„Was mich schon immer begleitet hat, ist meine Leidenschaft für gutes Design, individuelle Lösungen und vor allem für die Menschen, für die wir unsere Arbeit machen“, strahlt Burkhard Meßelken. Für ihn sind Küchen nicht einfach Möbelstücke, sondern Orte des Alltags. Hier wird gekocht und gegessen, aber auch geredet und gelebt. Eine Küche soll seiner Meinung nach nicht nur schön aussehen und funktionieren – sie soll sich richtig anfühlen.
Seit 30 Jahren begleitet Meßelken Menschen auf ihrem Weg zu genau diesem Gefühl. Im September 1996 beginnt die Geschichte seines Unternehmens zunächst ziemlich überschaubar: zwei Küchen, ein kleines Sortiment ergonomischer Möbel und rund 85 Quadratmeter Verkaufsfläche in den Räumen einer ehemaligen Schmiede in Bemerode. Doch dahinter steckt die Idee, individuelle Küchenplanung nicht als Extra, sondern als Ausgangspunkt zu verstehen.
Heute sitzt concept NATURHAUS Küchen in Kirchrode. Aus einer einfachen Idee ist inzwischen ein traditionsreiches Küchenstudio geworden, das neben Authentizität, Nachhaltigkeit und Kreativität vor allem ehrliche und kompetente Beratung verspricht.
Am Anfang einer solchen Beratung steht das persönliche Gespräch und damit auch die Frage, wie die Menschen wirklich leben. Die Vorstellungen, Gewohnheiten und Wünsche der Kund*innen sollen möglichst genau verstanden werden. Wie wird gekocht? Wie viel Platz wird gebraucht? Was soll verstaut werden? Welche Atmosphäre soll entstehen? Und natürlich: Was darf die neue Küche kosten? „Mein Ziel ist es, gemeinsam mit den Kunden die bestmögliche Lösung für ihre individuelle Küchenplanung zu entwickeln“, so Meßelken. Denn eine Küche „von der Stange“ kann zwar in einen Raum passen, doch ob sie auch zum Leben darin passe, sei eine andere Frage.
Aus genau diesem Grund geht die Planung bei concept NATURHAUS Küchen weit über ein reines Verkaufsgespräch hinaus. Nach einem ersten Austausch folgt ein Aufmaß vor Ort, bei dem Raumaufteilung, Anschlüsse und Lichtverhältnisse unter die Lupe genommen werden. Nur so können das Konzept, die technische Machbarkeit und das Budget aufeinander abgestimmt, Angebote besprochen und schließlich die Umsetzung organisiert werden.
Meßelken erklärt, dass in einer guten Küche die Wege stimmen müssen. Funktionalität gehöre genauso zum guten Design wie die Optik. „In einer perfekt geplanten Küche ist es wichtig, gut kochen zu können und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Abläufe stimmen.“ Es geht nicht nur darum, einen Raum einfach mit Küchenmöbeln auszustatten, sondern genauestens zu beachten, wie weit es zum Beispiel von der Arbeitsfläche zum Kochfeld ist oder wo nach dem Kochen das Geschirr landet. So möchte Meßelken gemeinsam mit seinem Team auch aus jedem schwierigen Küchengrundriss das Beste für seine Kund*innen herausholen.
Dass dabei kaum eine Planung der anderen gleicht, ist für den Küchendesigner gerade das Spannende. Nach einem einzelnen Lieblingsprojekt gefragt, muss er deshalb passen. „Die meisten meiner geplanten und umgesetzten Küchen sind mir im Gedächtnis geblieben“, erklärt er. Jede neue Planung bringe eigene Wünsche und Herausforderungen mit. Und seine Kund*innen möchte Meßelken mindestens genauso neugierig auf ihre Küchenplanung machen, wie er es selbst jedes Mal ist. Nach der Montage freut es ihn dann besonders, „zu sehen, wie aus dem Konzept eine fertige Küche entsteht und die Vorstellung der Kund*innen in ihrem Sinne verwirklicht wurden.“
Auch nach 30 Jahren concept NATURHAUS Küchen wird Meßelken von seiner Leidenschaft angetrieben und denkt noch lange nicht ans endgültige Aufhören. Die Zukunft seines Küchenstudios soll gemeinsam mit seinem Nachfolger Robert Becker geschrieben werden und verspricht noch viele individuelle und kreative Küchenkonzepte mehr.
Es gibt Menschen, mit denen kann man wunderbar streiten. Sie hören zu, denken nach, bringen Gegenargumente und sagen gelegentlich den gefährlichen Satz: „Da könnte was dran sein.“
Eine aussterbende Spezies, die man mit der Lupe suchen muss, denn: Die meisten Menschen diskutieren nicht. Sie kämpfen. Und wie bei jedem anständigen Kampf gibt es auch hier eine Art Martial Arts, hier sorgfältig nach Kernkompetenzen aufgeschlüsselt.
Da wäre der Argumentum-ad-hominem-Typ, der sachliche Argumente für eine unnötige Verzögerung hält. Er möchte einfach persönlich werden. Erwähnen wir, dass man besser aufs Klima achten sollte, haut er uns um die Ohren, dass wir doch gar keine Experten auf diesem Gebiet seien. Also könnten wir das ja gar nicht wissen. Ob unsere These trotz mangelndem Expertenstatus weniger richtig ist, interessiert ihn nicht. Generell, die These interessiert ihn nicht, nur, wer sie aufgestellt hat. Mit dem Argumentum-ad-hominem-Typ wird jede Diskussion über Kernenergie zu einer vergnüglichen Charakterstudie des Gesprächspartners machen. Er diskutiert nicht die Meinung, sondern die Geburtsurkunde desjenigen, der sie vertritt und argumentiert am allerliebsten mit „Ausgerechnet du!“.
