Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht irgendwelche neuen asiatischen Foodtrends aus dem Digital gekrabbelt kommen. Seit einiger Zeit sind von Hand gezogene Nudeln das große, heiße und ziemlich lange Ding. Man stellt sich natürlich sofort eine Szene vor wie seinerzeit bei „Susi und Strolch“. Ob es tatsächlich auch so romantisch ist, so gut schmeckt und ob wir einen singenden Hundechor vorfinden würden, haben wir eruiert und waren in der zweiten, neueren Filiale des Changle Noodle Houses auf der Marienstraße. Deren Partnerfiliale ist schon seit längerem auf der Lister Meile zu finden und die Spezialität des Hauses sind eben nämliche Nudeln. Mit Pho oder ohne, warm, kalt, mit Gemüse und/oder Fleisch – jegliche denkbare Zubereitung. Wir fragen uns, ob der Hype berechtigt ist.
Zur Vorspeise gönnen wir uns frittierte Dumplings (5 Stück für 4,90 Euro) mit Schweinefleischfüllung, trinken ein Bier (0,33l für 4,90 Euro) und eine große Johannisbeer-Saftschorle (0,4l für 4,90 Euro) Innerhalb kürzester Zeit bekommen wir die Vorspeise serviert.
Die Dumplings sind knusprig und obwohl ein bisschen salzarm, schmecken sie doch recht gut. Wir können uns nicht ganz einigen, ob es sich um selbstgemachte oder gekaufte Ware handelt, was am Ende aber auch gar nicht so furchtbar wichtig ist. Während wir noch kauen, kommt schon eines unserer Hauptgerichte. Zum einen haben wir das zweifach gebratene Schweinefleisch mit Reis (15,90 Euro) bestellt und zum anderen natürlich das Gericht, weshalb wir hier sind: handgezogene Nudeln mit Salat, Gemüse, Hackfleisch und Five Spice-Würzung (13,90 Euro). Letzteres Gericht wird zuerst serviert, was ein bisschen ärgerlich ist. Wenn die Gerichte nicht zeitgleich kommen, wartet der Eine natürlich aus Höflichkeitsgründen auf den anderen und muss dann später lauwarmes Essen essen.
Nach einer gewissen Wartezeit wird dann auch das Schweinefleisch gebracht. Was sich als erstes bei beiden Gerichten herausgestellt: Das mit der Salzarmut zieht sich durch, generell ist das Würzen hier anscheinend verpasst worden, es schmeckt doch alles sehr… tja… naturbelassen. Leider ist auf dem Tisch weder eine Menagerie zu finden noch ist das Servicepersonal aufmerksam genug (wenn auch sehr freundlich) nachzufragen, ob alles in Ordnung sei.
Bei der Five-Spice-Gewürzmischung, die für die asiatische Küche typisch ist, schmeckt man am deutlichsten den Sternanis hervor, was das Ganze in Kombination mit den nahezu ungewürzten Restzutaten nach Nudeln mit Hustensaft schmecken lässt. Das zweifach gebratene Schweinefleisch ist, so soll es ja auch sein, ein bisschen gummig, ja fast toffeeartig klebrig. Handwerklich wirklich gut gemacht, dünn geschnitten, schön glasiert aber ebenfalls relativ geschmacksarm. Da sieht man mal wieder: Optik ist nicht alles.
Alles in allem sind wir zwar satt, besonders begeistert aber nicht. Nicht von der Einrichtung – statt der erhofften „Susi und Strolch“-Romantik hat das Changle eher Kantinencharakter – und das Signature Dish: Nun, letzten Endes sind es dann doch nur ein paar ungewöhnlich lange Eiernudeln (ohne Hundechor) für vergleichsweise viel Geld bei wenig Gewürzen. Hält sich unserer Meinung nach nicht die Waage, wiederkommen werden wir wohl eher nicht.
