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Ein letztes Wort im April

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Ein letztes Wort im April


Wir treffen uns jeden Monat, also in relativ kurzen Abständen, und es ist gar nicht so selten, dass die Welt von einem Gespräch zum anderen schon wieder eine ganz andere ist. Jetzt haben wir einen neuen Krieg. Haben Sie damit gerechnet, dass das passiert?

Ich habe das zumindest für möglich gehalten. Donald Trump spricht ja oft Drohungen aus und wir haben leider gelernt, dass er bei einigen ernst macht. Die Drohungen richten sich nicht nur gegen Iran, Venezuela, Kuba oder Grönland, sondern auch in den USA gegen diverse Gruppen. In seiner ersten Amtszeit hat man in solchen Fällen noch gesagt, dass er vielleicht einen schlechten Tag hat. Jetzt hat er nur noch schlechte Tage.

USA und Israel bombardieren den Iran, der schlägt in der gesamten Region zurück. Wie wird das enden?

Das weiß heute wohl niemand. Mir sind die Ziele der USA nicht klar. Ich verstehe wirklich nicht viel vom Militär, aber vor Beginn eines Krieges sollte man wissen, was man erreichen möchte. Mir bleibt schleierhaft, welche Ziele die USA verfolgen. Will man das Regime stürzen oder nur dessen militärischen Möglichkeiten ausschalten? Auf Dauer oder nur für eine gewisse Zeit? Oder ist ein grundlegender Wandel im Iran das Oberziel? Falls das so ist, wird man das allein mit Luftschlägen nicht erreichen. Mir erscheint es so, als ob die USA gar keine Strategie hatten, als sie den Krieg begonnen haben.

Ich denke, der Bevölkerung im Iran zu helfen, das ist weder für Israel noch für die USA ein Motiv …

Ja, ich glaube auch, das kann man ausschließen. Und auch der iranischen Führung ist die eigene Bevölkerung völlig egal. Das hat sich schon gezeigt, als die zivilen Proteste zusammengeschossen wurden und zehntausende Menschen ums Leben gekommen sind. Die Menschen im Iran sind zwischen die Mühlsteine geraten. Und jetzt werden sie von den USA bombardiert. Sie sind nicht das Ziel, aber sie werden getroffen. Das alles zu sehen, macht traurig und betroffen. Und die Iraner hierzulande können nur hilflos und verzweifelt zusehen.

Europa ist bei all dem nur Zuschauer, ohne großen Einfluss auf die Beteiligten. Was wäre ihre Agenda für Europa, um mittelfristig wieder mehr Gewicht zu bekommen?

Europa muss sicherlich zuallererst die eigenen Probleme in den Griff bekommen. Man sollte jetzt nicht versuchen, sich als Weltmacht zu inszenieren, das wäre schlicht unglaubwürdig. Aber Europa kann trotzdem eine Menge tun und sich beispielsweise neu vernetzen. Es gibt viele Länder, die nach verlässlichen Partnern suchen. Länder, die sich internationale Partner auf Augenhöhe wünschen, um auf der Basis von Regeln und mit Respekt zu kooperieren. In einer Gemeinschaft von Staaten, die auf Regeln und Verlässlichkeit setzen, müssen die europäischen Länder ganz vorne stehen und auf andere Länder zugehen. Ich denke da zum Beispiel an einige Länder der BRICS-Staaten, aber nicht alle, darunter sind ausgesprochen autoritäre Systeme. Europa sollte vernünftige Partnerschaften mit Hochdruck ausbauen. Das stärkt automatisch den eigenen Einfluss. Mangels eigener großer militärischer Macht ist der Einfluss in dieser Hinsicht derzeit begrenzt, aber in wirtschaftlicher Hinsicht sind solche Partnerschaften wichtig. Ich denke an das EU-Mercosur-Abkommen oder an eine Freihandelszone zwischen Europa und Indien. Und an den militärischen Fähigkeiten der EU angeht, wird intensiv gearbeitet, das ist auch dringende nötig. Allein das, was wir in Deutschland machen müssen, hat die finanzielle Dimension der Deutschen Einheit. Und Europa muss versuchen, eine starke eigene Verteidigungsindustrie aufzubauen, damit dieses Geld zumindest in Europa bleibt.

Der Einfluss Europas ist marginal, aber die Konsequenzen des Krieges sind für Europa sehr spürbar. Die Energiepreise explodieren. Wie sollte die Bundesregierung jetzt reagieren?

