Tag Archive | "2020-11"

Quo vadis, Hannover?

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Quo vadis, Hannover?


Wenn diese November-Ausgabe erscheint, dann fällt etwa zeitgleich am 28. Oktober die Entscheidung darüber, ob Hannover Kulturhauptstadt wird. Wir drücken natürlich die Daumen. Aber was, wenn Hannover doch das Nachsehen hat? Müssen wir dann alle erstmal ein paar Wochen in Sack und Asche gehen? Wir glauben nicht. Hannover ist aus unserer Sicht nämlich schon jetzt eine Hauptstadt der Kultur. Wir hatten noch vor ein paar Monaten in den Vor-Corona-Zeiten eine kulturelle Veranstaltungsdichte in der Stadt und Region, von der andere Gegenden in Deutschland nur träumen können. Und dass trotz schmaler Kulturtöpfe. Was ganz viel mit dem Herzblut der Kulturschaffenden zu tun hat. Man stellt noch mit dem schmalsten Budget oft Großartiges auf die Beine. Auf dieser Basis gedeiht unsere Kultur und sie entwickelt sich sogar ausgesprochen dynamisch und positiv. Beispielsweise in der Kunst sind in den letzten Jahren sehr viele neue und spannende Projekträume entstanden. Die Stadt hat sich in diesem Bereich entschlossen, mit der Gießkanne zu arbeiten, man hat mit 85.000 Euro vergleichsweise sehr, sehr wenig Geld in die Hand genommen, und dieses Geld einfach mal an einige Kulturschaffende im Bereich Kunst weitergegeben – mit ganz viel Vertrauen und Zuversicht, dass daraus etwas Positives wächst. Die Saat ist ganz wunderbar aufgegangen. Hannover hat heute eine starke und sehr lebendige junge Kunstszene. Das Gießkannenprinzip scheint also gar nicht so schlecht zu funktionieren, vielleicht sollte das Beispiel bei der Kulturförderung Schule machen.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass hinter den spannenden und erfolgreichen Projekten in der Stadt sehr oft kleine, schlagkräftige Teams stecken, man kollaboriert, man vernetzt sich, man unterstützt einander. Das scheint ein Erfolgsrezept zu sein, man kann die Fähigkeiten bündeln. Einer kann vielleicht gut organisieren, der andere kennt sich mit Anträgen und der Bürokratie aus. Die allerdings ist auch in Hannover ein Problem. Unsere Verwaltung hat ein paar eklatante Schwächen, das muss man einfach so konstatieren, es wäre höchste Zeit, mal ein paar fragwürdige Abläufe und Hierarchien zu beseitigen. Es wäre darüber hinaus aus meiner Sicht sogar höchste Zeit für einen vollständigen Paradigmenwechsel hin zu einer „Ermöglichungskultur“. Man sollte dringend lockerer werden im Rathaus und die eine oder andere Verordnung gerade in diesen speziellen Zeiten mal in der Schublade vergessen. An vielen Stellen würde das motivieren. Einen Amtsschimmel, der durch die Stadt reitet und Kult-Kioske schließt, brauchen wir jedenfalls nicht. Das ist mehr als kontraproduktiv. Schluss damit! Verwaltungen sollten ganz grundsätzlich zuerst auf die Menschen sehen, für die sie arbeiten und von denen sie bezahlt werden, und erst danach auf die Paragrafen. Vielleicht trauen sich dann auch wieder mehr Menschen, Ideen zu haben in Hannover. Und aus meiner Sicht dürfen die ruhig ein bisschen größenwahnsinnig sein. Mehr dazu im Heft ab Seite 54.

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Ein offener Brief an Horst Seehofer

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Ein offener Brief an Horst Seehofer


