Tag Archive | "Stadtkind"

Ein letztes Wort im Juni

Tags: , , ,

Ein letztes Wort im Juni


Herr Weil, wir springen mal direkt rein, die Koalition in Berlin versemmelt es gerade ziemlich grundsätzlich, oder?

Man kann manches mit guten Gründen kritisch sehen, aber diesen allgemeinen Verriss finde ich übertrieben. Man muss schon auch anerkennen, womit die Koalitionäre zu tun haben. Die Bundesregierung trägt beispielsweise keine Verantwortung für den Irankrieg. Der Irankrieg aber ist die wesentliche Ursache dafür, dass die Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung erheblich zurückgenommen werden mussten. Und das ist nur ein Teil schwieriger globaler Entwicklungen, auf den die Koalition nur sehr bedingt Einfluss nehmen kann. Natürlich ist es ein großer Fehler, Meinungsverschiedenheiten ununterbrochen in aller Breite öffentlich auszutragen. Die Bürgerinnen und Bürger wollen klug und umsichtig regiert und vernünftig informiert werden – aber sie wollen nicht permanent mit internen Koalitionskonflikten belästigt werden. Das ist ein Stockfehler, der nach Ampel riecht. Aber noch eines: wir haben eine Regierung, die aus Verantwortungsgefühl zusammengekommen ist, nicht aus programmatischer Nähe oder gar Zuneigung. Das war nach den Bundestagswahlen die einzige Möglichkeit für eine demokratische Mehrheitsregierung. Aber je mehr SPD und CDU unter Druck geraten, desto lauter werden die Rufe nach klarer Kante und desto schwieriger wird es, Kompromisse zu finden. Also: Ja, manches läuft falsch. Aber ein allgemeiner Verriss ist nicht gerechtfertigt.

Ich bin nicht ganz überzeugt. Der Irankrieg ist das eine. Aber wir haben doch unfassbar viele drängende strukturelle Probleme – Bürokratie, Bildung, Rente, Steuern. Die Unzufriedenheit ist das Ergebnis von Jahren, in denen entscheidende Fragen nicht angegangen worden sind.

Das ist die eine Seite der Medaille und da haben Sie recht. Die andere ist, dass viele Gruppen in unserer Gesellschaft sehr gut darin sind, einseitig Missstände zu beklagen. Dem Gedanken, dass man an einer anderen Stelle vielleicht selbst auch einen Gang zurückschalten müsste, öffnet sich kaum jemand gerne. Die Erwartung lautet allzu oft: Ihr da in der Politik, löst die Probleme, aber lasst mich damit in Ruhe. Ob das so hinhauen kann, da habe ich jede Menge Fragezeichen.

Wobei wir im internationalen Vergleich aber eigentlich recht genügsam sind. In Frankreich ist der Widerstand gegen Reformen zum Beispiel noch einmal eine ganz andere Hausnummer.

An Frankreich sollte man sich definitiv kein Beispiel nehmen, das sehe ich auch so.

Und wenn ich mir Umfragen zum Thema längeres Arbeiten ansehe – da sagen doch die meisten: ja, ist klar, Haken dran. Diese Bild der ewigen Nörgler stimmt also vielleicht gar nicht.

Da haben Sie einen Punkt, da müssen wir sehr genau hinsehen. Wer arbeitet wie viel in Deutschland? Bei uns geht der Trend bei der individuellen Arbeitszeit seit Jahrzehnten zurück. Gleichzeitig ist das gesamte Arbeitsvolumen aber gestiegen, weil mehr Menschen erwerbstätig sind – vor allem Frauen. Sie arbeiten allerdings häufig in Teilzeit, weil sie nebenbei noch Carearbeit stemmen müssen. Daneben gibt es körperlich anstrengende Berufe, in denen Menschen nach einer gewissen Zeit schlicht ausgebrannt sind. Sie können nicht einfach ein paar Jahre länger arbeiten. Wer sein Leben am Schreibtisch zubringt, ist dazu vielleicht in der Lage, aber man sollte nicht so tun, als wäre das eine universelle Lösung.

