Tag Archive | "2018-04"

Auf dem Totenberg

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Auf dem Totenberg


Für sein Krimi-Debüt „Auf dem Totenberg“ erntet der gebürtige Hannoveraner Dirk M. Staats viel Lob. Der Diplom-Ökonom, der am 9. April seinen sechzigsten Geburtstag feiert, schickt in seinem ersten Roman Hauptkommissar Max Leitner und Assistent Tobias Heuward zum Fundort von menschlichen Überresten, die im Bramwald zerstreut liegen…

Doch eins nach dem anderen. Eingeleitet wird die Geschichte von einem rasanten Prolog, in dem ein mysteriöser Anruf in eine hastige Flucht und eine Verfolgungsjagd mündet. „Plötzlich hörte er Äste knacken. War das ein Tier? Es musste ein Tier sein. Er lauschte weiter. Dann vernahm er ein lautes Fluchen. Er hatte sie nicht abgehängt, sie waren sogar ganz in seiner Nähe. Zitternd vor Angst und Qual rannte er weiter. Er wollte noch nicht sterben.“
Zwölf Jahre später, im Jahr 2015, werden der von Magenproblemen gebeutelte Kommissar Leitner und sein von jugendlichem Übermut getriebener Assistent Heuward an den Totenberg gerufen, um sich um die gefundenen Leichenteile zu kümmern. Der Totenberg, der höchste Berg im Bramwald, liegt zwischen Göttingen und dem Naturpark Münden. Den beiden Ermittlern bietet sich bei Nebel, Schneematsch und durchdringender Nässe eine beängstigende Atmosphäre. Diese schaurige Atmosphäre wird auch vom Buch-Cover, auf dem die beiden Totenberghäuschen zu sehen sind, stimmig illustriert.

Weitere Figuren und Handlungsstränge, die zu Beginn eingeführt werden, stellen den Leser vor einige Fragen. Welche Rolle spielt der Lastwagen-Fahrer Matze und seine Familie? Was hat der arbeitslose Tonne mit der Sache zu tun, der sich mit Online-Pokerspielen, Gaunereien und Dosenbiertrinken die Zeit vertreibt? Staats lässt sehr lebensnahe Figuren in seinem Roman agieren. Und nach der Einführung der Protagonisten entsteht ein Spannungsbogen, der bis zum Ende nicht abreißt.
Die aufgefundenen Leichenteile geben dem Göttinger Kripo-Mann Leitner zahlreiche Rätsel auf. Warum lassen sich trotz intensiver Suche am Fundort weder Fragmente von Bekleidung noch weitere Spuren finden, die auf die Identität des Toten schließen lassen? Sind die am Fundort zwischen allerlei Unrat gefundenen Schlaftabletten und Schnapsflaschen ein Hinweis auf einen Selbstmord? Doch wie passt dann die Schädelfraktur des Toten ins Bild?

Der Erstlings-Roman von Dirk M. Staats wurde vom KBV Verlag für den Friedrich-Glauser Preis in der Sparte „Debütroman“ vorgeschlagen. Leider entschied sich die Autoren-Jury des SYNDIKATs, einer Autorengruppe für deutschsprachige Kriminalliteratur, für fünf andere KandidatInnen von insgesamt 67 eingereichten Debütromanen. Der neue Preisträger wird am 5.Mai 2018 bei der 32. CRIMINALE in Halle verkündet.

Auch wenn Staats Erstlings-Roman diesen Preis nicht einfahren wird, ist dem Hobby-Organisten und Klavierspieler ein spannungsgeladener Kriminalroman gelungen, der die LeserInnen bis zum fulminanten Schluss rätseln lässt, wie alles miteinander zusammenhängt. Und das Ermittler-Duo hat durchaus Potenzial für weitere Fälle.

