Tag Archive | "Stadtkind"

Tonträger Oktober 2026

Tags: , , ,

Tonträger Oktober 2026


Echo & The Bunnymen – „Apples for Isaac“

Zwölf Jahre nach ihrem letzten Studioalbum melden sich Echo & The Bunnymen mit „Apples for Isaac“ zurück. Es ist ein vitales, wenn auch zutiefst melancholisches Spätwerk, das sich hörbar mit dem Älterwerden auseinandersetzt. Ian McCulloughs Stimme trägt immer noch dieses charismatische Flehen, und Will Sergeants Gitarrenarbeit sorgt für gewohnt dichte, neopsychedelische Passagen. Dem packenden, hymnischen Opener stehen im weiteren Verlauf jedoch einige zähe, allzu vorhersehbare Füller gegenüber. Manche Stücke plätschern arg hüftsteif vor sich hin und verlieren sich in der Repetition, ohne den dringlichen Funken früherer Werke zu entfachen. Dennoch bleibt es ein respektables, stellenweise tief berührendes Comeback der Post-Punk-Ikonen. Die Band verwaltet ihr monumentales Erbe mit Würde und lässt die alte, düstere Magie der Achtziger aufleben.

.

Giant Rooks – „If Heaven Exists, This Might Be It“

Giant Rooks festigen ihren Status als internationale Indie-Pop-Größe, bewegen sich dabei aber gefährlich nah an der Komfortzone. Heißt: extrem poliertes Sounddesign, treibende Rhythmen und die gewohnt packende, unverkennbare Stimme von Frederik Rabe. Jede Hookline sitzt perfekt und zielt hörbar auf die ganz großen Festivalbühnen ab. Genau hier liegt allerdings der Schwachpunkt: Die Ecken und Kanten, die den früheren Art-Pop der Band ausmachten, wurden zugunsten maximaler Eingängigkeit glattgeschliffen. Viele Songs wirken, als seien sie auf pure Publikumswirkung hin kalkuliert worden, wobei überraschende Wendungen auf der Strecke bleiben. Trotzdem ein handwerklich makelloses, wunderbar tanzbares Werk, das man, wagemutig oder nicht, auch erst mal so abliefern muss; der Blick auf die großen Bühnen ist kein unrealistischer!

Lotte – „Lotte“

Mit ihrem selbstbetitelten Album liefert die Künstlerin ein nahbares Werk ab. Die Produktion ist erwartungsgemäß modern, verliert sich aber ziemlich im Mainstream-Einheitsbrei. Während die ehrliche Texte durchaus berühren, sind die Melodien alle schon mal dagewesen. Ein solides Album, das aber allzu zu oft auf Nummer sicher geht.

Carly Rae Jepsen – „Day and Night“

Ein ambitioniertes Doppelalbum. Während die organische „Day“-Hälfte mit gewagten 70er-Einflüssen glänzt, richtig Spaß macht und echtes Suchtpotenzial entfaltet, verliert sich die elektronische „Night“-Seite leider in etwas zu simpler Club-Meterware. 24 Songs sind am Ende einfach zuuu langatmig.

Muff Potter – „Klepto“

Muff Potters neuntes Werk zeigt die Band lyrisch gewohnt stark am Puls der Zeit. Musikalisch beschreitet die Platte experimentelle Pfade und bricht gängige Songstrukturen auf. Für manche Ohren driftet das allerdings in zu viel verkünstelten Indie-Pop ab – der rohe Punk weicht bisweilen einer dezenten Melancholie. Schön, aber sehr kopfig.

Bloc Party – „Anatomy of a Brief Romance“

Die Songs funktionieren wie ein Tagebuch, das den exakten Verlauf der Liebe abbildet. Es beginnt mit der anfänglichen Euphorie und Verknalltheit (in Tracks wie „Love Bombs“ und „Pigwig“), geht über Vertrauensbrüche („Worst Birthday Ever“) bis hin zur schmutzigen Phase des Social-Media-Stalkings nach dem Aus („Stories“). Intensiv, aber fremdschämig.