Noch charmanter ist der Reductio-ad-Hitlerum-Typ. Er betrachtet jede Meinungsverschiedenheit als eine Art historischen Flipperautomaten, bei dem früher oder später die Kugel des Gesprächspartners bei Hitler landet. Aus einfachen Regeln wird direkt „Zensur“, nicht ohne den Hinweis, dass es 1933 schon mal so angefangen habe. Außerdem, da Valerie ja jetzt schon seit Jahrzehnten Vegetarierin ist… wie Hitler!… wird mit der gleich überhaupt nicht diskutiert.
Das Stichwort „Hitler“ beendet jede Debatte sofort, eine Art semantische Uno-Karte. Sobald der Führer auf dem Tisch liegt, ist jede weitere Argumentation historisch unangemessen.
Aus der Nummer kommt man nur raus, wenn man radikal das Thema wechselt. Für so was gibt es ja die Whataboutisten, die mit der geistigen Rauchgranate.
„Apropos Hitler! Du hast letzten Dienstag meinen Geburtstag vergessen.“
Der Whataboutist verwechselt da was: Er hält Gegenbeispiele für Gegenargumente. Wenn man ihm nachweist, dass er bei Rot über die Ampel gefahren ist, erklärt er einem die Korruption im Bundestag. Wenn man ihn beim Abschreiben erwischt, beginnt er über Plagiate in der Wissenschaft zu reden. Wenn man ihn fragt, warum er zu spät kommt, steht plötzlich Stalin vor Gericht.
Seine größte Leistung besteht darin, einen Streit innerhalb von sechs Minuten so weit vom ursprünglichen Thema zu entfernen, dass selbst Google Maps sagt: „Route nicht mehr verfügbar.“ Oder, wie es unter den Aufsätzen in der Schule gerne stand: Thema verfehlt, aber sehr anschaulich erklärt. Wo dann auch direkt der Semantik-Scharfschütze ins Spiel kommt. Er wartet nicht auf Argumente, sondern auf Formulierungsfehler, für die er einen dann bluten lassen kann.
„Das war eine schlechte Entscheidung.“
„Du behauptest also, ich treffe grundsätzlich schlechte Entscheidungen?“
Der Semantik-Scharfschütze weiß: Je genauer man spricht, desto größer die Chance, dass irgendwo ein Wort steht, das man missverstehen kann. Er diskutiert deshalb am liebsten über die Diskussion. Nach zwanzig Minuten ist die ursprüngliche Frage vergessen, aber man hat immerhin geklärt, ob „ziemlich“ stärker ist als „relativ“.
Eine besonders unangenehme Unterart ist Wortknecht Habichdich. Er interessiert sich nicht dafür, was jemand meint. Er interessiert sich dafür, ob er ihn bei einem Widerspruch erwischen kann.
„Du hast vorhin gesagt, A.“
„Ja.“
„Und jetzt sagst du B.“
„Weil ich mich auf deinen Einwand bezogen habe.“
„Aha!“
Dieses „Aha!“ ist die zutiefst befriedigte Interjektion eines Menschen, der glaubt, gerade Watergate aufgedeckt zu haben.
Und dann kommt irgendwann der natürliche Endzustand jeder Online-Diskussion: der Schwanzvergleich. Plötzlich geht es nicht mehr darum, wer ein besseres Argument hat. Es geht darum, wer den anderen öffentlich stärker zerlegt. Quellen werden nicht mehr gelesen, sondern als Munition geladen. Jeder Absatz wird länger, jeder Tonfall giftiger, jeder Tippfehler zum Beweis geistiger Unterlegenheit, es wird lauter und ruppiger und wer bei 10 noch steht, hat Recht. Wobei es darum in Wahrheit ja gar nicht geht, sondern darum, wer von beiden es weniger nötig hat, Recht zu behalten und sich deshalb Großzügigkeit leisten kann. Fast vernünftig eigentlich, diese Einsicht. Bis sie einer von Beiden ausspricht und der andere dann antwortet: „Aha.“
IH
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Wein kann kompliziert sein. Herkunft, Rebsorte, Jahrgang, Ausbau – und dazu ein Vokabular, das Einsteiger*innen schnell das Gefühl geben kann, nicht genug zu wissen. Pierre Morzinkowski möchte genau das ändern. Mit Next Generation Wine hat er gemeinsam mit seiner Mutter Isabelle Kutzner in der hannöverschen Altstadt einen Ort geschaffen, an dem Wein vor allem eines sein soll: Genuss.
