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Ein letztes Wort im September

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Ein letztes Wort im September


Herr Weil, am 13. September sind Kommunalwahlen in Niedersachsen. Und gewählt wird eine ganze Menge, die Regionalversammlungen und Kreistage, die Stadt-, Gemeinde- und Samtgemeinderäte, die Stadtbezirks- und Ortsräte, dazu geht es in Hannover auch um den Posten des Oberbürgermeisters oder der Oberbürgermeisterin und in der Region um das Amt des Regionspräsidenten oder der Regionspräsidentin. Und mit diesem langen Einstieg sind wir nun aus Platzgründen schon fast fertig mit dem Interview. Landtags- und Bundestagswahlen bekommen medial meist viel mehr Aufmerksamkeit als Kommunalwahlen. Wird die Bedeutung der Kommunalpolitik eigentlich systematisch unterschätzt?

Ja, in mehrfacher Hinsicht. Da steckt zunächst mal sehr viel Arbeit drin, aber wenn Leute über Politik reden, fällt ihnen selten die Kommunalpolitik ein, noch seltener die ehrenamtliche Kommunalpolitik. Egal aus welcher Partei – man kann denen, die sich auf kommunaler Ebene engagieren ruhig mal auf die Schulter klopfen und Dankeschön sagen. Und auch das Gesamtsystem benachteiligt oft die Kommunen. In der Landesverfassung gilt, dass die Ebene, die Vorgaben macht, deren Umsetzung auch finanziert. Wer bestimmt, bezahlt! Aber teure Bundesgesetze müssen allzuoft die Kommunen finanzieren.

Wir können mal kurz – damit das erledigt ist – den Werbeblock für Eva Bender und Axel von der Ohe einschieben. Sonst überlegen Sie die ganze Zeit, wie Sie die Namen droppen können. Also, los geht’s …

(Lacht) Das ist jetzt etwas überraschend, aber bitteschön: Axel von der Ohe will als Kämmerer Oberbürgermeister werden. Genau diesen Weg habe ich auch hinter mir und ich finde, das ist die beste Vorbereitung auf das OB-Amt. Als Kämmerer kennt er die Stadtverwatlung  und viele politische Bereiche perfekt, das ist ein großer Vorteil . Aber ich finde darüber hinaus, dass Axel von der Ohe gut mit Menschen kann. Er hört aufmerksam zu und ist sehr wach. Also, ich werde ihn wählen. Und Eva Bender kenne ich schon ewig und ich finde es beeindruckend, was für eine wirklich gute Politikerin aus ihr geworden ist:  Erstklassig im Umgang mit Menschen, sehr informiert, innovativ und hoch engagiert. Eine kluge Frau, zu der man Vertrauen haben kann. Meine Stimme hat sie.

Okay, Haken dran. Sie haben vor Ihrer Zeit als Ministerpräsident viele Jahre Kommunalpolitik gemacht. Was war spannend daran – und ist man als Ministerpräsident dann gleich ein ganzes Stück weiter weg?

Die Unmittelbarkeit ist der eigentlich Reiz. Auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene ist man stellenweise schon weit weg von dem, worum es den Leuten am Ende wirklich geht. In der Kommunalpolitik sieht und hört man, ob es läuft, und man hat permanent Kontakt mit den Betroffenen. Das ist gelegentlich anstrengend, macht aber viel Spaß und man bekommt auch eine Menge zurück. Wenn den Job des Oberbürgermeisters gut macht, ist  überparteilich anerkannt als Gestaltungskraft und Repräsentant der ganzen Gemeinschaft. Ich hatte an dieser Arbeit tatsächlich noch mehr Freude als an der Arbeit des Ministerpräsidenten. Letzterer hat  vielleicht die wichtigere Aufgabe, aber man ist sofort ein Stück weiter weg. Der Oberbürgermeister vertritt  550 000 Menschen, als Ministerpräsident 8 Millionen – und man ist mindestens zu einem Drittel Bundespolitiker. Der gleiche Sport, aber eine ganz andere Liga.