Lieber Horst, jetzt müssen wir dir doch mal schnell und ein bisschen kurzatmig inmitten der allgemeinen Corona-Panik ein paar dankbare Zeilen schreiben. Es ist wirklich gut, dass bei uns in Deutschland noch so ein paar gestandene Mannsbilder und Charakterköpfe von deiner Sorte in der ersten Reihe stehen, echte Politprofis, die auch mal den Rücken breit machen und Kritik aushalten können. Oder einfach an sich abprallen lassen. Weil sie wissen, dass sich jeder Sturm auch wieder beruhigt. Das ist gut, denn viel zu oft werden unsere Politikerinnen und Politiker ja zu sich anbiedernden Wendehälsen, wenn in unserer leicht erregbaren Medienwelt mal wieder für ein paar Tage ein Thema hochgejazzt wird. Dann kommen plötzlich die krudesten Forderungen nicht nur auf den Tisch, es wird auch ernsthaft darüber nachgedacht.
Du dagegen vermeidest das. Und folgst lieber deinem eigenen inneren Kompass, deinem Bauchgefühl. Und lehnst gerne ab, was irgendwelche Gutmenschen und Linken oder noch schlimmer linke Gutmenschen meist via Social Media viral fordern – zum Beispiel eine Studie zu Rechtsextremismus bei der Polizei. Recht hast du, was für ein Quatsch! Dass es Rechte bei der Polizei gibt, wissen wir ja längst, dazu braucht es keine Studie. Das wäre mal wieder öffentliche Geldverbrennung. Weitaus besser ist da schon die Idee, irgendwann demnächst eine Studie über den Polizeialltag auf den Weg zu bringen, über „das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft“ und die „veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen“, dann darf das Thema Rassismus gerne auch ein bisschen vorkommen, aber eben nicht nur, so als pauschaler Vorwurf, und bitte ergänzt mit Untersuchungen zu Gewalt und Hass gegen Polizeibeamte. Das klingt doch schon viel mehr nach einer runden Sache, aus den Ergebnissen nach so einer großangelegten, themenbreiten Studie wird man wenigstens ganz konkrete Schlüsse ziehen können, die man dann noch mal in Ruhe analysiert, und dann kann man auch über Konsequenzen nachdenken in ein paar Jahren. So geht das. Aber doch bitte keine Hauruck-Studien, die womöglich Wasser auf die Mühlen irgendwelcher hergelaufener Kritiker der Polizei wären. So nicht!
Wir schreiben dir aber eigentlich gar nicht wegen dieser Polizeigeschichte, für die wir natürlich dankbar sind, wir schreiben dir vor allem, weil wir uns wegen der Lesbos-Geschichte in tiefster Dankbarkeit verneigen wollen. Es ist einfach groß, dass du dich von den schrecklichen Bildern nicht beirren lassen hast und weiter auf eine große europäische Lösung in der Flüchtlingsfrage pochst, obwohl du natürlich genau weißt, dass es die auch in 20 Jahren noch nicht geben wird. Egal. Weil alles andere ja wieder eine Einladung gewesen wäre an die Flüchtlinge. Und das geht nicht! Auch wenn viele Bürgermeister etwas anderes sagen und viele Kommunen bereit wären, zumindest die Kinder sofort aufzunehmen. Noch einmal: Das geht nicht! Denn wo würde sie hinführen, diese inflationäre Hilfsbereitschaft? Genau, aus aller Welt würden sie uns demnächst ihre Kinder schicken, wir könnten uns hier gar nicht mehr retten vor kleinen, unbegleiteten Hungerhaken. Und wer will das? Vielleicht ein paar Linksgrüne mit Helfersyndrom, aber sonst ganz sicher niemand, auch wenn das natürlich kaum jemand laut sagt. Wir nehmen jetzt die Kinder auf, die wir eh schon eingeplant hatten, und gut ist. Damit sind wir immerhin noch humaner als die meisten anderen europäischen Staaten. Sollen die sich erstmal bewegen. Und ehe die sich irgendwann bewegen, ist das „Problem“ wahlweise volljährig oder verhungert. So geht europäische Flüchtlingspolitik.
Wir alle wissen das, die meisten wollen das so, und darum muss es Politiker wie dich geben, lieber Horst, auf die man sich im Zweifel verlassen kann, die nicht zum Fähnchen im Wind werden, nur weil ein paar Flüchtlinge auf irgendeiner Insel das eigene Lager anzünden. Die sich nicht emotional erpressen lassen. Wir brauchen Politiker, die für uns wegsehen und ihr Herz verschließen, um dann für eine schweigende, wegsehende und herzlose Mehrheit in Deutschland vernünftige und pragmatische Entscheidungen zu treffen, mit denen hier bei uns alle weiter noch möglichst lange gut leben können. Danke, lieber Horst!