Am Ballhofplatz verbinden die beiden Weinhandel, Boutique und Treffpunkt. Im Sortiment stehen vor allem ausgewählte Weine aus Deutschland und Frankreich, darunter Naturweine, Champagner und alkoholfreie Alternativen. Dazu kommen Feinkost, Weinproben, Veranstaltungen und weiterhin der Onlineverkauf. Statt möglichst viele Flaschen ins Regal zu stellen, setzt Morzinkowski auf Auswahl und persönliche Beratung. „Kund*innen sollen nicht ratlos vor einem überfüllten Regal stehen, sondern schnell einen Wein finden, der zu ihnen, ihrem Geschmack und dem jeweiligen Anlass passt.“
Mit Fachbegriffen beeindrucken möchte er dabei niemanden. Viel wichtiger sei es, Neugier zu wecken und Menschen zum Probieren zu bringen. „Wein ist weder spießig noch verstaubt“, sagt Morzinkowski. Eine Haltung, die sich auch im Namen Next Generation Wine widerspiegelt – und in der Zusammenarbeit mit einer neuen Generation von Winzer*innen.
Dass ausgerechnet Wein einmal zum Mittelpunkt seiner Selbstständigkeit werden würde, liegt in seiner Familiengeschichte. Seine Eltern führten früher eine kleine Weinhandlung, seine Mutter ist Französin. Wein, Feinkost und Gastronomie gehören auf ihrer Seite der Familie seit Generationen dazu. Morzinkowski selbst schlug zunächst einen anderen Weg ein. Nach seiner Ausbildung zum Hotelfachmann verbrachte er 16 Jahre in der internationalen Hotellerie und arbeitete unter anderem in Jamaika, Slowenien, der Schweiz, Dubai und Washington D.C.
Irgendwann passte das Leben im internationalen Hotelmanagement jedoch nicht mehr zu dem, was er sich für seinen Alltag wünschte. Familie und Freund*innen fehlten ihm, und auch die Arbeit hatte sich verändert. Statt Gastgeber zu sein, bestimmten zunehmend Zahlen, Hierarchien und interne Interessen seinen Berufsalltag. Nach einem Burnout stellte sich für Morzinkowski deshalb eine grundsätzliche Frage: Wie ließen sich seine Erfahrung, seine Leidenschaft und der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung miteinander verbinden?
Die erste Antwort darauf war ein Online-Weinhandel. Das überschaubare Sortiment und die geringeren Fixkosten ermöglichten es ihm, seine Geschäftsidee zunächst Schritt für Schritt zu testen. Doch nach rund zwei Jahren war nicht nur der Keller voll. Morzinkowski merkte auch, dass ihm etwas Entscheidendes fehlte: der direkte Kontakt zu den Menschen.
Über Veranstaltungen ergab sich schließlich die Möglichkeit, ein Ladengeschäft am Ballhofplatz zu übernehmen. Gemeinsam mit seiner Mutter, die Feinkost und ihre Erfahrung aus der Tourismusbranche einbringt, entwickelte Morzinkowski den Onlinehandel zur heutigen Weinboutique weiter.
Heute kommen Menschen unterschiedlichen Alters in den Laden – neugierige Einsteigerinnen ebenso wie erfahrene Weintrinkerinnen. Viele stammen aus Hannover und der Region, andere entdecken Next Generation Wine beim Bummel durch die Altstadt. Besonders wichtig ist Morzinkowski die Stammkundschaft, die wiederkommt, Empfehlungen weitergibt und Freund*innen mitbringt. Entscheidend sei nicht, wie viel jemand über Wein weiß, sondern die Freude am bewussten Genießen.
Auch bei der Auswahl der Produkte geht Morzinkowski bewusst einen persönlichen Weg. Viele Weine stammen von kleinen, authentischen und häufig familiengeführten Betrieben. Bevor eine Flasche ins Sortiment kommt, möchte er wissen, wer dahintersteht, wie der Wein hergestellt wird und ob eine langfristige Zusammenarbeit möglich ist. Kontakte nach Frankreich sind zum Teil über die Familie entstanden, andere über Recherche, Reisen und Empfehlungen.
Prestige allein ist dabei kein Auswahlkriterium. „Bei Next Generation Wine soll der Preis vor allem den Inhalt widerspiegeln – nicht ein prestigeträchtiges Etikett.“ Den eigenen Anspruch fasst Morzinkowski in vier Punkten zusammen: „Gute Produkte, gute Preise, gute Menschen und eine gute Zeit.“ Entsprechend versteht er den Laden weder ausschließlich als Weinhandel noch als Bistro. Er soll ein Ort sein, an dem Menschen zusammenkommen, Fragen stellen, probieren und ihren eigenen Geschmack entdecken.
Dass das heutige Konzept deutlich anders aussieht als die ursprüngliche Geschäftsidee, betrachtet Morzinkowski nicht als Kurswechsel, sondern als Teil des Gründens. „Für mich ist Selbstständigkeit ein lebendiger Organismus.“ Eine Idee und ein Plan seien wichtig, ebenso wichtig sei es jedoch, tatsächlich anzufangen und Veränderungen zuzulassen. Der direkte Gästekontakt, eigene Veranstaltungen und ein fester Standort hätten sich erst im laufenden Geschäft als wichtige Bestandteile des Konzepts herauskristallisiert.
Diese Offenheit gibt Morzinkowski auch anderen Gründer*innen mit auf den Weg: realistisch planen, Feedback ernst nehmen und nicht stur an einem einmal festgelegten Weg festhalten. Veränderungen könnten eine Geschäftsidee weiterentwickeln, ohne deren ursprüngliche Vision aufzugeben.
Unterstützung bekam Morzinkowski auf diesem Weg auch von hannoverimpuls. Durch einen Tipp aus der Familie war er auf die kostenfreie Gründungsberatung aufmerksam geworden. Gemeinsam mit einem erfahrenen Ansprechpartner überprüfte er unter anderem seinen ersten Finanzplan und setzte sich damit auseinander, wie sich seine Idee so darstellen lässt, dass sie auch für Banken und andere Gesprächspartner nachvollziehbar wird.
