschläge erleben und lernen,
damit umzugehen.“
Während diese noch unveröffentlichte Gedanken sind, hat Mareike Deppe mit „Die
Schattenseiten von Sansibar“ ihren ersten Roman veröffentlicht. Erschienen im Oktober
2025 bewegt er sich irgendwo zwischen „historischem Liebesroman und Dark-Romance“,
wie die Autorin selbst sagt. Am 6. Juni wird Deppe ihr Buch in der
Booksbaum-Buchhandlung in Isernhagen vorstellen.

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Stefan und Markus Becker

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Stefan und Markus Becker


Wir treffen uns heute mit zwei Brüdern, die unterschiedlicher kaum wirken könnten – und doch eine gemeinsame Leidenschaft teilen: die Kultur. Markus Becker ist Pianist und Professor für Klavier und Kammermusik an der HMTMH. Stefan Becker leitet den Bereich Kommunikation und Stiftungen der Sparkasse Hannover. Beide sind in Osnabrück geboren, in Hannover aufgewachsen und gerne geblieben.

Zum Einstieg haben wir immer unsere kleine Vorstellungsrunde …

Markus Becker: Ich werde so alt, wie mein Jahrgang heißt – 63. Und ich lebe seit Grundschulzeiten in Hannover. Es gab viele Zufälle und Fügungen, die dazu geführt haben, dass ich diese Stadt nie verlassen habe – obwohl ich als Musiker natürlich viel unterwegs bin. Ich habe hier Klavier studiert und im Anschluss eine Professur an derselben Hochschule bekommen. Meine Schwerpunkte sind klassische Musik, Neues und Experimentelles, Jazz und Improvisation – und in der Lehre vor allem Kammermusik. Ich habe eine wunderbare Frau, fünf tolle Kinder und einen sehr netten Hund. Wir wohnen mitten in der Stadt, was in Hannover trotzdem mit einem hohen Erholungswert verbunden sein kann.

Stefan Becker: Ich bin – wer hätte das gedacht – ebenfalls in Osnabrück geboren, vor annähernd 62 Jahren. Die gesamte Schulzeit habe ich in Hannover verbracht, dann bin ich zum Studium ein bisschen unterwegs gewesen. Philosophie und Kunstgeschichte in Trier, Berlin und Heidelberg. Nach einer Zeit in einer Berliner Kommunikationsagentur bin ich 1999 samt Frau und zwei Kindern nach Hannover zurückgekehrt und habe bei der damaligen Kreissparkasse die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit übernommen. Und seitdem bin ich im Sparkassenumfeld aktiv und leite heute den Bereich Kommunikation und Stiftungen. Das bringt neben der klassischen Kommunikationsarbeit viel Einblick in die Förderlandschaft mit sich – und ich kann sagen: Hannover hat eine sehr lebendige Vereinskultur und viele engagierte Initiatorinnen und Initiatoren. Ehrenamtlich bin ich seit 2010 Vorsitzender des Vereins der Freunde des Sprengel Museums.

Der eine Musiker, der andere bei der Sparkasse – das klingt auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Was verbindet Sie beide?

Stefan Becker: Die Kultur. Über meinen Bildungsweg bin ich eher auf der Seite der Bildenden Kunst gelandet, aber auch der Musik bin ich sehr zugewandt. Meine beklagenswerte Instrumentalkarriere lassen wir hier aber lieber beiseite. Aber auch ein guter Zuhörer ist viel wert. Das war mein Diktum in einer sehr musikalisch aktiven Familie. Unsere Eltern waren beide Musikpädagogen, unser Vater auch an der hiesigen Musikhochschule – und sie haben natürlich darauf geachtet, dass ihre Kinder eine vernünftige musikalische Ausbildung an Instrumenten und im Knabenchor Hannover bekommen. Das hat mich geprägt, keine Frage. Zwischen zwei musikalisch begabten Brüdern aufzuwachsen und selbst eher Mittelmaß zu sein – das hat mich irgendwann zur bildenden Kunst geführt.

Markus Becker: Ich erinnere mich noch, als Stefan anfing zu fotografieren. Das hat mich damals sehr beeindruckt – auch weil es so viel Aufwand bedeutete. Er hatte eine Dunkelkammer unterm Dach, wie im Film. Er hat das von Anfang an unheimlich professionell und phantasievoll gemacht.

