Anne de Wolff & Demotapes.org

Anne de Wolff ist nicht nur bildhübsch und eine unglaublich begabte Multiinstrumen­talistin, sondern hat auch noch das Herz am rechten Fleck. Anfang des Jahres hat sie das Non-Profit-Projekt „Demotapes.org“ gegründet, bei dem Musiker sich mithilfe ihrer ­Musik für Demokratie stark machen können.

Was hat dich dazu veranlasst, das Projekt ins Leben zu rufen? Anfang des Jahres rief mich Torsten Eichten an, ein befreundeter Filmemacher. Wir sprachen über die verstörenden Dinge, die gerade politisch vor sich gehen – so vieles ist aus den Fugen geraten, in der Welt und auch vor der eigenen Haustür. Er meinte: Was werde ich bloß sagen, wenn mich meine Kinder später fragen: Papa, wo warst du denn eigentlich damals? So haben wir beschlossen, uns zusammenzutun, um Demotapes zu gründen, eine Internetplattform, auf der Musiker/Bands und Filmemacher zusammen Flagge zeigen. Wir möchten damit einen Beitrag zum Guten leisten und unsere Hörer und Fans bitten, zur Wahl zu gehen und sich zu engagieren, da uns klar ist, dass Demokratie nicht ohne uns alle funktioniert. Es nützt nichts, zu Hause auf dem Sofa nur über „die da oben“ zu wettern. Jeder einzelne hat die Chance, an vielen Stellen unsere Welt besser zu machen.

Worum geht es genau bei Demotapes.org? Bands und Sänger/Sängerinnen schicken uns Musikvideos, die einen politischen oder sozialen Bezug haben und dazu ein kurzes Video-Statement zu ihrem Song und ihrer Einstellung zur Demokratie. Ganz Genre-übergreifend soll so gezeigt werden, dass und wie Musiker und Künstler sich mit derartigen Themen befassen. Heute läuft im Radio quasi nichts, was politisch irgendwie relevant wäre. Allerdings weiß ich, dass fester und wichtiger Teil der Live-Auftritte fast aller deutschen Bands Statements zu politisch aktuellen Themen sind. Es gibt ja durchaus auf vielen Alben verschiedenster Künstler Songs, die sich mit solchen Themen befassen, allerdings nie umfassender zu Gehör gebracht werden, da Musik im Radio keinesfalls stören oder zu „kompliziert“ sein darf. Das finde ich sehr schade. Wir hoffen, mit Demotapes da ein bisschen diese Lücke schließen zu können.

Als Künstler hat man einen ganz anderen, viel sensuelleren Zugang zu den Rezipienten, als Parteien oder Politiker je haben könnten. Demnach ist Kunst ein sehr mächtiges Instrument – das in der Vergangenheit auch schon des Öfteren für falsche Zwecke eingesetzt wurde. Ist Demotapes.org ein bewusstes Entgegenwirken oder eine Warnung davor? Weder, noch. Ich sehe Demotapes eher als eine gemeinsame Bewegung von Musikern und Filmemachern, die allesamt ein feines Gespür für die gesellschaftliche Verantwortung haben. Sie eint das Bewusstsein, dass in unserer Gesellschaft Offenheit und Toleranz unabdingbar sind. Musik kann dabei im besten Fall die Herzen und Köpfe der Menschen öffnen, da sie in erster Linie eine Sprache des Gefühls ist. Politische Botschaften in Songs waren in Westdeutschland ab den 68ern bis in die 80er Jahre klarer und wahrnehmbarer als heutzutage (in der DDR war die Situation eine andere, da gab es die erlaubten, deutlichen, linientreuen sowie die versteckten, systemkritischen). Ich glaube, dass dies nach der Maueröffnung abnahm, liegt auch daran, dass die Politik durch die rasende Globalisierung komplexer, vielschichtiger und unübersichtlicher geworden sind. Alles hängt mit allem zusammen. Dafür reichen dann manchmal vier Strophen und ein Refrain einfach nicht. Ich erlebe im Moment bei den Menschen eine tiefe Sehnsucht danach, dass einfach nur alles gut wird. Wir bauen aus Selbstschutz einen kleinen Kokon um unsere Gefühle und hören den neutralen Radio-Charts zu, die uns nicht belas­ten. So erkläre ich mir auch den immens wachsenden Erfolg von Schlagern. Aber wir dürfen einfach nicht wegsehen und weghören!