Wir sehen deutlich erhöhte Energiepreise, und das gilt nicht nur für Öl, sondern auch für Gas, weil der Preis ans Öl gekoppelt ist. Das heißt, mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung wird auch der Gaspreis unangenehm steigen. Und gleichzeitig haben wir eine Bundeswirtschaftsministerin, die offenbar ernsthaft meint, dass Gas die Zukunft unserer Energieversorgung sei. Da kann man nur sagen: das ist eine gefährliche Irreführung der Verbraucherinnen und Verbraucher, die am Ende zahlen müssen. Die Bundesregierung sollte vernünftige, fundierte Entscheidungen treffen und da bleiben die Erneuerbaren die Energie der Zukunft. Und sie sollte Haltung zeigen. Sie sollte sich klar positionieren. Ich habe zu Beginn des Krieges gegen Iran ein deutliches Statement vermisst, dass es sich bei diesem Angriff natürlich um einen eklatanten Bruch des Völkerrechts handelt.

Haben Sie Verständnis für jene, die gegen Rüstung demonstrieren? Die fordern, dass die Bundeswehr sich von den Schulen fernhält? Oder für die Jugendlichen, die gegen eine Wehrpflicht demonstrieren?

Jein. Ich kann die jungen Leute verstehen, mich hat der Gedanke an einen Wehrdienst zu meiner Zeit auch nicht begeistert. Aber in einem entscheidenden Punkt hat sich mein Standpunkt seit Beginn des Ukraine-Krieges sehr gewandelt. Biografisch hat mich die Friedensbewegung in den 70-er und 80-er Jahren sehr geprägt und ich finde nach wie vor, dass Frieden und Abrüstung die entscheidenden Ziele bleiben müssen. Aber man kann sich die Welt, in der man lebt, nicht aussuchen. Wir sind im Moment eingeklemmt zwischen Putin und Trump. Wenn wir das tatenlos hinnehmen, machen wir uns noch schwächer und noch angreifbarer. Wir müssen in der Lage sein, unsere Freiheit und die Werte unserer liberalen Demokratie zu verteidigen.

Machen wir hier mal einen harten Schnitt. Es gibt ja noch ein Thema, die Wahlen in Baden-Württemberg. Und die SPD bei 5,5 Prozent. Ein Desaster …

Ja, das war gar kein schöner Tag. Erst verliert 96 zu Hause gegen den Tabellenletzten. Da war meine Laune schon ziemlich im Keller. Und den Rest haben dann die Wahlergebnisse in Baden-Württemberg geschafft. Ich war an dem Abend wirklich ziemlich bedient. Aber ich neige nicht zum Masochismus. Ich habe mir die Prognosen angesehen und später die Nachrichten, aber mehr nicht. Es gab einen netten Film auf arte.

Das schlechteste Ergebnis bei Landtagswahlen, das es jemals gab. Viele Leute wissen offenbar nicht mehr so genau, wofür die SPD steht. Sie wird momentan sogar eher als Partei gesehen, die Reformen verhindert.

Das ist aktuell vielleicht richtig, aber auf der anderen Seite gibt es Umfragen dazu, welche Partei man sich noch vorstellen könnte zu wählen, außer der, die man gewählt hat. Und da kommt die SPD noch immer auf Werte bis zu 50 Prozent. Wenn aktuell aber nur etwa 14 Prozent im Bund der SPD ihre Stimme geben würden, machen wir offensichtlich etwas falsch. Ich glaube, die Grundideen der Sozialdemokratie sind vielen Leuten nach wie vor sympathisch. Aber sie sind nicht überzeugt, dass die SPD sie durchsetzen kann. Das wird auch kein neues Grundsatzprogramm schaffen können, so notwendig es auch ist. Wir bewegen uns in großen Teilen in einer völlig neuen Welt. Wir haben eine technologische Revolution, die gleichzeitig eine Kulturrevolution ist. Wir haben den Klimawandel, der über Generationen hinweg die Lebensbedingungen unserer Gesellschaft prägen wird. Die Geopolitik strebt nicht nach Freundschaft und Partnerschaft, sondern ist hart konfrontativ. Die SPD muss es schaffen, ihre nach wie vor aktuellen Werte in diese neue Welt zu transferieren. Wir müssen überzeugende Antworten auf Fragen geben, die wir uns vor Jahren ein paar Jahren noch nicht gestellt haben. Und aktuell muss sich die SPD zuallererst für das Thema Wirtschaft zuständig fühlen. Daran hängen die Arbeitsplätze und die soziale Sicherheit. Leider sagen auf Bundesebene nur noch acht Prozent der Leute, dass sie die SPD in Wirtschaftsfragen für kompetent halten. Das muss sich dringend ändern.

