Der Autoritarismus erlebt in den letzten Jahren einen merklichen Aufschwung; mit rechtspopulistischen Parteien, mit Protestszenen … In diesem Zuge rückt auch die Autoritarismusforschung mehr in den Blick, um Hintergründe und Dynamiken dieser Entwicklung besser zu verstehen – und die Studien, Analysen und Thesen zum Autoritarismus aus der Kritischen Theorie des Instituts für Sozialforschung erhalten größere Aufmerksamkeit. Die Aneignung dieser Forschungen von Max Horkheimer, Erich Fromm, Theodor W. Adorno oder Leo Löwenthal aus den 30er- und 40er-Jahren für die Gegenwart verläuft dabei vielfältig. Der Soziologe Markus Brunner hat nun den Band „Sozialpsychologie des Autoritären. Zur Aktualität der Autoritarismusforschung der Frankfurter Schule“ veröffentlicht, der sowohl einen systematischen Überblick über die Forschungsergebnisse des Instituts für Sozialforschung bietet als auch die darauf Bezug nehmenden, bis in die Gegenwart reichenden Debatten nachzeichnet. Brunner positioniert sich dabei auch mit eigenen Ansätzen, die der Massenpsychologie mehr Aufmerksamkeit widmen und die Psychoanalytikerin Melanie Klein für sich fruchtbar machen …
Als wissenschaftlicher Leiter des Schwerpunktes „Sozialpsychologie & Klinische Psychologie“ arbeitet Brunner, der 2014 in Klagenfurt promovierte, an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Dass er als Wahl-Österreicher – und gebürtiger Schweizer – dennoch auf dieser Seite als Autor vorgestellt wird, liegt freilich nicht am Schwitters-Motiv auf seinem Buchcover, sondern an Brunners besonderem Hannover-Bezug: Von 2001 bis 2008 studierte er nämlich – nach zwei Jahren in Zürich – Sozialpsychologie und Soziologie in Hannover.
Und die hiesige Sozialpsychologie besaß lange Zeit international großes Renommee: Gegründet wurde sie immerhin von Peter Brückner, der 1967 seinen Lehrstuhl in Hannover bekam – und als linksorientierter Dozent aus politischen Gründen zweimalig suspendiert wurde, wobei sich u. a. Michel Foucault für ihn stark machte. Auch andere namhafte VertreterInnen ihres Faches wären zu nennen: etwa Alfred Krovoza oder Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp, die, so Brunner, „eine in der Tradition der Kritischen Theorie stehende gesellschaftstheoretisch reflektierte Geschlechterforschung entwickelt haben.“ Als sich 2008 die Frage der weiteren Denomination der Stelle von Knapp stellte, war die Abschaffung der Sozialpsychologie dann 2008 trotz intensiver Proteste beschlossene Sache. Mit der Verabschiedung von Rolf Pohl („Feindbild Frau“, 2004/2019) endete diese fruchtbare Ära der Sozialpsychologie in Hannover endgültig.
„Mit dem Beschluss der Abschaffung der Sozialpsychologie 2008 – Rolf Pohl war danach für die sog. Abwicklung zuständig – gab es für mich in Hannover keine berufliche Perspektive mehr und so zog es mich dann weiter nach Wien“, resümmiert Brunner, der gerne auf seine Studienzeit in Hannover zurückblickt: „Ich habe sehr gern in Hannover studiert, erstens weil die Universität von ihrer Ausrichtung her damals wirklich noch etwas Besonderes war und wir ungemein selbstbestimmt studieren konnten, zweitens weil ich mich in der Nordstadt mit den vielen Kneipen, dem Sprengelkino, der studentischen Kultur und dem vielen Grün sehr wohlgefühlt habe.“
Nun also die Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Und Freud ist natürlich auch in seinem aktuellen Buch zum Autoritarismus präsent, ist er doch Bezugspunkt des Instituts für Sozialforschung. Wobei Brunner freilich mit kritischer Distanz auf Freuds Arbeit blickt: „Einerseits setzte er entwicklungspsychologisch sehr wenig voraus – nichts ist einfach vorgegeben, alles entwickelt sich in Beziehungen und Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ansprüchen. Andererseits zeigen sich immer wieder problematische normative Vorgaben, die eigentlich diesem offenen, neugierigen Blick widersprechen, und immer wieder auch sexistische oder rassistische Bilder.“ Für hochaktuell hält Brunner aber „Freuds Blick auf die Herstellung dessen, was wir für ,normal‘ halten – und die psychischen Kosten, die diese Normalität mit sich bringt.“
Brunners „Sozialpsychologie des Autoritären“ richtet sich freilich vor allem an ein Fachpublikum, bemüht sich aber – auch via Glossar – darum, Lai*innen einen Einstieg zu ermöglichen. Von den Schriften zum „autoritären Charakter“, der für die Herstellung gesellschaftlicher Konformität ebenso dienlich ist wie auch für die Disposition „potenziell faschistischer Subjekte“ für Propagandaangebote, kommt er – den historischen Kontext der jeweiligen Arbeiten stets im Blick – zu Typen des Autoritären und autoritären Modi in der heutigen Autoritarismusforschung. Daran anknüpfend richtet sich das Augenmerk auf die autoritäre Propaganda, die heute weit mehr als in den 30er-/40er-Jahren flexibel und ironisch zwischen den Rollen switche und im Internet eine entscheidende Plattform gefunden habe. Hier wie auch im Kapitel zur Massenpsychologie dürften sich fachfremde Leser*innen bereits etwas mehr abgeholt fühlen. Und das Abschluss-Kapitel, das sich gegen Ende auch auf Melanie Klein stützt, macht dann unter anderem noch anschaulich, wie gesellschaftliche Krisen, „in der Sozialisation erworbene innere Ängste und Konfliktlagen“, „Eigen- und Fremdgruppenbilder“, Propaganda und Massendynamiken ineinandergreifen und welche autoritären „Flugbahnen“ – so ein von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey eingeführter Terminus – Individuen zwischen unterschiedlichen Regressionsstufen und zwischen „Ich-Prothetisierung“ und „Ich-Aufgabe“ aufweisen können. Nicht unbedingt leichte Lektüre, aber spannend!
