Türkische Restaurants gibt es viele in Hannover, und genauso viele Meinungen darüber, wo es den besten Döner, den besten Lahmacun oder die leckersten Köfte gibt. Um bei dieser wichtigen Debatte mitreden zu können, besuchen wir das Restaurant Lindener Lehmofen in der Falkenstraße. Das Besondere: der offene Lehmofen, in dem türkische Teigspezialitäten zubereitet werden.
Als wir vor dem Restaurant stehen und uns nicht entscheiden können, ob wir an einem der Tische draußen oder doch lieber drinnen sitzen wollen, werden wir direkt sehr freundlich begrüßt. Wir entscheiden uns dafür, reinzugehen. Anders als draußen sitzt man im Restaurant an relativ kleinen Tischen auf Barhockern, wodurch eine Mischung aus Restaurant- und moderner Imbissatmosphäre entsteht. Hinter dem Tresen in der Mitte des Raumes steht der Lehmofen, vor dem auf einem Tisch bereits Lahmacun und Brote zum Backen bereitliegen. Man kann dabei direkt beobachten, wie diese zubereitet und in den Ofen geschoben werden.
Als wir uns die Speisekarte anschauen, bekommen wir direkt das gegrillte Hähnchen mit Gemüsesoße, Reis, Salat und Fladenbrot (13,50 Euro) empfohlen. Wir entscheiden uns für die Empfehlung und bestellen zusätzlich noch einen gemischten Vorspeisenteller, ebenfalls mit Fladenbrot, (9 Euro) und einen veganen Lahmacun (3 Euro). Dazu trinken wir Çay. Die Vorspeise kommt nach wenigen Minuten. Sie besteht aus sechs unterschiedlichen Dips, etwas Bulgur und sehr gut gebackenem Fladenbrot. Auch der Salat wird schnell gebracht. Die Dips sind alle sehr lecker und abwechslungsreich. Besonders gut gefällt uns die Gemüsecreme mit Aubergine und der scharfe Dip mit Tomate. Die Hauptgerichte kommen noch, bevor wir mit der Vorspeise fertig sind. Wir teilen uns alles zu dritt und müssen deshalb nach zusätzlichen Tellern fragen. Ansonsten ist das Servicepersonal aber sehr aufmerksam und freundlich. Es stellt sich heraus, dass die Gemüsesoße zum gegrillten Hähnchen eigentlich eine Hollandaise ist. Das Gericht ist lecker, Hähnchen und Reis sind sehr gut zubereitet. Trotzdem hatte ich etwas anderes erwartet, da mir Hollandaise in der türkischen Küche bisher noch nicht begegnet ist. Der vegane Lahmacun ist statt mit Fleisch mit Linsen belegt, dazu gibt es die typischen Beilagen, Tomate, Petersilie und Zitrone. Die Soße ist würzig und eine gute vegane Alternative zum Lahmacun mit Fleisch. Das im Lehmofen gebackene Brot ist besonders knusprig und hebt sich von Lahmacun ab, den man sonst aus dem Imbiss kennt. Zwar etwas klein, aber für 3 Euro immer noch absolut preiswert. Zusätzlich zum Lahmacun gibt es auch eine vegane Pide-Option und einige vegetarische Gerichte. Auch wer kein Fleisch isst, wird hier also fündig. Als wir mit dem Essen fertig sind, trinken wir draußen noch einen Çay. Bei gutem Wetter kann man hier sehr gut sitzen und die Tische sind etwas komfortabler als drinnen. Insgesamt waren wir zufrieden und kommen gerne wieder.