Wir sprechen kurz vor der nächsten Wahl in Rheinland-Pfalz am 22. März. In den Umfragen liegt die SPD dort bei 27 oder 28 Prozent. Die CDU ungefähr gleichauf. Ich prophezeie das nächste Debakel. Sie geben die Hoffnung nicht auf, oder?

Nein, ich halte dagegen. Die Umfragen zeigen sehr deutlich, dass Alexander Schweitzer als Ministerpräsdent eine mit Abstand größere Unterstützung hat als sein Konkurrent. Und ganz am Ende wählen viele Leute eben auch und vor allem Menschen. Aber warten wir‘s getrost ab.

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Editorial 04-2026

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Editorial 04-2026


Lieber Leser*innen,

es gibt Menschen, die brennen einfach lichterloh für das, was sie tun. Sie können gar nicht anders, sie müssen, egal wie schwer es ist oder wie schwer es ihnen gemacht wird. Detlef Simon, den die meisten als DESiMO kennen, ist so jemand. Zauberer, Moderator, Kabarettist, Veranstalter, und seit November auch künstlerischer Leiter des Kleinen Fests im Großen Garten. Er sorgt seit Jahrzehnten mit vielen anderen für dieses gewisse kulturelle Grundrauschen in Hannover, das ziemlich einmalig ist – ein Pfund, mit dem wir ruhig noch ein bisschen selbstbewusster wuchern sollten.

Im Interview ab Seite 56 hat mir Detlef Simon erzählt, wie das alles mal angefangen hat. Als Zauberer, als Entertainer. Fast wäre es Journalismus geworden. Aber die Bühne war immer sein Refugium und sie ist es noch. Nach Corona hat er eine Weile gebraucht, um das Feuer wiederzufinden – seine Regisseurin hat ihn damals gefragt, wo er eigentlich geblieben sei. Wo die Flamme sei. Er hat sie wiedergefunden. Besonders wichtig ist ihm Gemeinsamkeit. So ein Club wie im Apollo, jede einzelne Show funktioniert nur, wenn alle miteinander am Gelingen arbeiten und sich bei dieser Arbeit wohlfühlen. Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Und schon gar nicht ist es eine Selbstverständlichkeit. Es ist eine bewusste Entscheidung. Darum darf im Apollo zum Beispiel die Käsestulle für die Künstler*innen niemals fehlen.

Menschen wie DESiMO sind das Rückgrat unserer lebendigen Kulturszene, sein Club im Apollo ist heute eine Institution in Hannover. Solche Menschen mit echter Leidenschaft und Haltung sorgen dafür, dass Kultur atmet. Sie scheuen nicht das Risiko, sondern setzen für Kunst und Kultur gerne alles auf eine Karte. Haltung ist hier ein schönes Stichwort. Auf der Homepage des Spezial Clubs steht ein klares und mutiges Statement: „Wer mit der AfD sympathisiert, ist herzlich eingeladen, wegzubleiben und mal nachzudenken.“ Das gefällt nicht jedem. Mir gefällt das. Kultur ist kein ideologiefreier Raum. Sie war es nie und wird es nie sein. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Kunst, die Haltung zeigt, und Politik, die Kunst als Werkzeug benutzen will. Dieser Unterschied scheint mir momentan sehr wichtig. Wir erleben ja gerade mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, was passiert, wenn jemand diesen Unterschied nicht versteht oder – schlimmer – bewusst verwischt. Drei linke Buchhandlungen hat er vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen und das mit angeblichen „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen“ begründet, die er bis heute nicht offenlegen will. Die Preisverleihung wurde dann kurzerhand abgesagt. Er lässt gerade die Mitglieder sämtlicher Kulturjurys systematisch erfassen. Man kann das kleingeistig nennen. Man kann es auch beängstigend nennen. Es ist beides. Und es ist kein Ausrutscher. Es ist Methode.