Das stimmt, aber an die Realität der älteren Gesellschaft und steigenden Lebenserwartung kommt man ja nicht vorbei. Ich frage mich, warum die Lösung so kompliziert sein soll. Wenn wir beide uns zusammensetzen, lösen wir das an einem Abend auf einem Bierdeckel …

Vorsicht an der Bahnsteigkante, Bierdeckel haben sich historisch nicht bewährt. Fragen Sie mal Friedrich Merz.

Ich wusste genau, dass das kommt.

Wir unterhalten uns ja auch nicht zum ersten Mal (lacht). Meine Antwort ist, dass wir viel stärker flexibilisieren müssen. Wer länger arbeitet, muss echte Anreize haben, das zu tun. Und ich finde auch den Vorschlag vernünftig, stärker auf die Beitragsjahre zu achten. Es macht einen Unterschied, ob Ausbildungsjahre als Rentenjahre anerkannt werden oder nicht. Der 15-Jährige, der anfängt einzuzahlen und dafür 30, 40 Euro im Monat abgibt – dem tut das richtig weh. Wer länger einzahlt, sollte stärker davon profitieren.

Lassen Sie uns zurückkommen auf das Große und Ganze. Sind wir uns denn einig, dass nicht alles Gold ist, was momentan glänzt?

Klar, herzlich wenig würde ich sogar sagen. Aber die Bedingungen, unter denen gerade in Berlin Politik gemacht werden muss, sind wie gesagt auch wirklich nicht vergnügungssteuerpflichtig. Man könnte trotzdem einiges besser machen – das fängt beim Bundeskanzler an, der ein bemerkenswertes Talent hat, immer wieder mit beiden Beinen in den nächsten Fettnapf zu springen.

Wenn ich mir Friedrich Merz und die Union ansehe, dann erinnere ich mich vor der Wahl an ein großes Wünsch-dir-was und eine unglaubliche Verhetzung der Grünen. Die Versprechungen waren sehr offensichtlich ein Wolkenkuckucksheim.

Es ist noch schlimmer. Die Union hat offenbar tatsächlich alles geglaubt, was sie vor den Wahlen erzählt hat. Sie hätten es besser wissen können. Neben Sie das Beispiel der öffentlichen Finanzen. Ich habe am Wahlabend zusammen mit Herrn Linnemann, dem CDU-Generalsekretär, bei Maybritt Illner gesessen. Und ich habe ihm gesagt, dass ich verstehe, dass er an diesem Abend nicht über notwendige Kreditaufnahmen und die Schuldenbremse reden möchte – dass dieses Thema aber ganz sicher sehr bald kommen werde. Er hat mich angeschaut, als hätte ich den Verstand verloren. Zwei Wochen später haben sie ihre Wahlversprechen zur Schuldenreduzierung still und leise eingesammelt, weil sie sich offenbar zum ersten Mal ernsthaft mit der Realität befasst hatten. Grundsätzlich gilt: Lieber erst gackern, wenn das Ei gelegt ist. In der Opposition kann man das Blaue vom Himmel versprechen. Eine Regierung wird danach bewertet, was sie liefert.

In Sachsen-Anhalt liegt die AfD jetzt bei über 40 Prozent. Das ist doch eine direkte Folge der Performance der großen Koalition, oder nicht?

Nicht nur. Die Ursachen für den Zuspruch zur AfD sind vielseitig. Aber was die Koalition angeht, natürlich werden dort unbestreitbar Fehler gemacht, aber es geschieht auch Gutes. Wenn aber selbst alle seriösen Medien – und ich schließe hier das Stadtkind natürlich mit ein – ständig darüber berichten, dass die in Berlin nur Unfug treiben, dann zahlt auch das auf das falsche Konto ein. Berechtigte Kritik gibt es genug. Aber das enorme Ausmaß der Kritik und die fehlende sachliche Analyse der Ursachen unserer Probleme halte ich dennoch für falsch.

Angela Merkel hat auch schon geschimpft. Wir sollen mal den Ball flacher halten.