Was entscheidet sich vor Ort im Rat, was nicht auf Landes- oder Bundesebene entschieden wird? Im Wahlkampf kommen ja ständig Bundesthemen mit rein, die regional kaum eine Rolle spielen.

Theoretisch entscheidet der Rat alles, was den eigenen Wirkungskreis betrifft. Insbesondere entscheidet er über den Haushalt – also wofür Geld zur Verfügung steht und wofür nicht. Das ist aber die Theorie. In der Praxis besteht der Rat aus Ehrenamtlichen, deren Entscheidungen eine hauptamtliche Verwaltung mit vielen Fachleuten vorbereitet. Und das muss man dann erstmal durchdringen und eine eigene Position dazu finden. 

Mobilität, Klimaresilienz, Wohnungsbau – wie wichtig ist eine handlungsfähige Mehrheit im Rat für diese Zukunftsthemen?

Sehr wichtig. Am besten ist es, wenn im Rathaus nicht nur gestritten, sondern möglichst gemeinsam dafür gesorgt wird, dass die Stadt vorankommt. Wenn es die ganze Zeit nur Auseinandersetzungen gibt, fragen sich die Bürgerinnen und Bürger sehr schnell, was die da in der Politik eigentlich machen. Das erleben wir ja gerade ständig in Berlin. Besonders förderlich für das Vertrauen sind solche Auseinandersetzungen nicht. Die Menschen wünschen sich verlässliche Strukturen, aber das muss mitunter hart erarbeitet werden. 

Die Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen liegt immer deutlich niedriger als bei Bundestagswahlen. Warum ist das so und was würde helfen?

Wir haben bei Kommunalwahlen die niedrigste Wahlbeteiligung, noch niedriger als bei Europawahlen. Und wahrscheinlich sind die Gründe vielschichtig. Aber ein Grund ist sicher, dass in den Medien die Bundespolitik natürlich die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Wer regelmäßig Lokalzeitungen liest, für den stellt sich das aber sicher ein bisschen anders dar. Ich bin mir sicher, wer täglich eine Zeitung mit Lokalteil liest, geht eher wählen.

Zunehmender Populismus, sinkendes Vertrauen in Institutionen, Politikverdrossenheit – mit wie viel Sorge blicken Sie auf diese Wahlen?

Ich bin sehr überzeugt, dass Hannover eine überaus demokratische und kluge Stadtgesellschaft hat. Aber trotzdem werden wir auch in Hannover nicht wenige  AfD-Wählerinnen und -Wähler haben. Hinzu kommt, dass wir am 6. September die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt haben, also kurz vor unserer Kommunalwahl. Und wie das Ergebnis dort sich hier bei uns auswirkt, lässt sich ebenfalls nur schwer sagen. Ich wünsche mir einfach sehr, dass die Arbeit der Kommunalpolitiker*innen Gegenstand der Wahlentscheidung ist, dass deren Ideen im Vordergrund stehen. Und nach meinen Wahlkampfeinsätzen auch außerhalb Hannovers bin ich da eigentlich ganz zuversichtlich. Mein Eindruck ist, dass die Leute tatsächlich sehr genau differenzieren.

Es ist ja gerade viel davon die Rede, dass die Bundespolitik wieder mehr Bodenhaftung braucht, dass sie den Abstand verringern muss. Also mehr Milchkanne. Die Kommunalpolitik hat ja diese Nähe. Sollte sich die Bundespolitik ein Beispiel nehmen? 

Das sollte sie auf jeden Fall. Ich habe zum Beispiel immer beste Erfahrungen mit Bürger*innen-Versammlungen und Besuchen in Betrieben gemacht. Man muss raus und zuhören. Das kommunale Feld ist bestens geeignet für direkte Bürger*innenbeteiligung. Man kann viel unmittelbarer im Gespräch sein als auf anderen Ebenen. Mir fällt zum Beispiel Pimp your Town ein, einem Planspiel zur Demokratieförderung im Rathaus. Ich habe damals miterlebt, wie Schulklassen zuerst in Fraktionssitzungen und dann in einer simulierten Ratsversammlung miteinander um ihre Ideen gerungen haben. Das hat auch mir einen Riesenspaß gemacht. Bestimmt ist das absolut demokratieförderlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir über solche Wege Menschen gewinnen, dauerhaft in der Demokratie mitzumachen.

