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Editorial 2023-10

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Editorial 2023-10


Liebe Leserinnen und Leser,

um Freiheit geht es in dieser Ausgabe in unserem Titelthema. Ein großes Wort. Und auch eine Verabredung, im Idealfall mit klaren Grenzen. „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“, hat Immanuel Kant gesagt.
Das ist schon beinahe so etwas wie ein Gesellschaftsvertrag.

Freiheit ist ein Begriff, der in unserer Gesellschaft fast inflationär verwendet wird, aber nur selten thematisieren wir die Bedeutung von Freiheit für unser tägliches Leben. Wir sind sie gewohnt, während sie in anderen Ländern längst gestorben ist. Freiheit ist kein abstraktes Konzept; sie ist im Grunde die Luft, die wir atmen, die Grundlage unserer Demokratie und die Triebkraft für Fortschritt und Wachstum. Sie bietet die Möglichkeit, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen, unsere Überzeugungen zu vertreten und uns in einer Welt der Vielfalt und Differenzierung zu entfalten.
Die Geschichte hat gezeigt, dass Gesellschaften, in denen Freiheit gefördert wird, florieren und blühen. Freiheit inspiriert Kreativität, Unternehmertum und den Wunsch nach ständiger Verbesserung.
Wenn wir die Freiheit einschränken, ersticken wir nicht nur individuelle Ambitionen, sondern behindern auch den gesellschaftlichen Fortschritt. Freiheit ist kein Privileg, sondern ein grundlegendes Menschenrecht. Sie ist das Fundament unserer Gesellschaften und unserer individuellen Würde.

Und ich möchte das alles nicht missen. Ich fühle mich in Deutschland frei, nicht eingeschränkt, nicht zensiert, nicht beobachtet. Ich kann hier an dieser Stelle schreiben, was immer ich will. Ich kann Olaf Scholz für einen schlechten Kanzler halten und Christian Lindner für einen noch schlechteren Finanzminister, sie werden mich nicht morgen mit einer schwarzen Limousine abholen und ich werde auch nicht aus irgendeinem Fenster fallen.
Das droht nur, wenn ich den Antidemokraten meine Meinung sage, was ich an dieser Stelle hin und wieder tue. Dann bekomme ich unschöne Anrufe, manchmal auch handfeste Drohungen.

Ich habe mich entschieden, das nicht weiter zu beachten. Da rufen Idioten an – warum sollte ich mich auch nur eine Sekunde mehr mit diesen Leuten beschäftigen als ich muss. Diese Menschen sind mir ein Rätsel, und ich weiß, dass mit ihnen zu diskutieren mir nicht helfen wird, sie zu verstehen.
Gerade erst gab es wieder eine Rechtsextremismus-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung mit einer klaren Tendenz. Die Zahl der Idioten wächst. Es gibt tatsächlich Leute in Deutschland, die wünschen sich eine Diktatur und einen Führer.
Warum?
Das will irgendwie nicht in meinen Kopf. Wie erbärmlich und lebensunfähig muss jemand sein, um sich Unfreiheit zu wünschen?

Da ist echt drüber. Ich habe schon vor dieser Studie des Öfteren überlegt, wie hirnverbrannt man sein muss, um die AfD zu wählen. Wie schafft man es, Alice Weidel gut zu finden? Oder Bernd Höcke? Verstehe ich nicht. Aber sich eine Diktatur zu wünschen ist noch einmal ein Schritt mehr. Womöglich noch mit der Diktator-Doppelspitze Weidel/Höcke. Hoffentlich bekommt jetzt niemand Albträume. Was braut sich da bloß zusammen in Deutschland? Ist das wieder die alte braune Suppe?

Wenn ich solche Studien lese oder mir die aktuellen Umfragen ansehe, dann wird mir inzwischen wirklich übel. Ich weiß, viele winken ab. Die Zustimmungswerte für die AfD werden demnächst wieder sinken, alles nur ein Zwischenspiel, das höre ich ständig. Und Olaf Scholz spricht von einer Schlechte-Laune-Partei. Ich finde das grundfalsch. Und ich finde es genauso grundfalsch als Reaktion auf die guten Zahlen der AfD nun ebenfalls rechts zu blinken. Ich wünsche mehr Rückgrat in Deutschland. Es geht jetzt nicht darum, den Rechten alles nachzuplappern und rechte Light-Versionen anzubieten, es geht darum, den Rechten laut und deutlich zu widersprechen!

Viel Spaß mit dieser Ausgabe!

Lars Kompa
Herausgeber Stadtkind 

 

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ASB-Wünschewagen Niedersachsen

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ASB-Wünschewagen Niedersachsen


Ehrenamtliches Engagement

Sterben müssen wir alle irgendwann egal wo wir herkommen, egal wer wir sind. Der niedersächsische ASB-Wünschewagen erfüllt schwerstkranken Menschen in ihrer letzten Lebensphase einen letzten, besonderen Herzenswunsch.