Recht hat sie! Und es ist auch nicht alles so schwarz, wie es gemalt wird. Nehmen Sie unsere Wirtschaft. Wir sind jetzt im sechsten Jahr einer Stagnation – das hatten wir noch nie und ist ein Riesenproblem. Aber gemessen daran ist die deutsche Wirtschaft weiter erstaunlich widerstandsfähig. Und dennoch müssen wir dringend an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit arbeiten.

Noch kurz ein anderes Thema: Die Koalition hat ja einige Kommissionen eingesetzt. Warum macht man das, wenn die Ergebnisse der Kommissionen gleich wieder zerredet und geschreddert werden von allen Seiten?

Sie meinen die sogenannte Gesundheitsreform? Von der Friedrich Merz behauptet, es sei eine der größten Sozialreformen der letzten Jahrzehnte. Auch das ist wieder eine komplette Übertreibung. In Wahrheit ist es vor allem ein großangelegter Versuch, Geld einzusammeln und Leistungen zu reduzieren. Warum ist beispielsweise die Pharmaindustrie, die einen erheblichen Teil der Kosten ausmacht, vergleichsweise gut weggekommen? Zuzahlungen beim Zahnersatz zu streichen, ist sehr problematisch – Armut zeigt sich oft ganz konkret am Zustand der Zähne. Wollen wir ein Land sein, in dem man beim Öffnen des Mundes sieht, ob jemand arm ist? Das ist nicht das Gesundheitssystem, das ich mir wünsche. Meine eigentliche Kritik ist aber, dass ich gar keine grundlegende Reform erkennen kann. Wir haben das teuerste Gesundheitssystem der Welt, aber eine niedrigere Lebenserwartung als viele Nachbarländer. Was machen die anderen besser? Die Antwort, so sagen viele Experten: Mehr Konzentration auf Vorsorge. Dieser Gedanke kommt aber in dieser sogenannten Reform kaum vor.

Abgelegt unter Ein letztes WortKommentare deaktiviert für Ein letztes Wort im Juni

Editorial 06-2026

Tags: , ,

Editorial 06-2026


Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Maren Kaminski getroffen, Bundestagsabgeordnete der Linken und Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin. Am 13. September finden in Niedersachsen die Kommunalwahlen statt. Und bevor hier jetzt jemand auf falsche Ideen kommt: In der nächsten Ausgabe
spreche ich mit Peter Karst, danach mit Belit Onay und auch Axel von der Ohe wird noch zu Gast im Stadtkind sein. Und ja, eine Kandidatin lasse ich aus – ganz bewusst. Ich habe einfach keine Lust auf die AfD. Und ich finde sehr schön, dass ich keine Lust haben darf.

Wenn Maren Kaminski über ihre Mutter spricht, dann schwingt sehr viel mit, was ich selbst ganz gut kenne, wenn ich über meine Eltern spreche. Liebe und Respekt. Ihre Mutter hat mit 21 Jahren die Ausbildung abgebrochen, weil sie mit Maren schwanger war, sie war dann irgendwann alleinerziehend,
sie ist nachts Taxi gefahren, um die Kinder durchzubringen, sie hat einen Pflegedienst gegründet, sie hat sich durchgekämpft. Und diese Biografie hat Maren geprägt. Wenn sie über Armut spricht, über Mieten, über prekäre Verhältnisse, dann ist das gelebte Erfahrung. Sie hat sich ihr Studium bereits mit politischer Arbeit finanziert, aber auch mit den üblichen Jobs. In der Gastro, in der Würstchenfabrik, in der Fernleihe im Uni-Keller oder im Schichtbetrieb bei ZF Lemförder. Dort allerdings nur in der ersten Schicht. Die zweite Schicht mit den Nachstunden und den entsprechenden Zuschlägen war nur den Männern erlaubt. An genau solchen Stellen hat sich ihre politische Agenda geformt. Nicht die Ungerechtigkeit selbst hat sie beschäftigt, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie funktioniert.