» IH
Changle Noodle House Marienstraße 54 30171 Hannover Di-So: 12-15 Uhr und 17-21.30 Uhr
Mit der Vitrine Hannover entsteht in der Innenstadt ein temporärer Raum für migrantische Gründungen. Vom 8. Juli bis Ende Oktober erhalten Gründer*innen die Möglichkeit, ihre Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsideen unter realen Bedingungen zu präsentieren, weiterzuentwickeln und wertvolle Erfahrungen im direkten Austausch mit der Öffentlichkeit zu sammeln. Die Vitrine versteht sich als Ort des Ausprobierens, Lernens und Vernetzens. Besucher*innen können die Menschen hinter den Ideen kennenlernen, Feedback geben und die Entwicklung der Projekte hautnah begleiten. Die teilnehmenden Gründer*innen präsentieren dabei ein vielfältiges Angebot aus den Bereichen Mode, Schmuck, Floristik, Coaching, Bildung, Beauty und digitale Dienstleistungen. Das Projekt schafft Verbindungen zwischen Gründerinnen, Kund*innen, Communities und Unterstützungsangeboten. Es setzt ein Zeichen für Vielfalt, Teilhabe und Dialog und macht unternehmerische Ideen sichtbar, bevor sie perfekt sein müssen. Das Projekt wird vom kreHtiv Netzwerk Hannover e.V. umgesetzt und im Rahmen des Förderprogramms WIR 2.0 der Landeshauptstadt Hannover gefördert.
Grupenstraße 3, 30159 Hannover. 8. Juli bis Ende Oktober 2026, mindestens Mi-Sa, 12-18 Uhr (darüber hinaus individuell). Mehr Infos auf www.krehtiv.de/projekte/vitrine-hannover.
Perlenfischer
„Die Lister Meile war für uns von Anfang an der ideale Standort für unseren Perlenfischer Store in Hannover. Umso mehr freuen wir uns, dass wir hier so offen und herzlich empfangen wurden. Die positive Resonanz der Nachbarschaft und unserer Kunden hat uns den Start leicht gemacht, und wir fühlen uns auf der Lister Meile bereits sehr wohl“, freuen sich die Betreiber*innen von Perlenfischer. Im Mittelpunkt des Sortiments stehen die charakteristischen Design-Stempel sowie kreative Produkte, mit denen individuelle Ideen gestaltet und umgesetzt werden können. Von Grußkarten und Geschenkverpackungen über Papeterie bis hin zu persönlichen DIY-Projekten. Die Motive werden in Frankfurt am Main entworfen und in einer deutschen Manufaktur gefertigt. So verbindet Perlenfischer modernes Design, hochwertige Materialien und die Freude am kreativen Gestalten. Neben den eigenen Produkten bietet der Store eine sorgfältig kuratierte Auswahl an besonderen Geschenkartikeln, hochwertiger Papeterie und inspirierenden Kleinigkeiten für alle, die Schönes lieben. Ab Juli erweitert Perlenfischer das Angebot um Workshops, in denen Interessierte das Stempeln kennenlernen und gemeinsam kreativ werden können. Der neue Store versteht sich damit nicht nur als Geschäft, sondern auch als Ort der Inspiration und Begegnung für Kreative, Designliebhaber und alle, die Freude am Selbermachen haben.
Lister Meile 66, 30161 Hannover. Mo-Fr 10.30-18.30 Uhr, Sa 10-16 Uhr. Mehr Infos auf www.perlenfischerdesign.de.
Zur guten Absicht
Mitten in der Altstadt Hannovers ist mit Zur guten Absicht ein besonderer Ort entstanden – eine Galerie für Utopien, die Menschen zusammenbringt und dazu einlädt, die Zukunft der Stadt gemeinsam zu gestalten. Hier stehen nicht Konsum und Hektik im Mittelpunkt, sondern Ideen, Begegnungen und die Frage, wie ein gutes Zusammenleben in Hannover aussehen kann. Herzstück des Projekts ist die Sammelstelle für wertschätzende Kritik. Besucher*innen können hier ihre Beobachtungen, Wünsche, Fragen, Anregungen oder auch Kritik zum Leben in Hannover teilen. Die gesammelten Beiträge werden sichtbar gemacht und gemeinsam mit Vereinen, Initiativen, Expert*innen sowie interessierten Bürger*innen weitergedacht. So entstehen Gespräche, Veranstaltungen und neue Impulse für die Stadtgesellschaft. Zur guten Absicht vereint Café, Bibliothek, Treffpunkt, Kiosk, Projektraum und Forum unter einem Dach. Bei einem Çay, Kaffee oder einer Limonade können Gäste verweilen, in ausgewählten Büchern zu Gesellschaft, Kultur und Zusammenleben stöbern oder besondere Produkte und Ideen aus Hannovers Partnerstädten entdecken. Ein vielfältiges Programm aus Workshops, Lesungen, Gesprächen, Ausstellungen und kreativen Begegnungsformaten ergänzt das Angebot. Abseits der Öffnungszeiten, dient der Raum Vereinen und Initiativen als Werkstatt für neue Projekte und Kooperationen. So wird Zur guten Absicht zu einem Ort, an dem aus Gedanken konkrete Ideen werden – und aus Ideen gemeinsames Handeln.
