Studio Sonsu – Galerie für zeitgenössische Druckgrafik
Von der Reise zur Galerie: Sonja und Yanick Süttmann fuhren 25 Monate lang im Geländewagen die Panamericana entlang – von Kanada bis Argentinien. Die Idee dahinter: Aus jedem bereisten Land sollte ein Kunstwerk mit nach Hause kommen. Am Ende lagen mehr als 90 Werke im Auto – Druckgrafiken, Zeichnungen, Gemälde und sogar eine Bronzestatue. Später entdeckten sie auch in Großbritannien eine junge Druckgrafik-Szene. Die zeigte ihnen, dass es zwischen günstigen Postern und unbezahlbarer Kunst eine kaum bekannte Welt der handgedruckten Originale gibt. Genau dies möchten sie mit Studio Sonsu nun ändern. In ihrer Galerie in Linden werden über hundert Werke internationaler Künstler*innen gezeigt – Radierungen, Siebdrucke, Holz- und Linolschnitte sowie Risographien. Alle Arbeiten sind signierte und limitierte Originale – keine Reproduktionen. Die Preise reichen von 25 bis 2200 Euro, die meisten Werke liegen zwischen 200 und 500 Euro. Sonja kuratiert die Sammlung und rahmt vor Ort. Ihre Erfahrung als Architektin prägt den Blick für Material und Komposition. Yanick kümmert sich um Online-Shop, Sichtbarkeit und digitale Prozesse. Studio Sonsu versteht sich als Galerie, Atelier und Treffpunkt zugleich – kein steriler White Cube, sondern ein Ort mit offener Tür, Sofa und Gesprächen über Kunst.
Teichstr. 2, 30449 Hannover. Di, Do und Sa 11-16 Uhr, Mi und Fr 13-18 Uhr. Mehr Infos und Onlineshop auf www.studiosonsu.de.
zahnhochdrei
Gemeinsam lachen wir am schönsten – dieses Motto prägt zahnhochdrei – eine Praxis, in der moderne Zahnmedizin auf echte Zusammenarbeit trifft. Hier wird Teamarbeit groß geschrieben: Wenn Menschen über Jahre gemeinsam arbeiten, entsteht mehr als Routine, sagen die drei Ärzt*innen, es entsteht ein gemeinsames Verständnis dafür, was sinnvoll ist – heute und langfristig. Drei Fachbereiche arbeiten hier nicht nebeneinander, sondern aus einem gemeinsamen Gedanken heraus: Zahnmedizin ganzheitlich zu betrachten und nachhaltig umzusetzen. So entstehen Lösungen, die funktionieren und langfristig Bestand haben. Das Behandlungsteam vereint fachliche Expertise mit Persönlichkeit, Präzision und Empathie. Dr. Teresa Algermissen, Expertin für Implantologie, Chirurgie und Ästhetik, verbindet Kompetenz mit Kreativität und Feingefühl. Christoph Johann steht für präzise, digital geplante Zahnmedizin mit Fokus auf Ästhetik und Zahnerhalt. Franziska Roberta Schneider verbindet moderne Kieferorthopädie mit Präzision und Innovationsgeist – für funktionale, harmonische und nachhaltige Ergebnisse. Die Praxis befindet sich auf dem Hanomag-Gelände – einem Ort mit Industriecharme, Loftwohnungen und viel Geschichte. Inspiriert von Boutique-Hotels und Cafés wurde hier ein Raum geschaffen, der nichts mit einer klassischen Zahnarztpraxis zu tun hat. Offen, ruhig und barrierefrei – die Räumlichkeiten wurden bewusst so gestaltet, dass Patient*innen sich wohlfühlen können. Termine können natürlich bequem online auf der praxiseigenen Website gebucht werden.
Wer die MalZeit in der List betritt, lässt für einen Moment den Trubel der Stadt hinter sich. Geselligkeit und Konzentration erfüllen den Raum zugleich. An den Tischen sitzen Menschen verschiedenen Alters, halten Pinsel in der Hand und betrachten Keramikrohlinge, die darauf warten, gestaltet zu werden. Viele kommen, um sich etwas Gutes zu tun. „Eine schöne Zeit kombiniert mit einem schönen Geschenk – für sich selbst oder für einen lieben Menschen“, so beschreibt Inhaberin Claudia ihr Konzept.