Von 2007 bis 2013 hat der Verfassungsschutz Niedersachsen Maren Kaminski beobachten lassen, mit einer V-Person in ihrem direkten Umfeld. 650 Seiten hatte ihre Akte. Darin dokumentiert wurde – soweit sie das einsehen konnte – ihre politische Arbeit. Kandidieren, organisieren, auftreten. Dinge, die in einer Demokratie schlicht selbstverständlich sein sollten. Wenn ein Staat Ressourcen darauf verwende, legale demokratische Arbeit zu beschatten, dann sage das mehr über den Zustand des Staates aus als über die
Beobachtete, sagt sie – und dem ist wohl kaum zu widersprechen. Jetzt kandidiert sie also wieder für das Amt der Oberbürgermeisterin.

2013 war sie das erste Mal dabei, damals ist sie so ein bisschen hineingestolpert, wie sie selbst sagt. Am Ende lag sie bei 6,4 Prozent. Heute ist sie Bundestagsabgeordnete, sitzt im Bildungsausschuss, kennt die Strukturen. Und sie meint ihre Kandidatur diesmal sehr ernst. Sie hat viele konkrete Ideen. So gehört das Ihme-Zentrum aus ihrer Sicht endlich in öffentliche Hand, sie wünscht sich außerdem eine mehrjährige Kulturförderung statt das übliche Jahresbetteln, sie möchte ein wirklich kostenloses Schulessen und sie wünscht sich auch eine Seilbahn – was auch aus meiner Sicht gar nicht so irre ist, wie es vielleicht klingt. Hannover hat noch nie eine Oberbürgermeisterin gehabt. Maren Kaminski findet, es ist höchste Zeit, dass sich das ändert. Frauen in der Politik brächten eine andere Perspektive mit, sagt sie im Interview. Das klingt zuerst wie ein Phrasen-Halbsatz, ist es aber gar nicht. Sie kann das sehr konkret beschreiben. Wer auf Arbeitsbedingungen,
Anerkennung und Ressourcen anders schaut, weil er das anders erlebt hat, der entscheidet am Ende auch anders.

Ich bin sehr gespannt, wie die Wahl im September ausgehen wird. Aus meiner Sicht gibt es unfassbar viel, was man in Hannover anpacken müsste – beim Wohnen, bei der Bildung, bei der Kultur. Vieles ließe sich völlig ideologiefrei und pragmatisch umsetzen, wenn der Wille da ist. Insofern ist mir am Ende weniger
wichtig, wer im Rathaus sitzt, als wie dort gearbeitet wird. Mit echter Ambition und Mut zu unpopulären
Entscheidungen.

Abgelegt unter EditorialKommentare deaktiviert für Editorial 06-2026

Das Juni-Kind ist da!

Tags: , ,

Das Juni-Kind ist da!


Im Juni hat Lars Kompa mit Maren Kaminski, Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin für Die Linke, gesprochen. Sie erzählt von Armut, ihrer politischen Arbeit und sogar einer Begegnung mit dem Verfassungsschutz. Details dazu und vieles mehr gibt es im neuen Heft!

Abgelegt unter Aktuelles, TitelKommentare deaktiviert für Das Juni-Kind ist da!

Ein offener Brief … an Karin Prien

Tags: , ,

Ein offener Brief … an Karin Prien


Liebe Karin, herzlichen Glückwunsch! Du bist zurück, „Back in the CDU“. Endlich! Wir hatten uns ehrlich gesagt schon ein bisschen Sorgen gemacht. Jahrelang warst du das, was man in der Union mit sehr kritischem Unterton gerne als „liberal“ bezeichnet. Fast ein Schimpfwort. Du hast unter anderem „zivilisierte Verachtung“ gegenüber der AfD gefordert, du hast dich für eine „Union der Mitte“ starkgemacht, du warst Bildungsministerin in Schleswig-Holstein in einer Koalition mit den Grünen. Und das birgt natürlich immer die Gefahr, dass man sich mit dem links-grün-versifften Bazillus infiziert. Du hattest ein paar gute Ideen und hast sogar ein bisschen was umgesetzt. Kurz: Manchmal hatte man fast den Eindruck, dir gehe es hin und wieder tatsächlich um so etwas wie Gerechtigkeit. Fast wie eine Sozialdemokratin oder Linke, aber natürlich mit besserer Rhetorik.