Die Gespräche beschreibt Morzinkowski als „ehrlich, direkt und nicht immer bequem – gerade deshalb aber wertvoll“. Statt die Idee schönzureden, habe es kritische Rückfragen gegeben. Einige Annahmen der ursprünglichen Planung erwiesen sich dabei als wenig realistisch. „Dieses Feedback war anfangs nicht unbedingt das, was ich hören wollte.“ Rückblickend habe es ihm jedoch geholfen, Chancen und Herausforderungen eines reinen Onlinehandels realistischer einzuschätzen und offen für andere Entwicklungen zu bleiben.
Marcus Rohde, Bereichsleiter Gründung und Entrepreneurship bei hannoverimpuls, sieht genau darin eine wichtige Aufgabe der Gründungsberatung: „Unser Job ist es, Gründungsideen ein solides Fundament mit auf den Weg zu geben. Es gefällt nicht immer jedem, wenn wir kritische Fragen stellen und manchmal auch alles auf den Kopf stellen.“ Bei Morzinkowski habe genau dieser Prozess Wirkung gezeigt: „Bei Pierre hat das dazu geführt, dass er seine Idee und seinen Businessplan geschärft hat. Das Ergebnis kann sich nicht nur sehen lassen – es ist sogar ein Genuss!“
Aus einem Onlinehandel ist so Schritt für Schritt ein Laden geworden, der weit mehr sein möchte als ein Ort zum Flaschenkaufen. Next Generation Wine steht für eine Weinkultur ohne Berührungsängste – persönlich, neugierig und möglichst frei von Allüren. Oder anders gesagt: Man muss kein Weinprofi sein, um guten Wein zu genießen.
Kontakt:
Pierre Morzinkowski Next Generation Wine GbR Kreuzstraße 1 30159 Hannover Telefon: +4917641728196 hello@next-generation-wine.com
https://next-generation-wine.com
Abgelegt unter Menschen, Stadtkinder sind mutigKommentare deaktiviert für Gründungsstrecke Oktober 2026: Wein ohne Allüren – Wie Pierre Morzinkowski mit Next Generation Wine die Weinkultur entstauben will
Als Illustrator und Comiczeichner erzählt Tobi Wagner seit vielen Jahren Geschichten mit Zeichnungen. Anfang September erscheint nun sein erster Roman im Ovis Verlag und auch darin begleitet ihn sein Humor: „Der Hase des Unheils“, ein Roman über Ängste, Menschen und andere Zumutungen, richtet sich an junge wie fortgeschrittene Erwachsene, die sich für psychische Gesundheit interessieren. Gleichzeitig bietet er auch für die Leser*innen ohne fachlichen Bezug eine unterhaltsame Lektüre durch ihren feinen Humor, die originelle Erzählfigur „Furchtmar“ und die liebevoll überzeichneten Alltagsszenen.
Im Vorwort beschreibt der Psychiater und Neurologe Prof. Dr. Volker Busch drei Wege, mit Angst umzugehen: Tabletten, Verdrängung und Konfrontation. Tobi Wagner würde mit seinem Roman auf clevere und sensible Art den dritten Weg einschlagen. Dieser käme in den großen Lehrbüchern viel zu selten vor und sei doch so oft von Erfolg gekrönt: „Man gibt der Angst einen Namen, einen Stuhl im Wohnzimmer und ein leicht zerzaustes Fell (Tobi nennt sie Furchtmar).“ Als Arzt und Therapeut mag er die Botschaft dieses Buches sehr und stütze sie aus „vollem Herz und vollem Hirn“.
Tobi Wagner hat die Frage beschäftigt, ob sich ein Thema wie Angst und Selbstzweifel anders erzählen lässt. Nicht als Ratgeber oder therapeutischer Erfahrungsbericht, sondern als literarische Geschichte. Deshalb hat die Angst in seinem ersten Roman eine eigene Gestalt: den heruntergekommenen Hasen namens Furchtmar. Er kommentiert Frühstück, Telefonate, oder den Einkauf im Supermarkt und erklärt jede Alltagssituation zur möglichen Katastrophe.
Humor dient dabei nicht dazu, Ängste ins Lächerliche zu ziehen. Im Gegenteil: Er soll Abstand schaffen und sichtbar machen, wie sich Grübeln, Unsicherheit und innere Selbstgespräche manchmal anfühlen. Das Buch nimmt das Thema Ernst, ohne schwer zu werden.
Der Autor lebt und arbeitet mit seiner Familie in Schöppenstedt, zusammen mit Katze, Hühnern und Kaninchen. Er ist seit vielen Jahren in Niedersachsen und anderen Orten künstlerisch tätig, arbeitet als Illustrator, Comiczeichner und Autor für Verlage, Magazine und freie Projekte, war lange als Journalist und Fotograf einer Tageszeitung tätig und ist auf Geschichtscomics, humorvolle Illustrationen und erzählerische Kunst spezialisiert. Seine Werke verbindet Witz, eine feine Beobachtungsgabe und spielerische Leichtigkeit, die auch komplexe oder ernste Themen zugänglich macht.