Die Idee zu diesem Ort kam ihr nicht in Hannover. Lange Zeit hat Claudia im Ausland gelebt und dort gemeinsam mit ihren Kindern das Keramikmalen entdeckt. Was als Freizeitbeschäftigung begann, wurde schnell zu weitaus mehr, nämlich zu einer Leidenschaft. Diese Leidenschaft nahm sie mit nach Deutschland und 2014 öffnete die MalZeit schließlich ihre Türen.
Seitdem ist viel passiert und doch wirkt der Laden, als sei er schon immer da gewesen. Womöglich liegt das an den Menschen, die immer wiederkommen. „Einige Kundinnen sind seit Tag eins dabei“, lächelt Claudia. Aus Neugierigen wurden über die Jahre Stammgäste, aus kurzen Begegnungen wurden gewachsene Beziehungen. „Manche junge Frauen haben früher ihre Kindergeburtstage hier gefeiert und kommen heute zum Junggesellinnenabschied oder auch mit dem eigenen Nachwuchs.“ Daher kennt die Inhaberin viele ihrer Besucher*innen nicht nur beim Namen. „Ich kenne ihre Lebensgeschichten und begleite sie ein Stück.“
Das zeigt sich auch in den Objekten, die in der MalZeit entstehen. „Jedes Stück hat eine persönliche Geschichte.“ Claudia erinnert sich zum Beispiel an eine Schale, die an der Innenseite die Aufschrift „Du wirst Papa“ trug, gestaltet als Überraschung für einen werdenden Vater. Solche besonderen Momente bleiben in Erinnerung – nicht nur bei den Menschen, die die Keramiken verschenken oder erhalten, sondern auch bei Claudia selbst.
So individuell wie jene Geschichten, ist auch die Gestaltung der verschiedenen Stücke, denn die MalZeit ist kein Ort, an dem Perfektion zählt. „Es geht vielmehr um das Tun, das Ausprobieren, das Abschalten vom Alltag“, erklärt Claudia. Sie und ihr Team begleiten den kreativen Prozess mit Tipps und Tricks und schauen, dass alle mit ihren Ergebnissen glücklich werden. „Du musst nicht malen können, sondern dich einfach darauf einlassen und Schritt für Schritt machen.“ Und so kommt es, dass manche Besucher*innen sich über Jahre hinweg ganze Geschirrsets aufbauen, und andere ganz ohne Plan drauf los malen, einfach, weil sie das Malen lieben.
Die kreativen Ergebnisse können im Schaufenster der MalZeit bestaunt werden, denn hier sind alle Keramiken bis zu ihrer Abholung ausgestellt. Es gibt pastellige Farben und detailverliebte Einzelstücke zu entdecken. Mal filigrane Muster, mal mutige Farbflächen, mal individuelle Schriftzüge.
Wer einen Blick auf das Schaufenster wirft, bekommt außerdem einen Eindruck davon, wie vielfältig Claudias Sortiment ist. Einige der Keramikformen gehören seit Beginn dazu, andere werden immer mal wieder ausgetauscht. Dazu gehören unter anderem Klassiker wie Tassen und Teller in verschiedenen Größen, aber beispielsweise auch Vasen oder Futternäpfe. „Da ist für alle was dabei.“
Kein Wunder also, dass die MalZeit regelmäßig ausgebucht ist. Gruppen, die gemeinsam Zeit verbringen wollen, finden hier einen Rahmen, der persönlicher kaum sein könnte – ganz egal, ob Junggesellinnenabschiede, Geburtstage, Firmenfeiern oder andere Anlässe zum Beisammensein. Und wer doch lieber in den eigenen vier Wänden kreativ wird, kann sich ein Malset mit nach Hause nehmen. Claudia möchte schließlich, „dass alle glücklich sind und eine richtig gute Zeit haben!“
Herr Weil, wir springen mal direkt rein, die Koalition in Berlin versemmelt es gerade ziemlich grundsätzlich, oder?
