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Thommi Baake

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Thommi Baake


Seit rund 30 Jahren ist der Hannoversche Allrounder Thommi Baake als Schauspieler, Komiker, Sänger und Entertainer in Filmen und auf Bühnen in Deutschland unterwegs. Noch bevor er 1988 seine Karriere als Komiker startete, wurde er durch Rollen in der Serie „Sonntag Und Partner“, im Film „Comedian Harmonists“ oder auch der Sesamstraße bekannt. Später folgten Auftritte im „Tatort“, bei Polizeiruf 110 oder der Kurzfilm „Herr Posalla wirds schon richten“. Mit seine Bühnenrogrammen „Die Super 8 Show“ und „Thommis Teatime“ feierte er schon hundertfach Erfolge. Neben den Texten seiner Programme schreibt der 56-jährige Kinderbücher – und bringt jetzt nach „Manchmal ist die Geschirrrückgabe einfach nicht zu finden“ von 2016 zum zweiten Mal Bühnentexte oder von seinen Programmen inspiriertes in Form einer witzig-schrägen Zusammenstellung für Erwachsene heraus.
„Das heiße Teegebuch“ funktioniert nicht nur als zweiter Aufguss zum Nachlesen, sondern auch ganz unabhängig von der Bühne. Es ist das fiktive, 1700 begonnene und bis heute fortgeschriebene Tagebuch des Teeologen Thommi Baake, und enthält neben einer Vielzahl von skurrilen Anekdoten, etwa über die seltenste Teepflanze der Welt, gebeutelte Thermoskannen, die ostfriesische Teeolympiade oder eine der prominentesten Teetrinkerinnen der Welt – die Queen, auch viel Wissenswertes: Warum zum Beispiel wurden die aus China stammenden Teeschalen zu Tassen mit Henkeln? Und wie stelle ich einen Zimtlatschen-Aufguss her, als Hausmittel gegen Blutdruck? Und was hat „IT“ mit Tee-Eiern zu tun? All das kann geklärt werden auf Thommi Baakes sich über Jahrhunderte erstreckende Reise durch den Kosmos des Tees. Teeentertainment vom Feinsten und quasi der First Flush unter den Teebüchern – von denen etliche, allerdings herkömmliche, bereits im Vorwort genannt werden. Wer beim Genuss dieser Lektüre keine Lust bekommt, sich ein Tässchen aufzugießen, dem ist wirklich nicht zu helfen.

Nächster Live-Teermin für Thommis Teatime:
Sa., 18. Januar 2020 im Antikhof Drei Eichen, Bröckel.
Kaffee- und Mischtrinker sind ebenso herzlich willkommen.

Annika Bachem

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Die Stadtschwärmerinnen

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Die Stadtschwärmerinnen


Wahrscheinlich war es gar nicht anders möglich, da mussten erst vier Leipzigerinnen bei uns in Hannover auftauchen, um uns zu zeigen, wie schön unsere Stadt ist. Denn man weiß ja, dass der Hannoveraner selbst zum Understatement neigt. Schön oder gar besonders ist hier bei uns nämlich erstmal gar nichts. Wo kämen wir sonst auch hin? Am Ende bildet sich noch irgendjemand was auf die Landeshauptstadt ein … In ihrem Buch „Stadtschwärmer Hannover“ haben Babett Börner, Franziska Müller, Katrin Hofmann und Stephanie Schmidt zusammengefasst, was Hannover abseits der bekannten Sehenswürdigkeiten ausmacht. Wir haben mit ihnen über das Büchermachen und die vielleicht meistunterschätzte Stadt der Welt gesprochen.