Anthrax – „Cursum Perficio“

Latein für „Ich vollende meinen Weg“. Ist hier Nomen Omen? Die Mischung aus 11 Stücken mit knackigen Riffs, 80er-Thrash-Energie und modernen Melodien reißt durchaus mit. Zwar verliert die zweite Hälfte etwas an Puste, doch dank grandioser Soli und Belladonnas starker Stimme bleibt es ein absolut würdiges Album.

Beck – „Ride Lonesome“

Spieluhrmusik, elegante Holzbläser und Chöre, die Brian Wilson sich so auch gedacht hätte. Damit ist „Falling Through My Hands“ ein absolutes Highlight des Albums. Die vertraute Melancholie geht direkt ins Herz. Auf Dauer zieht sich das gemächliche Tempo aber zäh durch die Tracks, wodurch manche Passage fast schon arschlangweilig wirkt und an Tiefe verliert.

Abgelegt unter Musik, TonträgerKommentare deaktiviert für Tonträger Oktober 2026

Bandporträt Oktober 2026: Rückendecker

Tags: , , ,

Bandporträt Oktober 2026: Rückendecker


Zwischen hypnotisch-gedämpften Gitarrensounds, einer weichen und doch klaren Stimme, plastischen Gefühlswelten, echten Texten, losgelöst von jeglicher Struktur und doch frei von Chaos findet sich Rückendecker: ein Duo aus Sänger und Producer Bernhard Radermacher (27) und Autorin Emily Bader (27). Zusammen kreieren sie Songs, die von Dualität geprägt sind. Einfach, erst monoton klingende Melodien vertiefen sich, werden reich mit greifbaren Emotionen gefüllt und transportieren Trost, eine eigensinnige Hoffnung und das Gefühl aufgefangen zu werden. Rückendecker ist für dich da, wenn du es selbst nicht sein kannst. Am 02.10. erscheint ihre dritte Single Pulp Fiction.

Emily ist Journalistin und schreibt beruflich eher sachbetonte Texte. Durch das gemeinsame Projekt Rückendecker hat sich für sie eine Tür in die Kreativwelt geöffnet, die sie schon länger erkunden wollte. Bernhard ist Sänger und Producer und kommt aus einer musikalischen Familie. „Meine drei älteren Geschwister haben alle Musik gemacht und so hat sie mich seit dem ich ein Baby war, schon immer umgeben“, berichtet er. Sein erstes gelerntes Instrument war die Geige. Mit 10 Jahren kam das Schlagzeug hinzu und mit den Jahren noch weitere Instrumente, wie die Gitarre und der Bass. „Als ich schließlich in das Alter kam, in dem man darüber nachdenkt, was nach der Schule sein wird, hat sich bei mir die Idee verfestigt, dass ich den professionellen Weg der Musik gehen möchte.“ Bernhard erzählt, dass er bereits in vielen Projekten und Bands mitwirken konnte, sich lange im Bereich des Jazz bewegt hat und schon immer den Traum von einem deutschsprachigen Pop-Projekt hatte – nur das Texten sei schon immer seine Achillesferse gewesen. An diesem Punkt kam Emily ins Spiel und die „Zusammensetzung von Schreiberin und Musiker“, der erste Schritt in Richtung eines gemeinsamen Projektes begann. „Dadurch, dass wir uns privat schon lange kennen und viel miteinander reden, kannte ich Bernhards Wunsch und gleichzeitig auch sein Dilemma und hatte ihm den Vorschlag gemacht, dass ich ihm einfach mal Texte schreiben könnte“, berichtet Emily. „Anfangs war alles erstmal ganz ergebnisoffen und wir haben privat ein bisschen was ausprobiert und gebastelt. Schnell haben wir gemerkt, dass wir gemeinsam gut funktionieren und dann unser Ziel im Kopf klar formuliert: Musik herausbringen.“