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Wenn ich auf das Jahr 2025 zurückblicke, scheint mir alles so gewesen zu sein wie immer. Eben der übliche furchtbare Kram, mit dem wir Erden-Bewohner seit jeher – nicht erst in den letzten Jahren – klarkommen müssen: Kriege, Naturkatastrophen, Krankheiten und krawallige, verbal inkontinente Regierungsoberhäupter.
Dabei wäre 2025 fast etwas Bedeutendes passiert. Aber eben nur fast. Oder vielleicht hat das Ereignis doch stattgefunden? Ganz genau kann man das nicht sagen. Das müssen Sie, liebe Leser*innen, selbst entscheiden.
Der südafrikanische Freizeitprediger Joshua Mhlakela hatte nämlich im Jahr 2018 eine Vision, in der Jesus Christus ihm offenbarte, dass 2025 alle wahren Christen in den Himmel entrückt würden. Und zwar am 23. September. Danach beginne eine siebenjährige Zeit des Chaos, die „große Drangsal“, die schließlich am 15. September 2032 im Jüngsten Gericht, dem Ende der Welt, kulminiere, und dann kehre Jesus zurück, um als König über die Welt zu herrschen.
Diese Ankündigung löste vor allem in den USA große Begeisterung aus. Dazu muss man wissen, dass die Entrückung – auf Englisch: „the rapture“ – zum theologischen Standardrepertoire der fundamentalistischen Christen gehört.
Praktisch muss man sich die Entrückung so vorstellen: Sie sitzen als Atheist, Jude oder Muslim mit einer christlichen Freundin in einem Café, Sie plaudern grade über Fußball, Keuschheit vor der Ehe oder Jens Spahn und plötzlich – puff – ist die Freundin verschwunden! Der Stuhl Ihnen gegenüber ist leer. Weil die Freundin stattdessen nun zur Rechten Gottes sitzt.
In Amerika kursiert seit Jahren das Gerücht, dass Fluggesellschaften, die von gläubigen Christen geführt werden, stets darauf achten, niemals rein christliche Flugteams zusammenzustellen. Jedem gläubigen Piloten werde ein ungläubiger Co-Pilot zur Seite gesetzt – damit Letzterer im Falle der „Entrückung“ des Ersteren das Steuer übernehmen könne und das Flugzeug nicht abstürze. Anscheinend wollen die CEOs auch in der Zeit der großen Drangsal nicht auf Schadensersatz in Millionenhöhe verklagt werden. Obwohl ihnen das im Himmel ja eigentlich egal sein könnte.
Dazu passt, dass eine freikirchlich aufgewachsene Freundin mir erzählte, dass sie sich als Kind mit Hilfe von Büchern theoretisches Wissen übers Autofahren aneignete, um bei einem Familienausflug im Falle des Falles auf den leeren Fahrersitz zu springen und das Auto unfallfrei zum Stehen bringen zu können.
Andere ähnlich sozialisierte Menschen berichteten mir, dass sie früher fest damit rechneten, irgendwann vom Spielen nach Hause zu kommen und eine leere Wohnung vorzufinden. Weil die ganze fromme Familie in ihrer Abwesenheit entrückt wurde. Nur eben sie selbst nicht, weil sie dann doch nicht dolle genug an Gott geglaubt hatten. Was übrigens eine interessante Form von kognitiver Dissonanz bzw. ein nettes Paradoxon ist: Man glaubt, man wird von Gott bestraft, weil man nicht an ihn glaubt!
Aber zurück zum 23. September des vergangenen Jahres. Falls Ihnen an diesem Tag seltsame Dinge passiert sind, falls sich zum Beispiel im Supermarkt die Schlange vor Ihnen in Luft aufgelöst oder Ihre Ärztin sich während des Gesundheits-Check-ups entmaterialisiert hat: Sie hatten keinen psychotischen Schub oder LSD-Flashback. Es war nur die Entrückung. The rapture. Und da Sie selbst ja anscheinend nicht entrückt wurden, kommen Sie mit großer Wahrscheinlichkeit in die Hölle. Also, wenn Sie demnächst sterben, spätesten aber am 15. September 2032.