Wir treffen das Quartett in einem Restaurant in der Nordstadt, das sie noch nicht kennen. Nein, kein investigativer Journalismus, wir decken hier nicht auf, dass sie sich als Leipzigerinnen in Hannover gar nicht so richtig auskennen – das Restaurant gab es während der Entstehung des Buches noch gar nicht. Und das wissen sie ganz genau, denn die Vier kennen sich ausgesprochen gut aus, wahrscheinlich ähnlich gut wie in ihrer Heimatstadt Leipzig. Und vielleicht kennen sie sich nach der Arbeit an dem Buch sogar besser aus als so mancher Einheimischer.
Alle vier Stadtschwärmer-Macherinnen kommen gebürtig aus Leipzig, sie haben dort studiert, gelebt, gearbeitet, Katrin Hofmann und Babett Börner haben gemeinsam ein Architektur- und Grafikbüro, Stephanie Schmidt hat gemeinsam mit Franziska Müller eine Kommunikations- und Eventagentur betrieben. Und kennengelernt haben sie sich quasi auf dem Flur. Sie waren Büronachbarinnen. So ist man sich begegnet und mochte sich, saß irgendwann gemeinsam beim Frühstück und plauderte darüber, was es damals in Leipzig noch nicht gab, nämlich ein Buch über Leipzig, das abbildete, was die Stadt in den Augen der vier Stadtschwärmerinnen eigentlich ausmachte. Die vielen schönen Ecken, die besonderen Orte, die die herkömmlichen Reiseführer nicht abbildeten. Jene üblichen Reiseführer mit den üblichen Tipps, die sich kein Leipziger jemals ansehen würde.
Man müsste … Die Idee war geboren, einen absolut subjektiven und damit vollkommen authentischen Stadtführer wollte das Quartett in die Welt setzen. Und genau das ist ihnen vor einigen Jahren nach nur 10 „sehr intensiven Monaten“ Recherche und Gestaltungsarbeit überaus erfolgreich gelungen. Von ihrem Leipzig-Buch haben sie bereits fast 20.000 Exemplare verkauft. Die erste Auflage mit 3000 Exemplaren war nach nur knapp drei Wochen komplett vergriffen. Sie waren damit in aller Munde. Medien wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, das Lonely Planet Traveller Magazin und der MDR Sachsenspiegel berichteten. Im Mai 2016 wurde der „Stadtschwärmer Leipzig“ von der Stiftung Buchkunst auf die Longlist der schönsten deutschen Bücher 2016 gewählt. Im Oktober 2016 stand das Buch auf der Shortlist des „The Beauty and the Book“-Awards der Frankfurter Buchmesse.
Und es gab viel Lob von etablierten Verlagen. Die gleichzeitig immer eingestanden, dass so ein Konzept in einem streng gewinnorientierten Unternehmen gar nicht möglich sei. Natürlich nicht, wirtschaftlich denken die Vier zwar auch, aber im Vordergrund steht dann doch das Produkt, die Qualität und Authentizität. Ein Anspruch, der durchaus hilfreich war – und ist. Denn so arbeiten alle gemeinsam am Maximum, es geht nicht um persönliche Eitelkeiten, sondern nur um das anspruchsvolle Endprodukt.  Ein Endprodukt, das Maßstäbe setzt, mit guten, spannenden Texten und qualitativ hochwertigen Fotos, mit vielen gestalterischen Details. Herstellung, Papier, Bindung, Umschlag, alles sollte so sein, wie die Vier sich das bei einem ersten eigenen Buch schon immer vorgestellt hatten. Klar denkt man bei der Planung auch mal an die Finanzen, aber eben nicht nur, viel, sehr viel der hohen eigenen Ansprüche haben sie umgesetzt. Ein richtig schönes, klassisches Printprodukt, das hatten sie sich schon damals am Frühstückstisch vorgenommen. Und tatsächlich eins zu eins produziert. Über den Erfolg waren sie dann selbst ein bisschen überrascht. Und erfreut. Der Lohn für sehr viel Arbeit. Sie hatten als erste Zielgruppe eigentlich Touristen im Kopf gehabt, in Leipzig griffen aber vor allem auch die Leipziger zu, quer durch alle Altersgruppen. Und es gab viel Lob von den Einheimischen, ein größeres Kompliment kann man wohl kaum bekommen.
Eine Stärke des Konzepts ist sicherlich die redaktionelle Unabhängigkeit. Niemand konnte sich einkaufen, die Vier haben gemeinsam über die Inhalte entschieden, die verschiedenen Locations ausgesucht, ganz nach persönlichem Geschmack. Die Locations konnten sich dann, eine Art Crowdfunding, an den Druckkosten beteiligen und im Nachgang wiederum an den Verkäufen partizipieren. Das Leipziger Buch kostet 19,90 Euro.
Und dann also Hannover, fünf Jahre später. Sie haben zuerst nur ganz theoretisch über dieses zweite Buch gesprochen. Könnte man nicht? Müsste man nicht? Aber welche Stadt wäre geeignet? Es gab erste Listen. Nicht zu groß, nicht zu klein, eine Stadt mit Studierenden, ein bisschen jünger, vielleicht mit einer ähnlichen Struktur wie Leipzig. Hannover stand an erster Stelle, unter anderem, weil es auch persönliche Bezüge gab. Also ging es zunächst für ein Wochenende nach Hannover. Mit dem Fahrrad haben die Vier die Stadt erkundet, sich umgesehen, gegessen, das Nachtleben ausprobiert. Und sich gleich zuhause gefühlt. Reisen in andere Städte waren damit hinfällig. Hannover war die Stadt der Wahl.