Man kann manches mit guten Gründen kritisch sehen, aber diesen allgemeinen Verriss finde ich übertrieben. Man muss schon auch anerkennen, womit die Koalitionäre zu tun haben. Die Bundesregierung trägt beispielsweise keine Verantwortung für den Irankrieg. Der Irankrieg aber ist die wesentliche Ursache dafür, dass die Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung erheblich zurückgenommen werden mussten. Und das ist nur ein Teil schwieriger globaler Entwicklungen, auf den die Koalition nur sehr bedingt Einfluss nehmen kann. Natürlich ist es ein großer Fehler, Meinungsverschiedenheiten ununterbrochen in aller Breite öffentlich auszutragen. Die Bürgerinnen und Bürger wollen klug und umsichtig regiert und vernünftig informiert werden – aber sie wollen nicht permanent mit internen Koalitionskonflikten belästigt werden. Das ist ein Stockfehler, der nach Ampel riecht. Aber noch eines: wir haben eine Regierung, die aus Verantwortungsgefühl zusammengekommen ist, nicht aus programmatischer Nähe oder gar Zuneigung. Das war nach den Bundestagswahlen die einzige Möglichkeit für eine demokratische Mehrheitsregierung. Aber je mehr SPD und CDU unter Druck geraten, desto lauter werden die Rufe nach klarer Kante und desto schwieriger wird es, Kompromisse zu finden. Also: Ja, manches läuft falsch. Aber ein allgemeiner Verriss ist nicht gerechtfertigt.
Ich bin nicht ganz überzeugt. Der Irankrieg ist das eine. Aber wir haben doch unfassbar viele drängende strukturelle Probleme – Bürokratie, Bildung, Rente, Steuern. Die Unzufriedenheit ist das Ergebnis von Jahren, in denen entscheidende Fragen nicht angegangen worden sind.
Das ist die eine Seite der Medaille und da haben Sie recht. Die andere ist, dass viele Gruppen in unserer Gesellschaft sehr gut darin sind, einseitig Missstände zu beklagen. Dem Gedanken, dass man an einer anderen Stelle vielleicht selbst auch einen Gang zurückschalten müsste, öffnet sich kaum jemand gerne. Die Erwartung lautet allzu oft: Ihr da in der Politik, löst die Probleme, aber lasst mich damit in Ruhe. Ob das so hinhauen kann, da habe ich jede Menge Fragezeichen.
Wobei wir im internationalen Vergleich aber eigentlich recht genügsam sind. In Frankreich ist der Widerstand gegen Reformen zum Beispiel noch einmal eine ganz andere Hausnummer.
An Frankreich sollte man sich definitiv kein Beispiel nehmen, das sehe ich auch so.
Und wenn ich mir Umfragen zum Thema längeres Arbeiten ansehe – da sagen doch die meisten: ja, ist klar, Haken dran. Diese Bild der ewigen Nörgler stimmt also vielleicht gar nicht.
Da haben Sie einen Punkt, da müssen wir sehr genau hinsehen. Wer arbeitet wie viel in Deutschland? Bei uns geht der Trend bei der individuellen Arbeitszeit seit Jahrzehnten zurück. Gleichzeitig ist das gesamte Arbeitsvolumen aber gestiegen, weil mehr Menschen erwerbstätig sind – vor allem Frauen. Sie arbeiten allerdings häufig in Teilzeit, weil sie nebenbei noch Carearbeit stemmen müssen. Daneben gibt es körperlich anstrengende Berufe, in denen Menschen nach einer gewissen Zeit schlicht ausgebrannt sind. Sie können nicht einfach ein paar Jahre länger arbeiten. Wer sein Leben am Schreibtisch zubringt, ist dazu vielleicht in der Lage, aber man sollte nicht so tun, als wäre das eine universelle Lösung.
Das stimmt, aber an die Realität der älteren Gesellschaft und steigenden Lebenserwartung kommt man ja nicht vorbei. Ich frage mich, warum die Lösung so kompliziert sein soll. Wenn wir beide uns zusammensetzen, lösen wir das an einem Abend auf einem Bierdeckel …
Vorsicht an der Bahnsteigkante, Bierdeckel haben sich historisch nicht bewährt. Fragen Sie mal Friedrich Merz.