» Jona Daum
Lindener Lehmofen Falkenstraße 21, 30449 Hannover Tel. 0511 34005267 Mo-Fr 12-21 Uhr, Sa 13-21 Uhr, So 15-21 Uhr
Schlendert man vom Moltkeplatz die Husarenstraße entlang, fällt schnell auf, dass einige Seitenstraßen die Namen einstiger Generäle zu Pferd tragen. Auch blinzelt irgendwann zwischen Büschen und Bäumen des Vahrenwalder Parks das rote Gebäude der ehemaligen königlichen Reithalle hervor. Seit Kurzem gibt es an der Ecke zur Bülowstraße nun auch ein Pony. Ein grünes. Hinter dem ungewöhnlichen Namen steckt ein kleines Seniorinnen-Startup, bei dem sich alles um europäisches Leinen dreht. Die Inhaberin verbindet ihre Leinenliebe mit einem ausgeprägten Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Genäht wird mit recyceltem Nähgarn, verwendet werden Stickgarne auf Lyocell-Basis und selbst winzige Stoffreste werden weiterverarbeitet oder upgecycelt. In dem kleinen „Offline-Only-Laden“ präsentiert sie Unikate aus reinem Leinen, Eco-vegan, leise und unaufdringlich. Auch das Ladengeschäft selbst ist umweltbewusst eingerichtet. Im Atelier entstehen in Handarbeit Kulturtaschen – auf Wunsch personalisiert –, Triangle-Täschchen, Kissenbezüge, Lavendelkissen und Windlichter. Leinen-Stickereien als Wohnaccessoires oder Karten bereichern das Angebot ebenso wie die klitzekleine Auswahl an Damen Oberbekleidung aus feinstem Leinen – kreiert für all jene, für die Größe 42 nicht die Lösung ist. Verarbeitet werden unter anderem zertifiziertes Masters of FLAX FIBRE™- Leinen, belgisches Leinen und Reinleinen aus Überproduktionen der Modebranche. So fügt sich das grüne Pony charmant in die pferdeaffine Nachbarschaft ein: klein, eigenwillig und mit einer großen Liebe zu Leinen.
Bülowstr. 8, 30163 Hannover. Di-Fr 15.30-18 Uhr, Sa 11.30-14 Uhr.
Amethyst.de
Besucher*innen des Showrooms von Amethyst.de in Großburgwedel erwartet auf mehreren hundert Quadratmetern eine der größten Ausstellungen hochwertiger Amethyste, Achate und außergewöhnlicher Mineralien. Die Ausstellung wurde nun um zahlreiche neue Sammlerstücke aus international bekannten Fundregionen erweitert. Zu den Neuzugängen gehören Apophyllit und Stilbit aus Ahmednagar in Indien, Bergkristalle,Rauchquarze und Phantomquarze aus dem Himalaya mit natürlichen Einschlüssen von Rutil und Chlorit, Prehnit Exemplare aus Mumbai, Cavansit sowie außergewöhnliche Zeolith Paragenesen aus der Region Mumbai. Sämtliche Neuzugänge wurden in hochwertiger Sammlerqualität ausgewählt und stammen aus renommierten Fundregionen. Das Herzstück des Showrooms ist „Eywa“, ein Amethyst aus Uruguay mit einer Höhe von über vier Metern und einem Gewicht von rund 5,5 Tonnen. Das außergewöhnliche Naturkunstwerk zählt zu den größten Ausstellungsstücken seiner Art. Neben klassischen Amethystdrusen und Achaten kann man zahlreiche Einzelstücke bestaunen und erwerben. Auch künftig soll das Sortiment kontinuierlich erweitert werden. Bereits angekündigt ist unter anderem eine umfangreiche Auswahl an Larimar aus der Dominikanischen Republik sowie weitere seltene Mineralien aus renommierten Fundregionen weltweit. Neben dem Verkauf legt Amethyst.de großen Wert darauf, Besucher*innen die Entstehungsgeschichte und Besonderheiten der Mineralien näherzubringen. Die Ausstellung kann während der regulären Öffnungszeiten oder nach vorheriger Terminvereinbarung besucht werden.
Kokenhorststr. 13, 30938 Burgwedel. Donnerstag und Freitag 15-20 Uhr, Samstag 11-17 Uhr. Mehr Infos auf www.amethyst.de.
Die Tür fällt ins Schloss, ein leises Glöckchen erklingt und schon wandert Leonas Blick prüfend durch den Raum. „Du suchst eine Hose?“, fragt sie die Kundin, die gerade ihren Laden betreten hat. Wenige Minuten später präsentiert Leona zwei mögliche Modelle, die Kundin verschwindet in der Umkleide und kommt lächelnd wieder heraus – Volltreffer. Genau das ist es, was Leona an PUSH so liebt.
