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Stadtkinder essen: Bar Añejo

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Stadtkinder essen: Bar Añejo


Wir sitzen auf der Terrasse der Bar Añejo, einem venezolanischen Restaurant mitten in Hannover-Linden. Drinnen ist es zwar auch gemütlich, aber die Abendsonne strahlt mit ihrer letzten, prallen Kraft durch die Elisenstraße und das lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Menschen radeln mit dem Fahrrad vorbei oder schlendern gemächlich in ihren Feierabend hinein, das geschäftige Treiben der Limmerstraße nur einen Katzensprung entfernt; doch hier ist es angenehm ruhig: weniger Hektik und kein Üstra-Trubel. Wir lehnen uns in den Stühlen zurück und sogleich werden uns von einer freundlichen Servicekraft die Karten gereicht. Eine Karte fürs Essen und eine weitere für die Getränke – schließlich versteht sich das Restaurant auch als Bar.

In der Menükarte findet man zum Start eine Erklärung der gängigsten Lebensmittel der venezolanischen Küche. So erfährt man, dass Yuca, Maniok und Casava nur verschiedene Namen für dieselbe Wurzel sind, die in Venezuela in vielen Gerichten Verwendung findet. Oder dass Tostones beziehungsweise Patacón Kochbanane bedeutet, allerdings nicht zu verwechseln mit der süßen Variante der Kochbanane, der Tajada. So können die Gerichte auf den Seiten dahinter in ihrer Originalsprache authentisch betitelt werden, ohne Menschen mit wenig oder gar keiner Kenntnis der spanischen Sprache zu verschrecken. Als Hilfestellung werden zudem unter den Gerichten nochmals die Hauptzutaten gelistet. Die Getränkeauswahl der anderen Karte ist für mich als Sonst-Nie-Alkohol-Trinkerin dagegen etwas überwältigend. Wir schicken die Servicekraft noch einmal weg – ich brauche weitere fünf Minuten.

Schließlich bestellen wir zuerst eine Cola Zero und eine Maracuja-Schorle gegen den einfachen Durst und im Anschluss zwei sommerliche Cocktails. Der Peach & Mango Flash (13,50 Euro) ist ein Schaumwein mit Pfirsichlikör. Geschmack: sommerlich-frisch, fruchtig-süß, und der Geruch von Basilikum steigt einem dezent in die Nase. Alkohol ist drin, das merkt man, aber er drängt sich nicht in den Vordergrund. Angenehm. Dazu probieren wir den Nikkey (16,50 Euro). Diese Cocktailvariante haben wir noch nie gesehen und sind gespannt. Der Nikkey ist ein Pisco mit Granatapfel, Zitronengras, Yuzu, Limette und Aquafaba (Abtropfwasser von Kichererbsen). Das Cocktailschalenglas lässt die sanfte Schaumkrone des Piscos in voller Pracht zur Geltung kommen, lässig lehnt ein Litschispieß am Rand. Wer es sauer-fruchtig mag, macht hier nichts falsch. Besonders die Granatapfelsäure ist angenehm prickelnd auf der Zunge, nicht ganz so scharf-säuerlich wie die klassische Zitronensäure. Der schaumige Pisco im Drink ist übrigens sehr beliebt in Südamerika und gilt gar als Nationalspirituose Chiles und Perus. So ganz einig ist man sich nicht – es gab bereits einige juristische Streitigkeiten zwischen den beiden Ländern.