Kultur braucht keine Gönner, die gnädig entscheiden, welche Haltung förderungswürdig ist. Sie braucht Menschen, die ihr den Raum lassen, unbequem zu sein. Zu provozieren. Zu widersprechen. Das ist keine linke oder rechte Forderung, das ist eine zivilisatorische Grundvoraussetzung. Ein Kulturstaatsminister, der Verfassungsschutzdaten als Zensurwerkzeug einsetzt und Jurymitglieder in Listen erfassen lässt, hat das offenkundig nicht verstanden. Wolfram Weimer betreibt keine Kulturpolitik, sondern einen staatlich orchestrierten Kulturkampf. Er sollte damit aufhören oder seinen Platz räumen. Was die Kultur momentan überhaupt nicht gebrauchen kann, das ist ein Kulturstaatsminister mit Verfolgungswahn.

Was die Kultur unbedingt weiter braucht, das sind Menschen wie Detlef Simon. Ich drücke ihm für seine Aufgabe als künstlerischer Leiter des Kleinen Fests wirklich alle Daumen. Das Kleine Fest ist vom 2. bis 16. Juli in den Herrenhäuser Gärten – und wenn man Detlef Simons Erzählungen im Interview folgt, darf man sich auf etwas Besonderes freuen. Er hat am Ende unseres Interviews schon eine ganze Menge darüber verraten, was uns erwartet. Seine Entscheidung, in dieses wahrscheinlich sehr kalte Wasser zu springen, war eine Sache von Bauch und Herz. Die beiden haben den Kopf überstimmt. „Ich bin im Tiefsten meines Inneren zu demokratisch“, sagt er dazu im Interview. Was für ein Glück!

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Das April-Kind ist da!

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Das April-Kind ist da!


Diesen Monat könnte man es „Kampf der lokalen Kulturtitanen“ nennen. Wenn sie denn kämpfen würden. Was sie nicht tun. Wie auch immer: Lars Kompa hat mit DESiMO gesprochen. Nur gesprochen, nicht gekämpft, wirklich. Jetzt im neuen Heft!

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Ein offener Brief … an Willy Brandt

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Ein offener Brief … an Willy Brandt


Lieber Willy, entschuldige bitte, aber wir müssen dich einmal kurz stören. Wir wissen, du hast dir deinen Ruhestand redlich verdient, und vermutlich hast du im Jenseits Wichtigeres zu tun, als dich mit dem aktuellen Zustand der Sozialdemokratie herumzuschlagen. Aber wir kommen hier allein nicht mehr weiter. Die SPD steckt fest. Bei 15 Prozent. Tendenz fallend. Und sie wirkt dabei so, als hätte sie sich damit abgefunden. Das deprimiert uns. Nicht nur, weil 15 Prozent schon fast unter zehn Prozent sind, sondern weil man den Eindruck bekommt, dass dieser Zustand inzwischen als neue Normalität akzeptiert wird. Als wäre Schrumpfung ein Naturgesetz und keine Folge politischer Entscheidungen.

Darum unsere Bitte: Könntest du vielleicht kurz als Geist in die Hirne der führenden Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten fahren? Nur so ein kleiner Spuk, ein sanftes Poltern im Parteivorstand, ein kalter Luftzug durch die Fraktionssitzung. Nichts Dramatisches, einfach eine kleine Erinnerung, was diese Partei einmal ausgemacht hat. Offenbar hat man dort aus den Augen verloren, wofür Sozialdemokratie ursprünglich gedacht war. Für Aufstieg durch Bildung. Für Respekt vor Arbeit. Für echte Solidarität. Für Mut. Für Haltung. Für Politik, die nicht zuerst fragt, ob sie irgendwem wehtut, sondern ob sie notwendig ist. Für eine Partei, die sich nicht klein macht, um irgendwo noch mitspielen zu dürfen, sondern die groß denkt, weil sie etwas verändern will.

Stattdessen hören wir auf dem politischen Aschermittwoch den Parteivorsitzenden sagen, man brauche jetzt „mehr Stammtisch“. Mehr Stammtisch, Willy. Als wäre das Problem der SPD ein Mangel an Lautstärke und nicht ein Mangel an Richtung. Als hätten wir zu wenig Bauch und zu viel Kopf. Dabei wäre im Moment doch eher mehr Hirn ratsam. Mehr Analyse. Mehr Ehrlichkeit. Mehr Klarheit darüber, warum man eigentlich noch existiert.