VA

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Marie Diot

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Marie Diot


Foto: Fabian GroßbergWer auf Indie-Pop mit lustigen und verqueren Texten steht, ist bei Marie Diot genau richtig. Musik und Quatsch, so beschreibt sie selbst die Richtung. Und das trifft auch voll und ganz zu. Ihre Stücke beschreiben, witzig und ironisch, aber gerne auch mal melancholisch, Geschichten mitten aus dem Leben und dem Alltag, wobei sie sich mit dem Mini-Keyboard begleitet. Musikalische Unterstützung bekommt sie dabei von Fabian Großberg, der die Kompositionen mit seiner Gitarre erweitert. Besonders live macht Marie Diot Spaß, im wahrsten Sinne des Wortes – mit ihren verrückten und verqueren Ansagen hat sie das Publikum immer schnell auf ihrer Seite. Und passend verrückt ist auch ihre Frisur – ihr Dreadlocks-Ananas-Look (wird oft mit einem Hut verwechselt), ist zu so etwas wie ihrem Alleinstellungsmerkmal geworden.
Studiert hat die 27-jährige Hannoveranerin Popular Music an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, seit 2014 ist sie mit ihren eigenen, humorvollen Kompositionen und ihrer tiefen und klaren Stimme unterwegs. „Früher habe ich nur traurige Songs geschrieben, doch dann war ich öfter Supportact für Bands oder KünstlerInnen, und da passten traurige Lieder nicht, also habe ich beschlossen, lustigere Lieder zu schreiben“, so Marie Diot in einem Interview bei Radio Fritz. Seitdem bringen die meisten Stücke die Leute mit abwegigen und ulkigen Geschichten zum Schmunzeln, die natürlich größtenteils ausgedacht sind. Man kann sie inzwischen auf Spotify, SoundCloud, Amazon Music, Deezer und Youtube Music hören.
Mit ihrem ersten Album „Pinguin im Tutu – weiß nicht ob er Tänzer ist“, herausgekommen 2017, war sie bereits in ganz Deutschland auf Tour. Unter anderem war sie auch schon Vorband von Dota und hatte Gastauftritte bei Konzerten von Stephan Sulke. Außerdem war sie 2014 Preisträgerin beim Treffen junge Musik-Szene und gewann 2015 bei der „Nahaufnahme“ einen weiteren Förderpreis der Bundeswettbewerbe Berliner Festspiele. Und 2019 hat sie den ersten Platz beim plattdeutschen Bandcontest „Plattsounds“ geholt, mit dem Stück „Huh, ik bün bang“, das sie zuerst auch auf Hochdeutsch veröffentlicht hatte: „Huh, ich habe Angst“. Ein Stück über das Stalken von Nachbarn …
Maries Stil ist bei all dem schon sehr einmalig und speziell. Vielleicht genau das Erfolgsrezept. Und Fabian Großberg an ihrer Seite ist musikalisch ein idealer Sparringspartner. Seit seinem achten Lebensjahr spielt er Gitarre und hat seinen ganz eigenen Klang entwickelt. In Hamburg aufgewachsen wohnt er aktuell in Hannover, wo er von 2011 bis 2017 ebenfalls an der Hochschule für Musik, Theater und Medien studiert hat. Auch in Coronazeiten haben die beiden natürlich weiter zusammen Stücke geschrieben, allerdings mussten sie – wie so viele andere – alle geplanten Konzerte absagen. Dafür haben sie aber immerhin ein Onlinekonzert und ein Autokonzert gegeben. Marie vermisst die richtigen Live-Auftritte trotzdem sehr: „Ich habe neulich vor Autos gespielt, das war mega merkwürdig, weil die Leute das Fenster nur einen kleinen Schlitz offen lassen durften und dann ganz klein aus dem Fenster geklatscht haben. Das war auch lustig, aber man konnte die Gesichter eben kaum sehen, das war richtig komisch.“
Unterdessen wurde aber in der Zwangspause im Sommer wie gesagt fleißig weiter produziert, gemeinsam mit Fabian Großberg sind einige neue Stücke entstanden. Und herausgekommen ist nun schließlich das neue Album namens „Apfel im Strudel der ewigen Liebe“, das am 6. November erscheint. Die absolut gelungene Fortsetzung des ersten Albums lohnt sich. Einfallsreich, lustig, ironisch, melancholisch – dazu beeindruckt Marie Diot mit musikalischer Vielfalt. Bleibt zu hoffen, dass es 2021 dann irgendwann „normal“ weitergeht und das Duo wieder auf Tour gehen kann. Wer sich schon mal Konzertkarten sichern oder einfach auf dem Laufenden bleiben möchte, findet weitere Infos auf Marie Diots Homepage mariediot.com.
 ● Marleen Bohne