Der Inhaberin geht es nicht darum, mit ihrem Sortiment Trends zu bedienen oder ihren Kund*innen etwas aufzuschwatzen. Sie möchte ihren eigenen Blick auf Mode mit anderen teilen. „Ich sehe die Leute ein bisschen wie leere Leinwände“, erzählt sie und lächelt. Ganz los wird sie ihre künstlerische Ader nämlich nie. Bevor sie PUSH eröffnete, studierte sie Bildhauerei und arbeitete als freischaffende Künstlerin. Darum gibt es in ihrem Laden nicht nur Kleidung, sondern dazu handgefertigte Prints. So wirkt PUSH auch eher wie ein Atelier als wie ein Geschäft. Hier finden sich keine wahllos zusammengestellten Kleidungsstücke, sondern handverlesene Hingucker. Jedes Teil hat Leona selbst ausgesucht. Hochwertige Vintage-Kleidung, außergewöhnliche Stoffe, alte Schnitte und Marken, die viele längst vergessen haben, reihen sich in allen Farben und Formen auf den Kleiderstangen. Qualität steht für die Inhaberin über allem – genauso wie die Geschichten hinter den einzelnen Teilen.
Leona verbringt viel Zeit auf Flohmärkten oder bei Haushaltsauflösungen. Einmal führte sie dieser Weg ins Ihme-Zentrum: Sie lernte einen älteren Mann kennen, dessen Frau einen außergewöhnlichen Kleiderschrank hinterlassen hatte. Feinste Seidenstoffe, aufwendig bestickte Zweiteiler und maßgeschneiderte Ensembles aus den 1980er-Jahren – für Leona etwas ganz Besonderes. Der Witwer kommt inzwischen regelmäßig bei PUSH vorbei, schaut nach den Kleidungsstücken seiner Frau und hat in Leonas Laden einen neuen Anlaufpunkt gefunden. Fast so, als würden die Erinnerungen an seine Frau zwischen den Kleiderbügeln weiterleben. Es sind Geschichten wie diese, die PUSH von einem gewöhnlichen Second-Hand-Laden unterscheiden. Fast jedes Kleidungsstück hat bereits ein Leben hinter sich. Manche wurden auf Familienfeiern getragen, andere auf Reisen oder im Berufsalltag. Umso enttäuschter ist Leona darüber, wie achtlos heute in der Regel mit Kleidung umgegangen wird. „90 Prozent landen auf der Straße oder im Müll“, sagt sie. Jede Haushaltsauflösung ist für sie darum eine kleine Rettungsmission. Sie will der Schnelllebigkeit und Verschwendung von Kleidung entgegensetzen und hat deshalb zum Beispiel auch keinen Onlineshop. Zwar würden manche ihrer außergewöhnlichsten Stücke online sicher schneller verkauft werden, doch das kommt für Leona nicht infrage. „Dieses Eins-zu-eins ist mir viel lieber als dieses unpersönliche Onlinegeschäft“, erklärt sie. Beratung lasse sich nicht verschicken. Man müsse Menschen sehen, ihre Körpersprache wahrnehmen und manchmal auch den Mut haben, ihnen etwas in die Hand zu drücken, das sie selbst niemals ausgewählt hätten. Ein Kunde beschrieb Leonas Laden einmal als seinen „Safe Space“. Das bewegt sie bis heute. „Er meinte, er hätte sich die Sachen, die ich ihm vorgeschlagen habe, selbst nie ausgesucht. Aber ich habe ihm zwei, drei Teile gegeben und plötzlich hat er sich getraut und total wohl darin gefühlt.“ Wer den kleinen Laden wieder verlässt, trägt deshalb oft mehr nach Hause als nur neue Kleidungsstücke: vielleicht ein bisschen Mut, vielleicht das gute Gefühl, etwas gefunden zu haben, das nicht nur schön aussieht, sondern bereits ein Leben hinter sich hat – und nun ein neues beginnen darf.
