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El Kurdis Kolumne im Februar: Memories are made of Nylon

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El Kurdis Kolumne im Februar: Memories are made of Nylon


In der durchaus unterhaltsamen romantischen Komödie „Prime“ aus dem Jahr 2005 – die auf Deutsch den beschrubbten Titel „Couch-Geflüster“ und den noch beschrubbteren Unter-Titel „Die erste therapeutische Liebeskomödie“ trägt – spielt Uma Thurman eine 37-jährige Frau, die eine Affäre mit einem 23-jährigen Mann hat. Als sie sein Alter erfährt, sagt sie: „Oh Mein Gott, du bist ein Kind. Ich hab T-Shirts, die sind älter als du!“

Tatsächlich, mit zunehmendem Alter besitzt man zunehmend alten Kram: Nie abgegebene Schlüssel zu ehemaligen Wohnungen, französische Francs und italienische Lira, kaputte Mehrfachsteckdosen, die man plant, irgendwann zu reparieren, eine Bandmerch-Tasse, die zwar einen Sprung hat, aber bestimmt noch mehrere Jahrzehnte als Zahnbürstenständer taugt. Oder eben alte T-Shirts. In unterschiedlichen Unansehnlichkeitsgraden.

Inzwischen habe ich die T-Shirt-Formulierung in anderen Filmen auch schon in folgenden Variationen gehört: „Ich hab Unterhosen, die sind älter als du“ oder „Ich habe eine Kopfhöreraufbewahrungstasche, die ist älter als du“. Okay, ich gebe zu, letzteren Satz habe ich noch nie gehört. Weder im Film, noch im wahren Leben. Aber ich könnte ihn benutzen – und würde dabei nicht lügen. Ich besitze nämlich wirklich eine Kopfhöreraufbewahrungstasche, die älter ist als manche Menschen, mit denen ich zwar keine Affäre, aber doch anderweitig zu tun habe. Das Täschchen stammt aus dem Jahr 1989. Wenn man genau hinschaut, sieht man darauf eine verblichene Aufschrift: „Telehospital“.

Ich studierte damals in Hildesheim irgendwas mit Kultur und hatte mich selbst wegen schweren Erbrechens ins städtische Klinikum eingeliefert. Die Kotzerei begann ausgerechnet, als ich mit Kollegen auf einer Kleinkunstbühne im ländlichen Raum Menschen unterhielt. Da das unappetitliche Elend auch nach Abbruch der Vorstellung nicht enden wollte, fuhr mich mein alter Freund Matthias Günther in seinem Ford Fiesta halbschnell ins Krankenhaus: Aus fahrzeughygienischen Gründen mussten wir unterwegs mehrmals anhalten. Im Klinikum ließ man mich zunächst in eine Tüte atmen, weil ich wegen der Übelkeit angefangen hatte zu hyperventilieren. Ich wusste bis dahin nicht, dass das zu heftige und hektische Ausatmen von CO₂ zur sogenannten „Pfötchenhaltung“ führt: Die Hände verkrampfen und sehen so entfernt aus wie eine Tier-Pfote. Das In-die-Tüte-Atmen löste den Krampf, man diagnostizierte eine leichte Lebensmittelvergiftung und stoppte den Brechreiz durch die intravenöse Gabe eines Medikamentes. Eigentlich hätte ich spätestens am nächsten Tag nach Hause gehen können. Da es aber noch keine Fallpauschalen gab, musste ich vier weitere Tage sinnlos bzw. zwecks „Beobachtung“ im Bett herumliegen und mich langweilen. Glücklicherweise konnte ich fernsehen. Auf dem am Nachttisch montierten Mini-Bildschirm.

Das ging allerdings nur mit einem speziellen im Krankenhaus-Shop zu erwerbenden „Druckluft-Kopfhörer“. Bis heute ist mir sowas nie wieder untergekommen. Das pneumatische Kuriosum kostete schlappe 15 DM – relativ viel Geld, angesichts der Tatsache, dass man es nur an den TV-Geräten der Klinik benutzen konnte. Sonst nirgends.