Die Vorspeisen kommen fix. Es gibt Yucas con Guacamole (8,50 Euro) Maniokpommes mit Guacamole. In meiner Vorstellung das Pendant zu belgischen Fritten. So ganz unrecht habe ich auf den ersten Blick nicht, die gesalzenen und gebratenen Yucas kommen in dicken Scheiben daher. Die Guacamole ist frisch und ergänzt hervorragend den etwas erdigen Geschmack der Maniokpommes. Die Yucawurzel ist außen knusprig und innen ganz weich. Der Geschmack ist mild und nicht vergleichbar mit Kartoffeln. Als zweite Vorspeise kommen Tequeños (8,90 Euro), Teigstäbchen mit Käsefüllung und Rosada-Dip. Deftig im Geschmack, außen der krosse Teigmantel, innen zergeht die Käsefüllung perfekt auf der Zunge. Besonders lecker ist die leicht süßliche Soße dazu. Der Dip schmeckt ähnlich wie eine Cocktailsoße.

Kurz darauf kommen die Hauptspeisen. Beim Arepa Duo (18,50 Euro) bekommt man zwei traditionelle Maisteigfladen serviert, mit Pico de Gallo, Bananenchips und Guasa-Dip. Die Füllung der Teigtaschen kann man selbst wählen. Es gibt vier verschiedene Möglichkeiten, zwei Fleischvarianten, eine vegetarische und eine vegane Version. Wir haben die Pelua-Variante bestellt. In unseren zwei Maisteigtaschen steckt Pulled Beef mit geriebenem Gouda. Der erste Fladen ist perfekt kross, der andere weicht durch die Füllung ein wenig auf. Das ist nicht weiter schlimm, aber fällt auf, da der erste makellos zubereitet war. Der Salat schmeckt knackig und der Dip ist limettenlecker. Der ist allerdings bei dem Gericht für Viel-Soßen-Liebhaber*innen zu sparsam. Wer den Dip nur für die salzigen Bananenchips nutzt, dem reicht’s.

Als zweite Hauptspeise probieren wir das venezolanische Nationalgericht Pabellón Vegetariano (16,50 Euro) – allerdings in der veganen Variante, die in der Karte gleich mit aufgelistet ist. Man muss also nicht extra fragen und Sonderwünsche äußern. Das Pabellón Vegano ist nett angerichtet – eine riesige Portion mit schwarzen Bohnen, Reis, Guacamole, Avocadostücken, Kochbanane und Pico de Gallo. Letzteres ist eine klassische südamerikanische Tomaten-Salsa, ähnlich der italienischen Bruschetta. Die Kochbanane ist nicht einfach süß und matschig, sie ist lecker angebraten und dezenter im Geschmack als angenommen. Ähnlichkeit mit der Banane, die ich mir morgens in den Smoothie mixe, hat sie kaum. Sie schmeckt eher wie ein Gemüse. Der trotzdem leicht mehlig-erdige Geschmack korrespondiert dabei ausgezeichnet mit der fruchtig-sauren Tomatensalsa und der Guacamole. Auch die Bohnen überzeugen. Die Caraotas Negras sind in Venezuela eines der Grundnahrungsmittel und bestechen durch ihre sämige Konsistenz. Wer sich in Sachen Ernährung auskennt, weiß: Bohnen sind nicht nur lecker, sondern verdammt gesund und ein echtes Superfood. Das gesamte Gericht ist in seiner Kombination aus Gemüse, Frucht und Reis eher ein Plain-Food als ein fancy Food. Die Zutaten stechen durch ihren natürlichen Geschmack heraus, die Würzung ist dezent gehalten und nur durch die unterschiedlichen Komponenten entsteht der besondere Geschmack. Für manche mag das simpel sein, für andere unverfälscht lecker.

» AS

Bar Añejo
Elisenstraße 22
30451 Hannover-Linden
Di-Sa ab 18 Uhr
www.bar-anejo.com

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Neu in der Stadt: Ateliér Rumi und mood.

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Neu in der Stadt: Ateliér Rumi und mood.