» Laura Druselmann
PUSH – Prints und Second Hand Allerweg 29, 30449 Hannover Tel. 0511 10540660 E-Mail: info@leonaboltes.de, Instagram @push_hannover Öffnungszeiten: Do & Fr 14 bis 18 Uhr, jeden ersten Sa 12 bis 16 Uhr
Herr Weil, am 13. September sind Kommunalwahlen in Niedersachsen. Und gewählt wird eine ganze Menge, die Regionalversammlungen und Kreistage, die Stadt-, Gemeinde- und Samtgemeinderäte, die Stadtbezirks- und Ortsräte, dazu geht es in Hannover auch um den Posten des Oberbürgermeisters oder der Oberbürgermeisterin und in der Region um das Amt des Regionspräsidenten oder der Regionspräsidentin. Und mit diesem langen Einstieg sind wir nun aus Platzgründen schon fast fertig mit dem Interview. Landtags- und Bundestagswahlen bekommen medial meist viel mehr Aufmerksamkeit als Kommunalwahlen. Wird die Bedeutung der Kommunalpolitik eigentlich systematisch unterschätzt?
Ja, in mehrfacher Hinsicht. Da steckt zunächst mal sehr viel Arbeit drin, aber wenn Leute über Politik reden, fällt ihnen selten die Kommunalpolitik ein, noch seltener die ehrenamtliche Kommunalpolitik. Egal aus welcher Partei – man kann denen, die sich auf kommunaler Ebene engagieren ruhig mal auf die Schulter klopfen und Dankeschön sagen. Und auch das Gesamtsystem benachteiligt oft die Kommunen. In der Landesverfassung gilt, dass die Ebene, die Vorgaben macht, deren Umsetzung auch finanziert. Wer bestimmt, bezahlt! Aber teure Bundesgesetze müssen allzuoft die Kommunen finanzieren.
Wir können mal kurz – damit das erledigt ist – den Werbeblock für Eva Bender und Axel von der Ohe einschieben. Sonst überlegen Sie die ganze Zeit, wie Sie die Namen droppen können. Also, los geht’s …
(Lacht) Das ist jetzt etwas überraschend, aber bitteschön: Axel von der Ohe will als Kämmerer Oberbürgermeister werden. Genau diesen Weg habe ich auch hinter mir und ich finde, das ist die beste Vorbereitung auf das OB-Amt. Als Kämmerer kennt er die Stadtverwatlung und viele politische Bereiche perfekt, das ist ein großer Vorteil . Aber ich finde darüber hinaus, dass Axel von der Ohe gut mit Menschen kann. Er hört aufmerksam zu und ist sehr wach. Also, ich werde ihn wählen. Und Eva Bender kenne ich schon ewig und ich finde es beeindruckend, was für eine wirklich gute Politikerin aus ihr geworden ist: Erstklassig im Umgang mit Menschen, sehr informiert, innovativ und hoch engagiert. Eine kluge Frau, zu der man Vertrauen haben kann. Meine Stimme hat sie.
Okay, Haken dran. Sie haben vor Ihrer Zeit als Ministerpräsident viele Jahre Kommunalpolitik gemacht. Was war spannend daran – und ist man als Ministerpräsident dann gleich ein ganzes Stück weiter weg?
Die Unmittelbarkeit ist der eigentlich Reiz. Auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene ist man stellenweise schon weit weg von dem, worum es den Leuten am Ende wirklich geht. In der Kommunalpolitik sieht und hört man, ob es läuft, und man hat permanent Kontakt mit den Betroffenen. Das ist gelegentlich anstrengend, macht aber viel Spaß und man bekommt auch eine Menge zurück. Wenn den Job des Oberbürgermeisters gut macht, ist überparteilich anerkannt als Gestaltungskraft und Repräsentant der ganzen Gemeinschaft. Ich hatte an dieser Arbeit tatsächlich noch mehr Freude als an der Arbeit des Ministerpräsidenten. Letzterer hat vielleicht die wichtigere Aufgabe, aber man ist sofort ein Stück weiter weg. Der Oberbürgermeister vertritt 550 000 Menschen, als Ministerpräsident 8 Millionen – und man ist mindestens zu einem Drittel Bundespolitiker. Der gleiche Sport, aber eine ganz andere Liga.