Hat sich eigentlich der Ton im Rat verändert und hat sich die politische Debattenkultur insgesamt verändert?

Wir erleben auf allen Ebenen durch die AfD Veränderungen. Es gibt so eine systematische Aggressivität. Es geht dieser Partei darum, Schuldige zu finden und anzugreifen. Im Zweifel seien  ganz am Ende immer „die Ausländer“ schuld. Und auf der anderen Seite, im demokratischen Lager, ist man angesichts dieser Angriffe enger zusammengerückt. Trotz aller Streitereien verbindet alle das Grundbekenntnis zur Demokratie. Aber scharf zur Sache debattiert wird  natürlich trotzdem. Das war übrigens schon immer so. Dazu muss man sich nur mal die Debatten der Siebziger zwischen Strauß und Wehner ansehen. Da wurde ausgeteilt und eingesteckt, übrigens  immer auf hohem rhetorischen Niveau.

Fällt Ihnen eine Entscheidung des Rats ein, die Sie als beispielhaft gute Kommunalpolitik beschreiben würden?

Ich bin da befangen, aber aus meiner eigenen Rathauszeit hätte ich schon ein paar Beispiele. Wir haben in Hannover beispielsweise die Familienzentren eingeführt, ein Modell, das es inzwischen bundesweit gibt. Richtig und wichtig fand ich auch den Umbau des alten Niedersachsenstadions für die Fußball-WM 2006. Und die EXPO war natürlich eine gigantische und sehr bedeutsame Entscheidung für die Stadtentwicklung.  

Was sagen Sie jemandem, der meint, seine eine Stimme bei der Kommunalwahl mache ohnehin keinen Unterschied?

Naja, würden das alle sagen, ginge keiner wählen, dann hätten wir keine Demokratie. Und wenn man nicht wählen geht, entscheiden die anderen. Ich finde auch, gerade bei Kommunalwahlen, bei denen so viele ehrenamtlich antreten, ist es außerdem eine Sache der Anerkennung für diese Arbeit. Also: bitte unbedingt wählen gehen!

» Interview: Lars Kompa

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Editorial 09-2026

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Editorial 09-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Axel von der Ohe getroffen, den vierten und letzten Kandidaten in unserer kleinen Stadtkind-Reihe vor der Kommunalwahl. Wir haben ein paar Tage vor dem Derby gesprochen, Hannover gegen Wolfsburg, und er hat mir gleich zu Beginn erzählt, dass er zwar in Wolfsburg geboren ist, aber trotzdem in der Nordkurve steht. „Politisch ein Roter, und beim Fußball genauso.“ Was mir aus leider sehr aktuellem Anlass im Kopf geblieben ist nach unserem Gespräch, das war gar nicht so sehr Stadtpolitik und Wahlkampf, sondern die Doktorarbeit von Axel von der Ohe. Er hat über die Arbeit des Bundesgerichtshofs in den Anfangsjahren der Bundesrepublik promoviert. Man hatte damals große Teile der Funktionseliten des Dritten Reichs einfach weiterbeschäftigt, beim BGH lag der Anteil ehemaliger NS-Richter in den Fünfziger- und Sechzigerjahren beispielsweise bei bis zu 80 Prozent. Nur beim Bundesverfassungsgericht hatte es tatsächlich einen personellen Bruch gegeben.