Ateliér Rumi

Das Ateliér Rumi ist ein neuer, kreativer Begegnungsort in Linden – ein Ort für alle, die ihrer Kreativität freien Lauf lassen, neue Techniken entdecken und den Alltag für ein paar Stunden hinter sich lassen möchten. Hier stehen nicht Perfektion oder Vorkenntnisse im Mittelpunkt, sondern die Freude am Gestalten, das gemeinsame Erleben und das Entdecken der eigenen kreativen Fähigkeiten. In einer entspannten Atmosphäre bietet das Team vielfältige Workshops an. Zum aktuellen Angebot gehören unter anderem Mosaiklampen-Workshops, traditionelle Çini-Malerei, Nähkurse sowie kreative Bedazzling-Workshops. Dabei werden traditionelle Handwerkskunst und moderne Techniken und Materialien miteinander verbunden. In Zukunft werden weitere kreative Workshops für Erwachsene und Kinder hinzukommen. Neben den regelmäßigen Workshops organisiert das Ateliér Rumi auch individuelle Gruppenveranstaltungen. Ob Junggesellenabschiede, Kindergeburtstage, Geburtstagsfeiern, Team-Events oder andere private Anlässe – jede Veranstaltung wird zu einem besonderen Erlebnis. Am Ende jedes Workshops nehmen die Teilnehmenden nicht nur ein selbst gestaltetes Werk mit nach Hause, sondern auch neue Erfahrungen und das gute Gefühl, etwas Eigenes geschaffen zu haben.

Limmerstraße 23, 30451 Hannover. Mehr Infos und Anmeldung auf www.app.zenamu.com/atelier-rumi und auf Instagram @atelier.rumi.hannover.

mood.

Mit dem neuen Salon haben sich die Gründerinnen Bree Satinka Janßen und Senem Ararat Cin einen lang gehegten Traum erfüllt. Die beiden Friseurinnen eröffneten nun ihren eigenen Premium-Salon in Hannovers Altstadt. Kennengelernt haben sie sich bei ihrem früheren Arbeitgeber. Aus der erfolgreichen Zusammenarbeit entstand eine enge Freundschaft. Gemeinsam bringen sie mehr als 25 Jahre Berufserfahrung mit und stehen für höchste handwerkliche Qualität, kontinuierliche Weiterbildung und individuelle Beratung. Der Wunsch nach einem eigenen Salon begleitete sie bereits seit rund fünf Jahren. Mit mood. haben sie einen modernen Lifestyle-Salon geschaffen, der weit mehr sein möchte als ein klassischer Friseurbetrieb. Im Mittelpunkt stehen persönliche Betreuung, hochwertige Produkte, ein stilvolles Ambiente und vor allem ausreichend Zeit für jede Kundin und jeden Kunden. Das Angebot umfasst Damen- und Herrenservices auf höchstem Niveau. Senem Ararat Cin ist auf Blond- und Strähnentechniken, natürliche Farbverläufe und präzise Haarschnitte spezialisiert. Bree Satinka Janßen gilt als Expertin für Haarverlängerungen, Globalblondierungen, kreative Farbtechniken und Gender-Affirming-Haircuts. Ihre Vision ist klar: mood. soll sich als feste Adresse für exklusiven Styling-Service in Hannover etablieren – ein Ort, an dem Qualität, Persönlichkeit und Wohlbefinden gleichermaßen im Mittelpunkt stehen.

Schmiedestraße 7, 30159 Hannover. Mo-Fr 8.15-19.30 Uhr. Mehr Infos auf Instagram @mood_hair_hannover.

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Der besondere Laden: Bodenkleid – rug art

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Der besondere Laden: Bodenkleid – rug art


Beim Betreten dieser ehemaligen Druckerei in Linden liegt der warme, etwas erdige Geruch von Wolle in der Luft. „Herzlich Willkommen“, strahlt Julia Langstein, Gründerin von Bodenkleid. Mitten im Raum steht ihr riesiger Arbeitstisch, darauf Garnrollen, Scheren und Skizzen. An den Wänden drumherum stapeln sich Wollgarne in allen erdenkbaren Farbtönen. Ein Blick um die Ecke verrät schließlich, worum es bei Bodenkleid geht: um Teppiche, die mit viel Zeit und Liebe eigenhändig von Julia entworfen und gefertigt werden.