Zudem besteht eine Verbindung aus regionalem Künstler und gesellschaftlich aktuellem Thema, auch mit Bezug zur Stadt Hannover: „Ich bin regelmäßig in der Stadt und hatte dort durch verschiedene Fotoprojekte Kontakt zu Menschen wie Klaus Meine von den Scorpions, Ulli Stein oder Ingo Siegner (Der kleine Drache Kokosnuss), mit dem ich immer noch in gutem Kontakt stehe.“ Besonders die Begegnung mit Ulli Stein, dem 2020 verstorbenen hannoverschen Cartoonisten beliebter Sketche über Alltagsituationen, bleibt ihm im Gedächtnis. „Er hat bei meinem Benefiz-Fotoprojekt mitgemacht. Anschließend saßen wir noch lange bei ihm zu Hause und haben uns über Comics unterhalten. Sein Humor hat mich schon früh geprägt. Ich habe ihm damals einen meiner Comics über 900 Jahre Wolfenbüttel mitgebracht und er meinte tatsächlich, so etwas könne er nicht. Am Ende musste ich sogar mein eigenes Buch für ihn signieren. War etwas surreal.“ Über Ulli Steins Managerin kam Wagner dann mit seiner heutigen Verlegerin vom Ovis Verlag mit Sitz in Burgwedel in Kontakt. Damit führt ein direkter Weg von Hannover zu seinem heutigen Buch. „Hannover selbst ist im Roman zwar nicht konkret zu erkennen, aber natürlich sind auch Eindrücke in die nicht näher bezeichnete Stadt im Buch eingeflossen.“
„Der Hase des Unheils“ erscheint im Ovis Verlag in Großburgwedel als Tobi Wagners erstes rein textbasiertes Buch, das auf eigene Erfahrungen, Beobachtungen und Gesprächen beruht, einen niederschwelligen Zugang zu einem hochrelevanten Thema bietet und damit in das wachsende Segment der belletristischen Literatur rund um mentale Gesundheit jenseits von Ratgebern oder Therapieberichten passt.
Abgelegt unter Literarisches, MenschenKommentare deaktiviert für Literarisches :Tobi Wagner
JL: Joy ist eigentlich ein Künstlername. Meine Eltern haben mich Jörg genannt, aber bei internationalen Kulturprojekten funktionierte das nie – irgendwann nannten mich alle von selbst Joy, und ich dachte: gut, dann ist das jetzt mein Name. Künstler war ich schon immer, also habe ich lieber etwas studiert, womit man Geld verdient: visuelle Kommunikation, hier in Hannover. Ich bin aus Hildesheim hergezogen – und geblieben. Ich hatte lange eine Agentur für Kino, Ballett, Industrie, öffentlichen Dienst, dazu Kulturprojekte, von der Bühnenshow bis zur Kröpcke-Uhr. Am liebsten mache ich Social Art, nach der sozialen Plastik von Joseph Beuys. Man arbeitet zu einem Thema, das einem am Herzen liegt, und schafft Räume, die öffentliche Diskussion stimulieren. Da sind alle Teil des Kunstwerks – auch die Verwaltung, sogar die Katastrophe, wenn mal eine passiert. Mein Boot ist so eine soziale Skulptur, ein schwimmendes, begehbares Kunstwerk. Ich entwickle und baue seit der EXPO2000 schwimmende Inseln, das ist mein Geschenk an die Welt.
AJ: Ich komme auch aus Hildesheim, und Joys und meine Eltern haben zusammen im Collegium Musicum gespielt. Ich wurde mit klassischer Musik überfrachtet und habe jahrelang pausiert – jetzt singe ich wieder. Ich habe Grafikdesign studiert, eigentlich wollte ich malen. Aber erst musste ich raus aus dem zu engen Hildesheim: Paris als Au-pair, Bewerbungen in Berlin und Hamburg – gelandet bin ich ausgerechnet in Hannover, für das ich mich lange fast geschämt habe. Heute trage ich stolz ein T-Shirt mit dem Namen. Wasser, Grün, gutes Kulturangebot, noch bezahlbare Mieten, hoffentlich noch lange. Hannover ist schon eine lebenswerte Stadt. Nach dem Studium bin ich für ein paar Monate nach Barcelona – eine bittere Erfahrung, sich in der aufregendsten Stadt nach der langweiligsten zu sehnen. Also zurück nach Hannover, kurz nach dem Mauerfall. Ich habe Kräuter für eine Naturkosmetikfirma gezeichnet, bin zwanzig Jahre geblieben, mit Firmenwagen und gutem Essen, richtig verwöhnt. Aber irgendwann hat mir vor allem eines Spaß gemacht: Praktikant*innen etwas beizubringen – so sehr, dass die Lehrer*innen unterstellt haben, ich hätte deren Arbeiten gezeichnet. Sie haben das aber immer selbst hinbekommen. Das geht. Und das ist bis heute mein Motto: Es ist schon alles da, man muss es nur herausholen. Direkt nach dem Studium habe ich noch beim Schädelspalter in der Dunkelkammer gearbeitet, eine herrliche, lustige Zeit, bis die Computer kamen. Die Digitalisierung macht mir bis heute Sorgen, auch wenn ich selbst ein bisschen süchtig bin. Heute mache ich vor allem Kunstvermittlung – mit Vierjährigen, mit Achtzigjährigen im Hospiz, an Grundschulen, dazu Porträtfotografie – und ich bin Wildnislotsin, bringe Menschen die Natur nahe, male aber selbst auch in Knallfarben.