Text: Sascha Jankowski
Foto: Magdalena Palmberger

Auf dem Totenberg
Dirk M. Staats
330 Seiten
kbv-verlag
Taschenbuch:
10,95 Euro

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Niemand ist neidisch …

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Niemand ist neidisch …


Liebe Stadtkinder,

Neid, eine Sünde, die es gar nicht gibt. Ja, wirklich wahr! Niemand ist neidisch. Jedenfalls sagen das die meisten, wenn man mal in die Runde fragt: „Wann warst du zuletzt so richtig neidisch?“ „Keine Ahnung, nie, nicht so meine Baustelle.“ Neidisch sind ganz offensichtlich immer nur die anderen. Diesem Gefühl auf die Spur zu kommen, ist tatsächlich gar nicht so leicht. Und trotzdem leidet unsere Gesellschaft darunter. Mehr dazu in unserer April-Ausgabe!

 

 

 

 
*** Und sonst so? ***

… Illi schießt und trifft nicht: Alice Schwarzer, die Hüterin des einzig wahren Feminismus und ausgewiesenste Männer-Kennerin des vergangenen und dieses Jahrhunderts. Ein Titaninnen-Gespräch.

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… Der besondere Laden ist definitiv 25music, den es nun doch weiter gibt – und das ist sehr gut so!

… Jens Spahn hat gut gebrüllt und in unserem offenen Brief bekommt er natürlich unsere wohlfeile Unterstützung.

… Politisch wollen wir zwar nicht aus dem Sozialstaat aussteigen, sehr wohl aber aus dem Geschäft mit Waffen.

… Im Gespräch ist bei uns Andreas Burckhardt, der musikalische Leiter der Tonhalle Hannover.

Und wie immer: Termine, Kulturtipps und ein dicker, fetter Veranstaltungskalender, alles in echt und auf Papier.

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25music

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25music


Seit 1987 existiert 25music als Plattenladen in Hannover. Sogar das durch die Digitalisierung verursachte weltweite Plattenladensterben der letzten 20 Jahre hat die hannoversche Institution in Sachen Tonträger überlebt. Doch die vom neuen Vermieter geplanten und langwierigen Sanierungsarbeiten der Fassade und Geschäftsräume hätten beinahe für das Aus gesorgt. Die sich aus der Sanierung ergebenden Beeinträchtigungen des Geschäftsablaufs, die Ungewissheit und das Risiko waren den Geschäftsinhabern zu groß. Nach einigen Überlegungen ergab sich nun aber doch eine naheliegende Alternative.

Für die hinteren Geschäftsräume, die zu einem anderen Gebäude gehören, das nicht Teil der Sanierung wird, konnte Geschäftsführer Ralph Bochmann einen langfristigen Mietvertrag unterschreiben. Es entfällt nun zwar der vordere Geschäftsbereich mit der gut sichtbaren Ladenzeile zur Lister Meile und die Ladenfläche reduziert sich von 650m² auf 450m², allzu große Auswirkungen auf die Auswahl hat das aber nicht. Vinyl und CDs aus nahezu allen populären Musikbereichen finden sich in den Regalen bei 25music: Rock, Pop, HipHop, Funk, Soul, Groove, Reggae, Punk, Independent, Metal, Alternative, Folk, Country, Blues – da dürfte nach wie vor für jeden Musikliebhaber etwas zu finden sein. Was nicht vorrätig ist, wird gerne bestellt. Lediglich das zuvor auf die Laufkundschaft abgestimmte Angebot wurde verkleinert – weil unklar ist, ob Spontankäufer den Weg von ca. 300 Metern um den Häuserblock zum neuen Ladeneingang in der Kronenstraße 12 auch gehen werden.

Nicht nur der Geschäftsführer, auch das etwas verkleinerte Verkaufsteam (von nun drei Angestellten und einer Auszubildenden) hofft, dass die Kunden den Weg in ihren Laden über die weniger frequentierte Kronenstraße finden werden. Denn es sei ungewiss, ob man zukünftig auf Dauer nur von der sehr treuen, langjährigen Stammkundschaft existieren könne, sagt Bochmann. Immerhin, so merkt er dazu an, sei positiv zu erkennen, dass die Käuferschaft von Tonträgern nicht zunehmend älter werde. Endlich interessieren sich auch wieder mehr junge Leute ab etwa 15 Jahren für die liebevoll gestalteten Schallplatten mit ihren schönen und kunstvollen Artworks. Eine unsichtbare, nicht greifbare Datei kann da nicht mithalten.