Die erste Single Kennst du das kam im Juli diesen Jahres heraus: Musikalisch ist sie von weichen, ausgewählten Gitarrensounds geprägt, die im Laufe des Songs eindringlicher und bewusster werden. Alle Instrumente werden von Bernhard selbst eingespielt und teils nachträglich bearbeitet. Begleitet von einer melancholischen Atmosphäre transportieren die Lyrics eine leise Hoffnung und dass Gefühl, in grauen Zeiten verstanden zu werden. Dabei lässt Emily bewusst Spielraum und Lücken für individuelle Interpretation. „Wenn wir gemeinsam an einem Song sitzen, produziere ich zuerst die Melodien und wenn der Song in seinem Gesamtkonstrukt fertig ist, gebe ich ihn an Emily“, beantwortet Bernhard die Frage, wie ein kreativer Prozess bei den beiden abläuft. „Vor allem der Rhythmus und die Stimmung geben mir Struktur und ein Gerüst für die Lyrics“, führt Emily fort. Mit ihren Texten möchte die 27-Jährige Bilder und plastische Gefühlswelten erzeugen, die bewusst etwas unkonkret und offen interpretierbar bleiben. „Mich inspiriert beim Schreiben häufig, dass Sprache defizitär ist und jeder Mensch Emotionen anders für sich übersetzt. Wenn ich beispielsweise das Wort Freude im Kopf habe, weiß ich nicht, ob es in dir das gleiche Gefühl auslöst wie in mir. Deshalb möchte ich Bilder mit externen Referenzen schaffen, die diese Gefühle transportieren und als verbindende Elemente ein gegenseitiges Verständnis erzeugen.“

Der Name des Duos leitet sich ganz direkt vom Wort Rückendeckung ab. Bernhard erzählt, dass er häufig das Gefühl verspüre, nicht richtig dazuzugehören oder anders zu sein, als es oftmals verlangt wird. Das Projekt biete dem Künstler ein Zufluchtsort, an dem Angst besänftigt werden könne. „Für andere wollen wir genau diese Rolle von einer Person einnehmen, die metaphorisch im Regen den Regenschirm hält und einem sagt, dass es okay ist, einfach sein eigenes Ding zu machen“, sagt Bernhard. „Wenn dein Spiegelbild dir sagt, dass du nicht okay bis, steht Rückendecker hinter dir“, ergänzt Emily.

Zukünftig planen die beiden ihr Team und ihre Band zu vergrößern, sodass die Möglichkeit besteht, auf Bühnen zu spielen oder umfangreichere Musikvideos zu drehen. Momentan fließt ihre ganze Energie jedoch in die Produktion und Fertigstellung neuer Songs. Am 02.10. erscheint ihre neuste Single Pulp Fiction und am 20.11. folgt die EP Wie Dynamit aber zärtlich. Textlich ließ sich Emily vom gleichnamigen Film inspirieren und spinnt die Geschichte zwischen Vincent Vega und Mia Wallace als eine Liebesgeschichte weiter. „Ich glaube, dass viele Menschen irgendwann in ihrem Leben eine Begegnung haben, die kein Finale bekommt und einfach unaufgelöst endet. Der Film zeigt aber, dass nicht jede menschliche Begegnung ein abschließendes Ende braucht, um etwas Besonderes gewesen zu sein und das ist das, was mich so inspiriert hat.“ Wer nun neugierig geworden ist, kann sich auf ein kraftvolles Zusammenspiel aus sanfter „Monotonie“ und plötzlicher „Explosivität“ freuen. Mit dem Newcomer-Duo aus Hannover kann die Zukunft nur besser werden.

Mehr Infos auf Instagram @rckendcker.

Lilly Struckmeier

Abgelegt unter MusikerporträtKommentare deaktiviert für Bandporträt Oktober 2026: Rückendecker

Ein offener Brief an… Jürgen Klopp

Tags: , ,

Ein offener Brief an… Jürgen Klopp


Lieber Jürgen, wir müssen kurz stören, mitten in der Vorbereitung auf die nächsten Länderspiele, aber die Lage duldet keinen Aufschub. Du hast gerade erst in Herzogenaurach die neue Startaufstellung sortiert, aber wir müssen dich nun schon wieder neu aufstellen. Du musst jetzt übernehmen. Es geht nicht anders. Es wird sogar allerhöchste Zeit. Der Friedrich kann es einfach nicht. Also, gib dir einen Ruck. Du musst jetzt Bundeskanzler werden. Ja, klar, wir wissen, das Gehalt ist ein Witz im Vergleich zu dem, was du zuletzt bei Red Bull als Global Head of Soccer verdient hast, und die Ablösesummen, mit denen du früher jongliert hast, übertreffen locker das gesamte Kanzlergehalt eines halben Jahrzehnts. Aber es geht hier doch nicht ums Geld. Es geht um Ehre. Und darum, dass wir dich mehr brauchen, als der DFB dich je gebraucht hat. Wir würden auch ein bisschen sammeln und zusammenlegen. Wir würden eigens für dich einen Bundeskanzler-Fonds gründen. Das würde bestimmt super funktionieren. So, wie wir dich kennen, könntest du schon sehr bald mit den Zinsen die gesamten bundesdeutschen Zinsen bedienen.