Was entscheidet sich vor Ort im Rat, was nicht auf Landes- oder Bundesebene entschieden wird? Im Wahlkampf kommen ja ständig Bundesthemen mit rein, die regional kaum eine Rolle spielen.
Theoretisch entscheidet der Rat alles, was den eigenen Wirkungskreis betrifft. Insbesondere entscheidet er über den Haushalt – also wofür Geld zur Verfügung steht und wofür nicht. Das ist aber die Theorie. In der Praxis besteht der Rat aus Ehrenamtlichen, deren Entscheidungen eine hauptamtliche Verwaltung mit vielen Fachleuten vorbereitet. Und das muss man dann erstmal durchdringen und eine eigene Position dazu finden.
Mobilität, Klimaresilienz, Wohnungsbau – wie wichtig ist eine handlungsfähige Mehrheit im Rat für diese Zukunftsthemen?
Sehr wichtig. Am besten ist es, wenn im Rathaus nicht nur gestritten, sondern möglichst gemeinsam dafür gesorgt wird, dass die Stadt vorankommt. Wenn es die ganze Zeit nur Auseinandersetzungen gibt, fragen sich die Bürgerinnen und Bürger sehr schnell, was die da in der Politik eigentlich machen. Das erleben wir ja gerade ständig in Berlin. Besonders förderlich für das Vertrauen sind solche Auseinandersetzungen nicht. Die Menschen wünschen sich verlässliche Strukturen, aber das muss mitunter hart erarbeitet werden.
Die Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen liegt immer deutlich niedriger als bei Bundestagswahlen. Warum ist das so und was würde helfen?
Wir haben bei Kommunalwahlen die niedrigste Wahlbeteiligung, noch niedriger als bei Europawahlen. Und wahrscheinlich sind die Gründe vielschichtig. Aber ein Grund ist sicher, dass in den Medien die Bundespolitik natürlich die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Wer regelmäßig Lokalzeitungen liest, für den stellt sich das aber sicher ein bisschen anders dar. Ich bin mir sicher, wer täglich eine Zeitung mit Lokalteil liest, geht eher wählen.
Zunehmender Populismus, sinkendes Vertrauen in Institutionen, Politikverdrossenheit – mit wie viel Sorge blicken Sie auf diese Wahlen?
Ich bin sehr überzeugt, dass Hannover eine überaus demokratische und kluge Stadtgesellschaft hat. Aber trotzdem werden wir auch in Hannover nicht wenige AfD-Wählerinnen und -Wähler haben. Hinzu kommt, dass wir am 6. September die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt haben, also kurz vor unserer Kommunalwahl. Und wie das Ergebnis dort sich hier bei uns auswirkt, lässt sich ebenfalls nur schwer sagen. Ich wünsche mir einfach sehr, dass die Arbeit der Kommunalpolitiker*innen Gegenstand der Wahlentscheidung ist, dass deren Ideen im Vordergrund stehen. Und nach meinen Wahlkampfeinsätzen auch außerhalb Hannovers bin ich da eigentlich ganz zuversichtlich. Mein Eindruck ist, dass die Leute tatsächlich sehr genau differenzieren.
Es ist ja gerade viel davon die Rede, dass die Bundespolitik wieder mehr Bodenhaftung braucht, dass sie den Abstand verringern muss. Also mehr Milchkanne. Die Kommunalpolitik hat ja diese Nähe. Sollte sich die Bundespolitik ein Beispiel nehmen?