„Das macht mir einfach richtig Spaß“, sagt sie und lacht dabei herzlich. Seit 2004 führt die Diplom-Textildesignerin nun schon ihr Label. Damals, erzählt sie, habe sie an der Fachhochschule für Design und Medien in Hannover zum ersten Mal mit der Handtuft-Technik gearbeitet, einer Methode, bei der Garn mit einer speziellen Maschine in ein Trägergewebe geschossen wird. „Das hat mich irgendwie nicht mehr losgelassen.“ Während andere Studierende webten oder stickten, vertiefte sie sich in eine Technik, die damals kaum noch jemand nutzte. Heute entstehen daraus in ihrer Werkstatt Teppiche und Wandarbeiten, die sich irgendwo zwischen Kunst, Handwerk und Interior Design einordnen lassen.

Julia versteht ihre Arbeit aber nicht nur als Produktion. Es geht ihr um Materialität, um Qualität und um Herkunft. Schon während des Studiums sei Nachhaltigkeit ein zentrales Thema gewesen. Die Frage damals: Lässt sich ein Teppich herstellen, dessen Produktionswege fast vollständig in Deutschland liegen? Julia begann zu recherchieren, suchte Färbereien, Gewebehersteller und Zulieferer. Heute stammt fast alles, mit dem sie arbeitet, aus Deutschland oder gar direkt aus Niedersachsen. Nur die Schurwolle kommt aus Neuseeland. „Die Schafe dort entwickeln besonders langes und helles Haar“, erklärt die Gründerin. Das habe den entscheidenden Vorteil, dass die Fasern später nicht chemisch gebleicht werden müssen.
Über ihre Werkzeuge – Webstühle, eine Tuftingmaschine und ein Kompressor für dessen Antrieb – spricht Julia mit derselben Begeisterung wie etwa Künstler*innen über ihre Pinsel und Farben. Und über den kreativen Prozess hinter den Teppichen sagt sie: „Das ist wie Malen mit Wolle“. Weil jede Charge leicht anders aus der Färberei zurückkomme, entstünden ganz eigene Verläufe und Nuancen. Genau diese Unregelmäßigkeiten seien gewollt. „Man sieht: Das ist wirklich handmade.“

Julias Teppiche entstehen im ersten Schritt oft als kleine Skizze auf Papier. Diesen Entwurf überträgt sie im Anschluss spiegelverkehrt auf ein großes Grundgewebe, das wie eine Leinwand aufgespannt ist, und erst dann beginnt die eigentliche Arbeit: Mit Druckluft schießt sie die Wollfäden von der Rückseite in den Stoff. Manche Teppiche enthalten mehr als ein Dutzend Farben, andere leben von Reliefs, unterschiedlichen Florhöhen oder organischen Formen.

Besonders liebt Julia aber das Tuften von Mustern. „Das Flächefüllen ist eher Pflichtprogramm“, schmunzelt sie. Die Gestaltung dagegen habe wirklich etwas Künstlerisches. Tatsächlich erinnern viele ihrer Arbeiten eher an textile Gemälde als an klassische Teppiche. Julia gestaltet Korallenformen, freie Linien und asymmetrische Flächen, von denen manche verspielt wirken und andere schon fast architektonisch.

Mit ihren Teppichen möchte sie weg vom reinen Einrichtungsgegenstand, hin zum Wandobjekt. Vor allem die Idee des Wandteppichs interessiert sie besonders, auch wegen seiner Wirkung im Raum. „Wolle schluckt Schall, bringt Wärme in Beton- und Glasarchitekturen und verändert die Atmosphäre eines Ortes.“ Schließlich sollen Julias Arbeiten nicht nur Räume schmücken, sondern sie gezielt verändern und die Menschen, die die Teppiche kaufen, glücklich machen.