Falls die Entrückung tatsächlich solchermaßen stattgefunden haben sollte, wäre das für mich durchaus von Vorteil. Auf die eine oder andere Art. Entweder werde ich für diese Kolumne keine bösen Leser-E-Mails von evangelikalen Christen bekommen, weil die alle seit Mitte/Ende September im Himmel sind. Oder ganz anders: Vielleicht wurden am 23.9. auch nicht die Christen, sondern ich wurdeentrückt. Und nun schreiben sich die auf der Erde zurückgebliebenen Frömmler die Finger wund, nachdem sie diesen in ihren Augen blasphemischen Text gelesen haben. Aber mir kann das egal sein. Ich sitze ja im Himmel und muss dort die Beschwerdebriefe nicht lesen. Vielleicht arbeite ich nun seit über drei Monaten zusammen mit Millionen anderen Agnostikern im großen göttlichen Coworking-Space und schreibe entspannt meine Texte, die ich dann in einer Art allmonatlichem Pfingstwunder in Lars Kompas Computer einspeise. Denn womöglich ist Gott ja doch smarter, als seine irdischen Apologeten meinen?! Seine Wege sollen ja unergründlich sein…
Abgelegt unter Kolumne des MonatsKommentare deaktiviert für El Kurdis Kolumne im Januar: Ich bin dann mal weg – oder doch nicht?
Für diese Ausgabe haben wir uns mit der Musikerin Ayda Kırcı (AK) und dem grünen Ratsherrn Liam Harrold (LH) getroffen. Was die beiden verbindet, ist ihre Affinität zu Kunst und Kultur und ihr Sorge über die Entwicklungen in unserer Gesellschaft.
Stellt euch zum Start gerne selbst vor:
AK: Ich bin Sängerin und war zwischendurch einige Jahre in Berlin. Ich habe viel für die Wirtschaft gearbeitet, Werbejingles gesungen, Galaveranstaltungen gemacht. Und jetzt bin ich wieder in meiner Heimatstadt Hannover und mache Begegnungskonzerte. Ich versuche, Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenzubringen und ich fördere junge Talente, meist mit Zuwanderungsgeschichte. Und mit meiner Band Shanaya mache ich Mig-Pop, also Migranten-Pop. Wir verbinden deutschsprachige Popmusik mit orientalischer Musik. Als Jugendliche war ich in Frankreich und habe viel Raï gehört, das ist Musik in französischer Sprache mit arabischen Einflüssen. Das wollte ich in deutscher Sprache etablieren. Wir haben viel experimentiert, um etwas zu kreieren, dass auch eine Mehrheitsgesellschaft ansprechen kann. Ich wollte damit auf keinen Fall in einer Parallelgesellschaft landen, denn ich kämpfe mein Leben lang für das genaue Gegenteil. Ich finde, es ist Gift, wenn Menschen in einer Gesellschaft aneinander vorbeileben und sich nicht begegnen. So entstehen erst gefährliche Spannungen. Und das führt zu nichts Gutem. Dann geht es schnell gegen unsere freiheitlichen, demokratischen Werte. Das erleben wir ja im Moment.
LH: Ich bin in Hannover geboren, die IGS Roderbruch war meine Schule. In der Ecke bin ich aufgewachsen. Also gerade nicht in einer Parallelgesellschaft. Bei uns war alles schön vermischt, da waren Kinder mit bürgerlichen Hintergrund, Kindern mit Zuwanderungsgeschichte. Aber das war alles irgendwie egal, die Herkunft und der Hintergrund haben kaum eine Rolle gespielt. Wir waren eine Gemeinschaft. Das hat mich sehr geprägt und rückblickend wohl auch politisiert. 2013 bin ich bei den Grünen eingetreten, ich habe damals in Bothfeld gewohnt und mich für eine Flüchtlingsunterkunft eingesetzt, die man in der Nachbarschaft teils nicht wollte. Man hatte Angst, dass die Eigenheime an Wert verlieren. Ich war damals 17 und das hat mich sehr aufgeregt. In der HAZ stand dann so ein Zitat von mir: Die Menschenrechte müssen auch für Bothfeld gelten! Das war damals meine politische Initialzündung. Ich wollte, dass die Leute rauskommen aus ihren Wohlfühlecken, dass sie die soziale Realität nicht ausblenden, das hat mich immer angetrieben. Und mich hat unsere Geschichte interessiert, unsere Erinnerungskultur. Ich habe dann angefangen, Geschichte zu studieren und viele Studienfahrten nach Bergen Belsen, nach Auschwitz, zu Gedenkstätten organisiert. Wir waren auch schon mit der Schule in einer KZ-Gedenkstätte, was mich damals sehr bewegt hat. Inzwischen bin ich seit zwei Jahren Dozent an der Uni und treibe meine Promotion voran. 2021 habe ich außerdem für den Rat kandidiert. 2026 ist meine erste Wahlperiode vorbei. Ich werde dann aber nicht mehr kandidieren. Ich mache im Grunde seit 2013 durchgängig Politik in Hannover, angefangen in der Grünen Jugend. Und jetzt muss ich mich mal um meine Promotion kümmern. Ich werde aber politisch weiter aktiv sein und mich einmischen. Ich kann ja nicht meinen Mund halten, wenn ich irgendwas ungerecht finde. Aber erst mal nicht mehr in einem gewählten Amt.
Was euch verbindet, dass ist die Idee einer Gesellschaft, die als Gemeinschaft funktioniert. Dafür habt ihr euch immer eingesetzt, für das Verbindende. Ayda, du hast eben schon unsere freiheitlichen Werte angesprochen. Wo stehen wir denn gerade in Deutschland?