Foto: Fabian Großberg

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Tonträger im November

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Tonträger im November


Carlini, Dodo Leo & Martin: The Life And Time Of Johnny La Mosca
Das vierte Album des hannoverschen Singer-Songwriter-Trios ist eine bunte Reise oder auch eine Geschichtensammlung, erzählt aus der Perspektive einer Fliege. Und erzählt wird tatsächlich sehr viel, denn die 15 Songs (Blues, Poprock und mit dem Opener „Guarda Qui“ ein wunderbarer Italo-Hit) werden jeweils von Zwischentexten flankiert.

 

 

 

 

Cream Flow: Smooth Vibes
Band- und Albumtitel sind hier Programm. Cremig-soft, flockig und 80er-Jahre-mäßig smooth kommen die Kompositionen von Pit Schwaar daher, wunderbar dargeboten von der Sängerin Agnes Hapsari, der zweiten Hälfte des Duos. Ergänzt von ein paar gern gecoverten Jazz-Pop-Klassikern ist das nichts für Freunde von Ecken und Kanten, aber der perfekte Soundtrack für ein Stündchen Weltflucht.

 

 

 


Panda Lux: Fun Fun Fun

Es puckert und klackert hinterm Synthie-Teppich und dem zurückgenommenen Gesang von Silvan Kuntz, der mit seinen Bandkollegen Moritz Widrig, Janos Minjssen und Samuel Kuntz ein wunderbares, zweites Album aufgenommen hat. Hochkreative Stimmungsbilder aus Synthpop, auch schon mal mit Flamencorhythmus, sind den Schweizern da gelungen, für die das Genre Indie-Pop einfach zu kurz greift.

 

 

 

 

Jónsi: Shiver
Zehn Jahre hat sich Jón Thór Birgisson, Sänger der isländischen Genre-Sprenger Sigur Rós, nach seinem ersten Soloalbum „Go“ Zeit gelassen, bevor er nun mit „Shiver“ ein zweites nachlegt. Düstere Ambient-Klänge zwischen elektronischen Experimentalkrachern und sehr zart klingelnden, verträumt-filigranen Geweben gehen hier über in herzzerreißend melancholische, fast poppige Sphären.

 

 

 

 

Culk: Zerstreuen Über Euch
Das zweite Album der vierköpfigen Wiener Shoegaze-Band um Sängerin Sophie Löw, die erfrischend schlecht gelaunt „böse Miene zum bösen Spiel“ macht, und das mit subtilen Texten, die in den düster bis melancholisch schönen Songs perfekt aufgehoben sind. Nach ihrem vielgelobten Debüt „Culk“ ein zweites, sehr nachdrückliches „Hier“ einer Band, von der man noch viel mehr hören möchte.

 

 

 

 

Pain Of Salvation: Panther
Einfach zu gut, um es in der derzeitigen Veröffentlichungsflut untergehen zu lassen. Die fast 30-jährige Geschichte der schwedischen Progressive Metal-Band um Sänger Daniel Gildenlöw sprengt hier den Rahmen, genauso wie das elektronisch-experimentelle „Panther“ eventuelle Genregrenzen. Progressiv im allerbesten Sinn, umfassen die neun Tracks das gesamte dynamische Spektrum.

 

 

 

 

Christian Kjellvander: About Love And Loving Again
Der schwedische Singer-Songwriter ist ein Meister der ruhigen Töne, mit der Stimme eines sehr maskulinen Engels oder auch des kleinen Bruders von Nick Cave. Zehn prägende Jahre seiner Jugend verbrauchte Kjellvander mit seiner Familie in Texas, bevor er mit 16 Jahren nach Schweden zurückkehrte, hörbar mit der staubigen Wüste im Herzen. Mit seinem neunten Album liefert er einen großen, breitwandig melancholischen Soundtrack zum Herbstblues. In jedem der sieben Songperlen spürt man aber förmlich wie der Engel einem Wim-Wenders-like die Hand auf die Schulter legt und die Gedanken sich zum Positiven wenden. Größtenteils mit dem Schlagzeuger Per Nordmark und dem Keyboarder Pelle Anderson im Stockholmer Kellerstudio live eingespielt, changieren die Stücke zwischen krachig-düster und betörend schön, ohne auch nur in Sichtweite der Kitschgrenze zu geraten.