Wir versuchen wirklich alles möglich zu machen, was irgendwie realistisch ist. Und wir freuen uns auch, wenn da etwas Verrücktes dabei ist, erzählt Intensivpflegefachkraft Jella Misera, die seit Sommer 2020 ehrenamtliche ASB-Wunscherfüllerin ist. Ob noch ein letztes Mal ans Meer, in die Berge, einmal Torjubel im Stadion erleben, Elefanten streicheln oder einfach einen Tag raus aus dem Hospiz – „die Wünsche können wirklich alles sein, was man noch auf der Bucket List hat. Das einzige Kriterium ist, dass sich die Menschen krankheitsbedingt in ihrer letzten Lebensphase befinden, transportfähig sind und sich den Wunsch aus eigener Kraft nicht mehr erfüllen können, erklärt Jella. Mit einem liebevoll umgerüsteten und dekorierten Krankentransportwagen ermöglichen die ehrenamtlichen Wunscherfüller*innen Sterbenskranken beispielsweise, noch einmal ihren Lieblingsort zu sehen. Dabei sind immer mindestens zwei Personen mit an Bord, die die medizinische und pflegerische Versorgung gewährleisten und emotional unterstützen.

Seit 2017 konnten so niedersachsenweit rund 350 Herzenswünsche erfüllt werden und das nur mithilfe der Ehrenamtlichen. Jella ist eine der knapp 80 Wunscherfüller*innen des Wünschewagens vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Niedersachsen e.V. Wegen eines Zeitungsartikels wurde sie vor einigen Jahren auf das Projekt aufmerksam.

Ich habe dann gedacht, ich habe die Kompetenzen, Wunschfahrten zu begleiten und Herzenswünsche möglich zu machen. Wünsche, die eigentlich für gesunde Personen selbstverständlich und einfach zu erfüllen sind. Ich habe zu dem Zeitpunkt angefangen auf der Intensivstation zu arbeiten und habe mitbekommen, dass ganz viele Menschen nicht selbstbestimmt in die letzte Lebensphase gehen. Da ist in mir das Bedürfnis aufgekommen, Leuten zu helfen, das mitzugestalten, erklärt sie. „Ganz viele Menschen fragen mich, wie ich das aushalte. Aber ich habe die Erkrankung ja nicht verschuldet, sondern kann aktiv unterstützen. Deswegen fällt mir das auch nicht schwer. Das ist einfach schön, da noch helfen zu können und den Menschen die Möglichkeit zu geben, ein schönes Lebensende zu gestalten. Und man hat Zeit für die Leute. Während einer Wunschfahrt können wir uns wirklich einen ganzen Tag um die Wünsche einer Person kümmern und haben dabei keine Sorgen um andere Menschen das ist in der Pflege ja ein riesiges Problem.

Fahrgast Ingrid ist mit ihren Freundinnen und dem WüWa-Team ins Salü schwimmen gegangen

Wunschanfragen werden per E-Mail oder telefonisch im Büro gestellt, dort dann sorgfältig koordiniert und geplant. Trotzdem sollten Kliniken und Hospize Betroffene frühzeitig informieren, dass es diese Möglichkeit gibt. Denn viele Fahrgäste melden sich erst so spät, dass der Gesundheitszustand schon zu viele Grenzen setzt, betont Jella. Das Projekt nach außen tragen und betroffene Menschen informieren, ist also eine große Hilfe. In erster Linie brauchen wir aber tatkräftige Unterstützung beim Wünschewagen. Ein medizinischer Background ist dabei Voraussetzung, erklärt sie. Außerdem kann man auch finanziell Herzenswünsche ermöglichen denn das Projekt finanziert sich ausschließlich durch Spenden.

Sich Wünsche erfüllen, etwas, das nicht nur für Menschen in der letzten Lebensphase von Bedeutung ist. Wartet nicht zu lange mit euren Wünschen. Ich sehe ganz oft, dass Wünsche offenbleiben und nicht mehr so umgesetzt werden können, wie man das als gesunder Mensch konnte. Aber wenn noch Wünsche offengeblieben sind: Einfach fragen. Wir versuchen echt alles möglich zu machen.

ASB-Wünschewagen Niedersachsen
Petersstra
ße 1-2 30165 Hannover

Telefon  0511 358 54 888
E-Mail
wuenschewagen@asb-niedersachsen.org

www.wünschewagen-niedersachsen.de

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Der Freundeskreis im Gespräch im Juli

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Der Freundeskreis im Gespräch im Juli


Diesen Monat haben wir mit dem Photografen und Künstler Marc Theis und dem Designer und Künstler Sebastian Peetz gesprochen: Über ihre Arbeit, vor allem über ihre Zusammenarbeit, und auch über ihre Beziehung zu Hannover