AK: Eigentlich können einem wirklich die Tränen kommen. Ich denke, dass sich da gerade etwas sehr Gefährliches entwickelt. Es gibt so viele Gruppen, die fast gar nichts mehr voneinander wissen. Viele Menschen wenden sich ab von unseren Werten und unserer Demokratie. Das nimmt ständig weiter zu. Und gleichzeitig verschließen so viele Menschen noch die Augen vor diesen Entwicklungen und ziehen sich zurück in ihre Wohlfühlecken. Man schaut einfach weg und lebt ein möglichst angenehmes Leben. Man ist gleichgültig gegenüber dem, was da draußen passiert. Bis es irgendwann kippt und richtig gefährlich wird. Mein Mann und ich machen gerade das Projekt „Demokratie ist wertvoll“, für das wir Schulen in Hannover und der Region besuchen. Gerade an Schulen im ländlichen Bereich gibt es starke rechte Tendenzen. Du, Liam, hast gerade von eurem Zusammenhalt in der IGS erzählt. Davon ist nicht mehr viel übrig. Es gibt Gruppierungen, die nichts miteinander zu tun haben wollen und sich im besten Fall aus dem Weg gehen. Das ist heute die Realität. Dass nicht einmal mehr Kinder und Jugendliche sich verstehen. Und dass auch nicht mehr widersprochen wird, weil sich das einfach niemand traut. Das spiegelt aus meiner Sicht momentan unsere gesamte Gesellschaft. Wir sind zutiefst gespalten, in einer Zeit, in der eigentlich der Zusammenhalt so unglaublich wichtig wäre, bei den Bedrohungen von außen, mit denen wir uns jetzt konfrontiert sehen.
LH: Ich kann das leider nur voll bestätigen. Wir sehen faschistische Tendenzen. Die Zustimmungswerte zu faschistischen und menschenfeindlichen Positionen steigen permanent, das ist erschreckend. Und es wird höchste Zeit, dass wir wirklich alle Mittel des Rechtsstaats nutzen, um die Faschisten zu stoppen. Ich bin darum auch ganz klar für ein Parteiverbot der AfD. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere demokratischen Strukturen weiter unterwandert werden. Klar, es gibt juristische Bedenken, aber zumindest eine Prüfung des Verbots zu machen, das wäre ein Anfang. Immerhin werden damit die wahren Absichten thematisiert. Vielleicht sind die Leute danach nicht mehr ganz so gleichgültig. Und vielleicht fällt auch bei einigen Parteien der Groschen, dass man nicht mehr unbedingt über jedes Stöckchen springt, dass einem diese Nazis hinhalten. Und ich hoffe, dass auch die Medien ihre Sensationslust wieder ein bisschen mehr in den Griff bekommen. Es gibt seit Jahren diesen Trend, alles zu skandalisieren. Und besonders gerne, wenn „Ausländer“ beteiligt sind. Ich finde, wir müssen im Blick behalten, die Hoffnung nicht zu verlieren, sondern im Gegenteil Hoffnung verbreiten. Das ist ja auch ein bisschen die Mission von dir, Ayda. Auf die Probleme hinzuweisen, aber gleichzeitig auch eine Tür aufzumachen. Und ja, natürlich gibt es Probleme. Aber man löst keine Probleme, indem man Faschisten und Demagogen wählt. Aus meiner Sicht ist momentan übrigens eine der größten Gefahren, dass diese rechten Positionen von Demokraten übernommen werden. Das sehen wir ja schon seit einer Weile. Das ist gefährlich, weil damit eine Normalisierung einhergeht. Es wird zum Beispiel normal, Menschen mit anderem Aussehen abzulehnen. Das spaltet unsere Gesellschaft. Wir sollten stattdessen daran arbeiten, die Grenzen zu überwinden und zusammenzukommen.
Womit wir mitten in der Stadtbilddebatte sind. Die CDU ist bereits über einige Stöckchen gesprungen. SPD und FDP ebenfalls …
LH: Auch Teile der Grünen. Anstatt sich darum zu kümmern, die tatsächlichen Probleme zu identifizieren und nach Lösungen zu suchen. Was wiederum dazu führt, dass die Probleme nicht gelöst werden. Und damit steht dann am Ende auch die Demokratie selbst in der Kritik. Wobei so eine Kritik natürlich leicht rausgehauen ist. Wenn man selbst in diesem Betrieb steckt, merkt man, dass es eben manchmal mühsam ist und dass man Kompromisse finden muss. Demokratie ist aber auch nicht nur Parteiendemokratie, da sind wirklich alle gefordert, sich einzubringen. Alle können und müssen sich beteiligen. Auf „die da oben“ zu schimpfen, das ist viel zu einfach. Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen. Darum finde ich es auch eine sehr gute Sache, Ayda, dass ihr in die Schulen geht.
AK: Wir machen das, weil dort die Erstwählerinnen und Erstwähler sind. Wir wollen nicht parteipolitisch intervenieren, wir wollen den Blick für das Große und Ganze öffnen. Wir starten immer mit unseren Grundrechten in Deutschland, die ja großartig sind. In vielen anderen Ländern gibt es diese Grundrechte nicht. Wir werfen dann natürlich auch einen Blick auf die aktuellen Umfragen. Viele Jugendliche wissen zum Beispiel nicht, dass die AfD momentan auf Platz eins steht. Wir versuchen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die eigenen Stimme Gewicht hat, dass man sich beteiligen kann, dass man mithelfen kann, unsere Demokratie und unsere Grundrechte zu schützen.