Okay wirst du sagen, eins nach dem anderen. Du hast jetzt erstmal das Nationalteam übernommen, weil nach dem Debakel bei der letzten WM niemand sonst die Karre aus dem Dreck hätte ziehen können. Rudi Völler selbst wollte nicht, auf die Matthäus-Idee ist seltsamerweise niemand gekommen (außer vielleicht Lothar selbst) du warst also die alternativlose erste Wahl. Und jetzt, wirst du sagen, werden wir zuerst Weltmeister, und ob du danach noch Lust hast, dich für die Bundeskanzler-Position warmzulaufen, werden wir dann mal sehen.

Aber das geht nicht. Wir brauchen dich jetzt sofort in Berlin. Das Debakel dort ist dem WM-Debakel ja nicht ganz unähnlich. Kollektives Scheitern ohne tiefe Einsichten. Wobei die Fehlerquote in Berlin noch deutlich höher ausfällt. Machen wir uns nichts vor, mit dem Team in Berlin fahren wir demnächst krachend vor die Wand. Die CDU hat es in Mecklenburg-Vorpommern zerrissen, in Sachsen-Anhalt hat die AfD beinahe die absolute Mehrheit geholt, und Friedrich Merz fällt nichts Besseres ein als einfach weiterzumachen wie bisher. Weil taktisch ja eigentlich alles richtig war und nur die Spieler*innen beziehungsweise Wähler*innen es mal wieder nicht begriffen haben, diese hirnlosen, arbeitsscheuen kleinen Arschkrampen. Es müsste nach so einer Schlappe doch jetzt wenigstens mal ordentlich krachen in der Kabine.

Du hast gesagt, du wünscht dir, dass wir die Fahne zurückbekommen. Die Fahne, mit der man sympathisch und gelassen ein bisschen stolz sein kann. Und das wünschen wir uns doch alle. Dieses unkomplizierte, unverkrampfte Stolzsein, dieses Sommermärchen-Gefühl, das ist doch gerade das, was diesem Land momentan fehlt, während über vierzig Prozent in Sachsen-Anhalt diese ganz andere Version von Nationalstolz wählen. Du hast als Trainer auch immer betont, wie wichtig das Kollektiv ist, die Mentalität der Mannschaft. Also bitte, mach uns den Kanzler, wir sind deine Mannschaft. Wir hängen uns richtig rein. Wir brauchen jetzt einen, der es kann, der das Umschaltspiel beherrscht, der die Rechten auf den letzten Drücker noch gekonnt auskontert.

Du hast Dortmund aus dem Mittelmaß geholt, du hast Liverpool nach dreißig Jahren wieder zum Meister gemacht, jetzt ist Deutschland dran. Das wäre doch die logische Fortsetzung deiner Erfolgsgeschichte. Und klar, wir verstehen, dass du jetzt wenigstens ein Spiel gewinnen willst. Das ist okay. Mach das ruhig zuerst. Aber direkt nach dem nächsten Länderspiel kommst du dann im Kanzleramt vorbei und gibst deine erste Regierungserklärung ab. Ja? Deutschland hat gerade echt zwei, drei heftige Baustellen. Wir brauchen dich. Du musst all den Vollpfosten mal gehörig das Hirn durchpusten. Denen erklären, wie total bescheuert es ist, die AfD zu wählen. Sie würden dir glauben. Wahrscheinlich bist du der Einzige, dem sie noch was glauben. Du musst übernehmen, bevor der Merz den Karren ganz in die Scheiße zieht. Trainerwechsel jetzt!