Beginnen wir doch mit einer kurzen Vorstellung …

MT – Ich bin seit fast 50 Jahren in Hannover. Ursprünglich komme ich aus Luxemburg. Ich war Sohn eines Malermeisters und früher war es ja so, dass der Sohn werden sollte, was der Vater war. Ich wollte aber Dekorateur werden und habe das gelernt. Daraus entstand die Idee, Grafikdesign zu studieren. An der Kunstakademie in Stuttgart hieß es dann: „Wenn Sie hier studieren wollen, brauchen Sie auch Fotos“. Man hat mir eine Fotoschule in Stuttgart empfohlen – und das war eine spannende Ausbildung. Nach 3, 4 Monaten hatte ich mein erstes Bild verkauft; die hatten Kontakte und ich war scheinbar talentiert. Dann wurde ich an der Kunstakademie angenommen und habe das 4 Jahre gemacht, ab und zu auch bereits Preise gewonnen, bin viel gereist und habe mir schnell mein erstes Geld verdient – bei der Micky Maus. Das klingt witzig, aber die Micky Maus saß damals in Stuttgart und es gab immer Bilderstrecken aus der ganzen Welt mittendrin. Und ich bin unterwegs gewesen in der Welt, als gebürtiger Luxemburger hat man diesen Drang, weil das Land so klein ist. Also habe ich mich da gemeldet – und alle 6 Wochen bin ich dann gereist, nach Griechenland, nach Portugal, das wurde in der Micky Maus veröffentlicht – und richtig gut bezahlt. Es gab auch andere Zeitschriften, die meine Bilder genommen haben. Dieser Erfolg war schön. Dann lernte ich im Urlaub eine charmante Frau kennen, die sagte: „Komm mal nach Hannover. Meine Schwester besorgt dir einen Job an der MHH.“ So bin ich hier gelandet. Und habe um 1977 die ersten Fotos für den Schädelspalter gemacht, Titelbilder und solche Sachen, habe Uli Stein kennengelernt, mit ihm die ersten Fotos und auch gemeinsame Reisen gemacht. Und ich habe mich an der Fachhochschule beworben und hatte einen wirklich guten Dozenten – Heinrich Riebesehl, der mittlerweile auch in allen Museen in Deutschland hängt. Ich habe später die Galerie Spektrum mitbetreut – eine der besten Fotogalerien Deutschlands –, habe Künstler mit ausgesucht, Kataloge, Plakate etc. gestaltet. An der VHS habe ich Kurse gegeben. Und irgendwann habe ich während des Studiums so eine Anzeige der TUI gesehen. Die waren auf der Suche nach einem Werbeassistenten für Touropa München. Ich war 5 Jahren bei der TUI – eins in München, dann wieder in Hannover – und wurde später über Umwege auch Robinson-Fotograf. Irgendwann sagte ich mir dann: „Ich mache mich in Hannover selbstständig!“, habe Räume gesucht – und ein Fabrikgelände in Sarstedt gefunden: ca. 500 m², 7 m hoch, 200 DM Miete. Das habe ich sanieren lassen und eine Party gemacht und alle Werbeagenturen Hannovers eingeladen. Die Party hat allen großen Spaß gemacht und eine Woche danach hat mich B&B angerufen, zu der Zeit die größte Agentur in Hannover, und gefragt, ob ich nicht vorbeikommen könnte, die hätten einen Auftrag für mich. Das war mein erster Kunde und es kamen nach und nach immer mehr dazu. Inzwischen reise ich aber wieder mehr und mache auch Projekte außerhalb von Hannover und Deutschland.

Switchen wir einmal zu dir …

SP – Ich bin Sebastian Peetz – ich arbeite im Bereich Kunst, Typografie und Fotografie, und wir sitzen hier im Café Bodo. Ein interessanter Startpunkt für unser Gespräch, denn das ist das ehemalige Geschäft Photo Dose – mit 16, 17 Jahren war ich ständig hier, als ich ein eigenes Fotolabor hatte. Ich habe mich schon immer, also bereits in Phasen der Kindheit, an die ich mich nur über Fotografien erinnere, für Kunst als Ausdruck über Bild und Schrift interessiert. Das ist ja am Anfang eher eine Energiemischung, von der man nicht weiß, was man draus machen wird. Die Perspektive, dass man sich eines Tages im Rahmen des Studiums beschränken muss fühlte sich einengend an. Ich hatte Sorge, Talente verkümmern zu lassen. Ich wollte alles. Mit einem Freund hatte ich „San Jose Design“ gegründet und mein Kinderzimmer mit einem orangenen Aufkleber als Atelier markiert. Gut war, dass ich mit 16 Jahren nach Amerika ging, raus aus Hannover. Das deckt sich insofern mit Marcs Aussage zu Luxembourg. Hannover ist für bestimmte Energien in gewissen Altersphasen ungeeignet. In Amerika habe ich viel über Computer, Schriftdesign und -satz sowie Ölmalerei gelernt. Kunstunterricht in Amerika ist ganz anders als man das hier kennt. Man wird ernst genommen und es fühlt sich fast akademisch an. Nach einem Jahr bin dann nach Süddeutschland auf ein Internat gegangen. Und von da aus habe ich nach dem Abitur auf einem amerikanischen College in der Schweiz studiert. Ich wusste, ich muss durch ein Studium durch. Aber ich wollte auch nicht ganz, sagen wir „frei schwingen“, sondern wirklich das Handwerk lernen. Das geht mit dem amerikanischen System gut. Die sind irgendwie streng, alles ist emotionslos getaktet. Und das war, was mir fehlte, damit ich sicher bin in der Gestaltung. Nach dem Diplom habe ich gedacht, ich muss nach London, habe mich da bei Agenturen vorgestellt und bei Pentagram Justus Oehler kennengelernt, der sagte: „Du brauchst am Anfang einen einzelnen Menschen, der dir gegenübersteht und der dich spiegelt. Wenn du jetzt in einer großen Agentur landest, dann stehst du am Kopierer.“ Ich kannte einen Namen in Paris. Der wollte aber bald nach Rom, weil er den Prix de Rome gewonnen hatte – und nach drei Monaten sagte ich beim Essen: „Ich könnte für das Jahr die Agentur führen.“ Und er: „So machen wir‘s!“ Ein riesiger Vertrauensbeweis. Wir haben drei weitere Jahre zusammengearbeitet. Andere fahren zum Urlaub nach Rom und Paris, wir waren immer angenehm gestresst. Die beiden Facetten Kunst und Design habe ich bis heute sichtbar getrennt beibehalten, als peetz & le peetz design: „peetz“ ist das Schöpferisch-Kreative, das Freie und Selbstbestimmte und „le peetz design“ ist das, naja, knallharte Geschäft, mit den realistischen Anforderungen, die es von Industrie oder Kultur gibt. Das zu kombinieren hält mich biologisch bei Laune. Mit geht es darum, das Schöpferische ins Nützliche zu wandeln. Glücklicherweise habe ich das als Alleinstellungsmerkmal so überzeugend sichtbar gemacht, dass die Stadt Hannover auf mich zukam, als sie für ihre Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europa 2025 einen Spezialisten zur Umsetzung suchte. Wir haben mit dem entstandenen Bewerbungsbuch die erste Runde gewonnen und Hannover war beeindruckt, wie viele Auszeichnungen dieses erste Werk bekam – international und national. Also durfte ich auch das zweite Buch umsetzen. Das war natürlich eine knackige Herausforderung. Mein Konzept waren dann nicht 100 einzelne Seiten, sondern eine Textilrolle mit den DIN A4-Seiten aneinandergereiht, 21 Meter lang. Es musste erst juristisch geklärt werden, ob die Kulturstiftung der Länder das als Bewerbung überhaupt zulässt. Haben sie. Es war eine herrliche Sache alle Talente zu kombinieren… Kreativität, präzise Umsetzung und gnadenloses Timing, und das vor aller Augen.

