Die Versichertenälteste Angelika Ebeling

In Niedersachsen kümmern sich mehr als 70 Versichertenälteste der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover ehrenamtlich um die Fragen rund um Rentenanträge. Viele Menschen fühlen sich mit der Antragstellung überfordert oder verstehen die Sprache der Formulare nicht. Die Versichertenältesten helfen dabei, das Versicherungskonto auf den neuesten Stand zu bringen. Eine von ihnen ist die ehemalige Betriebsrätin Angelika Ebeling.

Die gelernte Schauwerbegestalterin aus Linden ist seit 1973 Gewerkschaftsmitglied und setzt sich hier besonders für die Gleichstellung von Frauen und Männern ein. Beschäftigt in einen Konzern, war sie seit Mitte der Achtzigerjahre Betriebsrätin und Interessenvertreterin für Schwerbehinderte. Bis heute ist sie bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi aktiv. 2014 ging sie nach 48 Berufsjahren in den Ruhestand. Schon während ihrer Zeit als Betriebsrätin war sie, nicht zuletzt durch ihre Karriere bei Verdi, wo sie bis in die Bundesebene aufstieg, so kompetent im Thema, dass sich häufig Kolleg:innen mit Problemen bei Rentenanträgen an sie wandten.
Als sie 2014 in Rente ging, nahm sich Ebeling erst einmal ein Jahr Auszeit, um sich um ihre Familie zu kümmern, die aufgrund ihrer vielen Dienstreisen oft zu kurz gekommen war. Danach schlug sie Verdi vor, sie bei der nächsten Sozialwahl aufzustellen, um sich als Versichertenälteste wählen zu lassen. Denn das ist der etwas komplizierte Weg, der zu dieser Tätigkeit führt: Interessenten sollten sich an eine Gewerkschaft, eine sonstige Arbeitnehmervereinigung oder eine freie Wählerliste wenden, die bei den alle sechs Jahre stattfindenden Sozialwahlen der Sozialversicherungsträger ein Vorschlagsrecht besitzen. Anhand von Hospitationen und Einführungsseminaren werden neu Gewählte dann eingearbeitet. Eine einschlägige Vorbildung ist hierfür nicht notwendig. „Aber ein bisschen Empathie braucht man schon“, so Ebeling. Oft sind es Witwen oder Witwer, die sie beim Beantragen der ihnen zustehenden Hinterbliebenenrente unterstützt. „Ich fühle schon mit den Menschen mit, besonders wenn es Familien mit noch kleinen Kindern betrifft.“ Die Versichertenältesten sind bei der Deutschen Rentenversicherung gelistet und werden so an Hilfesuchende vermittelt. Viele kommen auch aus dem Raum Linden-Limmer, kennen Ebeling, die schon seit weit über 30 Jahren hier wohnt, und freuen sich über das niederschwellige, wohnortnahe Angebot. Etwa 30 bis 40 Fälle bearbeitet sie im Quartal, wobei der Zeitaufwand je nach Rentenart sehr unterschiedlich sein kann. „Einen Altersrentenantrag bearbeite ich in etwa einer Stunde, Erwerbsminderungsrenten sind etwas schwieriger.“ Aufgrund ihrer Erfahrung als Schwerbehindertenbeauftragte weiß Ebeling hier sehr gut, welche Unterlagen eventuell noch hinzugezogen werden müssen und wo man genau hinschauen muss. „Oft wurde noch gar kein Antrag auf Schwerbehinderung gestellt und ich sehe aufgrund der Unterlagen, dass das dringend nötig wäre. Das sagt den Leuten niemand! Ich mache das dann einfach, weil ich das Beste für die Leute will. Ich erwarte aber auch, dass sie dann mitziehen.“ Für Witwen- und Witwerrenten nimmt sie sich mehr Zeit. „Diese Menschen haben gerade einen Verlust erlitten und wollen häufig reden. Gar nicht so sehr über ihre Trauer, sondern eher über ihre Situation und ihre Möglichkeiten.“
Ist es denn eher eine Ausnahme, dass Leute bei Rentenanträgen Hilfe benötigen? „Es ist selten, dass jemand damit völlig alleine klar kommt“, so Ebeling. „Vieles ist in einer sehr formalen Sprache verfasst. Zum Beispiel die Frage nach ‚Zeiten im Beitrittsgebiet‘. Fast niemand weiß, dass damit die ehemalige DDR gemeint ist. Ich erkläre solche Begriffe und frage auch nach, ob alles richtig verstanden wurde.“ Manchmal wird es auch richtig kompliziert, wie zum Beispiel, als ein Kunde zu ihr kam, der lange im Ausland gelebt hatte. „In Fällen, wo wir nicht weiterkommen, können wir immer Tutoren bei der DRV anrufen, die uns dann helfen.“
„Ich bearbeite die Anträge aller Leute, die sich bei mir melden“, so Ebeling. „Wenn mir das zu viel würde, würde ich es schon sagen. Nur bei den Witwen- und Witwerrenten könnte ich niemals Nein sagen.“ Von Dienstag bis Donnerstag nimmt Angelika Ebeling Termine an. „Montag ist mein Ausschlaftag“, lacht sie, „und freitags und am Wochenende sind die Familie und mein Partner dran. Es ist nicht so ganz einfach, junge Leute für diese Tätigkeit zu finden, während meines Berufslebens hätte ich das nicht machen können. Aber jetzt macht es mir richtig Spaß und ich lerne jeden Tag etwas dazu.“
       ● Annika Bachem


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