Haben Sie sich gegenseitig beeinflusst?

Markus Becker: Mein Musikstudium war keine Entscheidung, die ich kurz vor dem Abitur getroffen habe – das war spätestens im Gymnasium klar. Und davon hat Stefan mich auch nicht abbringen können. Aber ja, Geschwister erziehen sich gegenseitig stärker als Eltern das je könnten.

Stefan Becker: Was ich immer bewundert habe, war die Struktur seines Studiums. Ein geisteswissenschaftliches Studium ist ja sehr offen – man könnte sagen, es steht einem alles offen, man kann aber auch sagen, es führt auf nur sehr wenige spezialisierte Aufgaben hin. Markus‘ Musikstudium hingegen hatte von Anfang an diese unglaubliche Disziplin: Praxis, Üben, Auftreten. Das ist bei einem Geisteswissenschaftler anders – da kommen irgendwann Prüfungen, aber man zieht sich vieles selbst aus Bücherwelten und Diskussionsrunden zusammen.

Diese Disziplin, dieses tägliche Üben – wie fühlt sich das an?

Markus Becker: Das Schöne daran ist, dass man mit allem, was man tut, auch an sich selbst arbeitet. Man verbessert das Stück und sich selbst gleichermaßen. Aber klar, das ist zeitintensiv. Und wenn ich mal pausiere, denke ich: Mein Gott, hat ein Tag viel Zeit ohne Klavierüben! Momentan sind es mindestens drei Stunden täglich, eher vier bis fünf. Man bekommt im Studium so einen Qualitätsanspruch mit und ist dann nicht mehr damit zufrieden, etwas auf der Bühne irgendwie hinzubiegen. Aber es ist eben nicht nur Arbeit, sondern auch Passion, in der man sich wunderbar verlieren kann. Beim Improvisieren, beim Jazz, spielt Zeit überhaupt keine Rolle – man wundert sich wirklich, dass vier Stunden vergangen sind. Aber es gibt auch die strukturierte Arbeit, bei der man sich sagen muss: Für diese Beethovensonate nimmst du dir jetzt zwei Stunden, nicht den ganzen Tag, sonst kommst du zu nichts. Musik ist immer Umgang mit Zeit. Aber auch ein Abtauchen in eine andere Welt. Und in dieser ganzen getriebenen Social-Media-Zeit ist es wunderbar, sich in dieser Welt zu verlieren.

Klingt fast wie ein Privileg. Kommen wir mal zum leidigen Thema Geld und Kultur. In Lessings Emilia Galotti fragt der Prinz: „Was macht die Kunst?“ Und der Hofmaler Conti sagt: „Prinz, die Kunst geht nach Brot.“ Wie abhängig ist Kultur vom Geld?

Stefan Becker: Sehr abhängig, weil die Menschen, die das professionell machen, von etwas leben müssen. Es gibt eine öffentliche Förderstruktur, die bestimmte Institutionen regelmäßig ausstattet – in Niedersachsen allerdings nicht ganz so großzügig wie in anderen Bundesländern. Doch selbst in den öffentlich geförderten Häusern herrscht kein Überfluss, das wissen wir. Und das Geld steht im Grunde nie an erster Stelle. Meistens ist eine künstlerische Idee der Ausgangspunkt, und dann wird versucht, dafür eine öffentliche Förderung zu gewinnen. Da sind manche geschickter im Antragstellen als andere. Und die Professionalität dabei nimmt zu – immer mehr Ensembles und Initiativen haben das gelernt. Was ich gut finde: Immer mehr Ensembles sagen, wir produzieren selbst, statt auf ein Engagement zu warten. Und sie entdecken dabei auch ganz neue Spielorte.

Markus Becker: Und der Wert origineller Programme ist heute viel höher als noch vor 20, 30 Jahren. Wenn ich als Kammermusikgemeinde zu potenziellen Förderern gehe, interessieren die sich immer für die nächste Generation, für junge Künstlerinnen und Künstler – und für Programme, die nicht einfach Mozart, Schubert, Beethoven aneinanderreihen. Dass Neue Musik, Brüche, Kontraste als positiv wahrgenommen werden – das finde ich schön, dass sich das durchgesetzt hat.

Wird das auch an der Hochschule gelehrt – Selbstmanagement, Förderanträge?