Aber immerhin: Das ungefähr DIN-A5-große Aufbewahrungs-Täschchen des Kopfhörers bestand aus gutem, zähen und widerstandsfähigen 20.-Jahrhundert-Nylon, selbst der Reißverschluss war für eine jahrtausendelange Nutzung konzipiert. Die Farbe war von Anfang an so undefinierbar eklig – irgendwo zwischen einem extrem schlappen Seafoam-Green und einem infektiösen Nasennebenhöhlen-Türkis –, dass der spätere zeitbedingte Farbintensitäts-Verlust auch wieder wurscht war.

Irgendwann entsorgte ich den in der normalen Welt völlig nutzlosen Kopfhörer. Das Täschchen behielt ich. Alle paar Jahre wird es von mir im Zweck umgewidmet: Mal dient es mir als Stiftemäppchen, mal trage ich darin Gitarrenkrimskrams zu Auftritten, zurzeit benutze ich es als Mini-Kulturbeutel. Für maximal zwei Auswärts-Übernachtungen. Wahrscheinlich werde ich es dereinst meiner Tochter und diese es ihren Nachkommen vererben. Inklusive Story. So werden sich die El Kurdis – oder wie auch immer die Familie dann heißen wird – noch Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte an meinen magenentleerenden Abend im Kulturgut Heiningen erinnern.

Ebenfalls noch lange Zeit an diesen Abend denken werden die Menschen, die damals in Heiningen in der ersten Reihe saßen. Eigentlich habe ich diese Kolumne nur geschrieben, um ihnen nochmals zu sagen: Es tut mir aufrichtig leid!

Hartmut El Kurdi

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Stadtkinder kochen Grüne Supplì

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Stadtkinder kochen Grüne Supplì


Die italienische Küche ist wahrscheinlich die beliebteste Küche der Welt und warum auch nicht: „Pizza“ ist vermutlich das einzige Wort, das weltweit verstanden wird. Aber auch viele andere italienische Gerichte werden rund um den Globus zubereitet – von Italienern, Menschen mit italienischen Wurzeln oder bloßen Enthusiasten – und/oder zu einigermaßen spannenden Fusion-Rezepten herangezogen. Allerdings: Kaum jemand spricht über Supplì. Zeit, das zu ändern!

Phonetisch macht das Wort jetzt erst mal nicht viel her, eher klingt es nach etwas, das ein Schweizer sagen würde. Aber: Falsch, ganz falsch! Viele kennen sicherlich Arancini, diese sizilianische Vorspeise. Gefüllte und frittierte Reisbällchen, so mächtig, dass sie kaum zur Vorspeise taugen. Iss zwei Stück und du schaffst kein Hauptgericht mehr. Supplì sind ähnlich, oft allerdings kleiner. Diese hier nicht. Sie sind groß und mit einer Füllung aus Gemüse und Pesto alla Genovese lustig grün und würzig. Wollen wir?

Wir brauchen 250 g Risotto-Reis, zum Beispiel Arborio, einen Liter Gemüsebrühe, eine Zwiebel, etwas Knoblauch (beides fein gehackt), Butter und Olivenöl. In einem Topf schmelzen wir die Butter, fügen erst das Olivenöl und dann den Reis hinzu, lassen ihn ein bisschen Farbe nehmen, ehe Zwiebel und Knoblauch dazukommen. Das hat nichts mit dem sagenumwobenen „das Korn versiegeln“ zu tun, das ist nämlich Quatsch, es geht nur um den Geschmack. Körner zu rösten, macht ihren Geschmack „getreidiger“ und somit intensiver. Schrittweise geben wir die Brühe dazu und kochen die ganze Lumumpe, bis ein ordentliches Risotto dabei herauskommt. Jetzt findet ein kleines Glas Pesto alla Genovese seinen Weg in den Topf. In den letzten fünf Minuten ergänzen wir um 250 g fein gehackten Brokkoli und 75 g grüne Erbsen. Wir würzen final mit weißem Pfeffer und Muskat (Salz sollte durch die Brühe und das Pesto ausreichend sein), ehe wir 100 g geriebenen Mozzarella unterrühren. Das fertige Risotto streichen wir nun glatt in eine Form, lassen es abkühlen und ein paar Stunden im Kühlschrank stehen.