Sowohl der An- und Verkauf von Secondhandware, sowie die DVD- und Blue-Ray-Abteilung, der Konzertkartenverkauf und der Plattenwachsservice bleiben erhalten. Die Neuerscheinungen treffen in der Regel freitags im Laden ein. Das Online-Angebot bei Discogs und der Seller-Shop bei Amazon sind für Händler, die überleben wollen, seit Jahren obligatorisch. In diesem Bereich möchte 25music sein Engagement künftig etwas intensivieren, um den befürchteten Wegfall der Laufkundschaft zu kompensieren. Viel wichtiger als das Online-Geschäft ist Bochmann aber der Erhalt der in den vergangenen Jahren sehr erfolgreichen und meist kostenlosen, akustischen Live-Konzerte im Laden. Szene-Größen wie Terry Hoax, GURR, Anti-Flag oder Frank Turner durften die heiligen Verkaufshallen von 25music in der Vergangenheit bereits beschallen. „Eine wunderbare Werbung für beide Seiten“, findet Bochmann, für die Musikschaffenden und für ihn als Händler, der die Produkte der Künstler verkauft. Darüber hinaus auch ein Zugewinn für das kulturelle, musikalische Angebot der „Unesco City of Music Hannover“. Musikfans und Konzertgänger können sich also auch 2018 wieder auf einige fantastische „Instore-Gigs“ von Singer- und Songwritern aus aller Herren Länder, bekannten Größen aus den Charts oder der hiesigen Musikszene freuen.

Bei aller Ungewissheit und den Unkenrufen, manche Einzelhändler seien aufgrund der massiven Online-Konkurrenz möglicherweise eine aussterbende Art, ist Bochmann positiv gestimmt. In den sozialen Online-Netzwerken gab es viel positive Resonanz dazu, dass der Laden erhalten bleibt. Er ist überzeugt, mit dem guten Sortiment, dem charmanten Verkaufsraum und seinem motivierten Team gut aufgestellt zu sein. Jäger und Sammler werde es immer geben, so Bochmann: „Ich hoffe, der Laden bleibt bestehen. Wir jedenfalls freuen uns auf unsere Kundschaft!“

Text und Fotos: Sascha Jankowski

Kronenstraße 12
30161 Hannover,

Tel.: (0511) 331330
25-music.de

Öffnungszeiten: Mo bis Mi 11–18 Uhr, Do & Fr 10-19 Uhr, Sa 10-16 Uhr

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Moderne Zeiten!

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Moderne Zeiten!


Aus der Rubrik „FUßBALL“

Warum ist das Stadtkind das beste Magazin überhaupt? Bestimmt wegen der guten Berichterstattung rund ums Geschehen in unserer Stadt und natürlich auch wegen der spitzfindigen Gesellschaftsbetrachtungen von Hartmut El Kurdi. Aber das wirklich Beste an Hannovers führendem Stadtmagazin ist das geduldige Hinterherlaufen des Chefredakteurs und Herausgebers hinter seinem ordentlich verpeilten 96-Kolumnisten.

Am Nachmittag des 21. März (einen Tag vor Druckbeginn) bekomme ich erst einen Anruf, dann eine SMS, dann eine E-Mail, dann noch einen Anruf, diesmal von der Firma, bei der ich arbeite. Dumm nur, dass ich gerade in Manchester weile. Dort erreicht mich aber nun meine Arbeitskollegin, die mich bittet, dringend Lars Kompa anzurufen. Das erledige ich natürlich sofort und bekomme dann (mit wohlgemerkt noch immer ganz sanfter Stimme) die absolut letzte Deadline mitgeteilt, den 22. März bis 10.00 Uhr. Okay, jetzt ist Action angesagt. Die ganze Kolumne als SMS ins Handy tippen? Keine Alternative für einen Mann in seinen besten Jahren. Ein Internetcafé suchen? Manchesters Business-Yuppies halten sich im Starbucks sitzend die Bäuche vor Lachen. Dann kommt mein mitreisender Neffe auf eine sensationelle Idee. Wir gehen in Manchesters größte, öffentliche Bibliothek und ich sehe den großen Computerraum, dann den Infoschalter. „I need a computer for maybe an hour to write something and send it away via e-mail…“, holpert es aus mir heraus. „It’s only for libary members”, sagt eine freundliche Frau und zeigt mir die dazugehörige Plastikkarte.