Markus Becker: Immer mehr. Förderanträge eher nicht, aber Selbstmanagement und Marketing sind inzwischen Themen, dafür gibt es Seminare. Und was vielleicht noch wichtiger ist: In meinem Kammermusik-Master üben die Studierenden Gesprächskonzerte – also das eigene Projekt so weit zu distanzieren, dass man es klar und knapp darstellen kann. Das schärft den Blick: Warum sollte dieses Projekt gefördert werden? Was sagt Mozart uns heute als Gesellschaft? Klassische Musik will ja mehr sein als klingende Fototapete. Sie hat einen Herausforderungscharakter – etwas Widerborstiges und gleichzeitig Einladendes. Diese Polarität finde ich großartig. Zu diesen Formaten werden auch Journalisten und Intendantinnen eingeladen, damit die Studierenden spüren, welche Luft da weht. Der Bruch zwischen Ausbildung und Realität wäre sonst einfach zu groß.

Wenn man die nicht öffentliche Förderung aus der Kulturlandschaft herausnehmen würde – was bliebe?

Stefan Becker: Ein Grundbestand bliebe – die großen Klangkörper werden ja im Wesentlichen aus öffentlichen Mitteln getragen, ebenso musikalische Bildungsprojekte, Musikschulen. Aber in der Aufführungs- und Ausstellungspraxis gäbe es einen riesigen Bereich, der ohne Wirtschaftsunternehmen schlicht nicht machbar wäre. Da muss man auch unsere föderale Struktur erwähnen: Sparkassen sind regional verwurzelt, flächendeckend präsent und sie tragen zusammen mit ihren Stiftungen große Projekte aber auch viel Kleinteiliges. Dietrich Hoppenstedt, früherer Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, hat mal gesagt, was früher die Fürsten in Deutschland waren, das seien jetzt die Sparkassen – sie kümmern sich auch darum, dass gute Projekte in ihren jeweiligen Geschäftsgebieten auf die Beine gestellt werden. Ob das im Bereich der Kultur die Ausrichtung des „Jugend musiziert“-Wettbewerbs in Neustadt am Rübenberge für 2.000 Euro ist oder ein großes Leuchtturmprojekt, dieses netzwerkartige Unterstützen ist unverzichtbar.

Ich finde diesen breiten Förderansatz sehr sinnvoll. Und habe immer ein bisschen Angst vor dem reinen Fokus auf Leuchttürme. Man investiert alles in den einen großen Leuchtturm, und unten gehen die kleinen Lampen aus – ohne dass man es bemerkt. Wenn der Leuchtturm dann irgendwann erlischt, liegt alles im Dunkeln.

Stefan Becker: Auf der anderen Seite braucht es aber auch diese Leuchttürme, weil sie eine Treiberfunktion haben können. Die Kunstfestspiele etwa ermöglichen Dinge, die man sonst hier gar nicht zu hören und zu sehen bekommen würde. Beides ist wichtig: die Lichterketten und die Leuchttürme. Und Stiftungen dürfen sich dabei nicht als Lückenbüßer für rückläufige öffentliche Mittel verstehen. Wenn die öffentliche Hand sich zurückzieht und darauf hofft, dass jemand einspringt – das wäre der falsche Weg.

Hannover ist als Kulturstandort bekannt – hat aber auch ein Selbstdarstellungsproblem. Ist Hannover ein gutes Pflaster für Pianisten?

Markus Becker: Hannover ist bekannt als Klavierstadt, die Hochschule hat eine ganz prominente Klavierabteilung – das geht zurück auf Walter Gieseking, einen der ganz großen Pianisten des 20. Jahrhunderts. Und dann gilt: Gut holt Gut. Diese Tradition setzt sich fort über Kämmerlings Generationen bis zu Igor Levit oder Lars Vogt. Als Pianist lebt man nicht in einer Stadt, weil man dort besonders viel spielt – ich spiele ab und zu in Hannover, aber natürlich viel mehr woanders. Geographisch liegt Hannover wunderbar zentral: Köln, Berlin, München – alles gut zu erreichen. Und durch den Ruf der Hochschule spaziert die Klavierwelt hier regelmäßig vorbei.

Wie steht es um den Nachwuchs – in den Hochschulen und beim Publikum?