Ich wusste genau, dass das kommt.
Wir unterhalten uns ja auch nicht zum ersten Mal (lacht). Meine Antwort ist, dass wir viel stärker flexibilisieren müssen. Wer länger arbeitet, muss echte Anreize haben, das zu tun. Und ich finde auch den Vorschlag vernünftig, stärker auf die Beitragsjahre zu achten. Es macht einen Unterschied, ob Ausbildungsjahre als Rentenjahre anerkannt werden oder nicht. Der 15-Jährige, der anfängt einzuzahlen und dafür 30, 40 Euro im Monat abgibt – dem tut das richtig weh. Wer länger einzahlt, sollte stärker davon profitieren.
Lassen Sie uns zurückkommen auf das Große und Ganze. Sind wir uns denn einig, dass nicht alles Gold ist, was momentan glänzt?
Klar, herzlich wenig würde ich sogar sagen. Aber die Bedingungen, unter denen gerade in Berlin Politik gemacht werden muss, sind wie gesagt auch wirklich nicht vergnügungssteuerpflichtig. Man könnte trotzdem einiges besser machen – das fängt beim Bundeskanzler an, der ein bemerkenswertes Talent hat, immer wieder mit beiden Beinen in den nächsten Fettnapf zu springen.
Wenn ich mir Friedrich Merz und die Union ansehe, dann erinnere ich mich vor der Wahl an ein großes Wünsch-dir-was und eine unglaubliche Verhetzung der Grünen. Die Versprechungen waren sehr offensichtlich ein Wolkenkuckucksheim.
Es ist noch schlimmer. Die Union hat offenbar tatsächlich alles geglaubt, was sie vor den Wahlen erzählt hat. Sie hätten es besser wissen können. Neben Sie das Beispiel der öffentlichen Finanzen. Ich habe am Wahlabend zusammen mit Herrn Linnemann, dem CDU-Generalsekretär, bei Maybritt Illner gesessen. Und ich habe ihm gesagt, dass ich verstehe, dass er an diesem Abend nicht über notwendige Kreditaufnahmen und die Schuldenbremse reden möchte – dass dieses Thema aber ganz sicher sehr bald kommen werde. Er hat mich angeschaut, als hätte ich den Verstand verloren. Zwei Wochen später haben sie ihre Wahlversprechen zur Schuldenreduzierung still und leise eingesammelt, weil sie sich offenbar zum ersten Mal ernsthaft mit der Realität befasst hatten. Grundsätzlich gilt: Lieber erst gackern, wenn das Ei gelegt ist. In der Opposition kann man das Blaue vom Himmel versprechen. Eine Regierung wird danach bewertet, was sie liefert.
In Sachsen-Anhalt liegt die AfD jetzt bei über 40 Prozent. Das ist doch eine direkte Folge der Performance der großen Koalition, oder nicht?
Nicht nur. Die Ursachen für den Zuspruch zur AfD sind vielseitig. Aber was die Koalition angeht, natürlich werden dort unbestreitbar Fehler gemacht, aber es geschieht auch Gutes. Wenn aber selbst alle seriösen Medien – und ich schließe hier das Stadtkind natürlich mit ein – ständig darüber berichten, dass die in Berlin nur Unfug treiben, dann zahlt auch das auf das falsche Konto ein. Berechtigte Kritik gibt es genug. Aber das enorme Ausmaß der Kritik und die fehlende sachliche Analyse der Ursachen unserer Probleme halte ich dennoch für falsch.
Angela Merkel hat auch schon geschimpft. Wir sollen mal den Ball flacher halten.
Recht hat sie! Und es ist auch nicht alles so schwarz, wie es gemalt wird. Nehmen Sie unsere Wirtschaft. Wir sind jetzt im sechsten Jahr einer Stagnation – das hatten wir noch nie und ist ein Riesenproblem. Aber gemessen daran ist die deutsche Wirtschaft weiter erstaunlich widerstandsfähig. Und dennoch müssen wir dringend an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit arbeiten.