Wir haben jetzt viel über aktuelle Politik und Spaltung gesprochen. Ich würde mit euch gerne noch über ein Gegenmittel sprechen. Obwohl man Kunst und Kultur nicht einem Zweck unterordnen solle. Aber ich finde schon, dass die Kultur durchaus heilende Kräfte haben kann.
LH: Ich denke, Kultur kann vor allem Hoffnung geben. Also nicht im Sinne einer Ablenkung von den aktuellen Problemen, sondern gerade in der Hinwendung. Sie kann die Probleme thematisieren und einen anderen Umgang damit zeigen. Sie kann uns einen Spiegel vorhalten. Und sie kann empowern.
AK: Genau das ist der Ansatz. Wir haben diese Spaltung, auch in Hannover, wir sehen die Bedrohung unserer Demokratie, wir sehen, dass die Leute Angst haben. Und die Kultur kann tatsächlich etwas sein, was in die ganz andere Richtung wirkt. Weil Kultur Begegnung und Miteinander bedeutet. Wenn man zum Beispiel miteinander singt, dann hat das eine Wirkung. Ich glaube, dass die Kultur die besten Wege hat, um die Menschen zu erreichen. Die Kulturschaffenden holen die Menschen emotional ab, wo sie stehen. Auch wenn viele Türen schon zu sind, kann die Kultur die Menschen noch erreichen.
Wie ist es denn momentan um die Kultur in Hannover bestellt? Gibt es genug Support?
AK: Es ist eigentlich so, wie überall. Es wird viel zu gerne gespart. Aber wenn man die Kultur kaputt spart, zerstört man die Demokratie. Die Kultur ist eine große, wichtige Säule unserer Demokratie. Ähnlich wie die Pressefreiheit. Darum muss die Kultur unbedingt gestärkt werden. Kultur sollte in jedem Haushalt eine Pflichtaufgabe sein.
LH: Ich denke, dass uns in Hannover in den letzten Jahren oft der Mut gefehlt hat, Entscheidungen zu treffen, auch im städtischen Haushalt, die für die Kultur wirklich positive Veränderungen gebracht hätten. Es ist natürlich immer alles eine Ressourcenfrage, aber statt zum Beispiel Geld auszugeben, um Geflüchtete zu drangsalieren, weil irgendeine Bundesregierung mit Zahlen glänzen will, wäre es weitaus klüger, die vorhandenen Mittel vor allem in Soziales, Jugend und Kultur zu investieren. Wir müssen die Prioritäten anders setzen. Wir brauchen Investitionspakete für die Zukunft. In der Jugendarbeit brechen momentan Strukturen weg. Das funktioniert immer alles gerade so weiter, auf wackligen Beinen, mit ganz viel ehrenamtlichem Engagement, aber auf Dauer abgesichert ist gar nichts. Das gilt genauso für die Kultur. Und das ist nicht nachhaltig. Ich glaube, man muss grundsätzlich wegkommen von der Projektförderung, hin zu viel mehr Strukturförderung. Man muss das alles langfristig denken und Stabilität schaffen
AK: Der Fokus sollte auf der gesamten Kreativwirtschaft liegen. Wir haben so viele Kulturschaffende in Hannover, nicht nur ein paar Zentren. Wir haben freischaffende Künstlerinnen und Künstler, Musikerinnen, Musiker, unsere Kreativwirtschaft ist riesig. Und die Förderungen sind oft mickrig und verbunden mit ganz viel Bürokratie. Dabei brennen all diese Menschen für ihre Projekte und machen mit ihrem Engagement aus einem Euro zehn Euro. Was dazu schwierig ist: Wenn du nicht aus dem Bereich Klassik kommst, hast du eigentlich schon verloren. Ich habe darum gesagt, dass ich jetzt auch Klassik mache. Und das funktioniert. Ich habe ein Konzert, das im Januar vom NDR ausgestrahlt wird. Ich singe türkische Volkslieder mit dem Kammerorchester Hannover. Das braucht übrigens auch Mut bei den Beteiligten. Es gibt überall noch so ein bürgerliches Denken. Alles, was von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte kommt, wird erstmal skeptisch beäugt. Und im Zweifel als weniger wertig angesehen und dann weniger gefördert. Ich finde, es muss auch darum gehen, diese Gegensätze aufzulösen, also nicht nur die sogenannte Hochkultur im Fokus zu haben.
LH: Es stimmt, dass im Kulturbereich manchmal eher die berühmte Gießkanne ein gutes Mittel wäre. Da kann ein Tausender schon ganz viel in Bewegung bringen. Mich hat immer befremdet, mit welcher Leidenschaft wir in der Kommunalpolitik über Gelder diskutiert haben, wenn es um den Kulturbereich ging. Da gab es die härtesten Auseinandersetzungen über 1.000 oder 5.000 Euro. Während an anderen Stellen die Millionen über den Tisch geschoben werden. Und dann wird gesagt, das seien unterschiedliche Haushalte. Ich finde, man muss das grundsätzlich anders denken. Wir müssen Kulturförderung als Investition verstehen. Und wir müssen begreifen, dass im Zweifel auch sehr kleine Beträge sehr viel bewirken können.