Wie arbeitet ihr künstlerisch?
AJ: Ich sehe etwas und denke: Daraus könnte man Kunst machen. Oder es gibt ein Thema, dann habe ich gleich fünf Ideen. Ob sie umsetzbar sind, weiß ich erstmal nicht. Frei arbeite ich eher fotografisch: Ich sehe etwas Ungewöhnliches, und das macht mich glücklich, dann halte ich es fest. Ich orientiere mich nicht daran, ob es anderen gefällt. Ich bin sehr visuell, das wusste ich früher nicht. Aber ich habe schon in der Schule aus dem Fenster geguckt, statt zu lesen. Erst durch meine Coachingausbildung habe ich verstanden, dass es auch auditive und haptische Menschen gibt. Mit künstlerischem Blick sieht man überall Kunst – das ist manchmal auch anstrengend.
JL: Ich bin permanent auf Empfang: Menschen, Situationen, Architektur, ein abgerissenes Plakat an der Litfaßsäule – alles Impulse, die im Speicher landen, dagegen kann man sich kaum wehren. Eine Zeit lang bin ich deshalb kaum noch zu Kulturveranstaltungen gegangen, weil sofort tausend Ideen kamen. Wichtig ist mir, dass Kunst sinnlich erlebbar ist, nicht nur an der Wand hängt. Ich will Menschen bewegen, zu Gedanken, zu Emotion. Dann kommt das Marketing, und der Realitätscheck: Was hält auch Vandalismus und Wetter aus? Manchmal fühlt sich das an wie Surfen: eine Welle von links, ein Regenschauer von oben, ein Stein im See – und dazwischen ein schwimmendes Kunstwerk mit Vision .
Woran arbeitet ihr gerade?
JL: Ich plane gerade mit Dietmar Althof ein Happening im November: der Gebäudekomplex am Café Kröpcke wird im November fünfzig Jahre alt und wird danach umgebaut, dieses Jubiläum soll künstlerisch gefeiert werden und das darf ich inszenieren
AJ: Ich habe gerade ein Angebot geschrieben, worüber ich noch nicht sprechen darf – anstrengend, mit Zahlen zu jonglieren, nicht zu viel, nicht zu wenig. Aber noch kurz dazu, wie Kunst Menschen bewegt: Meine erste Naturaktion war im Rittergut Edelhof, mit Brennnesseln, die niemand mag. Unterm Mikroskop habe ich ihre Stacheln fotografiert und war total high. Und die Leute haben sich am Ende glücklich auf mein Brennnesselbett gelegt – einer, der eigentlich nur ungeduldig auf seinen Bruder gewartet hat, kam erst nach einer ganzen Weile wie weggetreten zurück.
JL: Das ist das Schöne: Findet man die richtige Sprache, den richtigen Moment, kann man Menschen manchmal aus ihrer engen Welt herauslocken. Wir leben nämlich eigentlich gar nicht in einer kommerziellen Gesellschaft, auch wenn das überall plakatiert wird – neunzig Prozent unseres Lebens haben mit anderem zu tun als mit Geld. Kunst kann die Leute daran erinnern.
Die Freiheit der Kunst gerät gerade wieder unter Druck. Wie viel Sorge macht euch die Politik?
JL: Bei den Theatern läuft gerade eine Riesendiskussion mit Blick auf Sachsen-Anhalt – Freunde wissen nicht, ob sie besser wegziehen sollen. Ich mache mir eigentlich weniger Sorgen um die Politik als um Medien und Bildung, denn Politik ist ja nur das Ergebnis davon. Für meine Arbeit im öffentlichen Raum ist das auch relevant: Vandalismus ist immer nur einen Steinwurf entfernt, und es gibt immer mehr Idioten, die sich zu Unsinn ermächtigt fühlen. Und in den Medien klickt sich sowas dann immer schneller, als das viele Gute, das ja auch überall passiert. Mit Social Media wird Wahrheit beliebig und Meinung käuflich.
AJ: Da kann ich nur zustimmen. Ich kenne Leute aus Mecklenburg, die nach Schweden gezogen sind: Egal wie demnächst gewählt wird, es fühlt sich schon jetzt falsch an.
JL: Hannover ist da fast eine Insel der Glückseligkeit, politisch mache ich mir hier keine Sorgen. Das eigentliche Problem ist die Überbürokratisierung und Risikoangst. Ich fange größere Projekte immer gerne ohne Geld an, dann sind nur diejenigen dabei, die wirklich für die Sache brennen – money follows content, das Geld kommt schon hinterher.
AJ: Bei Freunden erlebe ich, dass die Eltern grün wählen und die Kinder zur AfD gehen – die Diskussionen gehen heiß her. Das erschreckt mich.
JL: Es ist traurig, und man steht ratlos davor. Interessant ist: Der AfD gelingt es, auf einfachstem Niveau Gemeinschaft zu erzeugen – einen Ort für Menschen, die sich sonst abgehängt fühlen. Da sollte man fragen, warum es das woanders nicht genügend gibt: Kirchen, Jugendzentren, Schulen, die halbtags leer sind? Es ist eben bequemer, sich einfach vor Netflix zu setzen.