Aber wie macht man sich so eine zunächst mal fremde Stadt nun zu eigen? Natürlich scannt man erstmal alles, was einem in die Finger kommt, man sichtet, was es schon gibt, man liest in Blogs, man blättert in Magazinen, man erstellt eine erste Liste mit möglichen Locations. Das ist der theoretische Teil. Aber dann nimmt man Kontakt auf zu den Menschen vor Ort, man sucht MitstreiterInnen in den kreativen Kreisen Hannovers, man streut die Idee. Und man findet die Local Heroes, Luisa Verführt für den Bereich Shopping, Jonas Lindemann für den Bereich Entrepreneurs, Ninia LaGrande für den Bereich Kunst & Kultur, Stefan Schlutter für die EXPO, Denise M`Baye für den Bereich Kulinarisches, Sonja Ordonez Alcantara für den Bereich Musik und schließlich als Fotograf Oliver Farys und als Texter Gerd Schild. Mit so einer Liste kann dann kaum noch etwas schiefgehen.
Entstanden ist ein Werk von über 300 Seiten, das auf jeder Seite die Verbundenheit zu Hannover und den Stadtteilen spiegelt, eine spannende Lektüre mit wunderschönen Fotos, freilich eine absolut subjektive Zusammenstellung ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit, und gerade darum einfach vollkommen authentisch und auch für Hannover-Kenner ein Muss. Seit März 2019 zeigt der Stadtschwärmer Hannover als alternativer Reiseführer nun Hannovers vielfältigste Seiten und ist an vielen Verkaufsstellen in Hannover erhältlich. Bestimmt ein schönes Weihnachtsgeschenk! LAK

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Tonträger im Dezember

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Tonträger im Dezember


Hodja: We Are The Here And Now
Gewohnt erdig im Sinn von dreckig, ist das Album Nr. 4 des Trios um Sänger und Bühnentier Claudius Pratt, das in ähnlicher Besetzung als Reverend Shine Snake Oil Co. unterwegs ist. Reduziert auf Pratts maunzenden Gesang, Gitarre und Drums sind die Songs sperrig, aber ab und zu erwächst aus der trockenen Erde eben doch etwas sehr Schönes, wie die harmonischen Chöre des Titeltracks.

 

 

Tuvaband: I Entered The Void
Ein düster-rockiges, schwebend melancholisches und eher ruhiges Werk ist das zweite Album des aus der norwegischen Singer-Songwriterin Tuva Hellum Marschhäuser und dem britischen Musiker Simon Would bestehenden, Berlin-basierten Duos Tuvaband. Mit kleinen Siouxsie and the Banshees-Kieksern in der etwas gebrochenen Stimme und schleppenden Post-Rock-Gitarren schön, aber nicht unkompliziert.