Jetzt bauen wir eine klassische Panierstraße auf: Mehl, 2 verquirlte Eier, Paniermehl. Außerdem brauchen wir noch etwa 100 g Käsewürfel – welcher Käse, ist Geschmackssache, was eben gefällt, aber je mehr Fäden er zieht, desto spaßiger. Die erkaltete Risottomasse teilen wir Pi mal Auge in 20-25 Stücke und rollen sie zu Bällchen (die Größe liegt irgendwo zwischen Golf- und Tennisball), in deren Mitte ein Stückchen Käse steckt. Am besten geht’s mit Handschuhen, leicht angefeuchtet. Kleiner Disclaimer: Es macht keinen Spaß, da will ich gar nichts anderes behaupten. Aber es lohnt sich. Die Bällchen werden jetzt ein bisschen flach gedrückt, mehliert, dann in Ei und schließlich in Paniermehl gewälzt, bevor wir sie ausbacken. Am elegantesten geht das natürlich in einem Airfryer, etwa 22 Minuten bei 180 Grad, aber sie lassen sich auch gut mit ausreichend Fett in der Pfanne braten. Das dauert weniger lang, vielleicht 4-5 Minuten pro Seite, denn die Füllung ist ja im Grunde genommen schon gar. Hier empfiehlt sich Butterschmalz, Rapsöl oder ein ähnliches Fett, das hohe Tempe raturen gut verträgt. Olivenöl wird ab einer gewissen Temperatur bitter, das wäre ja schade. Und klar: Im guten alten Backofen geht‘s natürlich auch: Auf 200 Grad Ober-/Unterhitze vorheizen (Blech mit vorheizen!), die Knubbel rauf aufs Blech, die Oberseite mit Öl bepinseln oder besprühen, zehn Minuten backen, wenden, wieder pinseln/sprühen und noch mal 7-8 Minuten ins Rohr. Das Rezept ergibt, wie erwähnt, 20-25 Supplì. Damit kriegt man locker 6 Leute satt. Allerdings lassen sie sich auch prima einfrieren und bei Bedarf hervorholen.

IH

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Neu in der Stadt: Lucy’s Wohnzimmer und Dille & Kamille

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Neu in der Stadt: Lucy’s Wohnzimmer und Dille & Kamille


Lucy’s Wohnzimmer

Bereits im Oktober letzten Jahres eröffnete ein neuer Vintageladen in Linden Nord. Allen, die ihn noch nicht entdeckt haben, sei ein Besuch von Lucy’s Wohnzimmer sehr empfohlen. Der Laden ist die neue Anlaufstelle für Vintage-Kleidung und -Accessoires. Eine freundliche Mitarbeiterin erzählt stolz: „Wir haben eine große Auswahl an Second-Hand- und Vintage-Mode für alle Geschlechter. Neben der ausgewählten Stücken aus den 80er- bis 2000er-Jahren stehen bei uns auch Kaffee, Softdrinks, Bier und bald Cocktails wie Espresso Martini auf der Karte“. Bereits seit 2020 betreibt der Geschäftsführer Jamal Abadi Lucy’s Vintage & Second Hand in Göttingen und weiß ziemlich genau was bei den Mode- und Trendbewussten Menschen ankommt. Regelmäßig werden die Läden mit Neuzugängen bestückt, die teilweise auch bei Instagram gepostet werden – Lässige Lederblousons, Jeans mit authentischen Waschungen, Statementgürtel und -Taschen und vieles mehr lassen jedes nachhaltige Modeherz höher schlagen. In Lucy’s Wohnzimmer sollen sich alle wohl und willkommen fühlen. Das Team freut sich auf eine gute Zeit in Linden-Nord.

Limmerstr. 63, 30451 Hannover. Mo-Fr 12-19 Uhr, Sa 11-19 Uhr. Mehr Infos bei Instagram @lucys_wohnzimmer.

