Tobias Kopke vom Vermehrungsgarten Hannover

Wer kennt den Guten Heinrich und weiß, dass die Goldforelle nicht unbedingt ein Fisch ist? Kaum jemand, denn der Wunsch nach ständiger Verfügbarkeit und die industrialisierte Herstellung von Lebensmitteln haben dazu geführt, dass durch Normierungen die Vielfalt der Nutzpflanzen auf einen Bruchteil der noch vor 80 Jahren verfügbaren Sorten zusammengeschrumpft ist. Dem Erhalt dieser alten Sorten hat sich der Vermehrungsgarten in Hannover-Ricklingen verschrieben, wo sich ehrenamtliche MitarbeiterInnen unter der fachkundigen Leitung von Kornelia Stock um den Betrieb des Schau- und Lerngartens kümmern. Einer von ihnen ist Tobias Kopke.

Zunächst einmal die Auflösung: Der grüne Heinrich ist eine Spinatsorte und die Goldforelle ein Kopfsalat. Diese – und alle anderen Gemüsepflanzen – wollen gehegt, gepflegt, und in dieser Jahreszeit vor allem bewässert werden. Tobias Kopke, der seit einem halben Jahr zum Team gehört, ist gerade an einer Pumpe damit beschäftigt, einen großen Kübel mit Gießwasser zu füllen.
Nachdem er sechs Jahre lang seine Mutter gepflegt hat, zeichnete sich ab, dass der Mediengestalter in seinem alten Beruf nicht wieder Fuß fassen können würde. Psychisch war das alles sehr belastend. Um sich selbst aus dem Tief zu befreien, kam Kopke die Idee, sich ehrenamtlich zu engagieren und auszuprobieren. So konnte er Sinnvolles tun, ohne gleich dem Druck eines regulären Arbeitsverhältnisses ausgesetzt zu sein. Verschiedene Angebote sprachen ihn an und er legte gleich los: Im Kulturzentrum „Bauhof Hemmingen“ füllte er Getränkevorräte auf, in einem Altenpflegeheim in Badenstedt beseitigte er im Herbst Laub und in einem Pflegeheim in Ricklingen betreute er zweimal wöchentlich Demenzkranke. Er brachte seine Gitarre mit und spielt ihnen vor, Volkslieder, oder – was ihm viel mehr liegt, Songs der Beatles. Wegen der Corona-Pandemie liegen diese drei Jobs auf Eis und Tobias Kopke ist froh über sein viertes Engagement im Vermehrungsgarten. Er ist gern in der Natur und mag die körperliche Arbeit an der frischen Luft, gerade als Kontrast zu seinem Engagement im Pflegeheim.
Das Konzept des Gartens, alte Gemüsesorten für die Nachwelt zu erhalten und so auch einen Beitrag zur Biodiversität zu leisten, war erst einmal neu für ihn, genau wie das Gärtnern überhaupt, aber sehr interessant. Er lernt gerne dazu. Zum Beispiel dürfen die Blätter von Tomatenpflanzen beim Gießen nicht nass werden, weil sie sonst leicht von Pilzen befallen werden.
Im Garten seines Bruders, wo er auch Kartoffeln und Tomaten zieht, kann er sein Wissen jetzt anwenden. „Von Frühling bis Herbst ist immer was zu tun“, so Kopke, und auch das Schleppen der vollen Gießkannen macht ihm nichts aus. Immerhin die Pumparbeit soll in Zukunft durch einen solarbetriebenen Brunnen erledigt werden, der demnächst in Betrieb genommen wird.
Wenn von der Ernte etwas übrig ist, dürfen die Freiwilligen natürlich auch Gemüse mit nach Hause nehmen. Im Vordergrund steht aber die Gewinnung von Saatgut. Welche Arten dafür angepflanzt werden, entscheidet Kornelia Stock. Meist sind es alte Hausgartensorten, die in unserem Klima gut gedeihen. Diese Sorten haben oft Eigenschaften, die perfekt für den eigenen Garten, aber eben nicht für einen Anbau im großen Stil geeignet sind. Ein Beispiel dafür sind Salatsorten, die über einen längeren Zeitraum geerntet werden können. Ein wichtiges Kriterium ist die Samenfestigkeit, das heißt, das aus dem Saatgut dieselbe Pflanze hervorgeht. Das ist bei modernem, für die Massenproduktion erzeugtem Saatgut häufig nicht der Fall. Hier werden durch Kreuzung Hybridpflanzen mit bestimmten Eigenschaften erzeugt, deren Samen für die Nachzucht ungeeignet sind.
Im Vermehrungsgarten werden die Sorten beschrieben, damit nachvollziehbar ist, welche Eigenschaften Pflanzen und Früchte haben. Das Saatgut wird gereinigt und im Rahmen der jährlich stattfindenden Saatgutbörsen unter die Leute gebracht. Ein Insektenhotel beherbergt Wildbienen, und auch ein Honigbienenvolk gehört zum Garten.
Vor der Pandemie war die Mitarbeit im Garten noch so organisiert, dass zu den festen Terminen am Dienstag und Sonntag ab 14 Uhr einfach kommen konnte, wer Lust und Zeit hatte. Ganz so spontan geht das zurzeit nicht mehr. Um Sicherheitsabstände gewährleisten zu können, wird mit einem festen Stamm von etwa zehn Leuten gearbeitet, die, wie Tobias Kopke, regelmäßig kommen, und nicht jedes Mal aufs Neue eingearbeitet werden müssen. Wenn die HobbygärtnerInnen um 14 Uhr eintreffen, wird kurz besprochen, wer an diesem Tag was übernimmt, es gibt keine festen Parzellen oder Spezialisten für bestimmte Pflanzen, sondern jeder kümmert sich im Prinzip um alles, sei es der Gute Heinrich oder die Goldforelle.

Für Führungen mit begrenzter Teilnehmerzahl kann man sich unter vermehrungsgarten@htp-tel.de anmelden. Am Tag der Führung besteht die Möglichkeit, Honig oder Pflanzen zu erwerben.

www.vermehrungsgarten.de

Annika Bachem


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Ein Kommentar für “Tobias Kopke vom Vermehrungsgarten Hannover”

  1. Camille Jackson sagt:

    Hallo Schatz, wenn du wirklich interessiert bist, maile mir, ich werde mich dir besser vorstellen und dir sagen, warum ich dich kontaktiere

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