Ein letztes Wort im Juli …

Herr Weil, wir sprechen heute mal darüber, ob wir über Alexander Gauland sprechen sollten, nach der Aufregung, die er neulich wieder mit seinem „Vogelschiss“ erzeugt hat.
Wollen wir dem wirklich eine Seite im Stadtkind widmen?

Genau das ist meine Frage: Bekommt Gauland zu viel Aufmerksamkeit? Und bekommen solche Leute generell zu viel Aufmerksamkeit in den Medien?
Dass darüber informiert wird, wenn Herr Gauland den Mord an Millionen Menschen infamerweise als „Vogelschiss“ bezeichnet, ist nicht zu vermeiden. Die Medien haben diese Aussage ja auch sehr kritisch thematisiert. Auch kurze scharfe Zurückweisungen derartiger Entgleisungen durch Politiker aller anderen Fraktionen sind notwendig und sinnvoll. Ansonsten aber sollen wir meines Erachtens in der Politik mehr über die Themen reden, die die Menschen in unserem Land bewegen, über die Situation von jungen Familien oder von älteren Menschen, über Veränderungen in der Arbeitswelt, aber gerne auch über all das, was in unserem Land gut läuft. Die Rechten versuchen ständig uns einzureden, wir stünden kurz vor dem Weltuntergang, sie versuchen, die Gesellschaft zu spalten.

Die Medien sind wegen ihrer Berichterstattung oft in der Kritik, wenn es um solche verbalen Entgleisungen geht. Weil man dem Theater der AfD eine Bühne gibt. Das läuft ja immer nach demselben Drehbuch.
Derartige Provokationen der AfD werden ganz bewusst gesetzt. Wir müssen alle miteinander darauf achten, ihnen nicht zu viel Aufmerksamkeit zu geben. Die Kieselsteine, die die AfD in den Teich wirft, sollten keine unverhältnismäßig hohen Wellen erzeugen.

Wie könnte man dem begegnen? Nicht mehr darüber berichten? Nicht mehr schreiben?
Es liegt mir fern, den Medien irgendwelche Tipps geben zu wollen. Ich würde ganz generell in unseren gesellschaftlichen Debatten gerne die Frage, wie es denn momentan wirklich um Deutschland bestellt ist, in den Vordergrund stellen. Wenn ich im Ausland bin, staunt man dort darüber, was für eine großartige Entwicklung Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg genommen hat. In Deutschland habe ich im Gegensatz dazu gelegentlich den Eindruck, man nehme es als völlig selbstverständlich, auf welch hohem Niveau hier viele leben. Das betrifft nicht nur die finanzielle Situation, sondern auch die Formen unseres Zusammenlebens, das Maß an Freiheit, das wir genießen können. Ich würde mich freuen, wenn auch mehr das Positive wahrgenommen würde: Deutschland ist lebens- und liebenswert und weit mehr als irgendwelche Skandale, Affären und Unzulänglichkeiten.

Zu viele schlechte Nachrichten, zu wenig gute?
Ich habe neulich eine interessante Beobachtung gemacht. Wenn ich bei meinem I-Pad auf die Übersichtsseite gehe, gibt es da einen News-Dienst. Und ich habe mich immer darüber gewundert, was dort für ein Schrott zusammengestellt wird. Da geht es fast ausschließlich um Kriminalität, um Naturkatastrophen oder um schlimme Verkehrsunfälle. Ich habe Apple angeschrieben und gefragt, wie es zu dieser Zusammenstellung kommt, die aus meiner Sicht ein ziemlich schräges Bild unserer Welt zeichnet. Die Antwort: Das besorgen die Algorithmen. Die errechnen, was momentan besonders relevant ist. Je mehr also über Verbrechen und Skandale und dergleichen berichtet wird und je mehr Menschen solche Berichte anklicken und lesen, desto mehr finden sich solche Themen in den News-Diensten. Im Ergebnis gibt’s immer mehr vom Gleichen. Auch bei Facebook wird uns die Realität, beeinflusst durch das Verhalten der skandalorientierten Nutzer, verzerrt präsentiert.