Kurz darauf, in Corona-Zeiten, habe ich Marc kennen gelernt. Er wollte ein anspruchsvolles Maskenbuch machen.


Das war euer erstes gemeinsames Buch …

SP – Es sind phänomenale Fotografien von Marc und in einem Ergänzungsband sollten eigentlich dieselben Menschen, vom Ministerpräsidenten über Kultur bis zum Schornsteinfeger, ohne Maske erzählen, wie es war – nur hörte die Masken-Utopie ja in diesem Jahr erst wieder auf. Das ist ein echtes Zeitdokument. Das zweite Buch mit Marc war dann ein Projektbuch zu 125 Jahre Annastift: Thema Teilhabe, Inklusion und Menschlichkeit. Typografisch sensibel gestaltet, ist ein schönes Werk geworden, ein Coffeetable-Book mit einem dafür seltenen Thema. Und nun arbeiten wir bereits am nächsten.

Ein drittes Buch?

SP – Ja. Das beschäftigt sich mit ehemaligen Innenräumen Hannovers: etwa vom Postcheckamt. Das wird jetzt abgerissen und wir schauen, wie es eigentlich innen aussah. Das weiß ja keiner. Wie sah die Deutsche Bank vorher aus? Andere Gebäude? Der Pferdestall am Welfenplatz, bevor er saniert wurde? Hannover hat sich selbst viel Historie genommen. Das Ständehaus wurde nicht im Krieg zerstört, sondern das haben die Hannoveraner abgesäbelt. „Hannover:innen“, so nennen wir das Buch, als kleines Spiel damit, dass alle gemeint sind: ein marketingtauglicher Name in der Gender-Debatte. Bei „Hannover:innen“ geht es auch darum, dass Bilder allein nicht immer reichen, sondern, dass Geschichten dazu sehr wichtig sind: Wir haben einen Journalisten, Sebastian Hoff, gebeten, sich Geschichten auszudenken über die Orte. Kleine Geschichten, pro Bilderserie ein bis zwei Seiten. Das soll dann noch vertont werden, sodass man mit einem Code draufgehen kann. Mit diesen Geschichten wollen wir die Fantasie erreichen – und diese Vertonung ist so relevant, weil sie das erste Mal eine Brücke baut zwischen einem nicht-sehenden Menschen und einem nur-sichtbaren Kunstwerk. Da suchen wir gerade noch jemanden, der das machen kann.

MT – Wichtig zu sagen, ist, dass ich bei dem Buch nicht der alleinige Fotograf bin. Ich habe einen Kollegen, der Architektur fotografiert, Olaf Mahlstedt: Wir sind zwei Fotografen, die unterschiedlich fotografieren – sich in der Mitte des Buches aber auch treffen.

SP – Wie auf dem Cover, auf dem zwei unterschiedliche Fotografien durch gestalterische Positionierung doch Anknüpfungspunkte zueinander aufweisen.

Du tauchst auf dem Cover, im Gegensatz zu den anderen, nicht namentlich auf – ist das vom Gefühl her komisch? Bist du da unsichtbar?

SP – Ganz genau das ist es. Das höchste Ziel des Gestalters ist die eigene Unsichtbarkeit. Wir haben damals ohne Computer erst einmal Buchstaben zeichnen müssen. Das hat Wochen gedauert. Diese Mühe kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Aber dadurch ist man in dem Werk drin. Ich bin da wirklich innen drin. Das ist das, was ermöglicht, unsichtbar zu sein und im Ergebnis die Erfüllung zu spüren. Im Bereich Design sagt der Auftraggeber nicht „das ist typisch für Peetz“ sondern „das ist typisch für exzellentes Design“. Wenn du das erste Bid Book und das zweite Bid Book anguckst, ist das Gestalterisch ein riesiger Unterschied. Das, was gleich bleibt, ist die Ausstrahlung einer hohen Präzision in der Schrift und eine einzigartige Finesse im Umgang mit der Aufgabe. Als Student habe ich immer gesagt: der Künstler erwartet Erfüllung, der Designer erfüllt Erwartungen. Na gut, heute sage ich eher „Erfüllung durch Übertreffen der Erwartungen“ … Stichwort biologische Laune.

Wie war das für dich, mit einem zweiten Fotografen an einem Projekt zu arbeiten?