 

 

 

Seamus Fogarty: A Bag Of Eyes
Das dritte Album des Iren aus London, der sich hier von Gitarrenlastigkeit ab- und Synthies zugewandt hat. So entstanden nerdig-melancholische Elektro-Folksongs mit viel Banjo, relativ irren Saxophonklängen und einem Lächeln im Knopfloch. Kakophonische Momente wechseln mit solchen, in denen plötzlich die Sonne durch die Wolken scheint.
„Es ist ein bisschen von allem in den Mixer geworfen“, so Fogarty, „aber es vermischt sich nicht immer alles.“ Mit Beiträgen von seinem Bruder John Fogarty, Leo Abrahams, Euan Hinshelwood, Meilyr Jones, Emma Smith, Aram Zarikian, Pete Baker, Johnny Wells und nicht zuletzt Fogarty’s Tochter Nora, die wildes Geschrei beisteuert. Fein gewobene, harmonisch-melodische Parts müssen erst einmal unter einer Schicht Sperrigem hervorgehört werden, strahlen dann aber umso heller.
● Annika Bachem

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Karin von Schweinitz von „Waage Hannover e.V.“

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Karin von Schweinitz von „Waage Hannover e.V.“


Das Thema „Mediation“ hat in den letzten Jahren erheblich an Bekanntheit gewonnen. So werden innerbetriebliche Konflikte inzwischen häufig im Rahmen von Mediationen gelöst. Aber selbst, wenn Streitigkeiten bereits so eskaliert sind, dass es zu Straftaten und  Anzeigen gekommen ist, kann es mittels Mediation noch gelingen, die Wogen zu glätten – und oft für beide Parteien unangenehme und folgenreiche Gerichtsverfahren verhindern. Bereits 1990 wurde die „Waage Hannover e.V.“, das gemeinnützige, nicht kommerzielle Zentrum für Mediation und Konfliktschlichtung in der Stadt und Region Hannover gegründet. Seit 2006 sind auch ehrenamtlich tätige MediatorInnen in die Arbeit des Vereins eingebunden. Eine von ihnen ist die pensionierte Lehrerin Karin von Schweinitz.
Schon während ihrer aktiven Zeit als Lehrerin kannte und schätzte Karin von Schweinitz das Konzept der Streitschlichtung durch Mediation in Schulen. Als sie in 2008 Altersteilzeit ging, begann sie darum eine Mediationsausbildung bei der „Waage“. Und war begeistert von ihren AusbilderInnen Frauke Petzold und Dr. Lutz Netzig. Nachdem sie den „Grundkurs Mediation“ abgeschlossen hatte, fragen die beiden sie, ob sie gerne bei der „Waage“ mitarbeiten würde – und sie rannten damit offene Türen ein.
Ihr Einsatzgebiet ist der sogenannte „Täter-Opfer-Ausgleich“ (TOA), wo viele der ehrenamtlichen MediatorInnen, meist im Zweierteam, tätig sind. Konflikte, die zu einer Straftat geführt haben, werden besprochen, und man versucht, gemeinsam Lösungen für eine Wiedergutmachung zu finden. Bevor die Staatsanwaltschaft ein Verfahren vor Gericht bringt, schlägt sie, wenn sie das Potenzial einer außergerichtlichen Klärung sieht, diesen Weg vor. Oft handelt es sich bei den Delikten um Schlägereien, Vorfälle im Straßenverkehr oder Straftaten infolge von Nachbarschaftskonflikten. Wenn es den Betroffenen in der Mediation gelingt, sich zu einigen, können die Kläger angeben, dass sie kein Interesse mehr an einer weiteren Strafverfolgung haben. In der Regel wird das Verfahren dann eingestellt.