Abgelegt unter offene BriefeKommentare deaktiviert für Ein offener Brief an… Jürgen Klopp

Ein offener Brief … an Gianni Infantino

Tags: , ,

Ein offener Brief … an Gianni Infantino


Lieber Gianni, gib jetzt bloß nicht auf! Wir wissen, die letzten Wochen waren hart. Dein kleiner Plan, die WM-Vermarktung scheibchenweise an Investoren zu verscherbeln, mit dem Bruder von Jared Kushner als Ankerinvestor, ist dir ziemlich krachend um die Ohren geflogen. Alle waren sie auf den Barrikaden. Aber das macht gar nichts. Im großen Spiel war das jetzt nur die Trinkpause in der ersten Halbzeit. Du wirst ja noch ein bisschen im Amt sein und bis du dann irgendwann aussteigst ist noch so ziemlich alles möglich. Weil du weißt, wen du anrufen und wohin du wie viel überweisen musst. Es ist noch nicht das Ende. Du wirst den Job noch erledigen, die endgültige Zerstörung des Fußballs, wie wir ihn kennen.

Um so diese alte, offene Rechnung zu begleichen. Alles erklärt sich aus deiner Biografie. Da spielt ein kleiner Junge im Wallis beim FC Folgore, nur Mittelmaß, kaum Talent, kein Torjäger, kein Kapitän, sondern nur Mädchen für alles. Trikots waschen, Spielpläne schreiben, Bälle aufpumpen. Traumatisch war’s, das Kindsein als gemobbter Rotschopf im Oberwallis, das hast du selbst mal öffentlich gemacht, mit zittriger Stimme, kurz vor einer WM. Es wäre aber auch so kein Geheimnis geblieben. Deine Familie hat das alles schon diverse Male ausgeplaudert. Wer weiß, was sie dir alles angetan haben, die Jungs aus deinem Team. Dein Kopf ähnelt schon sehr einem Fußball …

Wobei du in jungen Jahren noch keine Glatze hattest, vielleicht haben sie diesen „Spaß“ also ausgelassen. Aber traumatisch war’s wohl trotzdem. Und aus so einem Trauma, das muss man verstehen, erwächst eben irgendwann ein Plan. Damals hast du den Glauben verloren. Fairness, Ehre, der Sport um seiner selbst willen – alles Moppelkotze. Es geht darum, die Schlechten auszusortieren, bis ganz am Ende nur wenige sehr Starke übrigbleiben. Fußball ist harte Selektion. Und dich habe sie früh aussortiert.

Aber einen Gianni Infantino sortiert niemand einfach aus. Darum hast du begonnen, dich unentbehrlich zu machen. Du hast für deine Mannschaft erst Turniere organisiert. Und jetzt organisierst du den Weltfußball. Und zerlegst ihn Stück für Stück. Die WM-Vergabe an Saudi-Arabien, 2034, ganz ohne lästige Konkurrenz, das Rotationsprinzip so lange gedreht, bis nur noch ein Bewerber übrigblieb. Zwangsarbeit, Baustellentote, geschenkt. Den FIFA-Friedenspreis eigens für Donald Trump erfunden. Und spätestens bei der feierlichen Übergabe wussten alle, wozu so eine Glatze gut sein kann. Mit ein bisschen Öl tut es gar nicht so weh. Und Trump hat es sichtlich genossen. Er steht offensichtlich sehr drauf. Man kann ihm gar nicht genug hinten reinkriechen. Dein Büro hast du quasi in den Trump Tower verlegt, für die kurzen Wege, damit rote Karte im Zweifel keine roten Karten mehr sind.

Du hast mit all dem erreicht, was du erreichen wolltest. Der Fußball hat mal wieder sehr gelitten. Immer mehr schwarze Flecken auf der einst so reinweißen Weste des Königs Fußball. Nur dein neuster Coup ist dir nicht gelungen. Die Anteile am Weltfußball an Investoren verscherbeln, bevor irgendwer merkt, was passiert – ein schöner Plan, fast schon elegant in seiner Schamlosigkeit. Aber sie haben es leider doch zu schnell kapiert. Vorerst bist du nun gescheitert. Aber du hast jetzt diesen Freund im Weißen Haus. Vielleicht kauft der demnächst einfach die UEFA und dann ist Ruhe. Die FIFA hast du ja längst in der Tasche – mit den 110 von 211 Stimmen aus Südamerika, Afrika und Asien überstehst du jede Wahl, solange du weiter pünktlich die Fördermillionen überweist. Aber was tun mit der UEFA?