Noch kurz ein anderes Thema: Die Koalition hat ja einige Kommissionen eingesetzt. Warum macht man das, wenn die Ergebnisse der Kommissionen gleich wieder zerredet und geschreddert werden von allen Seiten?
Sie meinen die sogenannte Gesundheitsreform? Von der Friedrich Merz behauptet, es sei eine der größten Sozialreformen der letzten Jahrzehnte. Auch das ist wieder eine komplette Übertreibung. In Wahrheit ist es vor allem ein großangelegter Versuch, Geld einzusammeln und Leistungen zu reduzieren. Warum ist beispielsweise die Pharmaindustrie, die einen erheblichen Teil der Kosten ausmacht, vergleichsweise gut weggekommen? Zuzahlungen beim Zahnersatz zu streichen, ist sehr problematisch – Armut zeigt sich oft ganz konkret am Zustand der Zähne. Wollen wir ein Land sein, in dem man beim Öffnen des Mundes sieht, ob jemand arm ist? Das ist nicht das Gesundheitssystem, das ich mir wünsche. Meine eigentliche Kritik ist aber, dass ich gar keine grundlegende Reform erkennen kann. Wir haben das teuerste Gesundheitssystem der Welt, aber eine niedrigere Lebenserwartung als viele Nachbarländer. Was machen die anderen besser? Die Antwort, so sagen viele Experten: Mehr Konzentration auf Vorsorge. Dieser Gedanke kommt aber in dieser sogenannten Reform kaum vor.
Abgelegt unter Ein letztes WortKommentare deaktiviert für Ein letztes Wort im Juni
für diese Ausgabe habe ich Maren Kaminski getroffen, Bundestagsabgeordnete der Linken und Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin. Am 13. September finden in Niedersachsen die Kommunalwahlen statt. Und bevor hier jetzt jemand auf falsche Ideen kommt: In der nächsten Ausgabe spreche ich mit Peter Karst, danach mit Belit Onay und auch Axel von der Ohe wird noch zu Gast im Stadtkind sein. Und ja, eine Kandidatin lasse ich aus – ganz bewusst. Ich habe einfach keine Lust auf die AfD. Und ich finde sehr schön, dass ich keine Lust haben darf.
Wenn Maren Kaminski über ihre Mutter spricht, dann schwingt sehr viel mit, was ich selbst ganz gut kenne, wenn ich über meine Eltern spreche. Liebe und Respekt. Ihre Mutter hat mit 21 Jahren die Ausbildung abgebrochen, weil sie mit Maren schwanger war, sie war dann irgendwann alleinerziehend, sie ist nachts Taxi gefahren, um die Kinder durchzubringen, sie hat einen Pflegedienst gegründet, sie hat sich durchgekämpft. Und diese Biografie hat Maren geprägt. Wenn sie über Armut spricht, über Mieten, über prekäre Verhältnisse, dann ist das gelebte Erfahrung. Sie hat sich ihr Studium bereits mit politischer Arbeit finanziert, aber auch mit den üblichen Jobs. In der Gastro, in der Würstchenfabrik, in der Fernleihe im Uni-Keller oder im Schichtbetrieb bei ZF Lemförder. Dort allerdings nur in der ersten Schicht. Die zweite Schicht mit den Nachstunden und den entsprechenden Zuschlägen war nur den Männern erlaubt. An genau solchen Stellen hat sich ihre politische Agenda geformt. Nicht die Ungerechtigkeit selbst hat sie beschäftigt, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie funktioniert.
Von 2007 bis 2013 hat der Verfassungsschutz Niedersachsen Maren Kaminski beobachten lassen, mit einer V-Person in ihrem direkten Umfeld. 650 Seiten hatte ihre Akte. Darin dokumentiert wurde – soweit sie das einsehen konnte – ihre politische Arbeit. Kandidieren, organisieren, auftreten. Dinge, die in einer Demokratie schlicht selbstverständlich sein sollten. Wenn ein Staat Ressourcen darauf verwende, legale demokratische Arbeit zu beschatten, dann sage das mehr über den Zustand des Staates aus als über die Beobachtete, sagt sie – und dem ist wohl kaum zu widersprechen. Jetzt kandidiert sie also wieder für das Amt der Oberbürgermeisterin.