In Vorgesprächen setzen die MediatorInnen sich mit den Fällen auseinander, dann trifft man sich zu Gesprächen, für die es feste Spielregeln gibt. Nur das Ergebnis der Gespräche, also ob es eine Einigung gibt oder nicht, und gegebenenfalls die Entschädigungsmodalitäten werden der Staatsanwaltschaft mitgeteilt, alles andere dringt nicht nach außen.
Oft kommen die Klienten, also die Streitenden, mit ihren gesamten Unterlagen, und versuchen, die MediatorInnen auf ihre Seite zu ziehen. Man ist es gewöhnt, sich in einem Streitfall Verbündete zu suchen. MediatorInnen aber haben die Aufgabe, „all-parteilich“ zu sein. Sie werden keine Partei ergreifen, sondern beide Seiten dazu auffordern, den Konflikt aus ihrer Sicht zu schildern. Anders als im Gerichtssaal ist das hier für beide Seiten in aller Ruhe möglich. Gerade für die Opfer, die vor Gericht, wenn überhaupt, nur als Zeugen gehört werden, kann das sehr befreiend sein. Wichtig ist es dann, dass die Streitenden es schaffen, sich ohne Gesichtsverlust aufeinander zuzubewegen. Um diese Annäherung geht es, nicht darum festzustellen, wer im Recht ist.
„Zunächst einmal sind die Menschen ja sauer, und diese Emotionen müssen auch raus“, so die Mediatorin. „Dann geht es darum, dass sich das wieder ein bisschen beruhigt und man in einen Austausch kommt. Es ist immer schön zu sehen, wenn bei richtigen ‚Streithammeln‘ und total verhärteten Fronten durch die Gespräche ein Perspektivwechsel und ein Verständnisprozess in Gang kommen.“ In der Regel sind dann beide einfach froh und erleichtert, wenn der Konflikt vom Tisch ist.
„Als Lehrerin war ich es gewohnt, allen zu sagen, wo es lang geht. Als ich die Mediationsausbildung gemacht habe, merkte ich, wie unglaublich schwer es ist, sich selbst zurückzunehmen und die Leute machen zu lassen“, schmunzelt von Schweinitz und beschreibt, wie sehr ihr die Ausbildung damals zum Ende ihrer Lehrtätigkeit geholfen hat, gelassener mit Konflikten umzugehen: „Früher habe ich gesagt Jetzt ist Schluss! Wie man das so machte. Später habe ich die SchülerInnen eher erzählen lassen. Mediation ist eine Haltung. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den ich erst lernen musste.“
Nach Abschluss des „Aufbaukurses Mediation“ und nach dem Ende ihrer Lehrtätigkeit bekam Karin von Schweinitz das Angebot, im Bereich der Trennungs- und Scheidungsmediation und der hoch eskalierten Familienkonflikte zu arbeiten. „Das ging mir aber zu sehr unter die Haut“, sagt sie. „Besonders, wenn Kinder betroffen waren, habe ich das mit nach Hause genommen, und das wollte ich einfach nicht.“
Bei der „Waage“ achtet man sehr darauf, dass die Mitarbeitenden die Belastungen ihrer Tätigkeit gut verarbeiten, es werden Supervisionen und auch laufend Fortbildungen und Trainings angeboten, bei denen Fallbeispiele in Form von Rollenspielen geprobt werden. „Da sind immer nette Menschen und alles in allem macht es riesigen Spaß“, erzählt die Mediatorin. „Ich möchte einfach im Alter nicht nur reisen und Gartenarbeit machen. Es ist schön, wenn die Menschen sich die Hand geben und sagen: Das ist geklärt.“

● Annika Bachem

Die „Waage Hannover e.V.“ ist ein Verein,
der von Spenden lebt.
www.waage-hannover.de   

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Neu in der Stadt im November

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Neu in der Stadt im November