AJ: Durch die Digitalisierung muss niemand mehr rausgehen. Und dann wird nichts erlebt, nicht mehr richtig kommuniziert. In meinen Workshops versuche ich Kindern zu zeigen, wie schön es ist, erst mal etwas zu erleben – die Internetwelt ist spannend, aber sie ist nicht die eigentliche Welt. Ich selbst bin in einem sehr kulturaffinen Haus aufgewachsen, aber zwischen fünfzehn und zwanzig hat mich das kaum interessiert, da ging es nur ums Äußere. Erst danach habe ich mich der Welt wieder geöffnet. Eine Chance gibt es immer.
Muss Kunst aktuell politisch sein und Haltung transportieren?
AJ: Finde ich schon, aber ich mag es nicht, wenn Kunst erziehen will, mit erhobenem Zeigefinger. Damit fängst du vielleicht ein paar Leute ein, aber die meisten vertreibst du.
JL: Kunst muss nicht per se politisch sein, ästhetisch ist völlig ausreichend – die Sinne ansprechen, auch das Denken ist ein Sinn. Aber wer, wenn nicht die Kunst, kann über das bestehende System hinausdenken und -fühlen? Das formt eigenständiges Denken, und Kultur macht uns seit Beginn der Menschheitsgeschichte als soziale Wesen aus, darum ist unsere Spezies ja so erfolgreich…
AJ: Und vielleicht ein bisschen zu erfolgreich für diesen Planeten. Mich interessiert, den Menschen die Augen für das Banale zu öffnen, für kleine Dinge mit besonderer Schönheit.
Ihr lebt und arbeitet vor allem in Hannover. Ein gutes Pflaster für Kunst?
JL: Ich war Anfang September beim Atelierspaziergang Zinnober und war wieder überrascht, wie unglaublich groß die Kunstproduktion in Hannover ist! Leben können davon aber nur wenige – die meisten Künstlerexistenzen sind Patchwork.
AJ: Ich war auch beim Zinnober unterwegs, anderthalb Tage, aber irgendwann war ich völlig überfordert. Wahnsinnig viele Menschen malen einfach nur für sich, auch angebliche Hobbymalerinnen und Hobbymaler, bei denen wirklich beeindruckende, vielschichtige Sachen entstehen – nur fehlen die Orte, an denen sie damit sichtbar werden könnten.
JL: Muss Kunst eigentlich unbedingt ausgestellt werden?
AJ: Nein, aber Feedback zu bekommen ist schön. Also nicht nur für sich zu arbeiten.
JL: Feedback ja, aber nicht zwingend auf der ganz großen Bühne. Vielleicht reichen manchmal kleinere Bühnen. Es gibt genug Leerstand in der Innenstadt, und das Projekt Zwischenraumnutzung lädt ja immer wieder Künstlerinnen und Künstler ein. Vielleicht könnte sich sogar der Freundeskreis einbringen? – alle reden vom Innenstadtsterben, dabei gibt es tausend Ateliers, die gern etwas zeigen würden.
Was könnte besser sein in Hannover für die Kunst?
AJ: Mehr Aktionen, bei denen Menschen mitgestalten können. So etwas wie Rudelsingen. Vielleicht Rudelmalen – gibt es auf Instagram schon, kostet aber Geld. Menschen einfach zum Malen zu bewegen, das fände ich schön.
JL: Ich würde auf Schnittstellen achten. Angeblich kulturferne Institutionen, Unternehmen, Behörden mit künstlerischen Impulsen verbinden – eine echte Win-win-Situation, in Bildung, Marketing, Mitarbeitermotivation. Es braucht jemanden, der das initiiert. Auch die Medien dürften neugieriger werden, was in Hannover wirklich passiert.
AJ: Für mich ist Kunstvermittlung zentral. In Barsinghausen kommen bei mir gerade Schulklassen mit Muffelgesichtern, sie malen – und gehen mit strahlenden Gesichtern wieder raus, weil sie etwas Eigenes geschaffen haben. Das könnte viel mehr gefördert werden. Aber die Anträge dafür sind mühsam.
JL: Ich würde gern mal einen Vergleich sehen, wie viel von der Kulturförderung tatsächlich bei der Kunst ankommt – und wie viel davon für die Verwaltung der Gelder verschwindet ausgegeben wird.
AJ: Oder wie viel Zeit Kulturschaffende für Administration statt fürs eigentliche Kunstschaffen aufbringen.
Was wünscht ihr euch, außer weniger Anträge?
JL: Man könnte mal mit Verwaltungsleuten einen kreativen Projektworkshop machen.
AJ: Sie könnten uns beim Anträge schreiben über die Schulter gucken und selbst einen verfassen.
JL: Wobei es in der Verwaltung viele gibt, die mit Mut und Vertrauen wirklich gute Arbeit leisten. Bei der Bürokratie wünsche ich mir aber trotzdem eine Verbesserung. Die Freiheit von Kunstschaffenden muss man vielleicht auch erst mal verstehen: ein maximaler Freiraum und gleichzeitig ein knallharter Job, der viele Schattenseiten hat.
AJ: Aber es ist auch gut, dass die Welt nicht nur aus Künstlerinnen und Künstlern besteht, sondern auch aus denen, die so etwas verwalten können. Ich wünsche mir einen Gleichklang, wie Yin und Yang – jede Aufgabe hat ihren Platz, keine darf die andere unterdrücken.