Der gemütliche Laden stellt die Schönheit hochwertiger Materialien, zeitloses Design und bewusst ausgewählte Alltagsgegenstände in den Mittelpunkt: Sleep with me. vereint Handwerkskunst, Ästhetik und die Freude an Dingen, die lange bleiben und mit den Jahren an Charakter gewinnen. Im Zentrum der Kollektion steht die von der Ladenbesitzerin mit viel Liebe zum Detail handgefertigte Leinenbettwäsche. Leinen gilt seit Jahrhunderten als besonders langlebiges und natürliches Material. Es wird mit jeder Wäsche weicher, sorgt für ein angenehmes Schlafklima und bringt Ruhe und Natürlichkeit in den Wohnraum. Jedes Stück verbindet Komfort, Qualität und zeitlose Gestaltung. Ergänzt wird das Sortiment durch eine sorgfältig kuratierte Auswahl besonderer Produkte für das Zuhause. Dazu gehören ausgewählte Designklassiker, handgefertigte Unikate, hochwertige Handtücher, feines japanisches Porzellan sowie weitere Fundstücke, die durch Qualität, Handwerkskunst und eine klare, zeitlose Ästhetik überzeugen. Statt kurzlebigen Trends stehen hier Beständigkeit, Funktionalität und die Freude an gut gestalteten Dingen im Vordergrund. Sleep with me. ist ein Ort für Menschen, die Wert auf bewusstes Wohnen legen und sich mit Dingen umgeben möchten, die den Alltag bereichern. Produkte, die gerne genutzt werden, eine Geschichte erzählen und über viele Jahre hinweg Freude bereiten.
Edenstraße 42, 30161 Hannover. Fr 16-19 Uhr, Sa 11-19 Uhr. Mehr Infos auf Instagram @sleep.with.me_hannover.
Abgelegt unter Einkauf & Genuss, Neu in der StadtKommentare deaktiviert für Neu in der Stadt: Vitrine Hannover, Perlenfischer, Zur guten Absicht und Sleep With Me
Dieses Geschäft in der Deisterstraße ist weit mehr als nur ein Fanshop. Nanosfootballjerseys verbindet jahrzehntelange Fußballgeschichte geballt an einem Ort. Jedes Trikot trägt Erinnerungen, erzählt von Siegen und Niederlagen, vom Mitfiebern, von Verzweiflung. Und mittendrin: Inhaber Manuel, der zufrieden lächelt. „Ich wollte schon immer etwas Eigenes schaffen, mein Hobby zum Beruf machen – und jetzt stehe ich hier in meinem Laden.“
Als Manuel Said klein ist, bekommt er sein erstes Fußballtrikot geschenkt. Wahrscheinlich ahnt damals niemand, dass aus diesem Stück Stoff einmal ein ganzes Geschäft werden würde. Aber irgendwo zwischen spannenden Bundesliga-Wochenenden in seinen Kinderzimmerwänden entsteht etwas, das sicher viele Fußballfans kennen: die emotionale Bindung an ein Trikot. Nicht nur an dessen Verein, sondern an besondere Erinnerungen und Spieler, die damit verknüpft sind.
Heute hängen hunderte dieser Erinnerungen dicht an dicht in Manuels Laden in Linden. Vintage-96-Trikots, internationale Shirts, seltene Spielerflocks, Trainingsjacken und weitere Schätze aus längst vergangenen Saisons füllen etliche Kleiderstangen. Mehr als 500 Vintage-Trikots hängen im Sortiment und lassen Fußballfans sofort nostalgisch werden. Nanosfootballjerseys bietet ihnen ein Erlebnis irgendwo zwischen Fußballmuseum, Sammlerzimmer und Streetwear-Store.
