Beim-Abspann-Aufsteher

Aus der Rubrik „Randgruppenbeleidigung“

Der Genuss von Kubricks Kultfilm „A Clockwork Orange“ ist nicht perfekt, wenn man nicht nach der galligen Handlung auch noch das zynische „Singin‘ in the Rain“-Geträller des Abspanns über sich ergehen lässt. Und wer hat bei Wes Andersons Kritiker- und Publikumsliebling „Grand Budapest Hotel“ nicht gerne noch den witzigen Strichmännchen im Abspann zugeschaut? Davon abgesehen warten mittlerweile auch zahlreiche Blockbuster wie etwa das „Ghostbusters“-Reboot oder die Marvel-Superhelden-Filme mit Post-Credit-Scenes auf, die manch einer mit Vorfreude erwartet.

Warum also, zum Donnerwetter, erheben sich in jedem Kino stets irgendwelche Chaoten pünktlich zum Abspann und versperren einem die Sicht? Nach einem guten (oder weniger guten) Film den letzten Klängen des Soundtracks zu lauschen und dabei die Namen der Beteiligten in ihren sonderbarsten Funktionen zu lesen, ist für viele Cineasten der perfekte Ausklang. Nicht bloß, weil man bei den Coens „No Jews Were Harmed“ oder in Enyedis oscar-nominiertem „Körper und Seele“ ein bitteres „Animals Were Harmed“ lesen kann… oder weil einem Francos „Disaster Artist“ eine an Verschrobenheit kaum zu überbietende Post-Credit-Scene nach einem doch eher mäßigen Film schenkt. Nein, manch einer findet bereits Gefallen daran, anmutigen, aber unbekannten Namen wie Marc Mnémosyne wieder und wieder aufs Neue zu begegnen und dabei zu erahnen, wie viele Unbekannte eigentlich hinter einer Vielzahl der bekanntesten Filme stecken. Das ermöglicht eine ganz vertrauliche, intime Beziehung zum Film.

Oder man erfreut sich einfach daran, ganze Familienbanden im Abspann ein und desselben Films wiederzufinden. Das war mir zuletzt bei „Djam“ vergönnt – und diese Infos finde ich bislang noch nicht einmal auf der weltgrößten Internet-Filmseite. Der Abspann ist nun einmal auch (oh Wunder!) informativ! Und dass der Regisseur von „Djam“ zugleich auch für Text und Arrangement der Musik verantwortlich war, die in dem Film von so großer Bedeutung ist, ist einem Mit-Kinogänger ganz einfach deshalb entgangen, weil sich gedankenlose Egoisten rudelweise durch sein Sichtfeld geschoben haben. Und das im Koki, wo eigentlich die selbsternannten Cineasten sitzen! In den großen Multiplex-Kinos wird man bisweilen sogar regelrecht angefeindet, wenn man sich nicht zu Beginn des Abspanns erhebt.

Woran liegts? Analphabetismus? Blasenschwäche? Desinteresse an anderen Kinogängern und Kunstschaffenden? Einfach bloß sehen und unterhalten werden wollen und dann einfach auf alles und jeden scheißen, sobald man sich nicht mehr unterhalten fühlt? Weil man ein Kino mit einer Achterbahn verwechselt – und die Leinwand mit einem Schaufenster? In dumpfer Selbstgefällig erhebt man sich also aus dem Stuhl, sobald die Phase beginnt, in der man nicht bloß schauen, sondern lesen müsste. Man lässt sein Handy leuchten, trabt dem Ausgang entgegen und verharrt gegebenenfalls irritiert und unentschlossen auf eine unerwartete Filmszene blickend, die der Regisseur hinterlistig irgendwo in den Abspann hineingemogelt hat. Herrgott, dann geht doch einfach gar nicht erst ins Kino! Bleibt mit eurem Handy zu Hause! Wer sich für Filmkunst gar nicht interessiert, der hat im Kino nichts zu suchen! (Von den Arschlöchern, die einen Film im Kino lautstark geistreich kommentieren, damit jeder ihre Genialität bewundern kann, will ich jetzt gar nicht erst anfangen.) Aber man ist den Irren ja hilflos ausgeliefert: Freundliches Bitten stößt auf taube Ohren oder wird noch mit Unverständnis oder Verachtung quittiert.

Da ist es ein Lichtblick, wenn etwa eine Claire Denis ihren Abspann einfach gleich über die letzten zehn Filmminuten legt, während Handlung und Dialoge noch immer wie selbstverständlich weiterlaufen und der im Trailer großspurig verkündete Gérard Depardieu eigentlich überhaupt erst so richtig in Erscheinung tritt. Ich liebe Claire Denis aufrichtig dafür, obwohl „Meine schöne innere Sonne“ mitunter eine gehörige Geduldsprobe ist. Aber ein stöhnendes Publikum zu erleben, das sich restlos irritiert durch einen vollständigen und recht langen Abspann kämpft, weil eben noch der (wie seine Hauptfigur ziellos mäandernde) Film weiterfließt und doch kein befriedigendes Ende findet, entschädigt ungemein. Wenn das Publikum nach den Filmaufnahmen keine Stabangaben mehr lesen will, dann muss man eben die Stabangaben über oder zwischen die Filmbilder legen. Das sollte Schule machen. Damit das nervige Publikum endlich bekommt, was es verdient!

Christian Kaiser
Illustration: Illi Hinzberg


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