Ich habe manchmal den Eindruck, dass insgesamt von Teilen der Politik und Verwaltung so ein bisschen herablassend auf die Kulturschaffenden geblickt wird.
LH: Da ist leider eine Menge dran und mich hat das immer total befremdet. Gerade als ich neu im Rat war, hat mich das erschrocken. Wie hinter verschlossener Tür über Kulturschaffende oder auch Kultur geredet wurde. Ich finde, dass die Politik so etwas wie ein Übersetzer sein muss. Wir müssen in der Kommunalpolitik zwischen der Sprache der Kulturschaffenden und der Sprache der Verwaltung übersetzen. Und wir müssen in Politik und Verwaltung wieder mutiger werden. Uns als Verbündete sehen, die im Sinne der Stadtgesellschaft handeln. Das heißt, dass wir auch mal Macht abgeben müssen, es laufen lassen müssen, dass wir nicht immer alles kontrollieren dürfen. Wir müssen diese Angst vor Kontrollverlust ablegen und stattdessen einfach mal Vertrauen haben. Ich fand zum Beispiel den Entschluss großartig, Wiebke und Johannes Thomsen für das Kommunale Kino zu holen. Die kommen aus der Kultur und haben überhaupt keinen Verwaltungshintergrund. Ein Experiment aus Verwaltungssicht. Und ich finde, das ist großartig gelungen. Die machen ein Hammer-Programm. Solche Entscheidungen wünsche ich mir viel mehr. Wir müssen mit den Kulturschaffenden arbeiten und Kultur ermöglichen. Und eben nicht irgendwelche bürokratischen Hürden schaffen oder lenken wollen. Mehr Freiheit und mehr Zutrauen für die Kultur und keine Überformung durch städtischen Ambitionen.
AK: Apropos Ambitionen, ich fühle mich beispielsweise beim Thema Kulturstadt überhaupt nicht mitgenommen. Da fließen unglaubliche Gelder in die Werbung für irgendwelche Plakate mit irgendwelchen Slogans. Und es gibt ein neues Logo: Hurra, wir sind Kulturstadt. Aber bei mir als Kulturschaffende kommt gar nichts an. Stattdessen laufen irgendwelche Aktionen in so einer ganz eigenen Parallelgesellschaft, jenseits der tatsächlichen Kulturszene. Ich empfinde das alles ehrlich gesagt als Comedy.
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„Dieses Gefühl, den Tieren eine Stimme zu geben, die ja selbst keine haben – das ist einfach das Schönste daran.“ Mit diesem Satz beschreibt Mattis Robowski, Teamleiter im Social-Media-Bereich der Hunderettung Europa, was ihn antreibt. Seit drei Jahren investiert der Videograf aus Hannover einen großen Teil seiner Freizeit in einen Verein, der in Rumänien Straßenhunde rettet, kastriert und sie vermittelt – und dessen Herz auch in Hannover kräftig schlägt.
Wer Mattis gegenüber sitzt, merkt sofort: Hier erzählt jemand nicht von einem Hobby, sondern von seinem Herzensprojekt. Durch ein Video über eine Rettungsaktion aus einer rumänischen Tötungsstation war er Ende 2022 auf den Verein aufmerksam geworden. „Das war für mich ein kompletter Schock“, erinnert sich Mattis. „Dass es in einem europäischen Land Tötungsstationen gibt, davon hatte ich vorher überhaupt nichts gewusst.“
Heute ist Mattis Teil der Arbeitsgruppe Hannover, einer kleinen, aber lebendigen Regionalgruppe innerhalb des international tätigen Vereins. Rund zehn bis fünfzehn Menschen sind regelmäßig bei lokalen Treffen dabei, erzählt Mattis. Sie alle verbindet ein gemeinsames Ziel: nachhaltige Tierschutzarbeit.
Statt möglichst viele Hunde nach Deutschland zu holen – deutsche Tierheime sind längst voll – konzentriert sich die Hunderettung Europa auf langfristige Verbesserungen in Rumänien. Rettung, Kastration, Vermittlung, ein Tierheim in Brașov und Aufklärung an Schulen bilden das Zentrum der Arbeit. Unter anderem verzeichnet die Organisation rund 10.000 Kastrationen jährlich, „während wir nur rund 30 Tiere im Monat vermitteln. Der Fokus liegt eben nicht auf Masse, sondern auf Wirkung.“
Genau diese Wirkung macht Mattis mit seiner Arbeit im Verein sichtbar. Zusammen mit einem Team aus sieben Ehrenamtlichen produziert er YouTube-Videos, darunter Vorstellungsvideos von Hunden und auch Katzen, Rettungsberichte sowie Einblicke in die Tierheimarbeit. „Wir zeigen die Tiere in Bewegung, damit man sie richtig kennenlernen kann. Bilder reichen da einfach nicht.“ Und die positive Resonanz ist enorm. Mattis berichtet von Kommentarspalten gefüllt mit Kleeblättern, Herzen und guten Wünschen an die Vierbeiner.