 

 

Fire From The Gods: American Sun
Die Männer aus Austin, Texas um den aus Jamaica stammenden Sänger AJ Channer servieren auf ihrem zweiten Album das aus ihrem Debüt „Narrative“ bewährte Menü: Eine brettharte Mischung aus Metal-Riffs und einprägsamen, melodischen Hooklines in schnellem Wechsel, gewürzt mit einer Prise Reggae. Das ist wenig subtil, macht aber in diesem Fall mal so gar nichts.

 

 

Goldroger: Diskman-Antishock
Der Dortmunder Rapper wehrt sich gegen die Eindimensionalität seines Genres, das gern seine Protagonisten klischeeversifften Typisierungen wie Kiffer, Staatsfeind oder Womanizer unterzieht und routinierte Gegnerbeleidigung feiert. Und ebenso klug ,  facettenreich und entspannt ist „Diskman-Antishock“ mit sieben Tracks, wo auch schon mal eine Gitarre auftauchen kann.

 

 

Lady Crank: Scylla/Charybdis
Als wäre es ein Versehen, blitzen auf dem nach Meeresungeheuern der griechischen Mythologie benannten Debütalbum des Post-Hardcore Trios aus Berlin und Hannover zwischen dem Geprügel und Gescreame ab und zu Parts hervor, die man harmonisch nennen muss und die zeigen: Die Band kann auch schön, will aber nicht. Was die wollen, ist schnell, intensiv und im besten Sinne ungehobelt.

 

 

City At Dark: City At Dark
Das Berliner Duo aus der Schweizer Künstlerin Laura Landergott und dem israelischen Gitarristen Yair Karelic, noch vor Kurzem unter dem Namen RÁN unterwegs, hat ein selbstbetiteltes, spannendes Debütalbum mit düsterem Art-Wave herausgebracht. Anfangs hektisch treibend, elektronisch mit einem Schuss Tarantino, wird es später deutlich gitarrenlastiger, psychedelisch und hart aber nicht heavy.

 

 

Yann Tiersen: Portrait
Der französische Komponist und Multiinstrumentalist, der nach dem Erfolg des Films „Die fabelhafte Welt der Amélie“ einem breiteren Publikum bekannt wurde, hat mit „Portrait“ eine Sammlung von 25 Stücken seiner einzelnen Schaffensphasen herausgebracht, die weit über die, auch aus anderen Filmen wie „Good Bye Lenin“ bekannten, melancholisch-getragenen Klaviermelodien hinausgeht. Für die Aufnahmen lud er eine Schar illustrer Gäste in sein auf der westfranzösischen Insel Ouessant gelegenes, in einer ehemaligen Disco selbst ausgebautes Studio ein: Gruff Rhys, walisischer Musiker und Sänger der Super Furry Animals sang mit Emilie Tiersen eine entkernte Version des Tracks „Monochrome“ ein. Stephen O’Malley, Mitgründer der Drone Doom-Band Sunn O arbeitete vor Ort an „Introductory Movement“ und „Prad“ mit und steuerte, gemeinsam mit Melanie Knott und John Grant Spoken Words zum Abschlusstrack „Thinking Like A Mountain“ bei.

 

Kadavar: For The Dead Travels Fast
Es sind nicht die schlechtesten neuen Alben, die zur Zeit sehr alt klingen – im Gegenteil. So hat die Berlin-basierte Band Kadavar als fünftes ein schönes Retro-Rock-Album mit klassisch-sphärischem Intro rausgehauen. Geheimnisvoll spacig und treibend geht es mit „The Devil´s Master“ los, das sich bald zu einem wunderbar basslastigen Stück Rock auflöst und zeigt, wo es im Weiteren lang gehen wird. Mit der Falsettstimme einer räudigen Mickeymaus bestreitet Sänger und Gitarrist Christoph Lindemann weite Teile des Albums, wie das Hookline-starke, hitverdächtige „Children Of The Night“, kann aber bekanntermaßen auch anders. Der merkwürdige, spitzhütige Look der Band ist übrigens der Inspiration durch Werner Herzogs „Nosferatu“ und einem Trip der Band nach Transsylvanien geschuldet, und mündete in das atmosphärisch gelungene Artwork des Covers mit Original-Dracula-Schloss im Hintergrund.  Annika Bachem