» Laura Druselmann

Bodenkleid – rug art
Davenstedter Straße 60, 30453 Hannover
Tel.: 0178 2381786
E-Mail: langstein@bodenkleid.de
www.bodenkleid.de

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Ein letztes Wort im August

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Ein letztes Wort im August


Herr Weil, wir erleben gerade den Klimawandel hautnah, oder?

Naja – wir sitzen hier morgens bei angenehmen 24 oder 25 Grad, das würde ich noch nicht automatisch als Klimawandel verbuchen. Aber vor zwei, drei Wochen habe ich in Hannover zum ersten Mal bewusst 40 Grad erlebt und die Kette von Hitze- und Dürresommern ist unübersehbar.  Das sind Temperaturen, die ich sonst vielleicht aus Italien kenne, aber nicht bei uns in Norddeutschland. Das setzt vielen zu und es gab ja leider auch viele Todesopfer während dieser Tage. Ich finde, alle Wähler der AfD, die bekanntlich den Klimawandel leugnet, müsste angesichts solcher Erfahrungen allmählich mal nachdenklich werden. Trotzdem ist das der Klimawandel als Thema in der Öffentlichkeit deutlich zurückgefallen. Noch 2019, mit Fridays for Future, war der Klimawandel ein Topthema. Heute rangiert das Problem im Umfragen eher im Mittelfeld.

Ich habe den Eindruck, manche wollen darüber gar nichts mehr hören. Und dann heißt es schnell, es sei einfach Wetter und heiße Tage hätte es immer gegeben.  

Es stimmt ja auch, es ist Wetter. Aber der Klimawandel drückt sich eben in diesem Wetter aus. Und ja, wir hatten früher schon Hitzewellen. Wir hatten aber auch viele, viele verregnete Sommer. Rudi Carrells Hit vor fünfzig Jahren „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ kam nicht von ungefähr. Es ist schlichtweg wissenschaftlich schlichtweg Fakt, dass sich das Klima verändert und wir uns darauf einstellen müssen.
 
Wenn Sie mal ehrlich Bilanz ziehen: Hat die Politik, auch Ihre eigene Partei, in den letzten zehn Jahren beim Klimaschutz genug getan?

Nein, natürlich nicht, aber es hat sich trotzdem eine Menge getan. Bei den erneuerbaren Energien sind wir wirklich vorangekommen. Ausgerechnet Wladimir Putin hat diesen Wandel noch einmal befördert. Seit seinem Angriff auf die Ukraine ist zum Beispiel die Akzeptanz für Windprojekte spürbar gestiegen, gerade auch in Niedersachsen. Beim Netzausbau, dem eigentlichen Flaschenhals, sind wir aber nach wie vor zu langsam. Und auch lokal hat sich viel getan. Die guten alten Stadtwerke Hannover heißen heute Enercity und zählen zu den größten Anbietern von erneuerbaren Energien – eine tolle Leistung. 
 
Sie waren zehn Jahre Ministerpräsident. Gibt es eine Entscheidung, die Sie im Rückblick gern anders getroffen hätten?

Spontan fällt mir dazu beim Thema Klima keine ein, aber ich bin natürlich befangen. In Niedersachsen sind wir insgesamt konsequent beim Atomausstieg geblieben, dazu stehe ich nach wie vor. Und VW ist in den zehn Jahren in Deutschland zum Marktführer bei der E-Mobilität geworden. Wenn ich mir nun zum Beispiel die Lage in der Straße von Hormus anschaue, dann ist völlig klar, dass das der Weg richtig war. Es ist längst klar, dass Verbrenner keine Zukunft haben. Die E-Mobilität ist deutlich überlegen. Ich hätte im Nachhinein vielleicht stärker für mehr Pragmatismus werben sollen. Zu rigoros steuern zu wollen, ist nicht immer zielführend und schafft man mitunter zusätzliche Widerstände. Besser ist es, mittelfristig verbindliche Ziele und Maßnahmen zu verfolgen, aber den Weg dahin nicht bis ins Letzte festzulegen.
 