Jetzt bin ich also Member in Manchesters Hauptbibliothek mit dem gleich entrichteten Jahresbeitrag von 15 Pfund (da kommen wieder immense Kosten auf den Herausgeber zu, Anm. der Redaktion). Dazu gibt es noch die Information, dass ich keine Bücher aus der Bibliothek mitnehmen darf, weil ich ja Ausländer bin. Geschenkt. Und jetzt sitze ich hier also mit ca. 100 eifrigen Studenten und Wissbegierigen und bin froh, dass der Chefredakteur mich erst so spät erreicht hat. Denn am Vormittag war ich in Old Trafford, der Heimstätte von Manchester United, eigentlich ein Tempel für Fußballfans. Aber was ich sah, war der totale Ausverkauf unseres Lieblingssports. Der Fanshop war gefühlt halb so groß wie das sagenumwobene Stadion und allein der Kassenbereich hatte die Dimensionen des gesamten 96-Fanshops. Neben 80 Pfund teuren Trikots gab es alles, was auch nur Platz für ein Manu-Branding bietet. Und als wir den Konsumtempel ohne eines der in China gefertigten Produkte verließen, grinste der ekelerregende Christiano Ronaldo von einer überdimensionalen Ehemaligen-Galerie zu uns herunter. Das passt, dachte ich mir. Der Eintritt zum stadioneigenen Museum mit Stadionführung hätte für mich und meinen Neffen übrigens gut 50 Euro betragen. What the hell!

Wenn das die Zukunft unseres Fußballs ist, wie ihn Martin Kind und andere Investorenfreunde sie für uns gerne hätten, haben wir als 96-Fans die Pflicht, das zu verhindern. Klar, die Ultras reagieren oft nicht geschickt und manches geht an der Sache und\oder dem guten Geschmack völlig vorbei, im Kern sind die Anliegen aber wichtig und aus meiner Sicht auch völlig richtig.

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Flex Ensemble

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Flex Ensemble


Nach „imPULS I. En France“ und „imPULS II. Phantasmagorical Movements“ stehen sie im April erneut in Hannover auf der Bühne: Das Flex Ensemble beendet seine Kammermusikreihe „imPULS 2017/2018“  mit einem Abschlusskonzert der besonderen Art. Mit „imPULS III. Think Big“ präsentiert das Quartett auch diesen Monat wieder seine hohen musikalischen Qualitäten – und es wird unerwartet sexy.

Bereits im Jahr 2012 haben sich die vier MusikerInnen des Flex Ensemble in Hannover kennen gelernt und sie kehren seither immer wieder in die Landeshauptstadt zurück. Kana Sugimura (Violine), Anna Szulc-Kapala (Bratsche), Martha Bijlsma (Cello) und Endri Nini (Klavier) sind ehemalige StudentInnen der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH) und StipendiatInnen der Villa Musica. Sowohl die intensive Betreuung durch Oliver Wille und Marcus Becker als auch die Zusammenarbeit mit einflussreichen Mentoren wie Günther Pichler, dem Artemis Quartett und dem Juilliard String Quartet formte die MusikerInnen zu einem hervorragenden Ganzen. Seit der Gründung des Ensembles gehören sie regelmäßig zu den Preisträgern vieler internationaler Auszeichnungen, so erhielten sie unter anderem bereits den ersten Preis und den Sonderpreis des Internationalen Schumann Kammermusikpreises Frankfurt.

Durch eigene Interpretationen von klassischer Musik und neuen Aufführungsformen sowie Kooperationen mit Tänzern und Videokünstlern bekommt das Ensemble seit Jahren internationale Anerkennung und erfreut sich einer immer größeren Bekanntheit. Lodz (Polen), Triest (Italien), Amsterdam (Niederlande), Pristina (Kosovo) – die Liste der Spielorte, die das Quartett mit seinen aufregenden musikalischen Präsentationen bereist, ist umfangreich. Und groß ist immer auch die Begeisterung des Publikums vor Ort – klassische Werke zum Sehen, Hören und Staunen.
Im Jahr 2014 veröffentlichten die Musikerinnen ihre Debüt-CD „The Arrival of Night“ beim Label GENUIN Classics. Die CD umfasst unter anderem Werke von Komponisten wie Johannes Brahms, Astor Piazzolla und Stephen Hartke. Im selben Jahr fand zum ersten Mal das Chamber Music Fest Rheinhessen statt. Das Quartett ist Gründer dieses Festivals und hat zudem die künstlerische Leitung.