Zuerst Reue zeigen, den Kushner-Plan als „Missverständnis“ verkaufen und öffentlich Demut üben, bis das Schiedsverfahren der UEFA im Sande verläuft. Parallel bereits beginnen, die großen Klubs zu locken, mit besseren Slots und dickeren Preisgeldern bei einer möglichst aufgeblähten Klub-WM. Bayern, Real, PSG müssen ins Boot, die brauchen ein großes Stück des Kuchens. Und apropos, irgendwann wird auffallen, dass Ceferin plötzlich sehr entspannt wirkt, weil er diese neuen Beraterposten bei einer FIFA-Stiftung hat. Alle haben irgendeinen Preis, Aleksander eben auch. Und bis 2029 wirst du dann still und leise eine neue Version des Investorenplans durch die Hintertür einführen, diesmal ohne Kushner, mit freundlicherem Etikett und ganz viel Öl. Und spätestens 2031 ist es dann geschafft. Dann ist die Luft endgültig raus. Und deine Rache perfekt.

» GAH

Abgelegt unter offene BriefeKommentare deaktiviert für Ein offener Brief … an Gianni Infantino

Tonträger September 2026

Tags: , , ,

Tonträger September 2026


Jupiter Jones – „Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes“

Wenn da nicht der letzte Song auf der Platte wäre, „Immer noch (auf das Leben)“, wüsste man gar nicht, dass man da gerade eine ehemalige Punkband hört. Das Album hier ist jedenfalls lupenreiner Pop, was natürlich auch okay ist. Nur gefallen dieser schöne, glattgezogene Gesang und die massentauglich gesetzten Chöre eher Tante Mathilda als den die-hard-Fans.

Weezer – „Selftitled (The Gold Album)“

In den letzten Jahrzehnten haben Weezer so viel angestellt, da konnte einfach nicht alles großartig sein. Jedenfalls nicht so großartig wie ihr erstes, blaues Album. Und da sind sie jetzt wieder: Besinnung auf College- und Indierock, back to the roots und jeder-bringt-was-mit-Songwriting. Naheliegend, da das Cover in Gold zu gestalten. Sehr gelungen.

Grandma’s House – „Baby, You’re A Winner“

Zwei gleichgeschlechtliche Ehepaare aus Bristol gründen eine Grungeband, klingt wie der Plot eines Arthouse-Films, ist aber besser. Denn statt sich auf die gängigen 3-Akkord-Phrasen zu beschränken, haben die vier Damen hier detailreich an vielen schönen Tracks gearbeitet und eher einen Screaming-Trees-Grunge als einen Nirvana-Grunge geschaffen.

Electric Cowboy – „Tanzneid“

Worauf man hier neidisch sein soll, ist nicht zu erkennen. Auf das Feature mit Babymetal, die dem Song wenigstens ein bisschen Relevanz verschaffen? Oder das mit The Offspring, das klingt, als würde man zwei Titel zeitgleich abspielen? Sonst sieht es nämlich sehr schütter aus. Können die nicht einfach zurück in die Braunkohlezeche, aus der sie mal gekrochen kamen?

Ariana Grande – „Petal“

Man muss kein Fan sein, um ihre Qualitäten schätzen und sich daran erfreuen zu können. Statt über Exfreunde, Hater und die Garstigkeit des Lebens ganze Songs zu schreiben (looking at you, Taylor Swift), handelt Grande das in Nebensätzen ab und fokussiert sich, auch unter uneitler Zurücknahme ihres Gesangtalents, auf das große Ganze. Schön.

The Strokes – „Reality Awaits“

Immer wieder erstaunlich, wie man mit Dreistigkeit und offensiv zur Schau gestellter Bocklosigkeit so viel Atmosphäre kreieren kann. Es wird wohl dieses Songwriting-Talent sein, das die Strokes einmal mehr den Eindruck vermitteln lässt, nichts könnte ihnen egaler sein, als ob wir das gut finden, was die so machen. Aber das tun wir, ganz entschieden.