Deutschland fehlt seit Jahren ein klarer Kompass bei der Energiewende …  

Das ist leider so. Der Start war im Jahr 2000 mit der Regierung Schröder und dem EEG ziemlich gelungen, es gab einen sehr langfristig angelegten Plan mit einem kontrollierten Atomausstieg und einem kontinuierlichen Umbau. Dann kam 2009 die Laufzeitverlängerung unter Schwarz-Gelb und 2011 wieder die Kehrtwende nach Fukushima. Jede neue Regierung diskutiert seither über einen neuen Kurs und die Investoren fassen sich an den Kopf. Und mit dem verkorksten Heizungsgesetz hat das alles noch einmal eine andere Dimension angenommen. Der erste Entwurf hatte manche Fehler und hat ohne Not eine offene Flanke geboten. Er ist dann auch gleich durchgestochen worden und vor allem die Union hat eine wilde Polemik entfacht und das für ihren Wahlkampf weidlich genutzt. Ein schönes Beispiel sind die Wärmepumpen: Wärmepumpen sind ökologisch und ökonomisch absolut sinnvoll, sind echte Zukunftstechnologie. Das wissen alle, und deswegen war die Kampagne dagegen wirklich übel. Stiebel Eltron in Holzminden musste zum Beispiel plötzlich Leute entlassen, obwohl sie kurz zuvor noch neue Leute einstellen wollten. Energiepolitik muss unbedingt langfristig verlässlich sein, sonst funktioniert sie nicht. 
 
Was richtet Frau Reiche gerade an?

Der Kommunikation nach liegt ihr Schwerpunkt auf dem Zubau von Gaskraftwerken. Und ja, vielleicht brauchen wir ein paar davon, um Dunkelflauten zu überbrücken. Aber weitaus weniger, als sie im Sinn hat, weil die Batteriespeicher immer leistungsfähiger werden. Andere Themen bleiben dagegen liegen. Ich kenne sehr viele Unternehmen, die liebend gern sofort CO2-frei produzieren würden, gerade in der Chemie. Aber sie kommen ohne CO2-Pipelines und eine entsprechende Infrastruktur nicht voran. Es braucht Unterstützung, sonst wandert die Produktion einfach in andere Länder ab. Frau Reiches Kommunikation ist, gelinde gesagt, nicht zu begreifen. Aber immerhin macht sie beim Netzausbau jetzt wohl Druck.
 
Ein Vorwurf lautet, dass es nicht an Erkenntnissen mangelt, sondern dass der Mut fehlt, konsequent neue Wege zu gehen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ja, unbedingt. Mehr Mut und weniger Dogmatismus. Mit ein bisschen mehr Geschmeidigkeit und Pragmatismus würde man vielen Bedenken die Spitze nehmen. Es reicht nicht, die zu bashen, die sich nicht schnell genug verändern wollen, oder die, die sich möglichst gar nicht verändern wollen. Es ist dagegen sehr klug, sich zu fragen, wie man möglichst viele Leute mitnehmen kann.
 
Subventionen für fossile Industrien halten sich hartnäckig. Warum ist es politisch so schwer, hier den Rotstift anzusetzen?

Weil die Situation stellenweise tatsächlich komplex ist. Nehmen Sie den Agrardiesel, um den es einen Riesenstreit gab. Das hatte ja eine beinahe obskure Anmutung. Aber es gibt zum Beispiel noch zu wenige Landmaschinen auf Elektrobasis. Es gibt also noch kaum wirkliche Alternativen. Und darum gab es auf Seiten der Landwirte sehr reale Sorgen. Wobei der Agrardiesel ganz am Ende weder im Bundeshaushalt noch bei der Energiewende eine große Rolle spielt.
 
