Bettina Münster: Die kleinen Frauen

Viele Menschen glauben, dass Märchen nur etwas für Kinder sind. Dabei können die Zaubergeschichten auch Erwachsene begeistern und zum Nachdenken über verschiedene große Themen anregen. Die Autorin Bettina Münster hat sich von dem Vorurteil jedenfalls nicht aufhalten lassen, eine märchenhafte Kurzgeschichte zu schreiben, die Leser*innen aller Altersklassen berührt: „Die kleinen Frauen“ handelt von einer schicksalhaften Entscheidung, die eine Zukunft voller neuer Möglichkeiten eröffnet, gleichzeitig aber auch alle Verbindungen zur Vergangenheit kappt. Im April hat Münster das schmale Heftchen, dessen Cover eine Illustration von Mimi Jamora ziert, im Self-Publishing-Verlag TWENTYSIX veröffentlicht.

Gleich zu Beginn der Geschichte lernen wir den Protagonisten Costa kennen, einen rund 40-jährigen Fischer, der allein in einem weißgekalkten Haus am Meer lebt. Weder attraktiv noch vermögend besitzt er wenig Reize für die Frauen, wie er glaubt, und deshalb hat er sich schon vor Jahren mit seinem Junggesellendasein abgefunden. Als er eines Abends auf seinen Dachboden klettert, weil er in seiner melancholischen Stimmung ein altes Familienalbum mit Fotos aus glücklicheren Tagen anschauen möchte, sieht er zwischen den verstaubten Kisten und Kartons eine kleine Gestalt vorbeihuschen. Von der Neugier gepackt, langt er nach dem Wesen – und zu seiner großen Verwunderung findet er in seiner Faust eine winzig kleine Frau vor: feuerrotes Haar, grüne Kleidung, geringelte Söckchen. Die wütenden Schreie der Gefangenen rufen neun weitere Zwerginnen auf den Plan, die der ersten bis aufs Haar gleichen. Sie stellen sich dem verwirrten Fischer als Schwestern vor, die schon seit Längerem unbemerkt auf seinem Dachboden hausen und das auch gerne weiterhin tun würden. Nachdem er sich von seinem Schrecken erholt hat, lässt der gute Costa seine Gefangene sofort wieder frei und besinnt sich auf seine Gastgeberpflichten: Er lädt seine heimlichen Mitbewohnerinnen ein, den muffigen Dachboden zu verlassen und stattdessen nach unten in die Stube zu ziehen, da es dort heller, wärmer und im Ganzen angenehmer ist. Sein Angebot wird mit Begeisterung angenommen und schon wenig später beziehen die kleinen Frauen das Erdgeschoss. Für eine Weile funktioniert das Zusammenleben recht gut – oder vielmehr das Nebeneinanderleben, denn sowohl Costa als auch die Schwestern bleiben ihrer Gewohnheiten gemäß lieber für sich. Das ändert sich jedoch, als die kleine Frau Tina eines Tages einen verhängnisvollen Vorstoß wagt. Entgegen der wichtigsten Regel ihrer Schwesternschaft enthüllt sie dem Fischer das große Geheimnis ihres Volkes. Mit einem Schlag könnte er sein Leben und das der kleinen Frauen für immer verändern, wenn er es nur wollte. Costa ist von den Aussichten fasziniert – und doch zögert er …
Wie viel Egoismus ist erlaubt? Darf Selbstverwirklichung um den Preis von Illoyalität geschehen? Und was bedeutet es, in das Schicksal anderer einzugreifen, wenn man bislang immer nur für sich selbst verantwortlich war? Das sind nur einige der Fragen, die Münster in „Die kleinen Frauen“ aufwirft. Das bemerkenswerteste dürfte dabei wohl das Ende der Geschichte sein (das an dieser Stelle natürlich nicht verraten wird!), denn es lässt die Lesenden mit einer Fülle von Fragen über den Fortgang der Lebensgeschicke aller Figuren zurück. Es hält einen aber natürlich nichts davon ab, die Story in Eigenregie fortzuspinnen!
Selbst kreativ werden – das ist auch das Motto von Bettina Münster. Seit ihrem 13. Lebensjahr schreibt die gebürtige Düsseldorferin mit großer Leidenschaft Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. Vor etwa einem Jahr zog es sie in den Raum Hannover zu ihrem Lebensgefährten, dem Singer-Songwriter Elbsegler, den die Hobbymusikerin manchmal am Klavier begleitet. Ihr Haupttätigkeitsfeld ist und bleibt jedoch das Schreiben. Dabei hat sie sich bislang vor allem im Fantasygenre bewegt: Ihre jüngste Veröffentlichung etwa, „Der Fluch der Sirene“ (2016), handelt von der Suche nach magischen Artefakten im Orient, und schon ihr Romandebüt „Das dunkle Erbe“ (2008) erzählt eine klassische Vampirgeschichte. Im Sommer diesen Jahres soll das Erstlingswerk in einer überarbeiteten Fassung und mit einem neuem (ebenfalls von Mimi Jamora gestalteten) Cover unter dem Titel „The Curse – Stirb du, wenn du dich traust“ neu aufgelegt werden. Danach möchte Münster sich auf das Schreiben von Krimis und Thrillern verlegen, da sie diese mittlerweile am liebsten liest. Eine Thrillerserie, die sich mit dem Thema Umweltschutz befasst und um die Abenteuer einer Hannoveraner Meeresbiologin kreist, ist bereits in Arbeit. Der erste Teil mit dem Arbeitstitel „Der stille Tod“ beschäftigt sich mit dem modernen Walfang..

   ● Anja Dolatta

Neuigkeiten zu dem Projekt gibt es auf www.bettinamuenster.wordpress.com.
Die kleinen Frauen
Kurzgeschichte
von Bettina Münster
TWENTYSIX
Erhältlich als Paperback (4,99 Euro) oder E-Book (2,99 Euro)


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