Du hast einmal gesagt: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.“ Heute wirkt es eher so, als wollten die Genossinnen und Genossen die Zukunft lieber abwarten. Oder sie kommunikativ begleiten. Oder sie moderieren. Oder sie in Arbeitsgruppen verschieben. Hauptsache, niemand ist beleidigt. Und am Ende nennt man diese Mutlosigkeit dann „strategische Neuaufstellung“.

Du, lieber Willy, hast nicht moderiert, du hast gestaltet. Du hast nicht gewartet, bis alle zustimmen, du hast einfach gegen Widerstände gearbeitet, gegen Häme, gegen Misstrauen, gegen die eigene Partei. Du bist in Warschau auf die Knie gegangen – nicht, weil es populär war, sondern weil es richtig war. „Mehr Demokratie wagen“, war kein Slogan, sondern ein bewusstes Risiko. Du hast Konflikte nicht gefürchtet, du hast sie in Kauf genommen. Heute wirkt es eher so, als würde man sich lieber vor Umfragekurven verbeugen als vor der eigenen Geschichte.

Die SPD war einmal eine Partei, die Konflikte ausgehalten hat. Die wusste, dass Fortschritt Reibung erzeugt. Heute wirkt sie ängstlich. Sie zittert sich von Wahldesaster zu Wahldesaster und wundert sich anschließend, warum niemand mehr Vertrauen in ihre Gestaltungskraft hat. Sie hat Angst, irgendjemanden zu verprellen – und verliert damit am Ende alle. Arbeiterinnen und Arbeiter, weil man nicht mehr für sie kämpft. Junge Menschen, weil man zentrale Realitäten ausblendet: dass die Rentenfrage ungelöst ist, dass der demografische Wandel längst Fakten geschaffen hat und dass es keine Zukunftspolitik ist, diese Themen aus Angst vor Unbeliebtheit zu umschiffen. Man verspricht Sicherheit, ohne zu sagen, wie sie finanziert werden soll. Man redet von Generationengerechtigkeit, ohne zu erklären, wer was tragen muss. Und man wundert sich, warum sich junge Menschen reihenweise abwenden.

Vielleicht könntest du Lars und den anderen mal kurz zuflüstern, dass die Sozialdemokratie ein Versprechen ist. Dass die Gesellschaft gerechter werden kann. Dass Macht kontrolliert werden muss. Dass Wirtschaft und Kapitalismus kluge Leitplanken brauchen. Dass Reichtum verpflichtet. Dass Demokratie durch Haltung lebt. Und dass Glaubwürdigkeit nicht entsteht, indem man Probleme kleiner redet, sondern indem man sie ernst nimmt – auch wenn sie unbequem sind.

15 Prozent, lieber Willy. Das ist kein Betriebsunfall. Das ist das Ergebnis jahrelanger Selbstverkleinerung. Ist es nicht höchste Zeit, wieder größer zu denken, statt immer nur Schadensbegrenzung zu betreiben. Also, falls du die Zeit findest: Die SPD würde sich freuen. Und wir uns auch.

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Tonträger März 2026

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Tonträger März 2026


Morrissey – „Make-up is a lie“

Wenn man von „Kunst und Künstler voneinander trennen“ spricht, ist meist die Rede von Rammstein oder von Morrissey. Und von Letzterem ist ja nun hinlänglich bekannt, dass in dessen Oberstübchen irgendwas ganz und gar nicht richtig ist. Da soll er doch statt Polemik lieber Musik machen, oder? Naja. Sein am 6. März erscheinendes Album dient leider nicht zur Stützung dieser These. Zu zwei Dritteln ist es nämlich zunächst einmal eines: langweilig. 8 von 12 Songs, bei denen einem die Füße einschlafen, ist wirklich keine gute Bilanz. Zudem klingt es auf störende Art heterogen, unruhig. Und ob man will oder nicht, man fahndet halt doch immer irgendwie, ob in den Texten nicht vielleicht eine Morrissey‘sche Scheußlichkeit steckt. Gute Nachricht: Man muss Künstler und Werk hier nicht trennen, man kann getrost beides scheiße finden.