MT – Ich habe davor bereits ein Buch gemacht, das thematisch ein bisschen ähnlich gelagert war, das hieß „Das andere Hannover“ und es waren nur meine Bilder drin. Dazu haben wir ebenfalls Interviews gemacht, also auch mit Worten gearbeitet. Das Buch hat sich super verkauft, aber ich mag keine Wiederholungen. Und ich mag Olafs Fotografie sehr gerne. Irgendwann habe ich ihn getroffen und gesagt: „Weißt du was, Olaf? Lass uns noch so ein Buch machen: du eine Hälfte und ich eine Hälfte“. So sind wir zusammengekommen. Der Austausch ist toll. Ich bin kein Architekturfotograf, bei mir ist es eher schwer einzutüten, was genau ich mache, weil ich unheimlich viel gerne mache. Ich versuche immer, Sachen so festzuhalten, wie sie vielleicht andere nicht sehen. Das ist mein Antrieb. Wie bei Sebastian: Es gibt den Marc Theiss mit Kunden und es gibt den freien Künstler in mir.

An was arbeitet ihr aktuell außerdem?

SP – Aktuell? Bei mir sind es neben Büchern ja auch Logos und Plakate. Wenn ich für Museen Ausstellungsplakate entwerfe, soll man ohne Ablenkung denken „ah, diese Ausstellung möchte ich sehen!“. Bei einem Logo ist es die Verdeutlichung der Idee, für die eine Einrichtung überhaupt steht. Welchen Drive, welche Identität vertritt der Absender. Konkret wird das am Museum Wilhelm Busch. Die neue Direktorin hat sich eine ganz kraftvolle neue Marke gewünscht, die ihre künftige Prägung des Museums deutlich macht. Sie kam zu mir ins Atelier und sagte „Ich brauche das neu, jung und divers. Und ich will eine direkte Assoziation mit dem Haus“. Also wird eine charakterstarke und wiedererkennbare Schrift benötigt und ein Logo, das den Namen und die DNA des Hauses wieder aufleben lässt. Und selbstsicher Zielgruppen vereint. Für sich selbst schon eine Geschichte sein könnte. Bei der Recherche schaute ich inzwischen nicht mehr zählbare Varianten lateinischer Buchstaben an. Und nach ein paar Tagen Genuss dieser Vielfalt entschied ich mich für die „Glance“ von Moritz Kleinsorge, der es geschafft hat mit smarten Designakzenten und feinen Details doch noch mal eine singuläre Schrift zu entwickeln. Für das Logo drehte ich die Buschstaben M, W, B so lange, bis ein liegendes B schließlich an eine stilisierte Silhouette der ikonischen Protagonisten Max und Moritz (letzer mit geölter Haartolle) erinnerte. Man erkennt es „at first glance“. So würdigt das inzwischen international aufgestellte Museum seinen historischen Namensgeber und schafft sich doch symbolstark einen augenzwinkernd-progressiven Platz auf den Säulen.

MT – Wir haben aus dem Projekt für das Annastift eine digitale Ausstellung mit Sebastian zusammengestellt und die wurde schon einmal ausgestellt hier im Rathaus in Hannover. Ich bin gerade noch dabei, andere Orte zu mobilisieren. Ich hoffe, es geht im Winter weiter. Ich selbst habe jetzt viel im Saarland fotografiert. Das Saarland hängt ja direkt neben Luxemburg. Luxemburg liegt zwischen Frankreich, Belgien, Rheinland-Pfalz und dem Saarland und das ist schon sehr interessant. Heute pendeln die Leute hin und her. Ich habe in Lothringen ein Internat besucht und heute ist es so, dass die jungen Leute das Drumherum nicht kennen, außer sie wohnen in Trier. Das ist total krass. Keiner weiß mehr, was es direkt nebenan für eine Geschichte gibt, was da überhaupt war, was da ist … an Architektur, Religion. Und ich reise, um solche Orte zu finden und den Leuten zu zeigen, was da passiert ist. Es gibt in Luxemburg nicht nur Banken, sondern auch viel Geschichte aus den letzten 100 Jahren. Und das gleiche will ich in Lothringen machen. Im November habe ich noch eine Ausstellung in Luxemburg: wieder ein ganz anderes Projekt, mit einem Künstler aus Düsseldorf, der auf Fotos von mir gemalt hat. Diese Ausstellung beginnt bald – und das sind alles Unikate.

Habt ihr zuletzt noch irgendetwas auf dem Herzen?

SP – Den Freundeskreis Hannover. Das ist kein unwichtiges Thema. Die Stadt Hannover hat als eine der ganz wenigen Städte überhaupt so einen Freundeskreis und ich betone immer, wie relevant es ist, dass Menschen sich ohne einen konkreten Auftrag für eine Stadt hilfsbereit im Detail engagieren und den Geist einer Stadt damit prägen und sichtbar machen. Marc Theiss und ich, wir sind beide ja nicht umsonst in Hannover. Ich war sieben Jahre in Paris, davor in Amerika, aber am Ende bin ich in Hannover. Warum? Das liegt an dem Kapillarsystem der Stadt, an diesem feinen Geäst von Energie und Menschen, die sich kennen, sich vernetzen, die unaufgeregt sind. Ich war gerade auf einer Veranstaltung in Hamburg. Alle bewegten sich enorm fotogen und sahen, ja „instagramable“ aus, und es fühlte sich an wie eine Novelle von Proust. Das ist in Hannover doch alles extrem angenehm gemittet – und so ein Freundeskreis ist eine Schleife um diese Mitte, diese verschiedenen Menschen und Interessen, die genug Raum lässt und trotzdem das Verbindende sichtbar macht. Für Hannovers andauerndes Bemühen, Kunst, Kultur, Wissenschaft und Politik erfreulich wirksam zu verbinden bin ich sehr dankbar.