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Ein letztes Wort im Dezember …

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Ein letztes Wort im Dezember …


Herr Weil, es ist zwar schon ein bisschen her, aber wir müssen uns doch noch mal an einen für Sie düsteren Sonntag in Hannover im vergangenen Oktober erinnern.
Nicht nur für mich war der 27. Oktober kein guter Sonntag. Das ging allerdings schon am Samstag vor der OB-Wahl los, als Hannover 96 sich in der 96. Minute noch den Ausgleich in Karlsruhe eingefangen hatte. Da war mir klar, dass das kein besonders schönes Wochenende mehr werden würde. Weitere schlechte Ergebnisse folgten dann am Sonntag bei der Landtagswahl in Thüringen und der Oberbürgermeisterwahl in Hannover – ein gebrauchtes Wochenende.

Wobei man ja nicht erst an dem Samstag hätte ahnen können, dass es am Sonntag in Hannover dicke kommen würde, das hatte sich ja schon ein bisschen länger so angekündigt.
Natürlich hat es die SPD nicht ganz unvorbereitet erwischt. Trotzdem hat uns das Ergebnis getroffen, auch mich persönlich. Ich habe ja ein besonderes Verhältnis zum Rathaus in Hannover: Ich habe dort eineinhalb Jahrzehnte gearbeitet, habe dort tolle Leute kennengelernt und war immer stolz auf die sozialdemokratische Tradition der Stadt. Und wenn diese Kette dann reißt, geht das nicht spurlos an einem vorüber. Aber dafür gab es ja konkrete Gründe.

Die sogenannte Rathausaffäre …
Leider ja. Natürlich gibt es auch noch andere Gründe, den negativen Bundestrend, den anhaltenden Gegenwind, aber das war in Hannover nicht alles. Das wichtigste Argument für die SPD in Hannover war sehr lange Zeit das Vertrauen in eine gute Führung der Stadt. Dieses Vertrauen war aus meiner Sicht auch berechtigt, aber es ist dann durch die Affäre massiv beschädigt worden. Am Kandidaten hat es jedenfalls nicht gelegen. Ich habe die Aufgabe für Marc Hansmann von Anfang an als sehr schwierig angesehen. Darum war ich ihm sehr dankbar, dass er sich zur Verfügung gestellt hat. Und was man im Nachhinein sagen kann: Der Kandidat war gut, aber er hat es unter diesen Bedingungen nicht schaffen können. Auf Marc Hansmann lasse ich wirklich nichts kommen, ich kenne ihn lange und sehr gut. Er wäre aus meiner Sicht ein richtig guter Oberbürgermeister geworden, da bin ich mir absolut sicher. Aber es hilft ja nichts, die Wählerinnen und Wähler haben sich anders entschieden.

Und haben den Grünen Belit Onay an die Stadtspitze gewählt …
Ich kenne Belit Onay aus der gemeinsamen Arbeit im hannoverschen Rat und im Niedersächsischen Landtag und bin sicher, dass wir gut zusammenarbeiten werden. Ich finde es unerträglich, dass Belit Onay und seine Familie nach der Wahl vor allem in den sogenannten Sozialen Netzwerken verunglimpft und angefeindet wurden. Rechte Hetze und Drohungen gegen Politikerinnen und Politikern schaden am Ende auch der Demokratie. Sie sollen einschüchtern und abschrecken. Ich bin deshalb sehr froh darüber, dass vom Landtag bis zum Städtetag viele Organisationen und Menschen ihre Solidarität mit Belit Onay erklärt haben.