Braucht es mehr Ehrlichkeit gegenüber Wähler*innen, dass Klimaschutz auch wehtun wird – oder verlieren Politiker*innen damit Wahlen?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt der These folge, dass der Klimaschutz wehtun wird. Am Ende werden wir ein Energiesystem haben, das sauberer, unabhängiger von Importen und in großen Teilen günstiger ist als das Gegenwärtige. Mein Sitznachbar im Landtag, der sein Haus mit Photovoltaik ausgestattet hat, zeigt mir ständig und sehr vergnügt auf dem Handy seine Energiebilanz. Und was es ihn gerade kostet, sein E-Auto zu laden. Es geht generell in die richtige Richtung. Es gibt in Niedersachsen schon etliche energieautonome Dörfer, versorgt über lokale Biogasanlagen, und zwar viel günstiger als sonst üblich. Das Geld bleibt dann im ländlichen Raum, wo sich sonst viele abgehängt fühlen. Dieses Narrativ, dass alle den Gürtel enger schnallen müssen, würde ich bezogen auf die Erneuerbaren nicht unterschreiben. Wenn die Weichen richtig gestellt werden, darf man da mit guten Gründen zuversichtlich sein. Mich ärgert, dass nicht nur die AfD, sondern auch große Teile der Union immer noch das Gegenteil erzählen und beispielsweise die erneuerbaren Energien hart kritisieren. Oder sie stilisieren sich absurderweise zum Retter der Verbrenner hoch. Da werden die Leute für dumm verkauft. 
 
Und damit wird der Klimaschutz bewusst ausgebremst.

Die CDU trägt beim Verbrenner-Aus gerne noch dieselben Plakate vor sich her, wie vor zehn Jahren, obwohl kluge Köpfe in der Partei es längst besser wissen. Das ist wirklich zu kritisieren. Eine konsequente Energiewende könnte genau die Vision sein, die Deutschland momentan so dringend braucht. Würde man einen klaren, breit getragenen Kurs für die nächsten 15 Jahre garantieren, würde auch wieder investiert werden. Ich würde mir wünschen, dass die CDU beim Thema Technologieoffenheit nicht nur auf den Verbrenner blickt, sondern in die Zukunft. Es führen viele Wege nach Rom. Wir müssen diese Wege aber mit Entschiedenheit gehen. Und ja, auch mutig sein. Die Stadt Hannover verfolgt beispielsweise bei der Wärme einen sehr ambitionierten Kurs. Viele andere Städte zögern da noch, aber das Gas wird nun einmal immer teurer werden. Trotzdem wird gebremst und das ist langfristig grundfalsch.

» Interview: Lars Kompa

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Editorial 08-2026

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Editorial 08-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Belit Onay getroffen. Er ist Nummer drei in der kleinen Stadtkind-Reihe vor der Kommunalwahl. Nach Maren Kaminski und Peter Karst jetzt also der Oberbürgermeister. In der September-Ausgabe folgt dann noch Axel von der Ohe. Was mich in diesen Interviews interessiert, ist gar nicht so sehr das Wahlprogramm. Wir sehen ja momentan in der Stadt wieder überall die üblichen Plakate mit den gewohnten Sprüchen. Ich glaube, dass gute Politik, egal auf welcher Ebene, vor allem von den Köpfen lebt. Was ist gute Politik? Eigentlich ganz einfach: Wenn möglichst viele, im Idealfall alle Menschen, von den Entscheidungen der Politik profitieren, wenn Politik vorausschauend, fair, gerecht und nachhaltig angelegt ist, dann ist es gute Politik. Und ob das einigermaßen gelingt, das steht und fällt mit jenen, die wir alle in die Ämter wählen. Mich interessieren in den Interviews darum weniger die beruflichen Karrieren und die akademischen Titel, ich finde die Biografien hinter den glatten Lebensläufen weitaus spannender. Wo ist jemand aufgewachsen, gab es ungewöhnliche Nebenjobs, besondere Erfahrungen? Aus der Summe all der Ecken und Kanten, an denen sich ein Mensch im Laufe seines Lebens stößt, formt sich der Charakter und damit auch der Kompass, der das politische Handeln bestimmt.