Wenn man, wie du, schon seit vielen Jahren in der Branche aktiv ist, wie schwer fällt es einem da, noch achtsam zu sein, bzw.: Hat man seine etwaige Vorbildfunktion, seine Wirkung, seinen Einfluss stets auf dem Schirm? Ich habe den Eindruck, dass dies den meisten Bands sehr bewusst ist.

Als Musikerin und Produzentin – und nicht zuletzt hast du ja auch noch ein Privatleben – bist du gut beschäftigt. Trotzdem hast du dieses Non-Profit-Projekt aufgezogen. Wie groß ist der Spagat zum „normalen Alltag“? Ich empfinde es eigentlich gar nicht als Spagat, obwohl es doch viel zeitaufwändiger ist, als ich mir vorgestellt habe. Bis jetzt hat mich Demotapes eher sehr bereichert. Viele spannende Künstler schreiben mir, ich höre die verschiedensten Songs aller möglichen Stilrichtungen, die mir vorher nie über den Weg gelaufen wären … Und da ich ja in einer Musiker-Familie lebe, mein Mann Ulrich Rode ist Gitarrist, wir haben unser eigenes kleines Studio, und die meisten unserer Freunde sind auch Musiker, gibt es so eine richtige Trennung zwischen Privatleben und Arbeit sowieso nicht.

Für euer Projekt habt ihr Künstler gewinnen können, die sich sowohl stilistisch als auch hinsichtlich der Zielgruppe – etwa Wolfgang Niedecken, Ingo Pohlmann oder Tonbandgerät – sehr voneinander unterscheiden. Seid ihr bewusst an diese Künstler herangetreten oder hat sich das so ergeben? Das ist eine sehr schöne Mischung! Mit Wolfgang haben wir sowieso viel zu tun und erzählten ihm von diesem Projekt. Die Idee mit „Kristallnacht“ auf hochdeutsch genau und exklusiv für Demotapes kam dann von ihm. Mit Tonbandgerät hatte ich zur Gründungszeit von Demotapes zwei Konzerte in der Elbphilharmonie und wir sprachen backstage darüber. Ole meinte dann, sie hätten den perfekten Song dafür. Den nahmen wir in unserem Studio auf, gerade jetzt wird das Video gedreht. So gibt es ein paar neue Songs, ältere Songs, die für Demotapes neu aufgenommen werden (Stoppok oder von Brücken haben zum Beispiel Extra-Demotapes-Versionen ihrer Songs aufgenommen), und natürlich auch viele schon fertige, passende Videos, die uns Bands geschickt haben, nachdem sie von Demotapes gehört hatten.

Wer kann bei eurem Projekt mitmachen und wie funktioniert die Teilnahme? Musiker/Bands können uns ihr fertiges Video schicken, das ist der einfachste Weg. Oder sie schicken uns einen passenden Song, den wir in unseren Folder „Songs für Videos“ legen. Filmemacher können uns gern schreiben, wenn sie Interesse haben, und bekommen dann den Zugang zu eben jenem Folder, wo sie sich einen Song auswählen können. Da sind schon eine ganze Menge toller Lieder drin von wunderbaren Künstlern wie Astrid North, Micatone, den Rainbirds etc. Oder sie haben selbst eine Idee, kennen einen tollen Song, den sie gern verfilmen wollen. Da würden wir uns im Bedarfsfall auch als Vermittler zu den Künstlern anbieten. Auf dem Video-Sektor besteht generell im Moment noch mehr Bedarf. Falls das hier also jemand liest, der Lust und das Können hat: Wir freuen uns sehr über die Unterstützung von noch mehr Filmleuten!

Was wünschst du dir in Zukunft für Demotapes.org? Es wäre toll, wenn Demotapes zu einer großen, spannenden Seite wächst, auf der man beim Stöbern die Zeit vergessen kann. Dass sie sich weiterentwickelt als Inspirationsquelle, als Möglichkeit, Ansichten durch Musik vielleicht noch einmal neu zu überdenken, als Ort, an dem man anspruchsvolle, gute Musik mit Inhalt entdecken kann und sehen, wie toll und vielseitig unsere Musikszene ist.

Mehr Infos: www.demotapes.org, www.annedewolff.de

UM

Foto (Anne de Wolff): Ulrich Rode, ©Bluhousestudio.com
Foto (Pohlmann): Benedikt Schnermann
Foto (Demotapes): © Demotapes

 


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