Wie soll es denn nun mit der SPD in Hannover weitergehen?
Der Blick muss sich wieder nach vorne richten. Es gibt genug Beispiele, dass Parteien es geschafft haben, aus solchen Niederlagen zu lernen, wieder aufzustehen und zurückzukommen. Ob das in Hannover gelingt, das entscheidet sich daran, wie ab jetzt gearbeitet wird. Fest steht bereits, dass Fraktion und Partei jeweils eine neue Führungsspitze wählen werden. Die SPD stellt im Rat weiterhin die größte Fraktion und ist deshalb gefordert, die Politik der Stadt für die Bürgerinnen und Bürger aktiv zu gestalten.

Okay, machen wir mal einen Haken dran und wenden uns der Zukunft zu. Im Oberbürgermeister-Wahlkampf ging es ja sehr stark um die typischen Themen, also Familienpolitik, Schulpolitik, Verkehrspolitik und Wohnungsbaupolitik. Große Themen und große Pläne, aber wenn es dann konkret wird, wird es meistens recht unkonkret. Ich habe gelesen, dass Sie neulich in Wien waren und der Wohnungsbaupolitik dort eine Menge abgewinnen können. Das beste Beispiel in Europa, haben Sie gesagt. Können Sie mal erläutern, was dort so gut ist? Und warum geht so etwas nicht bei uns?
Das Geheimnis der guten Wohnungsbaupolitik in Wien besteht darin, dass sie im Grunde seit 100 Jahren durchgehalten wird, nur unterbrochen von der Phase des Faschismus. Wien hat eine noch viel längere sozialdemokratische Tradition als Hannover und die Sozialdemokraten haben tatsächlich nach dem ersten Weltkrieg angefangen, mit staatlichen Mitteln öffentliche Wohnungen zu bauen. Heutzutage bauen sie nicht mehr in erster Linie selbst, sondern fördern Genossenschaften, aber auch unter sehr klaren Bedingungen, was beispielsweise die Mietpreise angeht. Wenn man das so lange durchhält – ein Jahrhundert lang – dann schafft man es, mit Abstand der größte Akteur auf dem Mietmarkt zu sein. Und wenn der größte Akteur sagt, ich nehme keine Miete über zum Beispiel sieben Euro pro Quadratmeter, hat das eine enorm dämpfende Wirkung auf den gesamten Mietmarkt einer Stadt. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie man es richtig macht.

Warum machen wir es in Deutschland falsch?
Erstens, weil wir immer nur befristete Belegungsrechte gefördert haben. Das rächt sich jetzt, weil viele Belegungsrechte, die vor 20 oder 30 Jahren eingeräumt worden sind, jetzt auslaufen. Das ist aktuell ein großes Problem. Und zweitens gab und gibt es in Deutschland immer so eine Stop-and-go-Politik in Sachen Wohnungsbau. Wenn die Wohnungsnot da ist, dann herrscht großer Aktionismus, ist die Situation wieder besser, dann wird nicht mehr weiter daran gearbeitet. Und das ist falsch, das zeigen die Beispiele Wien und Singapur ganz deutlich.

Wie könnte man das denn ändern? Geht das überhaupt mit unserem politischen System? Da sitzen ja nun mal von Zeit zu Zeit andere Parteien am Steuer.
Das ist eine Frage der Einsicht. Und sie finden bei den Parteien in der Tat gerade in dieser Frage recht deutliche Unterschiede. Als Sozialdemokrat habe ich da einen sehr klaren Standpunkt: Ich finde öffentliches Eigentum richtig, gerade beim Thema Wohnungen. Ein CDU-Politiker würde sich vermutlich anders dazu äußern. Und ob Sie das in dieser Klarheit von den Grünen hören werden, weiß ich auch nicht. Natürlich ist Woh-nungsbaupolitik zunächst eine kommunale Aufgabe und eine des Landes, aber es wäre natürlich gut, wenn es eine langfristig gesicherte Unter-stützung durch den Bund geben würde, auf der Basis eines großen Konsenses. Das wird übrigens auch ein Thema für kommende Wahlkämpfe sein. Wir müssen uns insgesamt fragen, wie wir langfristig dafür sorgen, dass die Mieten bezahlbar bleiben. Da werden wir meiner Ansicht nach um mehr öffentliches oder genossenschaftliches Eigentum nicht herumkommen. Und auch beim genossenschaftlichen Eigentum braucht es dann deutlich mehr als befristete Belegungsrechte. Wir müssen über andere Förderungen nachdenken, wenn es tatsächlich eine dauerhafte Wohnwende geben soll. Der Staat, das sind wir alle, und darum kann der Staat gerne als die größte Eigentümergemeinschaft handeln.  Interview: Lars Kompa