JL: Mir hat irgendwann die Erkenntnis geholfen, dass wir eigentlich an derselben Sache arbeiten. Früher habe ich in Anträgen anonyme Menschen um Geld für Kunst gebeten…, damit macht man sich nur selbst klein. Denn die Verwaltung soll ja mit dem Geld die Kunst und Kultur fördern – ohne Kunstschaffende könnte sie ihren Job also gar nicht machen. Wenn man das verinnerlicht, kann man auf Augenhöhe gemeinsam viel Kultur aus wenig Geld machen. Die einen haben die Mittel, die anderen Ideen und Umsetzungskompetenz – let’s do it together.
Abgelegt unter Im Gespräch, MenschenKommentare deaktiviert für Der Freundeskreis im Gespräch mit Antonia Jacobsen und Joy Lohmann
Zwischen Taubenschlägen, Tierarztbesuchen und Rettungsaktionen setzen sich die Ehrenamtlichen der Taubenrettung Hannover für Tiere ein, die viele Menschen am liebsten übersehen. Sie wollen mit ihrer Arbeit aber nicht nur verletzte Tauben retten, sondern auch mit Vorurteilen aufräumen und zeigen, warum die ungeliebten Stadtvögel mehr Aufmerksamkeit und Schutz verdienen.
In der Fußgängerzone herrscht reges Treiben – mittendrin: eine Taube. Hastig humpelt sie von einer Stelle zur anderen. Immer wieder startet der kleine Vogel Flugversuche, doch nach wenigen Flügelschlägen landet er wieder auf seinen dünnen Beinen. Die Taube wirkt gestresst und der Grund dafür scheint simpel. Eine Gruppe Kinder jagt ihr nach und versucht, sie einzufangen. Immer wieder greifen ihre Hände nach dem Vogel.
Aus der Ferne beobachtet Sabrina die Szene zunächst irritiert. Doch dann erkennt sie, dass die Kinder helfen wollen. Die Taube ist verletzt und muss dringend zu einem Tierarzt. Also zögert die junge Frau nicht länger und kommt den Kindern zur Hilfe – und plötzlich hält sie dieses kleine, warme Geschöpf in ihren Händen. „Das war so ein krasses Erlebnis“, erinnert sie sich. „Genau deswegen bin ich zur Taubenrettung gekommen.“
Ähnlich ging es auch ihrem Kollegen Felix. Zwar war es keine spontane Rettungsaktion, die ihn auf die Taubenrettung aufmerksam machte, aber auch er bemerkte im Stadtbild immer wieder verletzte oder kranke Tauben. „Ich wollte ihnen unbedingt helfen!“
Als Mitglieder der Taubenrettung Hannover sind ihre Aufgaben vielfältig. Von der Versorgung von Tauben in der Auffangstation und privaten Pflegestellen über die Reinigung und den Eiertausch in Taubenschlägen reichen sie bis hin zum Sichern verletzter Tiere und Entschnüren von Vögeln, die sich zum Beispiel in Plastikmüll verfangen haben.
Besonders aufwendig sind Einsätze an schwer zugänglichen Brutplätzen. In Tunneln und unter Brücken werden regelmäßig Taubeneier kontrolliert und gegen Attrappen ausgetauscht – in Absprache mit der ÜSTRA. Dahinter steckt ein Grundgedanke des Vereins: Die Tauben sollen nicht durch Vergrämung oder Leid aus dem Stadtbild verschwinden. Stattdessen soll ihre Population tierschutzgerecht kontrolliert werden.
„Tauben gehören zur Stadt dazu“, steht für Sabrina und Felix fest. Und gleichzeitig bemerken sie, wie die Vögel in der breiten Bevölkerung immer unbeliebter werden. „Dreck, Krankheiten und Überpopulation – diese Vorurteile halten sich echt hartnäckig. Dabei sind Tauben völlig ungefährlich.“ Die Abneigung der Menschen gegenüber Tauben greift sogar so weit, dass die Ehrenamtlichen beschimpft und in einzelnen Fällen sogar angegriffen werden, wenn sie eine Taube retten wollen.
Doch solche Auseinandersetzungen sind bisher Einzelfälle. Immer wieder treffen Sabrina und Felix auch auf Menschen, die ihr Engagement unterstützen. „Viele sind sehr dankbar für das, was wir machen, und gehen selbst auch viel aufmerksamer durch die Stadt.“ Wer eine hilfsbedürftige Taube findet, kann sich per Nachricht direkt an die Taubenrettung wenden. „Wenn es möglich ist, sollte das Tier aber gesichert werden, zum Beispiel in einem luftdurchlässigen Karton oder kurzfristig auch in einem Stoffbeutel. Als Ehrenamtliche können wir im Alltag ja nicht immer sofort vor Ort sein.“
Und auch auf anderem Weg kann man die Arbeit der Taubenrettung Hannover unterstützen: Sabrina und Felix wünschen sich für den Verein noch mehr Mitglieder. „Wir sind immer voll bis oben hin mit Arbeit“, sagt Felix. „Es braucht aber gar kein Engagement rund um die Uhr. Auch jede kleine Unterstützung zählt und kann manchmal sogar über Leben und Tod entscheiden.“
Laura Druselmann
Netzwerk Taubenrettung Hannover e.V.
Fössestraße 73, 30451 Hannover
Tel.: 0175 8266832
E-Mail: taubenrettung_hannover@yahoo.de
Abgelegt unter Ehrenamtliches Engagement, MenschenKommentare deaktiviert für Ehrenamtliches Engagement: Netzwerk Taubenrettung Hannover e.V.