Dabei hatte der 25-Jährige, als er vor ein paar Jahren von Winterberg für sein Studium nach Hannover zog, ganz andere Pläne. Er studierte Informationsmanagement mit Schwerpunkt Online-Marketing und dachte gar nicht daran, einmal auf diese Weise Fußballfans aus ganz Deutschland begeistern zu können.
Neben dem Studium ging er einfach weiter seinem Sammlerhobby nach. Flohmärkte wurden für Manuel zu gezielten Schatzsuchen, Kleinanzeigen zu Handelsplätzen. „Es wurde immer mehr Trikots, immer mehr und mehr“, berichtet er und lacht. „Aber dann kam irgendwann der Punkt, an dem ich gesagt habe, ich möchte doppelte Trikots wieder loswerden und mit anderen teilen.“
Also fing er an, seine Funde auf Instagram zu posten. Dort teilte Nanosfootballjerseys seine Retro-Shirts, seltene Matchworn-Trikots und neue Fundstücke aus ganz Europa. „Ich habe eigentlich nur meine privaten Sachen gezeigt“, erzählt er. Doch immer häufiger fragten Follower*innen, woher die Trikots stammen, ob man sie kaufen könne und wann neue kommen. Also begann Manuel mit ersten Story-Verkäufen: Ein Trikot posten, Preis dazuschreiben und warten, bis sich Interessierte melden. Eine erste Business-Idee war geboren.
Parallel besuchte er Fußballmessen und stellte auch dort fest, dass Vintage-Fußballtrikots längst mehr als Fanartikel sind. Vielmehr sind sie Sammlerstücke, Modeobjekte und Erinnerungsarchive für die Menschen. Die alten Stoffe erzählen von Weltmeisterschaften, Kreisliga-Nachmittagen oder Champions-League-Abenden, die man in der Kindheit miterleben durfte. Und in seinem Laden in Linden kann Manuel mit diesem Nostalgie-Faktor punkten.
Denn letztlich geht es bei den Trikots oft genau darum: um ihre Geschichten. Das weiß der Inhaber längst. Auf die Frage nach seinem Lieblingsstück im Laden muss er nicht lange überlegen, denn auch er verbindet damit eine Geschichte. Es ist ein Spielertrikot von Hannover-96-Legende Altin Lala. „Das habe ich mir von ihm persönlich signieren lassen“, strahlt Manuel. Zum Erreichen seiner ersten 10.000 Instagram-Follower schrieb er den ehemaligen Profi einfach an. „Das war das erste Mal, dass ich von einem Spieler persönlich etwas bekommen habe.“
Und spätestens an diesem Punkt wird deutlich, dass hier kein knallharter Verkäufer hinter dem Tresen steht, sondern ein passionierter Fan, der seine Leidenschaft für den Fußball mit anderen teilen möchte. Während so mancher bei diesem Verkaufserfolg vermutlich längst über Expansion sprechen würden, bleibt Manuel erstaunlich ruhig. „Ich lebe im Hier und Jetzt und schaue, was kommt“, sagt er. Er macht keine großen Fünfjahrespläne oder entwickelt Franchise-Ideen. Manuel will einfach nur Fußballfans glücklich machen.
Stimmt, aber hilft doch sehr. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität hat ja vielen ein bisschen Hoffnung gemacht. Jetzt liegt der erste Monitoringbericht vor – und statt geplanter 37 Milliarden sind 2025 nur 24 Milliarden abgeflossen. Die Zielerreichungsquote liegt bei 54 Prozent. Haben Sie das so erwartet?
Bei diesen Zahlen habe ich noch kein Störgefühl. Die meisten Vorhaben müssen neu geplant oder zumindest überarbeitet werden, weil finanzielle Mittel jahrelang nicht in Sicht waren. Und dann sind Genehmigungsverfahren notwendig – das weiß jeder private Bauherr. Das Programm ist auf zwölf Jahre angelegt. Ich bin sehr sicher, am Ende ist kein Cent übrig, aber noch sehr viel Bedarf.
Das Finanzministerium spricht von einem „insgesamt erfolgreichen Start“. Ist das nicht doch ein bisschen schöngeredet?
Solche Programme fangen immer verzögert an, aber wenn sie erst einmal im Betriebsmodus sind, dann klappt es auch. Viele Vorhaben lagen einfach jahrelang in den Schubladen, weil nie jemand gedacht hat, dafür könnte jemals Geld da sein. Und jetzt braucht es ein bisschen Zeit, bis es sich in Gang setzt.