Hi!Spencer – „Immernie“

Ein Album als „,Coming of Age‘-Snuff“ zu betiteln, klingt erst einmal nicht wie ein Kompliment. Und doch: Wohl selten hat jemand gleichermaßen wohlklingend wie bildhaft einen wirklich seltsamen Lebensabschnitt beschrieben. Wenn man sich hektisch nach einem Erwachsenen umschaut, der das Problem löst, um dann zu merken: Oh. Das wäre dann wohl ich. „Immernie“ ist reifer als seine Vorgänger, was die schmerzlich genaue Bildsprache, die exakten Beobachtungen verdeutlichen: Der Moment in dem man merkt, wenn das hier vorbei ist, kommt’s nie wieder – in der Sekunde, wo der Sommer zum Herbst wird. Zuhause und die Entfremdung davon, das Begraben alter Ängste, Erich und sein Motel One sowie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Das alles zusammengefasst unter einem Cover mit einer zerplatzenden Kaugummiblase. Metaphorisch passend, mitreißend und wie aus dem Tagebuch. Stark!

Brandon Flowers – „Thrasher“

Wieder ein unscharfes Cover, wie schon bei „The Desired Effect“ von 2015. Aber das war’s dann auch schon mit Gemeinsamkeiten. Brandon Flowers hat hier seinen inneren Johnny Cash gechannelt und – stilecht in Nashville – ein Countryalbum gebaut. Und alle, die denken, das ließe nichts Gutes vermuten, liegen damit komplett richtig. Flowers, der keinen Hehl aus seiner Vorliebe für greasi- und cheesiness macht, scheint dem Indiepoprock nun voll und ganz abgeschworen zu haben. Stattdessen macht der 45-Jährige Musik, als wäre er 80. Bereits das Killers-Album „Pressure Machine“ war beseelt von einer unangenehmen Heartlandigkeit, „Thrasher“ setzt noch eins drauf. Religion, Folklore und Kleinstädte, in der alle auf ungute Weise verwandt sind, prägen nun mal weite Teile der Staaten, aber der Rest der Welt hatte nun mal mehr Spaß an „Mr. Brightside“. Schade.

» IH

Abgelegt unter Musik, TonträgerKommentare deaktiviert für Tonträger September 2026

Bandporträt September 2026: Taper

Tags: , ,

Bandporträt September 2026: Taper


Sie sind weniger eine klassische Band, mehr ein musikalisches Kollektiv. Was als Schnapsidee von Nic begann, ist inzwischen ein Projekt, in dem unterschiedliche musikalische Hintergründe und jede Menge Lust am Ausprobieren zusammenkommen. Obwohl die Musik tanzbar ist, geht es inhaltlich um eine Welt, die ziemlich am Arsch ist. Im Kern besteht Taper aus Nic Knoll, Emilie Sandin, Nina Freckles und Darian Tabatabaei. Keine zwei Konzerte haben bisher in der gleichen Besetzung stattgefunden. Der Kern bleibt derselbe, gleichzeitig bekommt die Musikalität der einzelnen Personen Raum. „Es ist eine Spielwiese“, sagt Nic.

Die musikalischen Wege der vier sind dabei nicht allzu unterschiedlich. Nina hat schon früh Musik gemacht, sich zunächst ins Musical verliebt und schließlich über das Songwriting zum Studiengang Popular Music gefunden. Darian begann mit etwa zwölf Jahren, Klavier zu spielen und zu singen, nahm Konzerte und Stadtfeste mit und schreibt inzwischen selbst Musicals und eigene Songs. Beide studierten in Hannover und hatten bereits eigene musikalische Projekte, bevor Nic sie für Taper ansprach. Auch Emilie kommt aus der Region, hat ihr eigenes Solo-Projekt und bringt eine weitere musikalische Farbe mit. „Ich find’s total schön, dass wir alle so unterschiedliche Charaktere in unserer eigenen Musik sind“, sagt Nina. „Diese unterschiedlichen Farben unterstützen Taper in dieser Vielfalt.“