Ich schreibe dieses Editorial ein paar Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und die Umfragen sehen die AfD gerade bei 43 Prozent. Die absolute Mehrheit scheint durchaus möglich. Nein, man muss das anders formulieren: In Sachsen-Anhalt droht die absolute Mehrheit der AfD. Das ist eine Bedrohung für uns alle. Was diese Partei dort in ihr Wahlprogramm geschrieben hat, liest sich wie eine Absage an alles, was ich unter Freiheit verstehe. Und es gibt so Momente in Interviews, die man mit professionellen Politikern führt, da sitzt einem plötzlich nicht ein Politiker, sondern einfach ein Mensch gegenüber, der zutiefst besorgt und betroffen ist, der Angst davor hat, dass seine Kinder in ein paar Jahren vielleicht mit einem ganz anderen Deutschland konfrontiert sind. Axel von der Ohe ist in diesem Moment sehr echt. Auch weil er durch sein Studium weiß, wie so eine Wandlung ins Autoritäre funktioniert.

Der erste Zugriff solcher Bewegungen gilt fast immer der Justiz. Man hat es in der Türkei, in Polen oder in Ungarn gesehen, man sieht diese Versuche momentan in den USA. Und wenn so ein Umbau erst stattgefunden hat, ist das Zurückdrehen alles andere als einfach. In Polen und Ungarn wird das gerade sehr deutlich. In der frühen Bundesrepublik hat man sich einige Jahre und Jahrzehnte mit dem Nazi-Problem in der Justiz herumgeschleppt. Das Drehbuch der Rechten ist überall ähnlich. Und die AfD wird genau diesen Weg einschlagen – wenn wir sie lassen. Und leider lassen wir sie, die Brandmauer bröckelt immer mehr und ein Verbot ist weit und breit nicht in Sicht, weil die Union meint, die AfD „kleinregieren“ zu können. Ich glaube, hier irrt die CDU/CSU. Die Themen der AfD zu „spielen“, hat bisher jedenfalls nur dazu geführt, dass immer mehr Leute das Original wählen.

Warum wählen so viele Leute die AfD? Ich versuche seit ein paar Jahren, das zu verstehen, aber ganz am Ende bin ich doch immer ratlos. Axel von der Ohe hat bestimmt einen Punkt, wenn er sagt, dass es vor allem die Kluft zwischen der Politik in Berlin und den Alltagssorgen der Menschen ist, die diese Abkehr von der Demokratie auslöst. Er wünscht sich im Interview ab Seite 56 mehr „Oberbürgermeister-Politik“ in Berlin, eine Politik, die nah dran ist an den tatsächlichen Befindlichkeiten und die nicht abstrakt diskutiert. Ich kann das alles nachvollziehen, aber ich bleibe trotzdem ratlos. Wie kann man auf die Idee kommen, Unfreiheit zu wählen? Warum wünschen sich Menschen autoritäre Führung? Was läuft da falsch?

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt, ein kleines Bundesland, aber was dort droht, ist tatsächlich eine Zeitenwende. Und die Umfragen in Hannover sehen die AfD auch schon bei fast 20 Prozent. Noch können wir uns zur Wehr setzen. Zum Beispiel, indem wir einfach zur Wahl gehen und unser Kreuz bei demokratischen Parteien machen. Sich enthalten, sich raushalten, das funktioniert nicht mehr. Am 13. September ist die Kommunalwahl in Niedersachsen, und alle, die nicht wählen, wählen indirekt die AfD. Also unbedingt zur Wahl gehen!

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Das September-Kind ist da!

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Das September-Kind ist da!


In der September-Ausgabe gibt es Teil 4 unserer kurzen Kommunalwahl-Serie, im Gespräch diesmal mit OB-Kandidat Axel von der Ohe. Dazu feiert Matti seinen 100. Geburtstag im Stadtkind, Sabine Busmann und Dr. Benedikt Poensgen unterhalten sich unter Freund*innen und auch die Deutsch-Türkischen Kulturtage sind ein großes Thema. Das und vieles mehr in der neuen Ausgabe!