Und jetzt bist du Bundesfamilienministerin im Kabinett Merz und zuerst sah es ganz danach aus, dass du ähnlich weitermachst, dass du in der Union das Gerechtigkeits-U-Boot bleibst, fast zu links, um wahr zu sein. Worüber viele in deinen Reihen schon die Nase gerümpft haben. Der Spahn – haben wir gehört – soll hinter deinem Rücken zum Beispiel gesagt haben, dass du nach seinem Geschmack zu viel „rumreichinnecken“ würdest. Damit ist nun Schluss und viele Unionisten atmen gerade hörbar auf. Rund 200 Projekte aus dem Programm „Demokratie leben!“ willst du nicht weiter fördern. Weg damit! Ende 2026 soll Schluss sein mit den fragwürdigen Aktivitäten. Darunter HateAid, das Opfern digitaler Gewalt hilft. Darunter die Amadeu-Antonio-Stiftung, die Menschen unterstützt, die von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt betroffen sind. Darunter Correctiv, das 2024 über das Geheimtreffen von Rechtsextremen in Potsdam berichtete. Darunter der Zentralrat der Juden. Ja, genau, der Zentralrat der Juden. Was zeigt, dass du keine Unterschiede machst. Auch nicht als Sprecherin des Jüdischen Forums in der CDU. Auch nicht Frau, deren Großeltern vor den Nazis geflohen sind und die sich jahrelang nicht offen zu ihrem Glauben bekannt hat, weil das in Deutschland noch immer mit gewissen Problemen verbunden ist. Alles egal, auch der Zentralrat der Juden wird gestrichen, denn das bisherige Programm war viel zu sehr auf ein „linksliberales Milieu“ ausgerichtet. Darum werden jetzt die Strukturen abgerissen, die sich über Jahre aufgebaut haben. Das nennt man „Neustart“. Und was danach fehlt, wird sich dann schon demnächst von selbst regeln. Prävention gegen Extremismus ist ohnehin überbewertet. Man kann ja auch einfach über mehr „Pluralität“ reden. Das reicht doch und ist wesentlich günstiger.

Wir freuen uns jetzt einfach auf die Neuausrichtung, die sich vielleicht ein bisschen mehr auch um ein rechtsextremistisches Milieu kümmert. Was ist eigentlich mit den Gefühlen der Täter? Fühlen die sich gehört? Das ist doch auch wichtig. Das wurde aber bisher immer einfach beiseite gewischt. Echte Ausgewogenheit ist das Gebot der Stunde. Wir haben dieses mutige Konzept übrigens schon erprobt, bei uns in Hannover hat die Deutschland-Koalition bei Kunst und Kultur kräftig den Rotstift angesetzt – und damit zum Beispiel Kargah e.V. in Bedrängnis gebracht, ein Verein, der sich seit Jahrzehnten um interkulturelle Arbeit und Geflüchtete kümmert. Oder war dir das vielleicht sogar schon bekannt? Hast du dich eventuell inspirieren lassen? Das wäre ja was. Hannover als Blaupause, wir machen’s vor, Berlin macht’s nach. Nur halt größer. Und mit mehr Pressemitteilungen über Pluralität. Liebe Karin, weiter so! Lass dich nicht beirren.

Die Grünen-Vizefraktionschefin Misbah Khan hat jetzt zwar angemerkt, dass ausgerechnet jene Organisationen dran sind, die vor der letzten Bundestagswahl öffentlich die Zusammenarbeit der CDU mit der AfD kritisiert haben, aber das ist sicher purer Zufall. Solche Koinzidenzen gibt es halt manchmal. Und dass die AfD all das wohlwollend beobachtet und kommentiert, ist völlig egal. Gute Schritte werden ja nicht schlecht, weil sie von den Falschen unterstützt werden. Und außerdem willst du ja auch gar nicht das gesamte Programm schrotten. Es sollen sogar dreißig neue Partnerschaften für Demokratie entstehen. Du willst Menschen zusammenbringen, die das Gespräch verlernt haben. Das klingt nicht nur gut, das kostet auch fast nichts und macht niemanden nervös. Besser als all die unbequemen NGOs, die Rechtsextremismus und andere zu vernachlässigende Randthemen bearbeiten oder noch schlimmer, darüber berichten. Stattdessen viele nette Runde Tische mit Keksen.