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Lieber nicht an (Über-)Morgen denken

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Lieber nicht an (Über-)Morgen denken


Das neue Stadtkind ist da!

Das bedeutet, der Dezember naht mit Riesenschritten! Wer jetzt einen Adrenalinstoß bekommen hat, hat vermutlich den guten Vorsatz vom letzten Jahr, die Weihnachtseinkäufe mal ganz früh anzufangen mal wieder nicht eingelöst. Und GENAU das ist unser Thema. Also Weihnachten natürlich auch, denn das Heft ist knallvoll mit weihnachtlichen (und ganz unweihnachtlichen) Veranstaltungstipps. Aber vor allem sind es die guten Vorsätze, die unsere AutorInnen bewegen, und unsere Unfähigkeit, sie umzusetzen, im Großen und im Kleinen.

Dazu ein Vorschlag für einen kleinen guten Vorsatz: Einfach mal lesen! Zum Beispiel Anja Dolattas „Lieber nicht an (Über-)Morgen denken“. Und dann vielleicht noch im Dezember irgendwas erledigen, was Ihr Euch schon lange vorgenommen habt? Kann ja was Kleines sein. Immerhin habt Ihr dann schon gelesen, das ist doch ein Anfang.

Wir wünschen Euch einen schönen 1. Advent und viel Spaß mit dem neuen Heft!

Eure Stadtkinder

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Sandra Lüke

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Sandra Lüke


vom Bollerwagen-Café

Ohne das Engagement von ehrenamtlich Engagierten wäre unsere Gesellschaft um einiges ärmer. Für die Ärmsten der Armen in unserer Stadt, die Obdachlosen, wäre die Situation noch dramatischer, als sie ohnehin schon ist.