Die Biografie von Belit Onay beginnt in einem Restaurant in Goslar, das seine Eltern führten. Seinen Vater hat es aus Istanbul per Losverfahren in die beschauliche Stadt im Harz mit knapp 50.000 Menschen verschlagen. Eine andere Welt. Istanbul war seinerzeit eine 5,5-Millionen-Metropole. Aber der Familie gefällt es gut in Goslar, das Restaurant mitten im Zentrum ist bekannt und beliebt, und Belit Onay ist natürlich mit am Start, er hilft, er muss helfen. Es ist so ein typischer Familienbetrieb. Und Goslar ist so eine kleine Oase. Man kennt sich und man schätzt sich.

Belit Onay war zwölf oder dreizehn, als die Polizei seine Eltern im Restaurant besucht, um nach den Brandanschlägen von Solingen und Mölln vor möglichen Gefahren zu warnen. Man sei ein mögliches Ziel, sehr bekannt und direkt an der Hauptstraße gelegen, quasi auf dem Präsentierteller. Seine Eltern überlegen danach eine Weile, zurück in die Türkei zu gehen. Aber sie bleiben. Diese Erfahrungen damals haben Belit Onay sehr geprägt. Und es ist nach Solingen und Mölln dann nicht unbedingt besser geworden. Die Fremdenfeindlichkeit war mehr als sichtbar in Deutschland und durchaus ein Thema auch für Wahlkämpfe. „Wo kann man denn hier gegen Ausländer unterschreiben?“, diesen Satz hörte man beispielsweise 1999 in Hessen auf den Straßen, als Roland Koch seine Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft inszenierte.

Zwanzig Jahre später, nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister, hat der Rechtsextreme Martin Sellner, bekanntester Kopf der identitären Bewegung, ein Video über Belit Onay veröffentlicht – und der Hass ging viral. Noch heute kommt bei Belit Onay der Rassismus gelegentlich mit der Post, und es geht dann auch um seine Familie, seine Kinder. Man hat sein ganzes Leben in Deutschland verbracht, ist zur Schule gegangen, hat Jura studiert, sich in der Kommunalpolitik engagiert – und wird ständig gefragt, wo man „eigentlich“ herkommt. Und wann man „eigentlich“ dorthin zurückwill.

Direkt nach seiner Wahl war die Stimmung nicht unbedingt euphorisch bei Belit Onay, sondern eher gedrückt. So viel Hass. Und dann trifft er in der Stadt am Steintorplatz an einer Ampel eine Frau, die ihn als neuen Oberbürgermeister erkennt, ihm sagt, dass sie ihn nicht gewählt hat, aber ihm auch sagt, dass er jetzt bitte das Beste draus machen soll. Diese Begegnung hat seine Perspektive verändert. Einer große Mehrheit interessiert sich einfach nur dafür, wie es in Hannover weitergeht. Man kann über Belit Onays Arbeit ganz sicher streiten, über seine Bilanz nach den Jahren im ständigen Krisenmodus, über die Verkehrswende, über das Ihme-Zentrum, über die Projekte zur Belebung der Innenstadt. Man kann nicht nur, man muss darüber streiten, denn es geht ja schließlich um die besten Ideen für Hannover. Um eine Politik, die vorausschauend, fair, gerecht und nachhaltig sein sollte. Mehr im Interview ab Seite 58.

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Das August-Kind ist da!

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Das August-Kind ist da!


Für die August-Ausgabe hat Lars Kompa mit dem OB-Kandidaten gesprochen, der das Amt schon innehat: Belit Onay. Er geht um Kindheit, Rassismus-Erfahrungen und sechseinhalb Jahre im Amt zwischen Corona, Koalitionsbruch und Hass im Netz. Mehr dazu im Heft!

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