Foto: Jonas GonellCalenberger Palme
Die Betreiber des kleinsten Kinos der Stadt, Wiebke und Johannes Thomsen, können ihr Lodderbast aufgrund der Corona-Abstandsregeln noch nicht wieder für Kinogänger öffnen. Nun trotzen die beiden Filmenthusiasten der Pandemie mit kulinarischem Eigenwillen: Aus den Räumlichkeiten ihres Kinos im zentral gelegenen Warmbüchenviertel wurde Ende Oktober vorübergehend ein Imbiss – mit nur einem Gericht auf der Speisekarte: Grünkohl und Bregenwurst. „Wir sind Niedersachsen durch und durch“, sagt Lodderbastbetreiberin Wiebke Thomsen, „da gibt es dann ab Herbst eben Kohl und Gedeck – das langt.“ Die Zutaten für ihren Grünkohl nach alter Familientradition beziehen die Thomsens ausschließlich von Familienbetrieben aus der Region Hannover, der obligatorische Weizenkorn kommt von Brennerei Rosche aus Niedersachsens Schnapshochburg Haselünne. Zu Kohl und Wurst gibt es ein Calenberger Helles aus dem Hause Mashsee Brauerei gegen den Durst, und auch VegetarierInnen kommen in der Calenberger Palme auf ihre Kosten bzw. zu wohlig gefüllten Mägen: Für sie gibt es eine fleischlose Variante des beliebten Traditionsessens. Berliner Allee 56, 30175 Hannover, Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag und Sonntag von 12 – 15 Uhr und von 18 – 22 Uhr, Montag und Samstag sind Ruhetage, mehr Infos auf der facebook-Seite der Calenberger Palme. Foto: Jonas Gonell

JD SportsFoto: jd sports
1981 mit dem ersten Laden im Nordwesten von England gegründet, ist JD Sports heute einer der führenden Sportmodehändler in Großbritannien und weiterhin aktiv auf Expansionskurs quer durch Europa. Mittlerweile ist die Kette mit über 440 Filialen in ganz Großbritannien, Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Schweden, Dänemark und Italien vertreten. Der neu eröffnete Megastore im ehemaligen Benetton-Gebäude in der Georgstraße ist nach dem Shop in der Ernst-August-Galerie bereits der zweite Anlaufpunkt in Hannover für junge, stilbewusste Sneakerfans, die hier zahlreiche Marken wie Nike, Adidas, Supply and Demand, New Balance und Lacoste finden. Auf einer Fläche von 777 Quadratmetern über zwei Etagen ist zusätzlich noch Platz für sportliche Männer-, Frauen- und Kinderbekleidung von Marken wie Juicy Couture, Fila, Champion oder The North Face. Georgstraße 24, 30159 Hannover, Öffnungszeiten Montag bis Samstag von 9.30 – 22 Uhr, mehr Infos unter www.jdsports.co.

 

Foto: Oliver VosshageLo & Go in der Luisenstraße
Während andere Pandemie-gebeutelte UnternehmerInnen sich aus der City zurückziehen, geht Rolf Eisenmenger nach vorne: In Rekordzeit hat der 66-Jährige, tatkräftig unterstützt von seiner Frau Cornelia Warnecke, zwei Geschäfte zusammenlegen und umbauen lassen. Auf zwei Etagen ist nun viel Platz, zum Beispiel für über 600 Hochzeitsanzüge, die schon für Eheschließungen bestellt waren, die dann Corona-bedingt abgesagt werden mussten. Für all den edlen Zwirn war der alte Standort in der Windmühlenstraße, der weiter bestehen bleibt, einfach zu klein. Hier wird in Zukunft Ware zu reduzierten Preisen angeboten. Der Unternehmer setzt darauf, dass all die abgesagten Hochzeiten früher oder später nachgeholt werden, sieht trotz der aktuell eingebrochenen Umsätze also optimistisch in die Zukunft. Im nächsten Jahr ist es ein Vierteljahrhundert her, dass er in der benachbarten Galerie Luise sein erstes Geschäft eröffnet hat. Schon lange zog es ihn zurück in die Luisenstraße. Mit den zwei Etagen, die luftig durch einen Hofgarten erweitert werden, hat Rolf Eisenmenger einiges vor: Auch kulturelle Veranstaltungen und Feiern sollen hier stattfinden können. Und nach wie vor gibt es hier wie in der Windmühlenstraße edle, perfekt sitzende Männersachen für jede Gelegenheit von Business über Freizeit bis zum Gala-Abend – oder für die (endlich doch noch stattfindende) Hochzeitsfeier. Luisenstraße 4, aktuelle Öffnungszeiten bitte erfragen unter Tel. 0511 – 300 88 61 oder unter www.lo-and-go.de.

Foto: Oliver Vosshage

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