Die Lust zum Experimentieren und insgesamt die Idee, den eigenen und außergewöhnlichen Stil einem buntgemischten und nicht allein klassisch interessierten Publikum vorzustellen, formte in der Konzertsaison 2016/2017 die Kammermusikreihe „imPULS“ in Hannover. Mit „imPULS III. Think Big – Unerwartet sexy!“ beendet das Quartett nun diese Kammermusikreihe für die aktuelle Saison. Für das große Finale stellen sich die vier MusikerInnnen noch einmal einer ganz besonderen Herausforderung: Beethovens dritte Sinfonie, die den Beinamen „Eroica“ trägt. Sie wird eigentlich eher von Orchestern gespielt und bietet der kleinen kammermusikalischen Besetzung des Ensembles nun die Möglichkeit, dem Publikum eine neue Seite des berühmten Meisterwerkes zu zeigen. Ergänzt wird das Programm mit Brahms Klavierquartett op. 25.

Das Konzert findet am Sonntag, 22. April um 18 Uhr im
Joseph-Joachim-Saal im Künstlerhaus Hannover statt.
Karten kosten 12 Euro, ermäßigt 8 Euro. Reservierungen
über info@flexensemble.com.
Text: Marie Veenhoven
Foto: Tim Klöcker

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Andreas Burckhardt

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Andreas Burckhardt


Musikalischer Leiter der Tonhalle Hannover
Sternzeichen: Waage

Andreas Burckhardt war einer der vier Studenten, die im Jahr 1985 den ersten Jazz-Studiengang an der Hochschule Hannover durchlaufen haben. Seitdem ist er für den Jazz unterwegs: Inzwischen als Saxophon- und Methodik-Dozent an der HMTMH, seit vielen Jahren als Dozent für die LAG Jazz und seit 2015 in kulturpolitischer Mission als deren 1. Vorsitzender. Mit der Tonhalle Hannover hat er 2013 das erste musikalische Trainingszentrum in Deutschland ins Leben gerufen und setzt hier ein neues pädagogisches Konzept des gemeinsamen Übens und Spielens unter professioneller Anleitung um. In der Tonhalle finden Jazzmusiker außerdem eine kleine, aber feine Bühne und die Szene einen Gastgeber, der für diese Musik brennt wie eh und je.

Ich bin zum ersten Mal in der Tonhalle und freue mich, dass ein Ukulele-Kurs zeitgleich zu unserem Gespräch stattfindet, sodass ich etwas vom Tonhallen-Geist mitbekomme. Andreas erzählt, dass hier außer den Saxophontrainings, die er leitet, zwei Combo- und Gesangstrainingskurse sowie eine Jazz-Session angeboten werden, und beschreibt mir die Grundidee des einzigartigen Musik-Übungsortes: „Ich nenne die Tonhalle ‚Musikalisches Trainingszentrum‘ und nicht ‚Musikschule‘, denn mein Konzept ist anders: Ich mache hier  Gruppentraining, quasi wie im Fitnessstudio. Die Musiker kommen zu mir, damit ich sie 1 ½ Stunden musikalisch durchbewege. Wir machen hier also das, was keiner zu Hause freiwillig tut. Ich war lange Jahre Lehrer bei der Musikschule Hannover und 80 Prozent der Leute haben kaum geübt – dementsprechend geht es unglaublich langsam vorwärts. Dadurch bin ich auf die Idee mit dem musikalischen Training gekommen und habe das lange Jahre im FZH Linden gemacht. Und dann hat sich Ende 2012 ergeben, dass wir diese Räumlichkeiten mieten konnten. Das Konzept an sich setze ich seit 10 Jahren um und bin, glaube ich, deutschlandweit immer noch der einzige, der das tut. In der Musikpädagogik lebt scheinbar dieser Mythos, dass es nur so geht, dass man alleine zu Hause übt – ich stelle genau das Gegenteil fest. In der Gruppe können sich die Leute unfassbar verausgaben. Und ansonsten muss man sich auf die Wiederholungen einlassen, was auch in der Gruppe erstaunlich gut geht. Ich bin mehr denn je von diesem Konzept überzeugt und habe jetzt meine erste Lehrerfortbildung gemacht, damit das auch in den Köpfen der Musiklehrer ankommt.“