Dille & Kamille

Dille & Kamille, ein Familienunternehmen aus den Niederlanden, kommt im Frühjahr 2026 als nunmehr 12. Geschäft in Deutschland nach Hannover. Auf rund 250 Quadratmetern bietet die neue Filiale mitten in der Innenstadt ein großes, sorgfältig ausgewähltes Sortiment rund um eine so bewusste wie auch nachhaltige Lebensführung – denn dafür steht das Unternehmen: für einen schlichten und natürlichen Stil, fernab von der stetig wachsenden Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Der Fokus liegt schon seit über 50 Jahren auf langlebigen Produkten, zeitlosen Designs und der somit einhergehenden Verbundenheit zwischen Mensch und Natur. Um dem selbstgesteckten Ziel näher zu kommen, setzt Dille & Kamille ausschließlich auf natürliche Materialien wie Glas, Keramik oder Holz – also keine Spur von Plastik. In Kürze lädt der Laden dazu ein, in angenehmer Atmosphäre zu stöbern, Neues zu entdecken und sich voll und ganz wohlzufühlen, denn angeboten wird alles Mögliche, von jeglichen Gewürzen und Lebensmitteln wie Kaffee, Pasten und Gebäck über Pflanzen und Ausstattung für Bad oder Garten bis hin zu Dekoration und weiteren saisonalen Artikeln. Wer sich ohnehin schon länger vorgenommen hat, etwas achtsamer durchs Leben zu gehen, seine Umwelt bewusster wahrzunehmen und mehr Freude über die kleinen Dinge zu verspüren, wird ganz bestimmt fündig.

Dille & Kamille. Georgstraße 38-44, 30159 Hannover. Mehr Infos und Online-Shop auf www.dille-kamille.de.

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Der besondere Laden: The Nine Space

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Der besondere Laden: The Nine Space


Flüssiges Sojawachs gleitet langsam in ein kleines Betongefäß und feiner Dampf steigt auf, als sich der Duft von Orange und Karamell miteinander verbinden. Rosenquarz- und Amethyst-Splitter werden vorsichtig auf der trocknenden Oberfläche platziert, der Docht auf die richtige Länge gekürzt – und fertig! „Hier geht es aber um mehr als nur eine Kerze“, erklärt Anastasiia, die Gründerin von The Nine Space. „Ich möchte den Menschen Emotionen und eine Stimmung mitgeben.“

Die Expertise dafür hat Anastasiia allemal. Die gebürtige Ukrainerin ist ursprünglich für ein Auslandspraktikum nach Deutschland gekommen und dann geblieben. Eine Weiterbildung zur Skincare-Formulatorin öffnete ihr schließlich den Zugang zu hochwertigen Rohstoffen – und legte den Grundstein für eine Idee, die ihren Laden in der List heute mit einem liebevoll zusammengestellten Sortiment rund um Kerzen füllt.

Wer The Nine Space betritt, wird aber nicht nur davon empfangen, sondern von einer ganz besonderen Atmosphäre. „Verschiedene Düfte können verschiedene Stimmungen hervorrufen und damit spiele ich“, lächelt Anastasiia. Die Kerzen sind das Herzstück ihres Ladens. Pflanzliches Sojawachs, ätherische Öle und Parfums, die für Kosmetik zugelassen sind, bilden die Basis. Besonders beliebt ist der Duft „Amber Space“, denn „der riecht wie eine Umarmung“. Aber auch Getränkekerzen, inspiriert von Pornstar Martini oder Iced Matcha Latte, sind Bestseller.

Zusätzlich zu Anastasiias eigenen Kreationen spielen bei The Nine Space auch Workshops eine zentrale Rolle. Hier dürfen auch andere kreativ werden. Ob allein oder in der Gruppe – wer mag, kann sich eigene Duftkerzen oder Raumdüfte zusammenstellen. „Es geht um ein Erlebnis, das in Erinnerung bleibt“, erklärt die Inhaberin. „Und um die Emotionen, die dabei entstehen.“