Ein internes Highlight des Vereinslebens ist das jährliche Sommerfest in Duisburg, wo die Hunderettung Europa gegründet wurde. Dort treffen die deutschen Teams auf die rumänischen Tierheimmitarbeiter*innen. „Es ist jedes Mal wie ein Familientreffen“, lächelt Mattis. Die enge Verbindung der Vereinsmitglieder ist elementar für ihre Zusammenarbeit, denn die verschiedenen Abteilungen greifen eng ineinander. Das zeigt sich besonders, während ihrer Rumänienreisen. Regelmäßig sind Ehrenamtliche der Hunderettung Europa vor Ort. Sie besuchen das Tierheim in Brașov, berichten von den Zuständen in Tötungsstationen und statten Mattis und die anderen Teams in Deutschland mit Foto- und Videomaterial für Social Media aus. „Manchmal sitze ich dann bis fünf Uhr morgens im Videoschnitt. Das bringt kein Geld, aber es fühlt sich einfach richtig an!“
Selbst war Mattis noch nicht in Rumänien, aber 2026 soll es so weit sein – trotz Tierhaarallergie, wie er lachend zugibt. „Dann nehme ich eben Tabletten. Ich will endlich die Dankbarkeit dieser Hunde persönlich spüren.“ Langfristig träumt er, wie viele im Verein, von einem Lebenshof in Deutschland. Der Hof soll eine Begegnungsstätte für gerettete Tiere und für Menschen werden, samt Bildungsangeboten und Schulungen für andere Tierschutzorganisationen.
Außerdem möchte Mattis auch selbst bald einem Hund aus Rumänien ein Zuhause geben. „Sobald es möglich ist, wird definitiv jemand bei uns einziehen“, strahlt er. Bis dahin sorgt er weiter dafür, dass die Geschichten der Tiere gesehen und gehört werden. Schließlich reicht manchmal schon ein einziges Video, um ein Leben zu verändern.
Man soll sich gesund ernähren, sagen die Leute, regional und saisonal einkaufen. Was wächst denn im Winter so? Steine? Nein, ist natürlich Quatsch, es gibt ja zahlreiche Wintergemüse. Einige davon – wie Grünkohl, der mir persönlich absolut zuwider ist – werden vom ersten Frost an bis Ende Februar nahezu glorifiziert. In großen Gruppen versammelt man sich, um die matschig gekochte, nach Treppenhaus riechende (oder ist es andersrum?) und vor Einschreiten der zubereitenden Person bestimmt auch mal Vitamin C-haltige Lumumpe mit reichlich fettigem Fleisch zu verzehren. Wird der Topf mit dem optisch an Kinderkot erinnernden Brei serviert, vom Personal vor sich her getragen wie eine Monstranz, könnte man meinen, die Hungrigen hätten gerade ein Erweckungserlebnis, so verzückt und entrückt, wie sie juchzen. Eine Grünkohl-Epiphanie.
Verglichen damit wird der arme Rotkohl eher stiefmütterlich behandelt und meist auch nur auf eine Art zubereitet, nämlich als Beilage zu Fleischgerichten, und selten bejubelt. Das finde ich unfair. Und weil alle immer über green flags und red flags reden und rot per se schlecht ist, drehe ich heute einmal alles um und behaupte: Grünkohl ist die red flag unter den Gemüsen. Fangt mich doch! Ich mach ne Rotkohlcremesuppe! Das ist einfach, man braucht wenige Zutaten, einen Pürierstab und Geduld – hab ich alles da, los geht es.
Für vier hungrige Menschen brauchen wir einen Liter Gemüsebrühe, 750g frischen Rotkohl, 350g mehlig kochende Kartoffeln (drei Stück etwa), 2 rote Zwiebeln, einen Apfel (ich verwende im Winter gerne Boskop), etwas Butter, den Saft einer Zitrone und einen Becher Crème fraîche. Apfel, Kartoffeln und Zwiebel werden geschält und, so wie auch der Rotkohl, irgendwie klein geschnitten. Würfel, Streifen, Rechtecke, ganz egal, Hauptsache, klein, denn am Ende wird es ohnehin püriert. Dann schwitzen wir die Zwiebeln in Butter an. Sobald sie etwas Farbe genommen haben, kommt der Apfel dazu. Wenn der anfängt, auseinander zu fallen, weil alle Flüssigkeit aus ihm gewichen ist (wie martialisch!), ist der Zeitpunkt gut, um Kartoffeln und Rotkohl hinzuzufügen. Gut umrühren und ein bisschen vor sich hin brutzeln lassen – die eine oder andere dunkle Stelle schadet gar nix, im Gegenteil, nur verkohlt sollte es nicht sein. Dann gießen wir die Brühe dazu, tun den Deckel drauf und reduzieren die Hitze auf mittlere Höhe. Während der nächsten Dreiviertelstunde rühren wir ab und zu mal um, mehr passiert aber nicht. Dafür jetzt: Die Suppe wird mit dem Pürierstab bearbeitet, bis sie keine Stückchen mehr aufweist. Dann rühren wir die Crème fraîche und den Zitronensaft unter und würzen beherzt mit Salz, Pfeffer (eine fruchtige Pfeffersorte harmoniert schön an dieser Stelle) und Muskatnuss. Schon fertig! Dazu passt erstaunlich gut mit Butter in der Pfanne geröstetes Brot. Da haben wir es wieder: Das Brot könnte man zu Grünkohl doch überhaupt nicht essen. Würde ja gar nicht passen! Aber das ist nicht der einzige Grund, warum in meinen Augen eine Rotkohlcremesuppe viel mehr fetzt als dieser überbewertete Grünkohl.