2013 war sie das erste Mal dabei, damals ist sie so ein bisschen hineingestolpert, wie sie selbst sagt. Am Ende lag sie bei 6,4 Prozent. Heute ist sie Bundestagsabgeordnete, sitzt im Bildungsausschuss, kennt die Strukturen. Und sie meint ihre Kandidatur diesmal sehr ernst. Sie hat viele konkrete Ideen. So gehört das Ihme-Zentrum aus ihrer Sicht endlich in öffentliche Hand, sie wünscht sich außerdem eine mehrjährige Kulturförderung statt das übliche Jahresbetteln, sie möchte ein wirklich kostenloses Schulessen und sie wünscht sich auch eine Seilbahn – was auch aus meiner Sicht gar nicht so irre ist, wie es vielleicht klingt. Hannover hat noch nie eine Oberbürgermeisterin gehabt. Maren Kaminski findet, es ist höchste Zeit, dass sich das ändert. Frauen in der Politik brächten eine andere Perspektive mit, sagt sie im Interview. Das klingt zuerst wie ein Phrasen-Halbsatz, ist es aber gar nicht. Sie kann das sehr konkret beschreiben. Wer auf Arbeitsbedingungen, Anerkennung und Ressourcen anders schaut, weil er das anders erlebt hat, der entscheidet am Ende auch anders.
Ich bin sehr gespannt, wie die Wahl im September ausgehen wird. Aus meiner Sicht gibt es unfassbar viel, was man in Hannover anpacken müsste – beim Wohnen, bei der Bildung, bei der Kultur. Vieles ließe sich völlig ideologiefrei und pragmatisch umsetzen, wenn der Wille da ist. Insofern ist mir am Ende weniger wichtig, wer im Rathaus sitzt, als wie dort gearbeitet wird. Mit echter Ambition und Mut zu unpopulären Entscheidungen.
Abgelegt unter EditorialKommentare deaktiviert für Editorial 06-2026
Im Juni hat Lars Kompa mit Maren Kaminski, Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin für Die Linke, gesprochen. Sie erzählt von Armut, ihrer politischen Arbeit und sogar einer Begegnung mit dem Verfassungsschutz. Details dazu und vieles mehr gibt es im neuen Heft!
Abgelegt unter Aktuelles, TitelKommentare deaktiviert für Das Juni-Kind ist da!
Liebe Karin, herzlichen Glückwunsch! Du bist zurück, „Back in the CDU“. Endlich! Wir hatten uns ehrlich gesagt schon ein bisschen Sorgen gemacht. Jahrelang warst du das, was man in der Union mit sehr kritischem Unterton gerne als „liberal“ bezeichnet. Fast ein Schimpfwort. Du hast unter anderem „zivilisierte Verachtung“ gegenüber der AfD gefordert, du hast dich für eine „Union der Mitte“ starkgemacht, du warst Bildungsministerin in Schleswig-Holstein in einer Koalition mit den Grünen. Und das birgt natürlich immer die Gefahr, dass man sich mit dem links-grün-versifften Bazillus infiziert. Du hattest ein paar gute Ideen und hast sogar ein bisschen was umgesetzt. Kurz: Manchmal hatte man fast den Eindruck, dir gehe es hin und wieder tatsächlich um so etwas wie Gerechtigkeit. Fast wie eine Sozialdemokratin oder Linke, aber natürlich mit besserer Rhetorik.