Auf Instagram beschreibt sich der Laden auch als „Home Spa“ und einen Ort für Selfcare-Rituale. Nicht umsonst gibt es hier „alles, womit man sich den Tag ein bisschen verschönern kann“. Neben handgegossenen Duftkerzen und Raumdüften finden sich nämlich auch Naturkosmetik und ausgewählte Lifestyle-Accessoires wie kleine Deko-Elemente und Lesezeichen in Anastasiias Sortiment. „Das sind alles Dinge, die ich selbst benutze und sehr liebe“, so die Gründerin. „The Nine Space ist mein zweites Zuhause.“

Besonders stolz ist sie auch auf ihre Auswahl an Räucherwerk und Kristallen. Letztere bietet sie an Armbändern und Ketten, geschliffen und unbehandelt, in den unterschiedlichsten Größen und Formen an. Speziell zu den Kristallen hat Anastasiia eine persönliche Verbindung. „Kristalle pushen unser Leben, wenn wir sie richtig einsetzen und daran glauben“, sagt sie. Hierfür hat sie sogar eigens ein Workbook entworfen, das ihren Kund*innen beim Finden des richtigen Edelsteins helfen soll.

Unabhängig davon ist etwas, worauf Anastasiia bei all ihren Produkten großen Wert legt, Nachhaltigkeit. Jede Kerze ist nachfüllbar und die Form der Gläser ist bewusst so gewählt, dass sie nach Abbrennen der Kerze auch anderweitig verwendet werden können. Die Seifenschalen in ihrem Sortiment sind, ebenso wie Kerzenhalter und Schmuckschälchen, aus biologisch abbaubarer Maisstärke gefertigt. Und selbst Duftplatten für den Kleiderschrank lassen sich einschmelzen und wiederverwenden, denn „alles soll ein zweites Leben bekommen“.

Mit The Nine Space hat Anastasiia einen Ort geschaffen, der weit über den einfachen Verkauf von Produkten hinausgeht. Zwischen warmen Düften, sorgfältig ausgewählten Materialien und liebevoll gestalteten Details entsteht ein Raum, der entschleunigt. Wer ihren Laden betritt, wird eingeladen, sich Zeit zu nehmen, Neues zu entdecken und sich selbst etwas Gutes zu tun.

Laura Druselmann

The Nine Space
Podbielskistraße 29, 30163 Hannover
Tel.: 015754375093
E-Mail: hello@theninespace.de
www.theninespace.de

Öffnungszeiten:
Mo: 13 bis 18 Uhr
Di bis Fr: 11 bis 18 Uhr
Sa: 11 bis 16 Uhr

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Ein letztes Wort im Februar

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Ein letztes Wort im Februar


Herr Weil, im letzten Interview sind wir zuletzt auf die Arbeit der Bundesregierung zu sprechen gekommen. Und Sie haben gesagt, vor allem in der Kommunikation sei Luft nach oben. Kommunizieren Sie mal: Was hat die Bundesregierung bisher hinbekommen?

Es gab zum Beispiel sehr große Anstrengungen für mehr Investitionen, zum Beispiel das sogenannte Sondervermögen, das aus meiner Sicht völlig zu Unrecht zum Unwort des Jahres erklärt worden ist, denn in vielen Bereichen muss ja dringend investiert werden. Das ist wichtig für die Infrastruktur, außerdem beleben diese Investitionen die wirtschaftlichen Aktivitäten, womit wir das Schlüsselproblem in Deutschland angehen. Wir haben derzeit bereits im fünften Jahr eine stagnierende oder sogar leicht schrumpfende Wirtschaft. Auch außenpolitisch macht die Bundesregierung eine Menge richtig. Wir sind momentan in einer extrem schwierigen Situation und müssen uns in vielen Bereichen neu aufstellen. Bei der Bundeswehr muss eine Menge getan werden, und da bewegt sich auch viel. Und die Bundesregierung versucht auf vielen Ebenen dafür zu sorgen, dass Europa zusammenbleibt.