Das sollte sie auf jeden Fall. Ich habe zum Beispiel immer beste Erfahrungen mit Bürger*innen-Versammlungen und Besuchen in Betrieben gemacht. Man muss raus und zuhören. Das kommunale Feld ist bestens geeignet für direkte Bürger*innenbeteiligung. Man kann viel unmittelbarer im Gespräch sein als auf anderen Ebenen. Mir fällt zum Beispiel Pimp your Town ein, einem Planspiel zur Demokratieförderung im Rathaus. Ich habe damals miterlebt, wie Schulklassen zuerst in Fraktionssitzungen und dann in einer simulierten Ratsversammlung miteinander um ihre Ideen gerungen haben. Das hat auch mir einen Riesenspaß gemacht. Bestimmt ist das absolut demokratieförderlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir über solche Wege Menschen gewinnen, dauerhaft in der Demokratie mitzumachen.
Hat sich eigentlich der Ton im Rat verändert und hat sich die politische Debattenkultur insgesamt verändert?
Wir erleben auf allen Ebenen durch die AfD Veränderungen. Es gibt so eine systematische Aggressivität. Es geht dieser Partei darum, Schuldige zu finden und anzugreifen. Im Zweifel seien ganz am Ende immer „die Ausländer“ schuld. Und auf der anderen Seite, im demokratischen Lager, ist man angesichts dieser Angriffe enger zusammengerückt. Trotz aller Streitereien verbindet alle das Grundbekenntnis zur Demokratie. Aber scharf zur Sache debattiert wird natürlich trotzdem. Das war übrigens schon immer so. Dazu muss man sich nur mal die Debatten der Siebziger zwischen Strauß und Wehner ansehen. Da wurde ausgeteilt und eingesteckt, übrigens immer auf hohem rhetorischen Niveau.
Fällt Ihnen eine Entscheidung des Rats ein, die Sie als beispielhaft gute Kommunalpolitik beschreiben würden?
Ich bin da befangen, aber aus meiner eigenen Rathauszeit hätte ich schon ein paar Beispiele. Wir haben in Hannover beispielsweise die Familienzentren eingeführt, ein Modell, das es inzwischen bundesweit gibt. Richtig und wichtig fand ich auch den Umbau des alten Niedersachsenstadions für die Fußball-WM 2006. Und die EXPO war natürlich eine gigantische und sehr bedeutsame Entscheidung für die Stadtentwicklung.
Was sagen Sie jemandem, der meint, seine eine Stimme bei der Kommunalwahl mache ohnehin keinen Unterschied?
Naja, würden das alle sagen, ginge keiner wählen, dann hätten wir keine Demokratie. Und wenn man nicht wählen geht, entscheiden die anderen. Ich finde auch, gerade bei Kommunalwahlen, bei denen so viele ehrenamtlich antreten, ist es außerdem eine Sache der Anerkennung für diese Arbeit. Also: bitte unbedingt wählen gehen!
» Interview: Lars Kompa
Abgelegt unter Ein letztes WortKommentare deaktiviert für Ein letztes Wort im September
für diese Ausgabe habe ich Axel von der Ohe getroffen, den vierten und letzten Kandidaten in unserer kleinen Stadtkind-Reihe vor der Kommunalwahl. Wir haben ein paar Tage vor dem Derby gesprochen, Hannover gegen Wolfsburg, und er hat mir gleich zu Beginn erzählt, dass er zwar in Wolfsburg geboren ist, aber trotzdem in der Nordkurve steht. „Politisch ein Roter, und beim Fußball genauso.“ Was mir aus leider sehr aktuellem Anlass im Kopf geblieben ist nach unserem Gespräch, das war gar nicht so sehr Stadtpolitik und Wahlkampf, sondern die Doktorarbeit von Axel von der Ohe. Er hat über die Arbeit des Bundesgerichtshofs in den Anfangsjahren der Bundesrepublik promoviert. Man hatte damals große Teile der Funktionseliten des Dritten Reichs einfach weiterbeschäftigt, beim BGH lag der Anteil ehemaliger NS-Richter in den Fünfziger- und Sechzigerjahren beispielsweise bei bis zu 80 Prozent. Nur beim Bundesverfassungsgericht hatte es tatsächlich einen personellen Bruch gegeben.