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Ein offener Brief … an Oliver Blume

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Ein offener Brief … an Oliver Blume


Lieber Oliver, wir sind entsetzt! So kann es ja nicht funktionieren. Du hast mit geballter Expertise klargestellt, wo VW steht und was nötig wäre. Entlassungen, Werksschließungen, ein rigider Sparkurs, schmerzhaft, aber notwendig. Kapitalismus. Du hast die existenzbedrohende Lage klar benannt und deinen Job als Manager erledigt, kalt und rational. Und das ist ja nun echt kein leichter Job. VW badet aktuell aus, was in vielen Jahren zuvor verbockt worden ist. Und du bist nun der Überbringer der schlechten Nachricht. Würde uns gar nicht wundern, wenn sie dich demnächst in die Wüste schicken. Aber jetzt haben sie erstmal neulich in der Aufsichtsratssitzung mit einer Mehrheit von 12 zu 7 Stimmen gegen dein Paket gestimmt. Klar haben sie das. Was ist von einem Betriebsrat und vom Land Niedersachsen anderes zu erwarten bei solchen Entscheidungen? Niemand will gesteinigt werden.

Dein Group Target Picture hat also nicht gefallen. Vielleicht waren die 100.000 bis 120.000 gestrichenen Jobs weltweit, die halbierte Modellpalette und die vier deutschen Werke auf der Abschussliste einfach ein bisschen zu viel Realität für das Wolkenkuckucksheim Volkswagen. War absehbar, dass die das nicht mitgehen. Sei’s drum, eines muss man dir jetzt trotzdem hoch anrechnen. Du hast dich nicht in der Schmollecke verkrochen. Du arbeitest schon wieder an konstruktiven Ideen, an „intelligenteren Lösungen als Werke zu schließen“. Das ehrt dich. Einfach unbeirrt weitermachen, wohl wissend, dass VW ganz am Ende doch krachend vor die Wand fahren wird, wenn man nicht ziemlich bald radikal umsteuert.

Es gäbe noch eine Karte, die du jetzt spielen könntest. Du könntest auf einer außerordentlichen Hauptversammlung abstimmen lassen. Der Vorstand kann die Anteilseigner direkt zur Abstimmung holen, sofern eine „existenzbedrohende Lage“ vorliegt, die du intern ja bereits ausgerufen hast. Aber willst du dir das wirklich antun? Vorstand gegen Aufsichtsrat, Kapitalseite gegen Arbeitnehmerseite und Land? Wohl wissend, dass das eigentliche Problem zwei Stockwerke weiter im Aufsichtsrat sitzt. Dort versammeln sich die Bewahrer des Status quo, und tun so, als hätten sie mit der aktuellen Lage nichts zu tun. Dabei waren es genau diese Kräfte, die jahrelang jede Diskussion um Überkapazitäten und Werksschließungen im Keim erstickt haben.

Die deutsche Autoindustrie hat die Weichen nicht rechtzeitig gestellt. Kein Betriebsunfall, kontinuierliches Versagen mit Ansage. Man hat die Elektromobilität belächelt. Man hat Software als Anhängsel behandelt. Man hat sich auf Verbrenner-Margen ausgeruht. Und jetzt, wo die Rechnung für diese verschlafene Dekade präsentiert wird, wollen ausgerechnet die, die am längsten weggeschaut haben, plötzlich nichts mehr davon wissen. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Zehn Jahre lang hat man in diesem Gremium jede Modernisierung mit Bedenkzeit beantwortet, jede Digitalisierung, jede Verschlankung in Kommissionen verhandelt, bis sie irgendwann sang- und klanglos verschwunden ist. Und jetzt, wo die Zukunft in Form von 100.000 fraglichen Jobs sehr konkret vor der Tür steht, ist man empört über die Härte der Maßnahmen.

Und das ist die eigentliche Tragödie bei VW: Nicht dass ein Manager unbequeme Zahlen präsentiert, sondern dass alle, die es hätten besser wissen können, so lange weggeschaut haben bis nur noch radikale Lösungen funktionieren. Dir, lieber Oliver, bleiben jetzt nur die „intelligenteren Lösungen“. Oder demnächst die Wüste.