Was nur so halb gelingt …

…und auch ein richtig dickes Brett ist. Trotzdem ist der Kurs der Bundesregierung richtig. Insgesamt ist die Bilanz also gar nicht so schlecht, aber dann kommt die Kommunikation ins Spiel und manches sorgt für Verärgerung. Ich habe zum Beispiel nicht verstanden, warum es zu den wirklich schlimmen Verhältnissen in Palästina kein klares Wort aus Deutschland gegeben hat. Oder warum jetzt zu den Auseinandersetzungen im Iran sehr laut geschwiegen wird. Und dazu gab es natürlich auch solche unsäglichen Debatten wie die zur Wahl einer Bundesverfassungsrichterin im Sommer. Oder es wird mal eben eine Rentenkürzung verlangt. Irgendwas geistert ständig durch die Medien und irgendwann blickt niemand mehr durch. Es ist darum kein Wunder, wenn 70 Prozent der Bevölkerung mit der Bundesregierung unzufrieden sind. Das wird der Bilanz nicht gerecht, aber das ist nun mal das Erscheinungsbild.

Der Eindruck in der Öffentlichkeit ist tatsächlich katastrophal. Es wird viel geredet, viel gestritten. Wir hatten gerade wieder so ein Beispiel. Klingbeil hat in Berlin eine Idee zur Erbschaftssteuer, Söder räumt das in München mit einem Satz ab …

Ein Beispiel von vielen – leider. Wir brauchen aber gute und realistische Vorschläge und konstruktive Diskussionen. Ich befasse mich momentan in einer Kommission in Berlin mit der Schuldenbremse und weiß darum sehr genau, wie schwierig die Finanzverhältnisse sind. Wenn dann von Seiten der Union gefordert wird, erst mal die Steuern zu senken, dann muss man doch zuerst mal einen Blick auf die Zahlen werfen. Solche Forderungen sind für mich in der aktuellen Situation kaum nachvollziehbar. Aber generell gilt: Es gibt fast querbeet den Wunsch, dass in Berlin vernünftig, ruhig und ohne internen Streit auf offener Bühne regiert wird. Und dass die Entscheidungen nachvollziehbar sind und plausibel erklärt werden.

Was ich schwierig finde bei der Kommunikation, das sind die halbfertigen Ideen. Wenn die SPD beispielsweise bei der Erbschaftssteuer einen Vorschlag hat, warum wird der nicht zuerst vollständig ausformuliert, bis dahin, dass man klar benennt, welche Erbschaften man in welcher Höhe im Auge hat? Stattdessen bleibt genau das zuerst vage. Und die CDU räumt das mit dem Hinweis ab, dass dann ganz viele Familienunternehmen den Bach runtergehen. Warum keine konkreten Zahlen?

In der Tat hilft es, wenn man solche Vorschläge gleich in einen Gesamtzusammenhang stellt. Warum braucht man dieses Geld? Und berührt das nicht auch eine Gerechtigkeitsfrage? Es gibt Menschen in Deutschland, die riesige Vermögen erben. Für mich ist es eigentlich selbstverständlich, dass diese Menschen etwas mehr zum Gemeinwohl beitragen. Dass Familienunternehmen nicht überfordert werden, gehört dabei aber sicher auch zu einem guten Konzept. 

Boris Pistorius kommuniziert sehr klar und hat die besten Zustimmungswerte. Warum gucken sich das die anderen nicht ein bisschen mehr ab? Das scheint doch ein Erfolgsmodell zu sein …

Boris Pistorius macht das exzellent, aber er hat auch einen klaren Auftrag. Ich glaube, dass viele Politiker*innen sich vielleicht scheuen, den Leuten etwas zuzumuten. Das ist ein Fehler. Wenn man die Dinge vernünftig begründet, wird das dann von vielen auch nachvollzogen. Die finden bestimmte Maßnahmen dann vielleicht immer noch nicht toll, aber sie können sie leichter akzeptieren. Und alle müssen wissen, dass die Verantwortlichen in Berlin momentan extreme Herausforderungen zu bewältigen haben und besonders umsichtig handeln müssen. Ich bin mir sicher, es gäbe mehr Rückendeckung, wenn sie es den Leuten ein bisschen leichter machen würden, ihnen zu folgen.