Und jetzt bist du Bundesfamilienministerin im Kabinett Merz und zuerst sah es ganz danach aus, dass du ähnlich weitermachst, dass du in der Union das Gerechtigkeits-U-Boot bleibst, fast zu links, um wahr zu sein. Worüber viele in deinen Reihen schon die Nase gerümpft haben. Der Spahn – haben wir gehört – soll hinter deinem Rücken zum Beispiel gesagt haben, dass du nach seinem Geschmack zu viel „rumreichinnecken“ würdest. Damit ist nun Schluss und viele Unionisten atmen gerade hörbar auf. Rund 200 Projekte aus dem Programm „Demokratie leben!“ willst du nicht weiter fördern. Weg damit! Ende 2026 soll Schluss sein mit den fragwürdigen Aktivitäten. Darunter HateAid, das Opfern digitaler Gewalt hilft. Darunter die Amadeu-Antonio-Stiftung, die Menschen unterstützt, die von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt betroffen sind. Darunter Correctiv, das 2024 über das Geheimtreffen von Rechtsextremen in Potsdam berichtete. Darunter der Zentralrat der Juden. Ja, genau, der Zentralrat der Juden. Was zeigt, dass du keine Unterschiede machst. Auch nicht als Sprecherin des Jüdischen Forums in der CDU. Auch nicht Frau, deren Großeltern vor den Nazis geflohen sind und die sich jahrelang nicht offen zu ihrem Glauben bekannt hat, weil das in Deutschland noch immer mit gewissen Problemen verbunden ist. Alles egal, auch der Zentralrat der Juden wird gestrichen, denn das bisherige Programm war viel zu sehr auf ein „linksliberales Milieu“ ausgerichtet. Darum werden jetzt die Strukturen abgerissen, die sich über Jahre aufgebaut haben. Das nennt man „Neustart“. Und was danach fehlt, wird sich dann schon demnächst von selbst regeln. Prävention gegen Extremismus ist ohnehin überbewertet. Man kann ja auch einfach über mehr „Pluralität“ reden. Das reicht doch und ist wesentlich günstiger.
Wir freuen uns jetzt einfach auf die Neuausrichtung, die sich vielleicht ein bisschen mehr auch um ein rechtsextremistisches Milieu kümmert. Was ist eigentlich mit den Gefühlen der Täter? Fühlen die sich gehört? Das ist doch auch wichtig. Das wurde aber bisher immer einfach beiseite gewischt. Echte Ausgewogenheit ist das Gebot der Stunde. Wir haben dieses mutige Konzept übrigens schon erprobt, bei uns in Hannover hat die Deutschland-Koalition bei Kunst und Kultur kräftig den Rotstift angesetzt – und damit zum Beispiel Kargah e.V. in Bedrängnis gebracht, ein Verein, der sich seit Jahrzehnten um interkulturelle Arbeit und Geflüchtete kümmert. Oder war dir das vielleicht sogar schon bekannt? Hast du dich eventuell inspirieren lassen? Das wäre ja was. Hannover als Blaupause, wir machen’s vor, Berlin macht’s nach. Nur halt größer. Und mit mehr Pressemitteilungen über Pluralität. Liebe Karin, weiter so! Lass dich nicht beirren.
Die Grünen-Vizefraktionschefin Misbah Khan hat jetzt zwar angemerkt, dass ausgerechnet jene Organisationen dran sind, die vor der letzten Bundestagswahl öffentlich die Zusammenarbeit der CDU mit der AfD kritisiert haben, aber das ist sicher purer Zufall. Solche Koinzidenzen gibt es halt manchmal. Und dass die AfD all das wohlwollend beobachtet und kommentiert, ist völlig egal. Gute Schritte werden ja nicht schlecht, weil sie von den Falschen unterstützt werden. Und außerdem willst du ja auch gar nicht das gesamte Programm schrotten. Es sollen sogar dreißig neue Partnerschaften für Demokratie entstehen. Du willst Menschen zusammenbringen, die das Gespräch verlernt haben. Das klingt nicht nur gut, das kostet auch fast nichts und macht niemanden nervös. Besser als all die unbequemen NGOs, die Rechtsextremismus und andere zu vernachlässigende Randthemen bearbeiten oder noch schlimmer, darüber berichten. Stattdessen viele nette Runde Tische mit Keksen.
Liebe Karin, das ist alles ganz großartig und klug bis zu Ende gedacht. Willkommen zurück in der CDU, die sich ja stellenweise schon für ganz neue Koalitionen warmläuft. Die nächste Generation wird die Bedenken begraben und sich an dich erinnern. Alles richtig gemacht. Und die 200 gestrichenen Projekte werden sich schon irgendwie selbst tragen. Kargah gibt’s ja auch noch. Vorläufig. GAH
Abgelegt unter offene BriefeKommentare deaktiviert für Ein offener Brief … an Karin Prien