» GAH

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Tonträger August 2026

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Tonträger August 2026


Finch – „Außenseiter, Spitzenreiter“

Im Grunde wie Jan Böhmermann mit geringerem Wortschatz: Weltmeister im Austeilen und beim leisesten Gegenwind empörtes Mimimi. In der Retrospektive als „geile alte Zeit“-Momente verklärte Dorftristesse, die sich mit Allmachtsphantasien und Selbstbeweihräucherung abwechselt. Zudem recht unrhythmisch für einen Rapper. Unnötig.

Suki Waterhouse – „Loveland“

Will man sich mit ihr identifizieren, geht das nur sehr bedingt. Besonders, wenn Waterhouse in einem ihrer Songs großspurig erklärt, sie könne jeden Mann auf der Welt haben. Doch wirkt die Großspurigkeit einer Frau, die selbst ihre eigene Band ist, drollig sympathisch in all der Heterogenität des mit Supportstars gespickten Albums. Spannend!

Glen Hansard – „Don’t settle (Vol.2 Transmissions west)“

Es ist der zweite Teil einer Werkschau, live aufgenommen im Funkhaus Berlin vor 600 Menschen. Nichts hier wirkt fehl am Platz, von Sekunde zu Sekunde wird immer deutlicher: Hansard ist ein unglaublicher Musiker, die Aufzeichnung von herausragender Klasse. Dass Glen Hansard nicht den Stand bekannterer Musiker innehat, ist eine wahre Schande.

Bring Me The Horizon – „Count Your Blessings (repented)“

Das erste Album einer Band, die seinerzeit auf MySpace durchstartete, klang auch genauso: Dünn, nicht zu Ende gedacht und schlecht gemischt. 20 Jahre später veröffentlicht es die Band erneut, ergänzt um einen einzigen neuen Song, der gekonnt die Brücke vom Früher zum Heute schlägt. Vielleicht der Moment, der langjährige Kritiker endlich überzeugt?

We Are Scientists – „Qualifying Miles“

Genug Meilen haben sie fraglos auf der Uhr, daraus gelernt aber eher nicht. Nichts gegen Anachronismen, sich aber standhaft zu weigern, auch nur im Ansatz mit der Zeit zu gehen und stattdessen weiter hymnischen Stadionrock zu machen, dessen Gitarren einem die Luft aus der Lunge quetscht und nie was Neues anzubieten, ist doch schon eher rückständig.

Disiniblud – „Disiniblud“

Jedes Geräusch auf dem Debütalbum dieser beiden New Yorkerinnen hat man schon einmal irgendwo anders gehört. Dass es trotzdem toll ist, liegt daran, dass dem Duo der Kniff gelingt, Electronica, Folk und Indiepop zu etwas zusammenzuweben, das zeitgleich transzendental, verspielt und doch stellenweise fast apathisch klingt. Im besten Sinne eine Klasse für sich!

Jack White – „Frozen Charlotte“

Als ihm im Flur seines Studios eine Figur zerbrach und er sie mehr schlecht als recht wieder zusammenklebte, dachte sich Jack White: „Gar keine üble Idee!“. Und baute aus den Scherben vorausgegangener Ärgernisse ein musikalisches Werk auf, das so energiegeladen wie zerstörerisch wirkt. Auf Krawall gebürstet, in Angriffshaltung präsentiert sich „Frozen Charlotte“ also maximal aggressiv und bissig. Doch erinnert es auch an die früheren White Stripes-Machwerke, alles ist ein bisschen dreckig, hallt etwas nach, bleibt roh. Einzig Meg Whites kontrollierten Drumstil sucht man hier vergebens. Dafür findet man breitbeinigen, einfachen Rock’n’Roll. Und auch Freestyle-Jazz Momente à la: Wer will noch mal, wer hat noch nicht?, die dem Album zwar Jam-Charakter verleihen, es aber auch zerfasern und der Hitdichte ganz klar abträglich sind. Muss man schon mögen.