Die Kommunikation ist sicher ein Problem. Aber wenn ich mir ansehe, welche riesigen Probleme in den letzten Dekaden nicht angegangen worden sind und auch jetzt nicht wirklich gelöst werden, dann kann ich nachvollziehen, dass immer mehr Menschen unsere Demokratie für teilweise dysfunktional halten. Ein Beispiel ist die Rente. Seit mehr als 25 Jahren ein Dauerbrenner. Oder nehmen wir die Energiewende. Seit Jahren läuft das im Zickzackkurs. Und die Wirtschaft ruft nach Verlässlichkeit. 

Eine Modernisierung unseres Landes steht tatsächlich auf der Tagesordnung und einige besonders schwierige Themen haben Sie gerade genannt. Das hat auch eine große wirtschaftliche Bedeutung. Das Wirtschaft braucht Planungssicherheit, um zu investieren. Das wiederum ist der Schlüssel zu einer wirtschaftlichen Erholung, die dann auch wieder vieles andere leichter macht. Wenn eine Regierung dafür ein klares Konzept hat, geschlossen auftritt und dann auch vernünftig kommuniziert, nimmt das nicht nur die Menschen mit, sondern schafft auch eine ganz andere Basis für Investitionen. 

Bei der Rente finde ich es gar nicht so schwer. Die SPD wird ein bisschen offener dafür, dass die Leute länger arbeiten, was bei einer weitaus längeren Lebenserwartung eigentlich logisch ist. Und die Union öffnet sich dafür, bei der Finanzierung ein paar neue Wege mitzugehen. Insgesamt ein bisschen flexibler, ein bisschen gerechter und mathematisch machbar. Ist das so schwer?  

Es scheint jedenfalls nicht so leicht zu sein, weil der Fokus jeweils sehr unterschiedlich gesetzt wird. Es muss sich lohnen, freiwillig länger zu arbeiten, aber ich bin entschieden gegen faktische Rentenkürzungen. Und vor allem: Der Kreis derjenigen, die in die Rentenkasse einzahlen, muss größer werden. Und ich würde mir auch wünschen, dass wir bald unser Gesundheitssystem optimieren. Wir haben eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, aber die Lebenserwartung ist in Deutschland niedriger als in anderen vergleichbar entwickelten Staaten. Wir müssen deutlich mehr Gewicht auf die Vorsorge legen, das machen uns andere Länder vor. Das hilft den Versicherten und ist günstiger für die Kassen. Leider redet Frau Warken momentan lieber darüber, Versicherungsleistungen einzuschränken und dann gegebenenfalls auch bei der Vorsorge zu sparen.

Das meine ich mit dysfunktional. Es gibt auf der einen Seite richtig gute Ideen und zahlreiche Beispiele, was in anderen Ländern besser funktioniert, und dann ist da diese Berliner Blase mit ein paar hundert Politiker*innen, drumherum ein paar tausend Mitarbeitende, sehr viele Journalist*innen und sehr viele Vertreter*innen irgendwelcher Lobbygruppen. Und dann dreht sich die Maschine und heraus kommt nichts. Wie kann man das ändern?

Ich bin mit dem Mikrokosmos Berlin nie so richtig warm geworden. Die Landespolitik in Niedersachsen ist dagegen eine reine Idylle. Es würde vielleicht schon helfen, wenn wesentliche Akteur*innen sich entschließen würden, so lange nichts zu einem Thema zu sagen, bis man sich einig ist. 

Da müsste man aber einigen den Mund zukleben.

Oder die Betreffenden wachsen über sich hinaus.