Die Idee zur Band entstand allerdings zunächst aus einer ziemlich pragmatischen Situation: Nic hatte Songs herumliegen und einen Gig in der Kellerbar unter dem Theater am Küchengarten – aber keine Band. Eine klassische Besetzung wollte er nicht. „Was macht man, wenn man keine Standardbandbesetzung hat? Ich hatte da sowieso keine Lust drauf.“ Also holte er sich drei Sänger*innen ins Boot, die alle Gitarre und Keys spielen konnten. „Und seitdem habe ich die an der Backe.“ Nic selbst hat in Hannover Schlagzeug studiert und die musikalische Leitung und Produktion des Projekts weitgehend in der Hand. Die meisten Songs stammen aus seiner Feder, gleichzeitig entstehen Stücke auch in gemeinsamen Songwriting-Sessions. „Golden Fruit“ schrieb er etwa mit Nina, „AI Love You“ mit Darian, beides Songs vom kommenden Debüt-Album.

Auch musikalisch lässt sich Taper nicht besonders leicht in eine Schublade stecken. Der bisher veröffentlichte Song „America“ gibt laut Nic nur bedingt vor, wohin die Reise auf dem Album geht. Die einzelnen Stücke haben jeweils ihre eigene Klangwelt, einen gemeinsamen roten Faden gibt es trotzdem. „Es hat alles die gleiche Attitude“, sagt Nina. Laut Nic ist es eine Reise: Es beginnt mit etwas Britpop, geht über „komischen Gorillaz-Strand-Pop-Rock“ zu Siebziger-Pink-Floyd, macht einen Abstecher in Latino-HipHop und Trip-Hop und landet wieder beim Siebziger-Rock.

Inhaltlich gibt es allerdings einen deutlich erkennbaren roten Faden. „Es ist eine dystopische Verzerrung der Welt“, sagt Nina. Im Mittelpunkt stehe dabei weniger die kaputte Welt selbst als die Frage, wie Menschen auf sie reagieren. News Fatigue, gesellschaftliche Entwicklungen und das Gefühl, dass vieles gerade nicht besonders gut läuft, finden ihren Weg in die Songs. Gleichzeitig soll die Musik nicht nur schwere Kost sein. Das Album wird bunt, tanzbar und teilweise deutlich rockiger als der bisher veröffentlichte Song. Inspirieren lassen sie sich unter anderem von Peter Gabriel, Twenty One Pilots und den Gorillaz – letztere auch wegen ihrer kollaborativen Arbeitsweise. Bei den Chören darf es dagegen ruhig etwas oldschool sein, etwa in Richtung Eagles.

Alle Bandbeteiligten sind Vollzeitmusiker*innen, ausschließlich von Taper leben sie aber nicht. Geld verdienen sie hauptsächlich durch Covermusik, Arrangements, Produktionsjobs, Unterricht und andere musikalische Tätigkeiten. „Man ist eigentlich die ganze Zeit darauf angewiesen, dass man sich aus unterschiedlichen Bausteinen das Leben finanziell zusammensetzt“, erklärt Nina. Gerade deshalb sei es angenehm, dass Taper nicht auf Profit ausgerichtet sei. „Wir wollen geile Mucke machen und auf der Bühne eine Show hinlegen, die wir selber fühlen.“ Statt sich einem bestimmten Stil unterzuordnen, ist Taper also genau das Gegenteil, nämlich ein Ort, an dem die unterschiedlichen musikalischen Identitäten zusammenkommen dürfen. Taper klingt jedes Mal ein bisschen anders – aber immer nach Taper.

Im September soll das Album fertig sein und Ende des Monats erstmals hörbar werden, wenn auch zunächst nicht über die üblichen Streamingplattformen. Am 30. September spielt Taper ein Release-Konzert im Indiego Glocksee, außerdem ist die Band beim Fuchsbau Festival zu hören. Und während Nic zugibt, dass das Album „die ganzen Gehirnkapazitäten“ auffrisst, steht zumindest ein Wunsch für die Zukunft schon fest: „Lass mal eine Tour machen“, sagt Nina.

» Larissa Peters

Abgelegt unter Musik, MusikerporträtKommentare deaktiviert für Bandporträt September 2026: Taper

Folge uns