Südkoreanische Exporte sind derzeit der heiße Scheiß. Während der dicke Kim im Norden wie eine schwer bewaffnete Glucke auf allem sitzt, was er als seins betrachtet, haut der Süden einen Trend nach dem anderen raus. K-Pop Demon Hunters, Dalgona-Kaffee, ultrascharfe Ramen – you name it. TikTok sei Dank kennen wir das auch alles und es ist gar kein Wunder, dass koreanischer Krempel hier so boomt. Passend dazu gibt es seit Oktober in der List, genauer gesagt in der Robertstraße, ein neues koreanisches Restaurant. Das Misik konzentriert sich nicht unbedingt auf seit Jahrhunderten tradierte Spezialspezialitäten, sondern auf das, was Koreaner tagtäglich essen. Das koreanische Pendant zu unserem gutbürgerlichen Mittagstisch mit Senfeiern also. Klingt spannend. Wir gehen hin.
„Oh nein!“, denken wir, „Nicht schon wieder diese blöden Piepser am Tisch!“ Sekunden später werfen wir uns mental in den Staub. Diese Piepser sind dafür da, das Personal auf uns aufmerksam zu machen, man läutet wortwörtlich nach ihnen. Schon kommt jemand angeflitzt und nimmt unsere Bestellung auf – fabelhaft! Die Karte ist übersichtlich gestaltet. Drollige Illustrationen und kleine Fun-Facts („Dieses Bier mischen wir Koreaner gerne mit Soju-Schnaps. Frag uns nach dem richtigen Mischungsverhältnis!“) machen sie fast zu einer unterhaltsamen Lektüre. Nur mühsam entscheiden wir uns, obwohl die Karte nicht so groß ist wie bei vielen anderen Lokalen. Aber es klingt nun mal alles sehr lecker! Unsere Wahl fällt auf eine große Cola (5,50 Euro, 0,5l), koreanisches Bier und Soju (3,80 Euro und 3 Euro) – schmeckt spannend! Zur Vorspeise hätten wir gern Mandu (6,50 Euro) und eine kleine Portion Ganjang-Huhn (9 Euro). Bei Mandu handelt es sich um fünf Teigtaschen, die frittiert werden. Dabei ist die Füllung wählbar: Shrimp, Tofu-Gemüse, Kimchi oder Bulgogi. Wir entscheiden uns für Letzteres – zum Thema Bulgogi kommen wir noch. Das Huhn wird paniert, frittiert und kann in mild und scharf bestellt werden, wir nehmen natürlich scharf. Und siehe da: Als wenig später serviert wird, finden wir kleine Chilischoten in der süß-scharf-klebrigen Sauce, die wir begeistert mitessen. Auch das Hühnchen ist klasse. Hörbar knusprig, innen aber saftig. Der Teigmantel ist würzig, aber nicht auf chemisch-schmeckende Art. Auch die Portion ist gut gewählt und dem Preis durchaus angemessen. Die Mandu werden mit einer scharfen Sojasauce und Sriracha-Mayo serviert, sind außen knusprig und durch die fein pürierte Füllung würzig und saftig. Extrem gut! Unsere Hauptgänge bestehen aus Käse-Donkatsu (18,50 Euro) und dem sagenumwobenen Bulgogi (17 Euro). Das ist im Grunde eine Art Barbeque-Marinade. Es gibt sie in süß-würzig und scharf-würzig für jede Art von Fleisch, klassisch – und hier auch so angeboten – ist aber das süß marinierte Rindfleisch. Es ist hauchdünn geschnitten, fast wie Carpaccio, und bei großer Hitze sehr schnell gegart, so dass es ein leichtes Raucharoma entwickelt. Hier ist es, und ja, das ist ein großes Wort, genial. Buttrig, rauchig und würzig – schwer vorstellbar, das besser machen zu können. Absolute Empfehlung! Serviert wird es mit Reis, einer Tasse Katsobushi-Suppe und sauer eingelegtem Gemüse (hier Gurke und Spinat). Beim Käse-Donkatsu handelt es sich um eine Schweinekrokette mit Käsefüllung, die in Scheiben geschnitten wurde. Wie ein Cordon Bleu ohne Schinken, stattdessen aber mit dreifach Käse – unglaublich befriedigend zu essen. Auch dazu gibt es Reis, einen tollen Kohlsalat, eingelegtes Gemüse (Rettich und Sellerie), Wasabi, Maldon-Salz, Trüffelöl, Donkatsu-Sauce (etwa wie fruchtiger Ketchup mit Worcestershire-Sauce) und Katsobushi-Suppe. Letztere ist eher eine Brühe aus getrockneten Bonito-Flocken (Makrelen-Thunfisch-Tier) und wirklich Geschmackssache, göttlich für einige, „Regentonne“ für andere. Sie ist aber sehr gut gemacht und eignet sich prima als Beilage. Wir sind satt. Wir sind begeistert. Und wir werden so was von wieder kommen, denn die Fisch-, vegetarischen und veganen Gerichte wollen schließlich auch probiert werden!