Liebe Karin, das ist alles ganz großartig und klug bis zu Ende gedacht. Willkommen zurück in der CDU, die sich ja stellenweise schon für ganz neue Koalitionen warmläuft. Die nächste Generation wird die Bedenken begraben und sich an dich erinnern. Alles richtig gemacht. Und die 200 gestrichenen Projekte werden sich schon irgendwie selbst tragen. Kargah gibt’s ja auch noch. Vorläufig. GAH

Abgelegt unter offene BriefeKommentare deaktiviert für Ein offener Brief … an Karin Prien

Tonträger Mai 2026

Tags: , , ,

Tonträger Mai 2026


Bosse – „Stabile Poesie“

Aki Bosse ist genau so nett, wie man immer annimmt. Kein Etikettenschwindel. Gleiches gilt für „Stabile Poesie“, die ist nämlich das Gegenteil der allgegenwärtigen KI-Musik. Gleich der erste Titel, „Liebe hat nicht ewig Zeit“, könnte dem Namen nach auch von Zarah Leander oder Hildegard Knef sein, weshalb es überhaupt nicht verwundert, dass ein Gesangsbeitrag von der letzten großen Diva, Tim Fischer, kommt. In 12 Tracks gibt es maximale Seele, aber auch maximale Haltung: Nicht zuletzt „Lass dich nicht f!cken“, in dem es um Hass und Hetze im Netz geht, legt zärtlich aber bestimmt den Finger in eine Wunder unserer Zeit. „Stabile Poesie“ hat nichts Gekünsteltes, ist echt, ohne allzu pathetisch zu sein und lebt von unmittelbaren Betrachtungen bei gleichzeitigem Verweigern der Hoffnungslosigkeit. Ein Album, das die Welt für kurze Zeit ein bisschen schöner macht.

Marteria – „Zum Glück in die Zukunft III“

Da haben wir gedacht, der dritte Teil der Trilogie müsste doch jetzt ein Knaller werden, Hit an Hit, ein Finale wie ein Feuerwerk. Nun ja. Das Feuerwerk hat eher was von der Silvesternacht um halb vier. Ab und zu ist noch mal was Aufregendes dabei, das Meiste ist aber eher Geballer. Und tatsächlich muss man die leisen Töne auf dem Album ziemlich suchen, bei „Sad Holiday (Schwarzer Sand)“ wird man aber fündig und fühlt sich vielleicht ein bisschen an die lila Wolken von früher erinnert. Auch in Sachen Gesellschaftskritik hält sich Marteria dieses Mal ziemlich zurück, was aber das Middle of the Road-Gefühl, das einen beim Hören befällt, nur unterstreicht. „Mehr davon, nur weniger Reibungsfläche“, mach alle Tracks wie immer, nur glatter. Das ist nicht schlecht oder gar scheußlich, aber leider ausgesprochen vorhersehbar und deshalb relativ schade.

Katja Krasavice – „Bundeskanzlerin“

Die Einen halten sie für eine coole, feministische Geschäftsfrau, die Anderen finden, sie atmet nur unnötig Luft weg (hier: Team 2). Auch ihr aktuelles Album ist wieder vollgepackt mit Plastiksounds, semi-gutem Rap, mehr Koprolalie und Fäkalsprache, als ein normaler Mensch ertragen kann. Wer sich Tiefe wünscht, sollte lieber ne Wendy lesen.

Das Lumpenpack – „Bevor der Mut dich verlässt“

Der Vorteil bei den ehemaligen Poetry-Slammern ist natürlich, dass die Texte gut sind. Das können sie. Und vieles auf der Platte macht auch Spaß, allerdings ist das Feld mittlerweile doch sehr abgegrast. Sehr radiotauglich, sehr glatt geschliffen, sehr poliert und nur sehr selten kommt ein rebellisches „das können wir so nicht lassen“ durch.