MT – Und ich würde gerne noch einbringen, dass ich die Umwandlung der Innenstädte für ein ganz wichtiges Thema halte. Hannover hat ja ein bisschen das Problem, dass alles sehr weit auseinander liegt. Ich denke, dass es ein richtig großer und wichtiger Auftrag ist, den ich beim Freundeskreis, aber auch bei jedem Einzelnen sehe, dass wir mehr Kultur reinkriegen, die Innenstadt wieder mehr verbinden. Da gab es ja schon immer Ideen, aber da muss man viel Gas geben die nächsten Jahre. Wir können Hannover nur herzhaft machen oder bewerben, wenn wir dafür sorgen, dass für die Leute wieder alles etwas menschlicher wird, weg von diesen Massenketten. Man weiß ja manchmal nicht mehr, in welcher Stadt man ist, weil überall die gleichen Läden sind. Das kann es doch nicht sein auf Dauer. Ich bin mir sicher, dass die jungen Leute das auch so sehen. Hannover ist kompliziert: Wir punkten zwar mit ganz vielen tollen Sachen wie der Erreichbarkeit, wir können ganz schnell hin und her mit der Bahn und dem Fahrrad, aber wir müssen das Innendrin kulturell wirklich voranbringen. Und unser Auftrag, auch vom Freundeskreis, wird die nächsten Jahre sein, viel mehr verbindende Kultur in die Innenstadt zu bekommen. Und die Zielgruppe sind für mich einzig und allein die jungen Leute – denn die Zukunft sind die jungen Leute und nicht die alten.

CK

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Editorial 2023-07

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Editorial 2023-07


Liebe Leser*innen,

in dieser Ausgabe habe ich mit Peter Holik übers Veranstalten gesprochen. Das Fährmannsfest Nummer 40 läuft in diesem Jahr vom 4. bis 6. August – der Mann hat also ein bisschen Erfahrung. Peter ist eine echte Kante. Meinungsstark ist wohl die passende Beschreibung. Er hält sich nicht zurück oder scheut Konfrontationen, er hat seinen ganz eigenen Kopf und es geht gerne voll auf die Zwölf. Das gefällt mir sehr. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was er im Interview ab Seite 52 erzählt und fordert, aber ich kann dennoch eine Menge unterschreiben. Und ich finde, wir brauchen dringend solche Köpfe in der Stadt. Köpfe, an denen man sich auch mal reiben kann, die Widerworte geben. Einig sind wir uns allerdings ganz klar in einem Punkt: Kürzungen u. a. in der Kultur, wie sie die Stadt Hannover momentan plant, darf es nicht geben.

Am 14. Juni 2023 haben hunderte Menschen auf dem Trammplatz vor dem Rathaus gegen die Sparpläne der Stadt demonstriert. Die Kosten für Energie, Ausstattung und Personal steigen und gleichzeitig will die Stadt knapp 6 Millionen Euro in den sogenannten „Freiwilligen Leistungen“ kürzen. Freiwillige Leistungen sind Kultur, Bildung, Sport und Soziales. Mit dem Haushalt 2025/26 soll der Rotstift angesetzt werden, bis 2027 will man dann schrittweise die Gesamteinsparung erreichen. Diese Pläne sind aus meiner Sicht schlicht eine Katastrophe, viele Akteure in den betroffenen Bereichen wird es hart treffen. Denn wenn du jemandem in die Tasche greifst, der ohnehin schon von der Hand in den Mund gelebt hat, dann droht das Aus. Man kann die Schraube nicht endlos weiter anziehen und darauf vertrauen, dass all die „Verrückten“, die für viel zu wenig Geld gerne viel zu viel arbeiten, einfach immer weitermachen, egal wie schlecht die Bedingungen werden. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem es einfach nicht weitergehen kann. Und wenn jetzt viele Vereine und Initiativen lautstark protestieren, dann sind das keine Klagen auf hohem Niveau, die man nicht so ernst nehmen muss. Es ist insgesamt ein Hilferuf. Es droht tatsächlich ein Kahlschlag. Ich hoffe, dass sehr bald die gesamte Stadtgesellschaft erkennt, was da auf der Agenda steht, und sich mit den Kulturschaffenden und allen anderen Betroffenen solidarisiert.

Ich finde es ziemlich hirnrissig, in Zeiten, in denen die AfD in Umfragen bei knapp 20 Prozent liegt und in Thüringen nun erstmals mit einem Landrat ein kommunales Spitzenamt besetzt, in genau jenen Bereichen sparen zu wollen, die in unserer Stadt für den sozialen Kitt sorgen. All die Vereine, Initiativen und Projekträume mit ihren vielen engagierten und oft ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen brauchen nicht weniger, sondern mehr Geld. Sie sorgen für Zusammenhalt, für Freundschaft, für Begegnung. Sie sorgen für all das, was aus meiner Sicht Gesellschaften resilient macht gegen rechte Tendenzen. Es kann doch nicht sein, dass man in Hannover diesen völlig falschen Weg geht! Was soll ich mit einer Veloroute, wenn mir am Ende des Weges der Verein fehlt? Ich hoffe sehr auf einen Sinneswandel im Rathaus! Vielleicht nutzt man ja die Sommerpause, um noch ein bisschen drüber nachzudenken …

Viel Spaß mit dieser Ausgabe!