Ihre Worte in Gottes Ohr. Ich frag Sie in ein paar Monaten noch mal …
Ich bin mir sicher, dass die Quote dann schon ganz anders aussehen wird.
Die Länder haben bislang etwa ein Prozent ihrer Mittel ausgegeben. Gilt dasselbe? Braucht es einfach Zeit?
Es ist ähnlich. Die Länder haben schlicht nicht damit gerechnet, was da für ein Geldsegen auf sie zukommt. Wenn in drei Jahren die Zahlen immer noch so sind wie heute, muss man sehr genau hinschauen. Aber nach dem ersten Jahr, eigentlich den ersten Monaten, ist es einfach zu früh für eine Bewertung.
Ihr Optimismus ist bewundernswert.
Das ist nicht nur Optimismus, sondern in diesem Fall auch ein gewisses Erfahrungswissen.
Das Geld, das bisher geflossen ist, landet vor allem bei Krankenhäusern und beim Sport. Bei der Digitalisierung, der Forschung und bei der Energie sind gerade mal 2,7 Prozent angekommen. Läuft da nicht grundsätzlich etwas falsch? Das Geld fließt offensichtlich nicht dorthin, wo Transformation wirklich nötig wäre.
Bei den Krankenhäusern ist es dringend notwendig. Viele würden in den kommenden Jahren allein baulich aus der Kurve fliegen, wenn nichts passiert. Gebraucht werden sie aber unbedingt. Und beim Sport wirkt vor allem die Sportmilliarde. Die ist auch gut investiert. Wenn ich allein in Hannover sehe, wie viele Vereine Bedarf haben, dann kommt das Geld genau richtig an.
Aber jetzt zur Forschung, Digitalisierung und Energie …
Das dürfte im Grundsatz die gleichen Gründe haben, auch da braucht es konkrete Konzepte, Planungen und Genehmigungen.
Der Investitionsbeirat kritisiert, dass es kein ressortübergreifendes Zukunftsbild gibt. Haben Union und SPD das Sondervermögen beschlossen, ohne zu wissen, wo es wirken soll?
Aus der Überschrift ergeben sich ja schon zwei Schwerpunkte: Infrastruktur und Klimaschutz. Ich hätte nichts gegen ein gemeinsames und konkretisiertes Zukunftsbild über alle Ressorts hinweg. Aber ob das dann einen großen Mehrwert für die Umsetzung des Programms hätte oder es im Gegenteil schwieriger in der Umsetzung macht, wissen wir nicht.
Kann man ein Land mit Geld modernisieren, das strukturell gar nicht in der Lage ist, dieses Geld sinnvoll auszugeben? Zu wenig Personal in den Planungsämtern, überbordende Bürokratie …
Das ist ein zentraler Faktor, der in der Tat für Verzögerungen sorgt. Alle planenden Bauberufe sind echte Mangelberufe. Deswegen ist es wichtig, dass parallel die Entbürokratisierung – zum Beispiel im Baurecht – massiv vorangetrieben würde. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit Bundesbauministerin Hubertz, und da klang an, dass sie bis zur Sommerpause noch Vorschläge machen wird, die das Bauen deutlich beschleunigen sollen. Das klang für mich ganz gut. Wenn man sehr komplizierte Systeme hat, braucht es entsprechend viele Fachleute, die das alles durchdringen. Diese Leute fehlen. Also muss das System einfacher werden.
Der WWF kritisiert, dass im Monitoring gar nicht geprüft wird, ob die Ausgaben auf Klimaneutralität einzahlen – obwohl das im Titel steht. Eine Mogelpackung?
Ich gehe davon aus, dass innerhalb der Vorhaben die Frage nach Nachhaltigkeit sauber mit abgeprüft wird – das ist eigentlich längst Standard. Und wenn das punktuell nicht der Fall sein sollte, gibt es hoffentlich andere Vorgaben, die das sicherstellen. Natürlich zahlt die Sanierung einer maroden Straße nicht direkt auf Klimaneutralität ein – es sei denn, es fahren nur noch Elektroautos drüber. Aber man muss ja trotzdem realistisch bleiben und das Notwendige tun. Es gibt über zehntausend marode Brücken in Deutschland, das kann doch so nicht bleiben.