Auf die Tonhalle als Musikbühne angesprochen, berichtet der Vollblut-Jazzer, dass es zu Anfang gar nicht geplant war, einen Veranstaltungsort aus der Tonhalle zu machen: „Die Anfragen wurden immer mehr, selbst aus Österreich und der Schweiz kamen welche – Musiker sind bereit, für einen Appel und ein Ei wer weiß wie weit zu fahren, nur um aufzutreten. Das Potenzial an kreativen Leuten, gerade im Jazzbereich, ist unheimlich groß, da gibt es unfassbar viele – auch junge – Jazzmusiker, die richtig gut sind. Und die Schere klafft unheimlich auseinander zwischen Musikern, die spielen wollen, und Orten, wo sie spielen können.“ Die Tonhalle bietet mit ihren 60 Zuschauerplätzen einen perfekten Rahmen für ein Jazzkonzert, aber – und da sind wir beim nächsten Dilemma – die sind selten voll. „Wir hatten das große Glück, zwei Jahre lang die Spielstättenförderung von der Initiative Musik zu bekommen, damit konnten wir wenigstens ein paar Garantiegagen ausrufen, egal wie gut die Konzerte besucht waren. So viele Konzerte nur über den Eintritt zu finanzieren, das gibt das Publikum einfach nicht her. Da wir dieses Jahr keine Förderung bekommen, mussten wir drastisch reduzieren von 80 Konzerten im letzten Jahr auf vier Sonntags-Konzerte im Monat. Aber wir sind im Gespräch mit dem Kulturbüro Hannover wegen einer Förderung der Tonhallenkonzerte – hoffen wir, dass da was Gutes passiert.“ Bisher haben die Tonhallen-Mitglieder (inzwischen ganze 107 an der Zahl) alles allein gewuppt und das Ammenmärchen widerlegt, dass Kultur immer ein Minusgeschäft ist. Dass sich ein Musikort trägt, das würde der 59-jährige Jazzbotschafter gerne im großen Stil beweisen: „Meine Vision ist ein Fitnesscenter für Musik in Hannover. Wo man möglichst viele Instrumente lernen kann, wo es Übungsräume gibt, in denen man alleine üben kann, aber eben auch zusammen. Seit zwei Jahren sitzen wir an dem Konzept zum ‚House of Music‘, das Coworking von Profis mit dem Üben von Bands und Musikern verbindet. Ein offenes Haus, wo man jederzeit reinkommen kann, wo die Studenten tagsüber Sessions machen. Auch eine Kombination mit den bildenden Künsten wäre absolut in unserem Sinne. Nun ja, das steht alles ansatzweise in der Bewerbung zur Kulturhauptstadt mit drin… Aber: Ein wichtiger Punkt der Bewerbung ist die Bürgerbeteiligung, von daher ist momentan alles offen. Wenn die Politik uns unterstützen würde, würden sich die Kreativen und die Musiker jedenfalls auf so eine Möglichkeit stürzen wie sonstwas, denen richtig zuarbeiten, jede Menge selber auf die Beine stellen und eine tierische Energie mitbringen.“ Und dann würde man – wie im Jazz – eben aus dem, was da zusammenkäme, das Beste machen.

Anke Wittkopp

Jubiläums-Konzert der Tonhalle Hannover
Markus Stockhausen und Florian Weber – Inside Out
14. April, 19.30 Uhr
Markuskirche Hannover

Workshop
Arrangieren für Bläser – leicht gemacht
7. April, 10-17 Uhr
Tonhalle Hannover

Workshop für Saxophon und andere Blasinstrumente
2.-9. Juni
in der Toskana

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