Foto: StadtkindAn einem kühlen Oktobertag 2015 nimmt Sandra Lüke an einer Hilfsaktion für Obdachlose teil, die sie im Nachhinein nachdenklich macht. Es ist eine Riesenaktion, mit sehr vielen Helfern teilt sie den ganzen Tag Essen aus. Und sieht, dass der Bedarf groß ist. Was ist nach dieser Einmal-Aktion, was ist morgen? Was ist nächste Woche, wie geht es den Menschen im Sommer? Diese Fragen lassen sie nicht mehr los. Sie fängt an zu recherchieren und stellt fest, dass im Winter, gerade in der Weihnachtszeit, relativ viel für Obdachlose getan wird. Aber im Sommer hat man doch auch Hunger und vor allem Durst. An Trinkwasser zu kommen, ist gar nicht so einfach für jemanden, dem eben nicht alle Türen offen stehen … Es lässt sie nicht los und sie gründet das „Bollerwagen-Café“.
Ihre Idee ist eine Initiative, die Obdachlosen wenigstens einmal wöchentlich das zur Verfügung stellt, was für alle anderen täglich selbstverständlich ist: Getränke, warmes Essen, Obst und Gemüse, Kaffee, selbst gebackenen Kuchen, von allem bis zu 200 Portionen. Und der Bollerwagen rollt an, auch wenn das Projekt bald weit über das hinaus geht, was man damit transportieren könnte.
Sie trommelt Leute zusammen und schnell sind etwa 10 HelferInnen dabei, die praktisch mitarbeiten. Der Verein Heart And Culture bildet die organisatorische Dachstruktur. Fast alle Lebensmittel werden von zwei REWE-Supermärkten gespendet. Dort werden in Kühlhäusern in Trolleys Lebensmittel gesammelt, auch abgelaufene, die aber mehrfach auf ihre Qualität kontrolliert werden. „Ich würde nichts verteilen, was ich nicht selbst essen mag“, so Lüke, die die Verantwortung trägt. Dazu kommen Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel, Schlafsäcke, vieles davon sind Sachspenden. Das Bollerwagen-Café hat viele Unterstützer, die saubere, ordentliche, oft auch sehr hochwertige Kleidung bereitstellen. Es ist ein wichtiges Stück Menschenwürde, wenn man nicht schon aufgrund seines Erscheinungsbildes als obdachlos identifiziert werden kann.
Jeden Dienstagmorgen holt Lüke die Trolleys von den Supermärkten ab. Das Restaurant Steintormasch stellt eine Küche zur Verfügung, die in der Woche sonst nicht genutzt wird. Dort werden Brote geschmiert und Kuchen gebacken. Das warme Essen wird zum Teil in Kooperation mit der Caritas gekocht, das Bollerwagen-Café liefert die Zutaten, die Caritas kocht und bringt das Essen zum Raschplatz, wo um 16.30 Uhr vor dem geschlossenen Mecki-Laden ein Tresen aus Tapeziertischen aufgebaut wird.
Ärger ohne Ende wurde ihr vorausgesagt, Messer­stechereien und Polizeieinsätze. „Gab es noch nie“, sagt Lüke. „Es gibt Regeln, an die sich jeder halten muss, wie zum Beispiel, dass hier nicht offen Alkohol konsumiert wird. Wenn es Streit gibt, sorgen wir für Ruhe, im Notfall rufen wir den Ordnungsdienst.“ Ganze zweimal ist das passiert in all den Jahren.
Vor allem geht es der Initiatorin um Menschenwürde und ein wertschätzendes Miteinander. „Die sehen, da ist jemand, der macht das extra für mich, weil ich dem etwas wert bin.“ Deshalb sei ein respektvoller Umgang mit den Menschen das A und O, sagt Lüke, die auch schon Helfer wieder wegschicken musste, weil sie es nicht schafften, den Obdachlosen auf Augenhöhe zu begegnen. „Wir erwarten von denen ja auch Respekt, das ist die Währung, mit der sie bezahlen.“
„Einen Verband kann ich auch mal wechseln“, erzählt die Altenpflegerin, die auch sonst keine Berührungsängste kennt. Auch völlig fremd ist ihr die Angst, zu sehr vereinnahmt zu werden „Man kann grundsätzlich alles tut, die Frage ist nur, wie. Es ist nicht so, dass die die ganze Hand wollen, wenn man ihnen den kleinen Finger gibt.“
Wirklich wütend wird Sandra Lüke, wenn sie davon erzählt, welchen Respektlosigkeiten ihre Schützlinge im Alltag ausgesetzt sind, zum Beispiel im Krankenhaus. Weil sie eben schmutzig sind, oder alkoholisiert. Aber für schwer Alkoholsüchtige ist es lebensgefährlich, nicht alkoholisiert zu sein. Und wie soll man duschen und seine Kleidung waschen, wenn die Tagestreffs überlaufen und nur ein paar Stunden am Tag geöffnet sind? Und warum überhaupt muss die Initiative vor dem geschlossenen Mecki-Laden stehen? „Aus versicherungstechnischen Gründen wird der Raum nicht für uns geöffnet“, sagt Lüke, „dabei wäre es so schön für die Menschen, mal im Warmen zu essen, und nicht im Stehen mit Einweggeschirr.“
Facebook ist ein gutes Forum für die Initiative, die darüber Unterstützer zusammentrommelt und Spender erreicht. So kann die Plattform tatsächlich mal dem Namen „Social Media“ gerecht werden. Helfende Hände, Geld- und Sachspenden sind hoch willkommen! Alle Infos unter www.bollerwagen-cafe.de
Annika Bachem

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