Robbie Williams – „Britpop“

Ein kleiner Witz meinerseits, die Alben dieser beiden Künstler hier neben einander zu präsentieren. Zum einen sehen die sich mittlerweile ziemlich ähnlich, zum anderen hat Williams seinem Idol Morrissey auch einen gleichnamigen Track auf diesem Album gewidmet (Co-Autor war Gary Barlow), der, Trommelwirbel, schlecht ist. Ja, sogar der Schwächste auf dem Album und das will was heißen. Denn was mit „Rocket“ richtig stark und breitbeinig anfängt (mit einem Gitarrensolo von Tony Iommi), zerfasert leider mittendrin. Denn da macht Robbie komprimiert alle Fehler, die er zuvor auf mehrere Platten verteilt hatte: Pseudolustige Anekdoten aus seiner Drogenzeit, überkitschte Balladen, affenscheußlicher Sprechgesang und schlecht geklaute Kinks-Rhythmik. Alles weder wirklich Britpop (bis auf das Oasis-Soundalike) noch wirklich schön.

Mika – „Hyperlove“

Nach seinem 2007er Debüt „Life In Cartoon Motion“ verschluckte ihn die Erde und spuckte ihn nun als blinke-buntes Partyeinhorn wieder aus. Dabei ist aber das zauberhaft Exaltierte ziemlich verloren gegangen. Alles klingt sehr glatt, sehr clean, sehr gezähmt – eher wie ein Tanzlehrer für die Disco-Fox-Klasse auf MDMA. Aber schön bunt.

Lina – „Melodrama“

Ein Melodrama findet man auf dieser Platte nicht. Ein Drama aber schon: Da hat die Frau so eine spannende Stimme und macht so wenig damit. Ausgesprochen schade, denn das hätte den doch recht generischen und gleich klingenden Deutschpopsongs ein bisschen Tiefe verliehen – die findet man nämlich nur im Rausschmeißer „Morgen ist auch noch ein Tag“.

Moby – „Future Quiet“

Das Tolle an Moby ist, dass er keine Angst vor Einfachheit hat. Gott, wie sympathisch und ein schöner Gegenentwurf zu den Nils Frahms unserer Zeit. Diese Einfachheit nun auf anderthalb Stunden Spieldauer auszudehnen, ist fast schon frech. Aber darüber tröstet einen das wunderschöne „When it‘s cold, I‘d like to die“ locker hinweg.

Mumford & Sons – „Prizefighter“

Nicht einmal ein Jahr liegt „Rushmere“ zurück, da kommt schon das nächste volle Album auf den Markt. Und zwar eins mit 14 Stücken! Mit tollen Melodien, ausgeklügeltem Folk-Handwerk und hymnischen Refrains. Am Tollsten aber sind nach wie vor die kleinen, leisen Momente – wie zum Beispiel das Hozier Feature „Rubber Band Man“.

Rosa Hoelger – „Für immer Gummistiefel“

Da ist schon viel Schönes bei! Ein recht spannendes Debüt, breit angelegte Arrangements und viel Raum für Ausflüge in beispielsweise Bar-Jazz oder Chanson. Tolle Texte auch! Leider werden die von der einen oder anderen unklug/unnötig platzierten Feminismuskeule zu Klump gehauen, aber das ist verzeihlich. Trotz des kruden Titels schön!

Bianca Stücker & Mark Benecke – „Abysmal Affairs“ (EP)

Ja, genau, der Käfermann singt. Es wäre besser, er täte das nicht – und erst recht nicht das ikonische „Henry Lee“ von Nick Cave – aber verbieten kann man‘s ihm wohl kaum. Wer nicht gerade ein Riesenfan von Gothic-Folk oder Finster-Electronica ist, verpasst an dieser Stelle nichts und kann stattdessen lieber „Medical Detectives“ gucken.

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Musikerinnenporträt März 2026: Thelma Malar

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Musikerinnenporträt März 2026: Thelma Malar


Das erste Album entstand in ihrem Kinderzimmer – jetzt steht Thelma Malar auf großen Bühnen, schreibt intensive Songs, hat ihre eigene Marke IT´S FINE ins Leben gerufen und organisiert Festivals und Writing Camps für FLINTA*-Artists.

Thelma Malar ist Künstlerin, Songwriterin und Musikerin. In ihren Songs zeigt sie sich schwach und fragil, aber auch ehrlich und stark. Ihre neusten Singles „5TB Geduld“ und „86 Tasten“ beschreibt sie in drei Worten als „beat-driven, ehrlich und komplex“. Sie findet einen Kontrast zwischen Fragilität und Stärke, der die Seele berührt.