Voodoo Jürgens – „Gschnas“

Im Jahr 2026 mit Mundart-Folk noch was zu reißen, ist so einfach nicht. Along comes Voodoo Jürgens und wienert lässig und charmant vor sich hin. Aktuell und doch zeitlos trifft Wolfgang Ambros auf Bob Dylan, man ergeht sich in Betrachtungen zu den schönsten Melodien und am Ende regnet’s für alle Faschingskrapfen. Leiwand!

Long Distance calling – „The Phantom Void“

Düstere, fast retrofuturistische Klangästhetiken werden, Schlagzeug und Drumcomputer tanzen und verzahnen sich miteinander, dazu die Delaygitarren – so kennt man die Musik von Long Distance Calling. Verspielt und ausufernd ineffizient. Aber dieses Mal nicht, statt Klangpanorama klingt es eher etwas nach Gruselfilmsoundtrack. Aber spannend allemal.

Hawel/McPhail – „Sorrow Wonderland“

Was willst du von Indie-Garagenrock erwarten, den zwei nicht mehr junge Männer aus Spaß an der Freude spielen? Am besten nichts. Und dann wird man überrascht: War das Debüt der beiden doch eher schraddelig, reflektiert man hier über Mid-Life-Probleme, Freundschaft und Resilienz und kleidet das in ein Gewand aus erstaunlich viel Kraft, Melodie und Tiefe.

Jessie Ware – „Superbloom“

Mit großer Opulenz orchestrierter Soul-Disco-Funk, den man schon fast riechen kann, so sinnlich ist er. Sexy, sehr saftig und eine knappe Dreiviertelstunde lang geht es auf 13 Stücken in erster Linie um körperliche Freuden, die sich im vorletzten Track in einem epischen Chor-Breakdown entladen. Ein Hörorgasmus wie aus dem Lehrbuch.

Abgelegt unter Musik, TonträgerKommentare deaktiviert für Tonträger Mai 2026

Musikerportrait Mai 2026: Jens Bernewitz

Tags: , ,

Musikerportrait Mai 2026: Jens Bernewitz


Jens Bernewitz – Musiker und Musikproduzent in seinem eigenen Studio, den Noah Studios, feiert dieses Jahr seinen 60. Geburtstag. Anlässlich dieses persönlichen Meilensteines ist es an der Zeit, seine facettenreiche Geschichte zu erzählen und ein Gesicht hinter den vielen bekannten Arbeiten zu zeigen.

Begonnen hat Jens’ musikalische Reise bereits in seiner Kindheit. Schon vor der Schule fing er klassisch mit Instrumentalunterricht an: Noten lesen, Noten schreiben lernen und ein Gefühl für die Musik bekommen. Gestartet habe er mit Blockflöte im Alter von 6 Jahren. Später begeisterte er sich für Gitarre und Bass und war mit 13 Jahren Mitglied in der Jugendband Hannover, die damals von Bodo Schmidt geleitet wurde. In dieser Band entstanden seine ersten Berührungspunkte mit der Bühne und damit, wie es sich anfühlt, Teil einer Band zu sein. Geprägt habe ihn auch sein älterer Bruder Torsten, mit dem er damals zusammen Bands wie Pink Floyd oder die Beatles gehört habe. Mit Auftritten in verschiedenen Bands verdiente Jens schon während seiner Schulzeit sein erstes Geld und entschied sich nach dem Abitur für ein Studium in Popularmusik an der Hochschule für Musik in Hamburg.

Nach seinem 1991 erfolgreich abgeschlossen Studium, begannen „intensive Jahre als Musiker“, berichtet Jens. Auf den Bühnen von Hannover, wie etwa dem Leine Domicil, dem Pavillon oder dem Capitol, fühlte er sich zu Hause. In verschieden Bandbesetzungen erklomm er die ersten wichtigen Meilensteine seines Lebens: Ende der 80er Jahre war Jens Bassist in der Band Steinwolke. In einer reduzierten Besetzung mit dem Schlagzeuger Dominic Dias und dem Sänger Konrad Haas landeten sie sogar im Fernsehen: Als Minipigs spielten sie in ein paar Folgen in der Lindenstraße im Keller von Benny Beimer den Song „Die Kuh“. Da zeitgleich ihre neue Platte erschien, waren sie auch in großen Musiksendungen willkommen, wie zum Beispiel der ZDF-Hitparade oder Formel 1 und schafften den Absprung in die Charts.