Lars Kompa
Herausgeber Stadtkind  

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Unbekannt verzogen – Die Eltern-Kind-Kolumne

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Unbekannt verzogen – Die Eltern-Kind-Kolumne


Morgendlicher Motz-Tsunami

Morgenstund‘ hat Gold im Mund“ – so sagt es die berühmte Redewendung. Doch das ist eine Lüge. Die Morgenstund‘ hat vor allem eines im Mund und auf der Zunge: Hass, Beleidigungen und Drohungen. Damit meine ich nicht den morgendlichen Twitter-Konsum auf dem Klo. Nein, ich rede von den seelischen Kollateralschäden des Kinder-Aufweckens.

Meine Erwartungen an den Morgen mit Kindern wurden durch Werbespots für Frühstücks-Cerealien in den frühen 90ern geprägt: sonnendurchflutete Küchen, gemeinsames Lachen, Vorfreude und Miteinander. Lass ihn raus, den Tiger. Doch das Einzige, was mich jetzt noch an Toni, die Kelloggs-Katze erinnert, ist das Gefühl einen Raubtierkäfig zu betreten. Statt mentaler Sonnendurchflutung gibt es Wellen von Beleidigungen. Statt gemeinsamem Lachen bedrohliches Fauchen. Statt gut gelauntem Aufstehen gibt es ein Klammern an das Bett, das selbst Dornröschen zu verschlafen gewesen wäre. Meine Kinder verschanzen sich zwischen den Decken wie die Deutsche und Franzosen bei Verdun. Ich renne an, mit Sturmangriffen der väterlichen Zuneigung und rhetorisch-musikalischer Muntermacher, doch es nützt alles nichts. Im Sperrfeuer von Ignoranz, Hau-ab-Salven und austretenden Füßen muss ich irgendwann geschlagen den Rückzug antreten.

Doch was tun, wenn der frühe Vogel von schroffen Schrotsalven aus Kindermündern zerfetzt wird? Wie motiviert und präpariert man sich als Vater, der aus Gründen der Familien-Logistik nahezu jeden Tag mit dem Himmelfahrtskommando der Nachwuchs-Erweckung betraut ist? Ich habe mir dazu ein paar freie Gedanken gemacht – hier einige Ideen, was ich tun könnte:

1. Die sogenannte „Hell Week“ aus dem Training der amerikanischen Navy Seals gilt als ultimative Vorbereitungs- und Auslesephase: fünfeinhalb Tage mit insgesamt vier Stunden Schlaf, über 300 km Marschstrecke, 20 Stunden schwerer körperlicher Aktivität täglich, lediglich unterbrochen durch Mahlzeiten. Also kurz: eine ganz normale Elternwoche. Aber im Ernst: Ein physisch-psychischer Grenzerfahrungstrip wie dieser kann einen vielleicht abhärten für die Spezial-Operation „Guten Morgen“.

2. Think positive! Positivity-Workshops und -Seminare haben ein geradezu pandemisches Ausmaß angenommen. Überall versprechen Mental-Trainer „Toolkits“ für den „Mood-Boost“. Gedankliches Doping für die eigenen Emotionen. „Tschakka, du schaffst das“ nannte man das in meiner Jugend. Erst ironisch in einer Comedy-Show, später fast ernst gemeint, zum Beispiel mit einer gleichnamigen Show auf RTL2, in der ein verrückter niederländischer Motivationstrainer namens Emile Ratelband Menschen an ihre Grenzen und darüber hinaus führte. Später machte Merkel „Wir schaffen das“ daraus, da ging es auch um Grenzen und es trug nicht zu guter Laune bei. Ich schweife ab … da schlafen die Kinder direkt wieder ein.

3. Show must go on! Ich weiß noch, wie ich das erste Mal vom Beruf des „Show-Einheizers“ erfuhr. Ich war fasziniert. Menschen, die auf Kommando gute Laune verbreiten können, die griesgrämige Alman-Armeen zum Schunkeln, Klatschen und Johlen bringen. Dafür muss es doch auch eine Aus- oder Weiterbildung geben. Folge ich den filmischen Darstellungen dieses Jobs, müsste ich morgens eine Linie Koks ziehen, in Otto-Waalkes-Schritten ins Zimmer laufen und mit rhythmischen „Jetzt aber alle!-Spielchen den Nachwuchs auf Betriebstemperatur bringen. Je länger ich darüber nachdenke … einen Versuch ist es wert.

Natürlich gibt es noch hunderte seriöse Blog- und Magazintexte mit tausenden Tipps für besseres Aufstehen. Eine der häufigsten Anregungen: selbst gute Laune verbreiten. Großer Gott! Wenn eins beim Aufstehen richtig schlechte Laune macht, dann ist es gute Laune bei anderen. Vielleicht sollten wir uns lieber ganz authentisch gegenseitig wachmotzen. Probiere ich sofort aus. Oder mit den Worten des berühmten Aufsteh-Philosophen Jürgen von der Lippe: „Guten Morgen, liebe Sorgen!“

Martin Kontzog

Martin Kontzog ist staatlich anerkannter Vater – ansonsten gilt seine Fürsorge dem Satire-Blog Pingu-Mania (http://pingumania.wordpress.com/)