Im Kernhaushalt sind die Zukunftsausgaben gleichzeitig rückläufig. Das Sondervermögen kompensiert, was anderswo wegfällt. Wie viel Netto-Fortschritt bleibt übrig? Und was wäre ein Weg?
Wir haben einen riesigen Investitionsstau und es ist illusorisch zu glauben, den in ein paar Jahren überwinden zu können. Deutschland liegt beim internationalen Vergleich öffentlicher Investitionen irgendwo auf einer Höhe mit Costa Rica. Das ist das Ergebnis von jahrzehntelangem Sparen, ohne die Folgen zu beachten. Was jetzt mit dem Sondervermögen begonnen wurde, muss natürlich nachgehalten werden. Und das hängt unmittelbar mit der Frage der Schuldenbremse zusammen. Eine Schuldenbremse muss Investitionen dauerhaft möglich machen, nicht nur über Sondervermögen. Wenn ein Land aufhört zu investieren, hat es ein ganz anderes Problem. Das sieht man an der Deutschen Bahn. Warum klemmt es dort an allen Ecken? Weil die Bahn über Jahrzehnte unterfinanziert war. Es ist immer besser, gleich zu investieren, als die Investitionen auf später zu verschieben. Dann wird es nur noch teurer.
Wenn man die 500 Milliarden auf alle Kinder unter 14 Jahren aufgeteilt hätte, wäre jedes Kind mit 48.000 Euro ausgestattet worden. Wäre das nicht eine echte Zukunftsinvestition gewesen?
Da mache ich mal ein großes Fragezeichen. Erstens gibt es da noch die Eltern, die dieses Geld dann einsetzen müssen. Viele würden das im Sinne ihrer Kinder tun, aber wahrscheinlich längst nicht alle. Und zweitens: Was hätten diese Kinder von ihren 48.000 Euro, wenn sie erwachsen sind? Ein Land, das sie erst wieder aufbauen müssen. Eine gute Perspektive sieht anders aus.
Für mich ist das Entscheidende die Bildung. Deutschland hat im Grunde nur diese Ressource. Müssten es nicht an der Stelle ein Sondervermögen geben.
Mit Geld allein ist es da nicht getan. Das große Problem ist die zu geringe Zahl gut ausgebildeter Lehrkräfte und anderer Fachkräfte, die auch bei größten Anstrengungen nicht zur Verfügung stehen. Die brauchen wir dringend, zumal in vielen Familien die Ausgangslage nicht besser geworden ist in den vergangenen Jahren. Ich mache mit bei der Hausaufgabenhilfe in einer Grundschule und sehe jedes Mal, wie schwierig die Situation für viele Kinder ist. Kinder aus migrantischen Familien zum Beispiel, in denen nur die Heimatsprache gesprochen wird, haben vom ersten Schultag an Unterricht in einer Fremdsprache. Es ist wirklich bewegend zu sehen, wie diese Kinder kämpfen und vorankommen wollen. Sie brauchen dabei unsere maximale Unterstützung. Und leider ist es viel zu oft auch so, dass es schlicht ein Problem beim Förderung von Kindern durch Eltern gibt. Deswegen startet Niedersachsen jetzt überall mit der Ganztagsschule, zunächst im ersten Jahrgang und dann aufsteigend. Das ist der Versuch, dieses Defizit über ein öffentliches Angebot aufzufangen, aber das kann natürlich nur die zweitbeste Lösung sein.