Mit seiner anschließend gegründeten Band Los Tumpolòs lebte er Ende der 90er Jahre ausschließlich von der Musik. Gemeinsam spielten sie 120 bis 130 Konzerte im Jahr, brachten insgesamt vier Alben raus. Bis heute haben sie noch engen Kontakt. Mit ihnen habe er auch sein absolutes Highlight erlebt: „Wir haben auf dem Splash Festival in Jamaika vor 15.000 Leuten gespielt und waren die einzige europäische Band unter den ganzen Reggae-Bands. Ziggy Marley, der Sohn von Bob Marley, hat performt und unsere für jamaikanische Ohren eher ,exotischen‘ Sounds kamen doch echt gut bei der Menge an. Das war ein absolut berauschender Moment“, erzählt Jens.

Während seiner Arbeit als Musiker entdeckte Jens auch sein Interesse für die Technik und das Arbeiten mit Tonaufnahmen. Aus einer Faszination entstand eine Leidenschaft und nun arbeitet Jens in Hannover in seinem eigenen Studio: den Noah Studios. Entwickelt habe sich diese Idee bereits in den Achtzigern, da das Aufnehmen in vielen Tonstudios immer sehr teuer gewesen sei und das Geld oftmals verpuffte. Beim Überlegen, nach einer Alternativlösung kam ihm der Gedanke seine Technikfaszination und die Musik zu vereinen. Eine Investition in Räumlichkeiten und Technik später konnte es losgehen. Begonnen habe Jens mit einer analogen Bandmaschine mit 16 Spuren, heute nutze er die neuste Technik. In seinem Studio verwirklicht er vielerlei unterschiedliche Projekte. „Ich habe eine ziemliche Bandbreite an Leuten, mit denen ich arbeite“, erzählt Jens. „Von Musikern, die jahrzehntelange Aufnahmeerfahrung haben bis hin zu Schülerbands, die das erste Mal im Studio sind.“

Über die Jahre findet sich sein Produktionsstil in ganz unterschiedlichen Werken wieder: Das Album „Hier rein da raus“ von Heinz Rudolf Kunze erreichte die Charts, die Titelmusik „Eule findet den Beat“ gewann Gold und Platin und gemeinsam mit dem Kabarettisten Matthias Brodowy sowie Musikern wie unter anderem Wolfgang Stute an der Gitarre und dem mittlerweile verstorbenen Geiger Hajo Hoffmann entstand das Werk „In Begleitung“, dass 2013 mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet wurde. Dazu kommt das Vertonen von Werbespots, Dokumentarfilmen oder Erklärvideos. Ein weiterer Schwerpunkt, in dem er momentan tätig sei, ist der Bildungsbereich. Angefangen habe er mit Begleitmaterialien für Musikbände im Westermann Verlag. Nach und nach etablierte sich dann die Produktion von Sprachaufnahmen für den Deutschunterricht und schließlich auch für die fremdsprachlichen Fächer, wie Französisch, Englisch und Spanisch. Von kleinen Hörspielen, über gelesene Textauszüge aus Büchern bis hin zu Abituraufgaben für das Hörverstehen, die jährlich für das Kultusministerium neu produziert werden.

Ans Aufhören kann Jens noch lange nicht denken – die Leidenschaft und der Spaß am Arbeiten sei viel zu groß. Für seinen 60.Geburtstag ist eine große Feier mit fast all seinen Weggefährten, Freunden und der Familie geplant. Seine Band Los Tumpolòs findet für ein paar gemeinsame Lieder an diesem Tag ebenfalls wieder zusammen. Das Stadtkind wünscht alles Gute für zukünftige Projekte und Happy Birthday!

Abgelegt unter Musik, MusikerporträtKommentare deaktiviert für Musikerportrait Mai 2026: Jens Bernewitz

Folge uns