Muse – „The Wow!Signal“

In den letzten 20 Jahren haben Muse es auf jede erdenkliche Weise verkackt; jeder Versuch, alle Fans gleichermaßen glücklich zu machen, endete mit faulem Obst und der Erkenntnis, dass es offenbar wieder nicht geklappt hatte. Da darf man sich schon zu Recht fragen, ob es denn dringend ein weiteres Album gebraucht hätte. Hätte es nicht, aber schön, dass es da ist. Schon immer waren die Momente, in denen die Band sich nicht allzu ernst nahm, die besten und davon gibt es hier eine ganze Reihe. Der halbgare Alien-Weltraum-Quatsch, den Matt Bellamy so gerne verwendet, ist in den Lyrics wieder gut vertreten, der bekannte Kitsch zieht sich wie ein roségoldener Schleier über alles. Man darf sich ob der einen oder anderen produzentischen Entscheidung durchaus an den Kopf fassen, nur ist das eben Muse: Schrullig, cheesy, aber auch sehr catchy und in den besten Momenten wieder ein bisschen so progrockig wie früher.

» IH

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Musikerinnenporträt August 2026: Madlen Wittenstein

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Musikerinnenporträt August 2026: Madlen Wittenstein


„Ich möchte, dass meine Musik in jeder Person etwas Individuelles auslöst, sodass jede*r eine eigene, persönliche Message darin finden kann.“ Durch die Künstlerin Madlen Wittenstein fließt durch und durch Musik: aufbrechende Konzepte, verschiedene, ineinander verwobene Einflüsse und Stilbrüche, alles getragen von einem großen Hauptinstrument: ihrer unverwechselbaren Stimme. Mit ihrem neuen Album „ego“ kreiert sie den nächsten Schritt einer Selbstreise und erschafft den Anfang ihres musikalischen Universums.

Der Grundstein von Madlen Wittensteins musikalischem Weg wurde bereits in ihrer Kindheit gesetzt. Seit sie sich erinnern kann, ist sie immer und überall von Musik umgeben. „Meine Familie mütterlicherseits ist seit vielen Generationen von Musiker*innen geprägt. Die letzte Station vor mir ist meine Mutter, sie ist Jazzsängerin“, erzählt sie. Schon als Kind begann sie zu singen. Auf der Bühne fühle sie sich schon immer wie zu Hause. Später folgte eine klassische Gesangausbildung, während sie bereits früh die ersten Grundlagen für ihre solistische Arbeit legte. Dass sie selbst einmal Künstlerin würde, stand für Madlen seither außer Frage: „Musik ist schon immer ein Teil, vielmehr ein Charakterzug von mir. Es war weniger eine Entscheidung als vollkommen selbstverständlich für mich, dass ich meine eigene Musik produzieren werde.“

Improvisation prägt den kreative Prozess von der Idee bis zum fertigen Song. „Das liegt sicher auch daran, dass ich, vor allem durch meine Mutter, stark vom Jazz geprägt wurde. Der Jazz hat mir beigebracht, mich von bestimmten Ideen zu lösen, mich von Strukturen zu befreien und mich einfach zu trauen, die Musik in den Moment fließen zu lassen.“ Was es dann noch brauche, sei ein impulsiver, emotionaler Moment, der sie richtig abhole. „Aus dieser Empfindung kann ich wiederum im nächsten Schritt ein Konzept strukturell aufbauen, weiterentwickeln und dann einen Text schreiben“, erklärt sie. Für Madlen ist alles mit Emotionen verknüpft. Sie könne nicht einfach nur Musik schreiben, die sie in der Theorie gut fände, sondern brauche immer auch einen emotionalen Verknüpfungspunkt.