» Interview: Lars Kompa
Abgelegt unter Ein letztes WortKommentare deaktiviert für Ein letztes Wort im Juli
für diese Ausgabe habe ich Peter Karst getroffen, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hannover und CDU-Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters. Ich kenne ihn schon eine Weile, darum duzen wir uns im Interview. Peter kommt aus einer Juristenfamilie, er hat selbst Jura studiert, aber dann einen etwas anderen Weg gewählt. Er war kurz Rechtsanwalt, dann unter anderem Geschäftsführer eines Bäckerinnungsverbands in Bochum und Strukturwandelmanager im Ruhrgebiet. Was auf den ersten Blick sehr unterschiedlich klingt, war für ihn, wie er selbst sagt, aber eigentlich immer dasselbe, nämlich Interessenvertretung, Verwaltungsleitung und Politikberatung. Und was er dabei für sich in Anspruch nehmen kann, ist, erfolgreich gewesen zu sein. Seine Bilanz konnte sich bisher immer sehen lassen. Und man merkt ihm an, dass er große Lust hätte, in ein paar Jahren auf eine mindestens ebenso erfolgreiche Bilanz als Oberbürgermeister Hannovers zurückzublicken. Er will. Und es würde ihm Spaß machen. Einen Plan hat er auch, wobei eines ihm sehr wichtig ist, nämlich die Dinge bis zu Ende zu denken. Quidquid agis, prudenter agas et respice finem, heißt es im Familienwappen. Was du auch tust, tue es klug und bedenke das Ende. Das klingt für mich nach einer ziemlich guten Grundlage für kommunale Politik.
Aber Moment mal, Peter ist in der CDU. Und was in der CDU so gedacht und auch beschlossen wird, korrespondiert nur sehr begrenzt mit meinen Überzeugungen. Manche seiner Ideen sind mir aber trotzdem sympathisch. Ist es in der Kommunalpolitik eigentlich spielentscheidend, zu welcher Seite man sich rechnet? Was spielen die großen Grundsatzdiskussionen für eine Rolle, wenn man ein Schwimmbad erhalten will oder einen Fahrradweg sanieren muss? Ideologie ist nicht per se schlecht. Sie gibt Orientierung, aber sie ist aus meiner Sicht eher ein Werkzeug und kein Selbstzweck. Und wie jedes Werkzeug taugt sie für manche Aufgaben besser als für andere. Für viele Probleme braucht man keine Weltanschauung, sondern den Willen, die Probleme zu lösen. Und genau das kann für mich die Stärke kommunaler Politik sein. Alle demokratischen Parteien müssen bereit sein, gelegentlich die Fahnen kurz einzurollen und zu fragen, was gebraucht wird und was funktionieren könnte. Was gar nicht so einfach ist, wie es klingt, denn der Reflex, alles durch die eigene ideologische Brille zu filtern, sitzt oft ziemlich tief. Auch bei mir.
Damit ich hier nicht falsch verstanden werde: Was ich hier gerade geschrieben habe, ist kein Plädoyer gegen die Brandmauer. Im Gegenteil, ich spiele mit großer Überzeugung im Team Brandmauer. Kennt noch jemand Hans-Peter Briegel? Das bin ich. Ich halte die AfD für eine gefährliche Partei mit absurden Ideen. Auch im Kommunalen hört der Pragmatismus an genau dieser Stelle bei mir auf. Die AfD ist kein Teil irgendeiner Lösung, sondern ein leider wachsendes Problem. Und ein Gegenmittel ist ganz sicher keine Kooperation oder gar Anbiederung, ein probates Mittel ist eine vernünftige, progressive Politik, die ein Ziel hat und nicht bloß verwaltet.
Aber zurück zu Peter. Während des Gesprächs fällt mir immer wieder auf, dass er (noch) kein Politiker ist. Er formuliert nicht vorsichtig oder ausweichend. Auch mit den üblichen Phrasen ist er sparsam. Mir sitzt einfach jemand gegenüber, der Probleme lösen will. Ich mag das. Wir haben in Deutschland gerade eine seltsame Gleichzeitigkeit: Auf der einen Seite ein wachsendes, tiefes Misstrauen gegenüber „der Politik“ als Institution. Auf der anderen Seite eine Politikkultur, die Quereinsteiger*innen mit echten Biographien und echter Expertise eher als Risiko behandelt. Dass das zusammengehört, dieses Misstrauen und die Monokultur, liegt eigentlich auf der Hand. Vielleicht ist so ein Quereinsteiger wie Peter schon ein Teil der Lösung. Vielleicht aber auch nicht. Mehr im Interview ab Seite 58.
Abgelegt unter EditorialKommentare deaktiviert für Editorial 07-2026
Im Juli gibt es ein weiteres Interview mit einem Oberbürgermeiserkandidaten, diesen Monat: Peter Karst von der CDU. Welche Ideen er hat und wie er Hannover in Zukunft sieht, lest ihr ab Seite 58 im neuen Heft!
Abgelegt unter Aktuelles, TitelKommentare deaktiviert für Das Juli-Kind ist da!