Geboren und aufgewachsen ist die 23-jährige in Berlin. Um sich selbst und ihre Musik neu aufzustellen, ist sie nach Hannover gezogen. Die Musikindustrie in Berlin sei unfassbar intensiv und in Hannover sieht sie für sich mehr Perspektiven. Der Start in einer neuen Stadt hat ihr gut getan, erzählt sie, und es gefällt ihr hier zu leben und Musik zu machen. Dennoch agiert sie weiterhin viel in Berlin für Projekte und Sessions.

Ihre ersten Berührungspunkte mit der Musik machte sie zusammen mit ihrem Opa auf der Orgelbank. Als kleines Mädchen hat sie oft auf Familienfeiern gesungen und in der 7. Klasse dann ihren ersten Song geschrieben, verrät sie. „Es war irgendwie immer klar“, dass sie Sängerin werden wird. Nach dem Abitur hat Thelma zusammen mit ihrem besten Freund begonnen, ein Album zu produzieren. Angefangen habe alles in ihrem alten Kinderzimmer. „Das war der Startschuss“, sagt sie und nach zwei Jahren Arbeit war das Ergebnis Thelmas erstes Album „Second Pillow“.

Lange hat sie Musik auf Englisch geschrieben, doch mit ihren zwei neusten Singles, die 2025 erschienen sind, hat sie einen Neustart gewagt und erstmals Songs auf Deutsch veröffentlicht. „Ich hatte das Gefühl, dass ich schon alles gesagt habe, was ich auf Englisch sagen kann.“ Durch die Sprache sei sie noch stärker mit sich selbst verbunden. Durch den Weg ins Deutsche wünscht sie sich, dass ihre Musik und ihre Persönlichkeit in Zukunft mehr zusammenrücken.

Ihre zweite große Leidenschaft ist die Festivalorganisation. Auf dem von ihr ins Leben gerufene IT´S FINE FESTIVAL verbindet sie aufstrebende Newcomer*innen und schenkt ihnen nicht nur eine Stimme, sondern auch einen Safe Space auf der Bühne. Es ist ein Festival, das für Thelma einen nachhaltigen, feministischen Wert vertritt. In der Musikbranche werden FLINTA*-Artists oft mit Gender-Stereotypen konfrontiert. Beispielsweise werden ihnen ihre Kompetenzen in vielen Bereichen abgesprochen. Sei es das musikalische Talent, die Urheberschaft am eigenen Werk oder das Know-how im Technikbereich. Und das ist nur ein Teil – FLINTA*-Artists müssen sich meist doppelt so hart beweisen wie männliche Artists, um ernst genommen zu werden. Das führt unter anderem dazu, dass FLINTA*-Artists auf Festivals oft unterrepräsentiert sind und geringere Gagen erhalten. Außerdem steigt dadurch der Wettbewerbsdruck unter den FLINTA*-Artists immens. Thelma möchte mit ihren IT´S FINE FESTIVALS gegen diese Gender-Stereotypen und gegen diesen Druck wirken. „Man kann nicht immer tiefer in die Wunde drücken. Irgendwann muss jemand kommen und ein Pflaster drüber kleben“, sagt sie.

In ihren Writing Camps arbeitet sie eng mit Künstler*innen zusammen. Unterstützt vom Meisel Verlag und der GEMA, kuratiert sie, organisiert Workshops und Open Spaces, schafft Raum und bringt FLINTA*-Artists zusammen. Für sie ist es am wichtigsten, dass sich alle dauerhaft wohlfühlen und nicht unter dem permanenten Wettbewerbsdruck stehen, wie es häufig in klassischen Writing-Camps der Fall ist. Dieses Jahr fanden die IT´S FINE SESSIONS im Februar in den Hansa Studios in Berlin statt.

Für das Jahr 2026 ist viel geplant: „Ende des Jahres soll es knallen“, verspricht Thelma. Im November spielt sie zwei große Release-Konzerte in Hannover und Berlin, soviel kann sie schon mal verraten. „Und was dann alles noch kommt, wird sich zeigen“, sagt sie mit einem verheißungsvollen Lächeln. Ihr nächster Auftritt findet am 29. März im Kulturzentrum Faust statt. Thelma ist eine von insgesamt drei FLINTA*-Artists, die an diesem Abend spielen werden.

Lilly Struckmeier

Mehr Infos: www.thelma-malar.de

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