Markus Becker: Beides ist ein Riesenthema. Wenn man schaut, wer heute an der Hochschule studiert, stellt man fest: Je weiter man an die Spitze der Ausbildung kommt, desto geringer ist der Anteil deutscher Studierender. Als ich in den 80er Jahren bei Kämmerling studierte, war die Klasse fast ausschließlich deutschsprachig besetzt. Heute ist es genau umgekehrt – vor allem Studierende aus Fernost, Russland und Amerika. Der Nachwuchs, der ganz selbstverständlich im Elternhaus mit Musik aufgewachsen ist, wird schmaler. Ich habe trotzdem Hoffnung: Die deutschen Studierenden, die kommen, sind oft wirklich außergewöhnlich gut und denken weit über die Musik hinaus. Beim Publikum machen wir uns ähnliche Sorgen. Wobei wir das seit 50 Jahren tun – und auch die Älteren wachsen ja nach. Aber neue Formate sind wichtig, die für junge Menschen wirklich attraktiv sind. Und gleichzeitig muss auch mal vermittelt werden, was es bedeutet, Musik zu hören, die einen Weg geht – die nicht nur einen Momentzustand beschreibt, sondern einen von hier nach dort bringt. Das ist anstrengend. Und das ist vielleicht gerade das Wertvolle.

Stefan Becker: Unser Bruder Michael hat als Intendant der Düsseldorfer Tonhalle einen interessanten Weg eingeschlagen: Er hat Menschen mit großer Reichweite in sozialen Netzwerken – Influencerinnen und Influencer, die aber auch einen echten Bezug zur klassischen Musik haben – als Moderatoren für Konzerte gewonnen. Die bringen ihre Community mit. Die Konzerte sind anders moderiert als klassische Konzerte, aber die musikalische Aufführung steht kompromisslos im Mittelpunkt. Ich glaube, das ist der richtige Weg: nicht die Performance antasten, aber das Setting und die Vermittlung so gestalten, dass die Hürde sinkt.

Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt – auch abseits von Konzerten. Spüren Sie das?

Markus Becker: Absolut. Musik hören ist ein aktiver Vorgang – man kann sich aussuchen, mit welcher Konzentration man zuhört. Aber die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das länger dauert als dreieinhalb Minuten, wird immer geringer. Wir versuchen etwas am Leben zu erhalten, das fast nach 19. Jahrhundert klingt. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist es so wichtig. In den sozialen Medien schaltet man nach sechs Sekunden ab, wenn nichts passiert. Im Konzert entwickelt sich alles, und das dauert oft ein bisschen. Das ist für manchen schlicht unerträglich. Aber genau diese Fähigkeit zur Konzentration, dieses langsame Sacken, das tiefe Anwachsen von Gedanken – das ist es, was verloren geht, wenn alles nur noch in Fünf-Minuten-Blöcken passiert.

Stefan Becker: Das gilt auch für die Bildende Kunst. Ein Bild, das sich sofort erschließt, ist ein anderes Erlebnis als eines, bei dem man seinen Horizont mitbringen muss, um überhaupt erst etwas daraus zu machen. Das ist eine Zumutung – im besten Sinne. Und genau das fehlt immer mehr.

Zum Schluss: Was bedeutet Kultur für Hannover als Stadt?

Markus Becker: Hannover hat ein bekanntes Problem mit der Selbstdarstellung – was inzwischen so ein Selbstläufer geworden ist, dass egal was die Stadt macht, es es zerredet wird und fast nach hinten losgeht. Dabei finde ich das irgendwie auch sympathisch. Lustig ist: Wenn ich gefragt werde, wo ich lebe, sage ich nicht einfach „Hannover“ – ich erkläre es sofort. „Hannover – übrigens eine tolle Stadt.“ Als müsste ich das rechtfertigen. Das müssen wir uns alle abgewöhnen.

Stefan Becker: Hannover ist letztlich die Summe eines wirklich guten Angebots auf hohem Niveau, das echte Lebensqualität schafft. Was Großstädte haben – aber ohne diesen stressigen Puls. Wenn man in Berlin ist, muss man den Berlin-Puls mitmachen. In Hannover kann man ungehetzt atmen. Ich finde übrigens, der Freundeskreis verkörpert genau das: entspannt, engagiert, verbindend. Eine gute Unterstützung für das, was diese Stadt ausmacht.

Abgelegt unter Im Gespräch, MenschenKommentare deaktiviert für Der Freundeskreis im Gespräch mit Stefan und Markus Becker

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