Ich schreibe dieses Editorial ein paar Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und die Umfragen sehen die AfD gerade bei 43 Prozent. Die absolute Mehrheit scheint durchaus möglich. Nein, man muss das anders formulieren: In Sachsen-Anhalt droht die absolute Mehrheit der AfD. Das ist eine Bedrohung für uns alle. Was diese Partei dort in ihr Wahlprogramm geschrieben hat, liest sich wie eine Absage an alles, was ich unter Freiheit verstehe. Und es gibt so Momente in Interviews, die man mit professionellen Politikern führt, da sitzt einem plötzlich nicht ein Politiker, sondern einfach ein Mensch gegenüber, der zutiefst besorgt und betroffen ist, der Angst davor hat, dass seine Kinder in ein paar Jahren vielleicht mit einem ganz anderen Deutschland konfrontiert sind. Axel von der Ohe ist in diesem Moment sehr echt. Auch weil er durch sein Studium weiß, wie so eine Wandlung ins Autoritäre funktioniert.
Der erste Zugriff solcher Bewegungen gilt fast immer der Justiz. Man hat es in der Türkei, in Polen oder in Ungarn gesehen, man sieht diese Versuche momentan in den USA. Und wenn so ein Umbau erst stattgefunden hat, ist das Zurückdrehen alles andere als einfach. In Polen und Ungarn wird das gerade sehr deutlich. In der frühen Bundesrepublik hat man sich einige Jahre und Jahrzehnte mit dem Nazi-Problem in der Justiz herumgeschleppt. Das Drehbuch der Rechten ist überall ähnlich. Und die AfD wird genau diesen Weg einschlagen – wenn wir sie lassen. Und leider lassen wir sie, die Brandmauer bröckelt immer mehr und ein Verbot ist weit und breit nicht in Sicht, weil die Union meint, die AfD „kleinregieren“ zu können. Ich glaube, hier irrt die CDU/CSU. Die Themen der AfD zu „spielen“, hat bisher jedenfalls nur dazu geführt, dass immer mehr Leute das Original wählen.
Warum wählen so viele Leute die AfD? Ich versuche seit ein paar Jahren, das zu verstehen, aber ganz am Ende bin ich doch immer ratlos. Axel von der Ohe hat bestimmt einen Punkt, wenn er sagt, dass es vor allem die Kluft zwischen der Politik in Berlin und den Alltagssorgen der Menschen ist, die diese Abkehr von der Demokratie auslöst. Er wünscht sich im Interview ab Seite 56 mehr „Oberbürgermeister-Politik“ in Berlin, eine Politik, die nah dran ist an den tatsächlichen Befindlichkeiten und die nicht abstrakt diskutiert. Ich kann das alles nachvollziehen, aber ich bleibe trotzdem ratlos. Wie kann man auf die Idee kommen, Unfreiheit zu wählen? Warum wünschen sich Menschen autoritäre Führung? Was läuft da falsch?
Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt, ein kleines Bundesland, aber was dort droht, ist tatsächlich eine Zeitenwende. Und die Umfragen in Hannover sehen die AfD auch schon bei fast 20 Prozent. Noch können wir uns zur Wehr setzen. Zum Beispiel, indem wir einfach zur Wahl gehen und unser Kreuz bei demokratischen Parteien machen. Sich enthalten, sich raushalten, das funktioniert nicht mehr. Am 13. September ist die Kommunalwahl in Niedersachsen, und alle, die nicht wählen, wählen indirekt die AfD. Also unbedingt zur Wahl gehen!
Abgelegt unter EditorialKommentare deaktiviert für Editorial 09-2026
In der September-Ausgabe gibt es Teil 4 unserer kurzen Kommunalwahl-Serie, im Gespräch diesmal mit OB-Kandidat Axel von der Ohe. Dazu feiert Matti seinen 100. Geburtstag im Stadtkind, Sabine Busmann und Dr. Benedikt Poensgen unterhalten sich unter Freund*innen und auch die Deutsch-Türkischen Kulturtage sind ein großes Thema. Das und vieles mehr in der neuen Ausgabe!
Abgelegt unter Aktuelles, TitelKommentare deaktiviert für Das September-Kind ist da!