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El Kurdis Kolumne im Mai

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El Kurdis Kolumne im Mai


Meine nominelle Arisierung

Für viele Deutsche ist es eine Herausforderung, jemandem mit einem nahöstlichen, asiatischen oder afrikanischen Namen zu begegnen.
Sie fangen an zu stammeln, machen hilflose Artikulationsversuche und sprechen den Namen dann halt irgendwie aus.
So wurde ein Mitschüler meiner Tochter von den Lehrer*innen konsequent „Aamett“ genannt, obwohl er selbstverständlich Ahmed hieß, und es ja nun wirklich nicht so schwer sein sollte, sich zu merken, dass ein solches „h“ in der Mitte tendenziell eher wie ein „ch“ gesprochen wird.
Aus diesem Grund habe ich meinen arabischen Vornamen schon 1971, kurz nach meiner Einschulung, selbständig gegen meinen urdeutschen Mittelnamen getauscht. Eigentlich heiße ich ganz vorne nämlich „Samer“, was hübscherweise soviel bedeutet wie „Jemand, der seine Freunde des Nachts mit Plaudereien unterhält“. Leider aber bekamen die Kinder in meiner Klasse diesen Namen einfach nicht über die Lippen. Obwohl „Samer“ ja keinerlei schwer auszusprechende Konsonantenanhäufungen, übermäßig viele Ypsilons oder andere komplizierte Buchstabkombinationen enthält.
Selbst meine Lehrerin konnte „Samer“ bei der Anwesenheitskontrolle nicht ohne Stocken aus dem Klassenbuch ablesen.
Damals hieß man als Junge in Deutschland üblicherweise Matthias, Andreas, Michael. Die mit exzentrischen Eltern hießen Oliver oder Pascal. Da ich in einem robusten Viertel in Kassel aufwuchs, nannten mich meine Mitschüler wahlweise „Samen“ „Besamer“ oder irgendwas anderes mit Sperma. Ein Junge nannte mich, warum auch immer, „Senftopf“.
Ich dachte mir: Dann doch lieber „Hartmut“. Das klang für mich eindeutig, unverfänglich und deutsch. Diesen Zweitnamen hatte mir meine deutsche, sommersprossige Mutter verpasst, weil sie, als ich ihr in Amman nach der Geburt in die Arme gelegt wurde, vermutlich dachte: Okay, es ist also, wie erwartet, ein kleiner Schwarzkopf geworden. Der kriegt jetzt mal zum Ausgleich einen germanisch-blonden SS-Mittelnamen. Quasi als Look-Name-Balance. Und als eine Art nominelle Arisierung.

Meine Umbenennung war allerdings nur so mittel erfolgreich: Mein Nachname „El Kurdi“ verwirrt manche Deutsche so, dass sie gar nicht anders können, als meinen Vornamen schriftlich zu „Hartmoud“ zu orientalisieren. Analog zum arabischen „Mahmoud“, was übrigens der Vorname meines Vaters ist. Der von Deutschen allerdings oft „Mammut“ ausgesprochen wird. Siehe: Aamett.
Auch schön: In verschiedenen Zeitungen – von TAZ bis ZEIT – erschienen schon Texte von mir unter meinem unfreiwilligen Pseudonym „HELMUT El Kurdi“. Daran gefällt mir, dass die Verantwortlichen hier gar nicht dazu kommen, meinen arabischen Nachnamen zu verhunzen, sondern sich vorher schon im deutschen Vornamengestrüpp verheddern: Hartmut, Helmut, Helmfried, Friedhelm – was soll’s? Alles eine Suppe! Lustigerweise nennt mich auch meine Freundin Mely Kiyak  – im Gegensatz zu mir halbkurdischem Hessen vollkurdische Niedersächsin – konsequent Helmut. Zumindest in unserer erschütternd albernen Digital-Korrespondenz. Beim ersten Mal war es wohl ein Versehen. Wir kannten uns noch nicht gut. Seitdem macht sie es aus Daffke. Ich nenne sie folgerichtig und durchgehend seit Jahren Melanie. Melanie ist, neben Claudia beziehungsweise „Claudi“, mein deutscher Lieblings-Frauen-Seventies-Name.  Obwohl: „Dagmar“ respektive „Daggi“ und „Petra“ finde ich auch nicht schlecht…

Abschweifung: Hätten meine Freundin und ich unsere Tochter „Petra“ genannt, dann wäre Petra kürzlich in Petra gewesen. Was mir sehr gefallen hätte. Die junge Frau war nämlich kürzlich zum ersten Mal in meinem Geburtsland und besuchte dort unter anderem die alte nabatäische Felsenstadt „Petra“. So war aber nur Salima in Petra. So heißt meine Tochter nämlich wirklich. In Jordanien war sie mit einer französischen Freundin, die den schönen, leicht ähnlich klingenden hebräischen Namen „Salomé“ trägt  – und die prompt bei der Einreise am Flughafen in Amman von den jordanischen Grenzbeamten gefragt wurde, ob sie Jüdin sei. Als meine Tochter mir davon berichtete, dachte ich: Die lassen aber auch kein Klischee aus. Vor allem: Was wäre passiert, wenn sie tatsächlich Jüdin gewesen wäre und mit „ja“ geantwortet hätte?  Abschweifung beendet.

Meine Tochter Salima wird in Deutschland übrigens mal Samira, mal Selina, mal Shalimar genannt. Selbst wenn die Leute ihren Namen vor sich auf einem Formular oder ihrem Ausweisdokument stehen haben. Manchmal glaube ich, dieses Land braucht dringend eine Alphabetisierungskampagne.

Hartmut El Kurdi

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