Das heißt, solche Dienste und die Medien insgesamt täten gut daran, zu prüfen, ob die Berichterstattung tatsächlich ausgewogen ist. Was ich außerdem immer wieder höre, ist die Forderung nach einem Faktencheck. Man solle dem Populismus Fakten entgegenstellen, um die einfachen Antworten so zu entzaubern. Ich habe inzwischen den Eindruck, das funktioniert nur sehr begrenzt.
So wichtig Fakten und Zahlen auch sind, damit alleine überzeugt man die Menschen nicht. Nüchterne Fakten helfen nur sehr begrenzt gegen emotional gesteuerte Kampagnen. Zu allererst brauchen wir einen starken Staat und Politiker, die sich tatkräftig um die Belange der Bürgerinnen und Bürger kümmern. Außerdem aber sollten wir alle mehr über unsere Werte sprechen, darüber, wie wir uns ein solidarisches und tolerantes Zusammenleben der Menschen in Deutschland vorstellen. Mit anschaulichen Bildern und Geschichten können Politik, Kirchen und Verbände dazu beitragen, Haltungen in unserer Gesellschaft zu verändern und damit letztlich auch gesellschaftliche Realitäten.

Wenn ich mir unsere Parteienlandschaft momentan so ansehe, dann habe ich den Eindruck, dass manche etablierte Parteien das Populismus-Spielchen ebenfalls ganz gut beherrschen, vorneweg Seehofer und Söder.
Nicht nur die AfD überzieht in ihren Situationsbeschreibungen und den daraus abgeleiteten politischen Forderungen. Dass Herr Söder von „Asyltourismus“ spricht, verhöhnt in widerlicher Weise die Menschen, die aus tiefer materieller Not oder auf der Flucht vor Gewalt und Krieg zu uns kommen. Etablierte Parteien, die versuchen, die Themen der extremen Rechten zu kapern, machen letztlich die AfD stark. Warum die Kopie wählen, wenn man auch das Original wählen kann? In Niedersachsen ist die AfD nur halb so stark wie in Bayern. Und ich sehe dafür klare Gründe. Wir werten die AfD nicht über Gebühr auf. Wir machen unser Ding, bleiben gelassen und ausgewogen. Und genau das schafft Vertrauen.

Ist Humor auch ein Mittel im Umgang mit den Populisten? Darf man sich lustig machen?
Warum nicht! Johann Saathoff, ein SPD-Abgeordneter aus Ostfriesland, hat beispielsweise kürzlich im Bundestag eine ganz bemerkenswerte Rede gehalten. Gegenstand war ein AfD-Antrag, mit dem die deutsche Sprache in den Verfassungsrang erhoben werden sollte. Saathoff hat zwar auf Deutsch darauf geantwortet, aber dennoch so, dass die große Mehrheit des Hohen Hauses nicht mehr folgen konnte, nämlich auf Plattdeutsch. Womit er ganz wunderbar zum Ausdruck gebracht hat, dass Heimat etwas absolut Vielfältiges ist. Das war eine großartige Reaktion, geistreich, überzeugend, mit der notwenigen Spur Leidenschaft und sehr humorvoll. Eine tolle Rede, ich war richtig stolz auf ihn.

Dennoch scheint mir, dass trotz aller klugen Ansätze zum Umgang mit den Populisten, die Populisten trotzdem immer stärker werden, in der Welt, in Europa, auch in Deutschland. In vielen Demokratien driftet die Gesellschaft momentan nach rechts. Und ich frage mich tatsächlich, ob man noch darüber berichten sollte, weil man den Trend damit womöglich verstärkt.
Ich denke, es ist tatsächlich eine Frage der Relation. Wir leben hier seit mehr als zwei Generationen in Freiheit, Frieden und mit wachsendem Wohlstand. Ich hätte Deutschland, so wie es heute aufgestellt ist, vor 25 Jahren nicht für möglich gehalten. Unsere Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit 30 Jahren und die Beschäftigungszahlen waren noch nie so hoch, in Niedersachsen haben wir fast drei Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Ich könnte jetzt noch sehr lange so weitermachen. Dennoch leben wir auch in einer Phase wirklich grundlegender Veränderungen, gekennzeichnet durch Globalisierung, durch Digitalisierung. Und viele Leute spüren diese fast tektonischen Verschiebungen. Sie können das noch nicht richtig einordnen, letztlich können wir das alle noch nicht. Das macht Angst, bewusst oder unbewusst. In einer solchen Situation ist es die Aufgabe von Politikern, Vertrauen zu schaffen. Nicht, indem man sagt, alles ist gut, sondern indem man die Probleme und die Chancen klar benennt und genauso klar sagt, was man tun will.

Interview: Lars Kompa
Foto: Carolin Janocha

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