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Editorial 02-2026

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Editorial 02-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Luna Jurado getroffen, Geschäftsführerin im Kulturzentrum Faust. Sie ist in Oldenburg aufgewachsen, schon mit 15 zu Hause ausgezogen, mit 18 ging es dann nach Hannover und für ein Jahr als Praktikantin in die Faust. Im Booking hat sie angefangen. Und ich stelle mal wieder fest, wie klein Hannover ist. Sie hat damals bei der Faust angerufen, um nach der Möglichkeit eines Praktikums zu fragen. Peter Staade hat „vorbeikommen“ gesagt. Peter war lange Jahre unser 96-Kolumnist und ist leider schon mit 50 Jahren an Krebs gestorben. Eines meiner ersten größeren Interviews für das Stadtkind habe ich mit Peter geführt. Damals war er noch im Béi Chéz Heinz aktiv. Ein sehr besonderer Mensch. Luna Jurado erzählt von ihrem Bewerbungsgespräch in der Raucherecke mit acht Männern und ich sehe Peter vor mir, mit der Zigarette in der Hand und diesem speziellen Blick (er hatte ein Glasauge). Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr die Zeit als Praktikantin nicht durchgängig Spaß gemacht hat. Aber es hat offensichtlich doch Spaß genug gemacht, um eine Ausbildung dranzuhängen. Schon mit 25 Jahren hat sie dann die Geschäftsführung in der Faust übernommen, übernehmen müssen, nachdem Hansi Krüger gestorben war. Ein Sprung ins eiskalte Wasser, keine geordnete Übergabe, Tage und Wochen im Krisenmodus. Aber sie übersteht das alles nicht nur, sie geht es frontal an, räumt auf, kümmert sich um die Strukturen. Heute läuft der Laden mit 45 Festangestellten, mit Auszubildenden, mit moderner Technik, einer gut aufgestellten Gastronomie und unglaublich vielen großen und kleinen Veranstaltungen.

Luna Jurado brennt für die Faust, sie lebt diesen Ort. Und sie brennt für die Kultur. Auch als Vorsitzende des Vereins Freie Kunst und Kultur Hannover e. V., besser bekannt als VereinteKulturHannover. Ihre Haltung ist glasklar. Kultur möge am besten nichts kosten, still sein und bloß nicht politisch – mit ihr ist das nicht zu machen. Sie hat sich immer sehr klar positioniert, insbesondere bei den auch aus meiner Sicht absolut fragwürdigen Kürzungen durch die Deutschlandkoalition, was ihr wahrscheinlich nicht nur Freundinnen und Freunde eingebracht hat. Sie hat gerne Klartext gesprochen, trotz des unsichtbaren Drucks, den man in Hannover manchmal spürt, wenn man zu laut auf Probleme hinweist. Und sie spricht noch immer Klartext.

Kultur ist für Luna Jurado keine Dekoration, kein Sahnehäubchen, auf das man im Zweifel verzichten kann. Kultur, Soziokultur, das ist für sie der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Die Faust schafft Räume, in denen Vielfalt nicht bloß plakatiert, sondern gelebt wird. Und von solchen Räumen profitiert die gesamte Gesellschaft, sie machen unsere Demokratie resilienter. Das klingt groß, ist aber sehr konkret. Wenn Kulturorte verschwinden oder kaputtgespart werden, dann verschwinden nicht nur die Bühnen, dann verschwinden Netzwerke, Schutzräume, Diskursräume. Dann wird eine Stadt leiser, aber nicht ruhiger und ärmer, aber nicht günstiger. Wenn in der Kultur Schaden angerichtet wird, dann ist das oft nicht so leicht rückgängig zu machen. Parkhäuser kann man sanieren, eine Szene leider nicht. In Hannover wird schon wieder viel über Geld geredet, über Kürzungen, Umverteilungen, Prioritäten. Und diese Diskussionen werden mit dem beginnenden Wahlkampf immer lauter werden. Ich hoffe, dass alle Beteiligten wissen, dass die Kultur in Hannover kein Posten ist, den man beliebig im Haushalt hin und her schieben kann. Die Lage ist ohnehin schon prekär genug, viele Kulturschaffende arbeiten längst „auf Kante“.

Luna Jurado wünscht sich Planungssicherheit, Augenhöhe und Wertschätzung. Ein klares Bekenntnis, dass Orte wie die Faust in Hannover gewollt sind. Und dass Kulturpolitik nicht nach Parteifarben gemacht wird. Geld für die Kultur ist Investition in die Zukunft. Mehr im Interview ab Seite 56.

Nicht zuletzt: In dieser Ausgabe feiern wir Erwin Schütterles 50. Rätsel. Nicht wenige beißen sich daran mit viel Vergnügen jeden Monat die Zähne aus. Danke, lieber Erwin!

Und jetzt viel Spaß mit dieser Ausgabe!

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