Volker Lessing: Macht und Recht. Hannover und seine Rechtsgeschichte bis 1806

Vor der Entstehung der modernen Jurisdiktion galt die Regel: Wer die Macht hat, hat auch das Recht. Wie äußerte sich dieser Zusammenhang in der frühen Rechtsgeschichte Hannovers? Wie sind Urteile aus der damaligen Zeit nach heutigen Standards zu beurteilen? Und wirken Aspekte der frühen Rechtsprechung auch im modernen Gerichtssaal noch nach? Diesen Fragen geht Prof. Dr. Volker Lessing, der von 1999 bis 2010 der Präsident des Amtsgerichts Hannovers war, in seinem neuen Buch nach, das die rund 1000-jährige Rechtsgeschichte im Gebiet der heutigen Landeshauptstadt unter die Lupe nimmt. Sein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Zusammenspiel von Macht und Recht, das er im Kontext der vorherrschenden Gewohnheiten und Usancen der jeweiligen Zeiten und politischen Umstände betrachtet. Herausgekommen ist dabei ein gut verständliches und reichlich bebildertes Sachbuch, das im November letzten Jahres bei Tertulla erschienen ist.

Einen frühen Verweis darauf, wie die Rechtsprechung im Herzogtum Sachsen, auf dessen Gebiet sich das heutige Hannover befindet, gehandhabt werden sollte, lieferte Karl der Große auf dem Reichstag von Lippspringe im Jahr 782. Damals verfügte er, dass die Verantwortung bei den Grafen liegen sollte, die in ihren jeweiligen Bezirken als oberste Richter auftraten, aber auch für das Heeresaufgebot und die Erhebung des Königszinses zuständig waren – was für sie eine gute Einnahmequelle bedeutete.
Bemerkenswert ist nicht nur diese frühe Verknüpfung von (rechtsprechender) Macht und Geld, sondern auch zusätzlich die Order, nach der örtliche Bischöfe oder Pfarrer darauf achten sollten, dass der Graf seinen Pflichten auch nachkam. Dieser Einfluss der Kirche äußerte sich ebenfalls in der Rechtsprechung. Wenn in einem zivil- oder strafrechtlichen Prozess weder nach den vorliegenden Regelungen noch nach dem Dafürhalten der verantwortlichen Entscheider ein Urteil gefällt werden konnte, wurde dieses regelmäßig in die „Hände Gottes“ übergeben. Das bedeutete, Kläger und Angeklagter mussten sich in einem physischen Zweikampf messen, um den göttlichen Willen und damit die „gerechte“ Lösung des Konflikts herauszufinden. Die Interpretation des Kampfgeschehens war einfach: Wer in einem solchen Duell unterlag, nicht selten sogar getötet wurde, war im Unrecht. Der Ausgang wurde aber nicht nur als Recht in einem Einzelfall interpretiert, sondern häufig auch für spätere, ähnlich gelegene Fälle gesetzlich festgehalten.
Manche dieser Urteile werden sogar heute noch genau so angewandt – bemerkt Volker Lessing und führt beispielhaft eine Regelung über Erbansprüche von Kindern auf den Ausgang eines Verfahrens aus dem Jahr 938 zurück. In eben dieser Zeit setzt er mit seinem historischen Abriss der Rechtsprechungstraditionen im Gebiet der Leineaue an, um anschließend die Entwicklung der Justiz auf ihrem Weg zwischen städtischer Souveränität und landesherrlicher Bevormundung bis zum Jahr 1806 zu verfolgen. Diese abschließende Epochengrenze wurde von ihm ganz bewusst gewählt: In jenem Jahr ging mit der Rheinbundakte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zu Ende und das Reichskammergericht wurde aufgelöst, was einen entscheidenden Einschnitt für die deutsche Justizgeschichte bedeutete.
Für Lessing stand von Anfang an fest, dass er keine wissenschaftliche Facharbeit, sondern ein gut verständliches, wenn auch anspruchsvolles Lesebuch für das breite Publikum schreiben wollte, das sich für die Geschichte der Rechtsmechanismen in der niedersächsischen Landeshauptstadt interessiert. Veranschaulicht wird der Überblick mit Hilfe von Gerichtsfällen, Geschichten, Anekdoten und Bildern, ein kurzer Ausblick auf die moderne Zeit vervollständigt das Bild. Bereits 2014 erschien von Lessing ein Sachbuch, das sich mit der Entstehung der Justizinstitution des Amtsgerichts in Hannover, aber auch mit den architektonischen Geheimnissen dieses zuletzt umfangreich restaurierten Justizpalastes am Volgersweg aus dem Jahr 1911 befasst. „Amtsgericht Hannover. Ein Lesebuch mit Bildern“ ist ebenfalls bei Tertulla erhältlich. ● Anja Dolatta

 

Macht und Recht. Hannover und seine
Rechtsgeschichte bis 1806
von Volker Lessing
Gebunden. Mit rund 150 farbigen Abbildungen
Tertulla Gbr
ISBN: 978-3-9815602-9-9
288 Seiten, 29,80 Euro


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