Die bewusste Auseinandersetzung um die Frage nach dem Selbst war die Inspiration für ihr Album „ego“. Während des gesamten Prozesses hat sie sich stark mit Gedanken rund um „dem Selbst im Spannungsfeld von Wahrnehmung, Veränderung, Fluidität und innerem Konflikt“ beschäftigt. „Ich habe auch viel in mich hineingefühlt. Wer bin ich? Was steckt in mir? Wie bauen sich vermeintliche Wiedersprüche auf und wie dekonstruieren sie sich selbst?“, verrät Madlen. Was im Abstrakten begann, habe sich musikalisch festgesetzt. Der Vergleich zu ihren ersten beiden Veröffentlichungen „CAPRICE EP VOL01“ (2024) und „CAPRICE EP VOL02“ (2025) zeigt ihre persönliche, musikalische Reise und Entwicklung. Die ersten EPs seien in einem kapriziösen Einfall entstanden. „Die Idee war, mir ein Fundament zu schaffen, von dem ich mich dann ausbreiten kann. Diese Erstlingswerke haben fast etwas Rohes an sich und sind stilistisch von verschiedenen Einflüssen geprägt.“ Ego sei im Gegensatz dazu sehr viel konzeptueller entstanden. Natürlich hat sie sich dabei nicht von ihrer Art Musik zu erschaffen entfernt, doch die Songs und das Konzept des Albums unterliegen einer zusammenhängenden Struktur. Das war für Madlen der nächste logische Schritt, denn ein Teil von ihr sei definitiv analytisch theoretisch verkopft. „ego“ ist für sie unter anderem aus dem Wunsch entsprungen, konzeptueller und ein Stück weit gebundener zu arbeiten als bei den CAPRICE EPs.

Geschrieben und aufgenommen wurde „ego“ in der glühenden Hitze der Provence. „Auf meinen Demos, die ich im letzten Sommer aufgenommen habe, hört man überall die Zikaden“, lacht sie. Abgekoppelt von der Außenwelt und mit wenig Berührungspunkten sei sie im Moment am kreativsten. Die Synthesizer, Keyboards, Drum-Maschinen und Live-Instrumente, die in ihren Songs zu hören sind, spielt Madlen selbst. Aber ihre Stimme ist dabei ihr Hauptinstrument und essentiell für ihre Musik und ihre Wiedererkennung. Das Cover wurde in Zusammenarbeit mit Künstler und Grafikdesigner Nikolai Dobreff aus Hamburg entwickelt, mit dem bereits das Artwork für „CAPRICE VOL01“ und „VOL02“ entstanden ist. Auf die Frage, wie sie das „ego-Universum“ visuell passend darstellen könnte, kam ihr ein Headshot in den Sinn, denn einerseits sei das Ego, das Selbst, doch extrem facettenreich, abstrakt und groß und andererseits total intim und gebündelt. „Ein simpler Headshot war ausreichend, aber dieser sollte noch abstrahiert werden und das hat Nikolai dann umgesetzt“. Madlen Wittenstein verortet sich selbst als Kunstfigur im Abstrakten und Unnahbaren, dem zugleich eine gewisse Mystik innewohnt. So verfolgt ihre Musik keine vordergründige Botschaft. „Mir ist bewusst, dass am Ende des Tages jede Kunst, jeder Mensch und alles, was wir tun mit Politik verknüpft ist, aber ich möchte, dass meine Musik für sich steht, sodass sie in jeder Person etwas Eigenes, Individuelles auslöst. Jede*r soll eine eigene Message darin finden können.“

Zum Abschluss verrät Madlen ihre musikalischen Zukunftspläne. Im Herbst wird der zweite Teil des Albums erscheinen: „ego+“. Sie schwärmt: „Als kunstschaffende Person brennt es einem unter den Nägeln, man möchte in Bewegung bleiben und es gibt so vieles das ausprobiert und erkundet werden kann. Ich möchte immerzu neue Klänge in mir aufnehmen und sie für mich übersetzen“ Für das kommende Jahr plant Madlen außerdem mehr Liveauftritte. Dieses Jahr habe sie sich voll und ganz auf ihr neues Album konzentriert. Und das hat sich definitiv gelohnt: „ego“ sollte man sich nicht entgehen lassen.

» Lilly Struckmeier

Mehr Infos auf madlenwittenstein.com und auf Instagram @madlenwittenstein.

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