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Der besondere Laden: Atelier Fräulein MaMe

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Der besondere Laden: Atelier Fräulein MaMe


Melanie Klinkenberg

Bereits seit zwölf Jahren schmückt sich Hannovers Kanalstraße mit einem kleinen, aber feinen Goldschatz – dem Goldschmiedeatelier Fräulein MaMe. Inhaberin und Goldschmiedin Melanie Klinkenberg zeichnet sich nicht nur durch ihr handwerkliches Talent, sondern auch durch ihre detailverliebte und sorgfältige Arbeit aus, mit der sie ihre Kund*innen regelmäßig zum Strahlen bringt.

Ich habe immer gerne was repariert, auch zu Hause. Kleine VHS-Kassetten auseinandergenommen, die Bänder neu reingemacht, mit Tesafilm verklebt und neu aufgerollt. Meine Mutter hat mir alles Mögliche gegeben. Irgendwann habe ich mir kleine Schraubenzieher gekauft und an Sachen getüftelt. Dann kam die Nachbarschaft – kann die Melanie das mal reparieren? Das hat mir einfach Spaß gemacht.“ Durch die Freude daran, Sachen zu reparieren und aus Alt Neu zu machen, kam sie schließlich zum Beruf der Goldschmiedin. Als ein junger Goldschmiedemeister eine Goldschmiede in ihrem Heimatort aufmachte, begann sie ihre Lehre. Ihre zweijährige Ausbildung absolvierte sie im Ruhrpott und kam dann der Liebe wegen nach Hannover, wo sie gemeinsam mit ihrer ehemaligen Geschäftspartnerin Marlene Neuschulz den kleinen Laden am Steintor kaufte. Der Ateliername Fräulein MaMe setzt sich zusammen aus den Vornamen der beiden und steht seit mittlerweile zwölf Jahren für individuelle Handwerkskunst.

Die Werkstatt befindet sich direkt über dem liebevoll eingerichteten Laden, in dem viele kleine Vitrinen, Schmuckständer und auch die beliebten Yankee Candles aus den USA ihren Platz finden. Neben einem großen Werktisch und unzähligen kleinen Werkzeugen ist die Werkstatt mit einer Walze, einem Schmelzofen, einem Polierraum und einer Graviermaschine ausgestattet. Je nachdem, worum es sich handelt und wie detailliert ein Schmuckstück am Ende sein soll, dauert die Herstellung eine Stunde bis zu einem ganzen Tag.

Es kommt natürlich immer auf das Schmuckstück an und auf die Wünsche“, erklärt Melanie Klinkenberg. Die Werkstatt öffnet sie übrigens auch für Goldschmiede-Kurse. Neben Ketten, Armreifen, Ringen und Ohrringen aus dem Atelier kann man sich bei Fräulein MaMe unter Anleitung sein eigenes Schmuckstück anfertigen und gemeinsam mit der Goldschmiedin einen kompletten Samstag in der Werkstatt verbringen. Melanie Klinkenberg arbeitet sehr gerne eng mit ihren Kund*innen zusammen und geht genau auf die persönlichen Vorstellungen ein. Man erfahre recht viel über die unterschiedlichen Stile der verschiedenen Kund*innen und es kämen bei einer Tasse Kaffee auch mal persönlichere Gespräche zustande, berichtet sie. „Aber ich finde es natürlich auch cool, wenn Kund*innen mir sagen, ich soll mein eigenes Ding machen.“

Mit 20 Jahren Erfahrung im Goldschmiedegeschäft lernt man, wie Kund*innen auf Schmuckstücke blicken und wie der eigene Blick ausfällt. Das geschulte und selbstkritische Auge von Melanie Klinkenberg macht ihre Schmuckstücke zu etwas ganz Besonderem. „Das Schöne an meinem Beruf ist auch, dass man am Ende des Tages, wenn man das Licht ausmacht, immer etwas in der Hand hält und sieht, was man geschafft hat“, sagt sie. Und wenn dann Kund*innen mit ihren Kreationen glücklich von dannen ziehen, mit ganz neuen und einzigartigen Schmuckstücken, vielleicht um jemand anderen zu überraschen, dann geht immer auch ein kleines Stück von ihr selbst hinaus in die Welt. „Und das ist ein gutes Gefühl!“

Jule Merx und Laura Druselmann

Atelier Fräulein MaMe

Kanalstraße 12, 30159 Hannover

Instagram: @fraeulein_mame

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Hanover4Ukraine

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Hanover4Ukraine


Ehrenamtliches Engagement in Hannover

Hanover4Ukraine

Der 24. Februar war ein einschneidendes Erlebnis für uns alle, da sich sowohl in unserem eigenen, aber auch im Leben von vielen Bekannten und natürlich von Millionen von Menschen ganz, ganz viel verändert hat.“, erzählt Jannik Bruns, Vorsitzender von „Hanover Helps e.V.“ und Initiator von „Hanover4Ukraine“. Zusammen mit Anja Schollmeyer, ebenfalls Vorsitzende von „Hanover Helps e.V.“, erzählen die beiden von der Initiative „Hanover4Ukraine“. Gemeinsam mit rund 200 weiteren Freiwilligen versuchen sie zu helfen, wo Hilfe benötigt wird.

In den ersten Tagen des Krieges waren Jannik Bruns und seine Freunde geschockt. Ein Gefühl, mit dem sie, rund um die Welt, nicht allein waren. Und schnell stand die Frage im Raum: „Was kann man jetzt machen?“ Jannik nahm Kontakt zu seinem Freund Felix auf. Die beiden waren gemeinsam für den „Jugend rettet e.V.“ in der Hilfe für Geflüchtete aktiv. „Hier konnten wir bereits vorhandene Spenden sinnvoll einsetzen, um in der aktuellen Situation direkte Hilfe zu leisten“, meinte Felix. Schon am 28. Februar gründete sich Hanover4Ukraine und nur vier Tage später, am 04. März, fuhren sieben Bullis und ein LKW aus Hannover nach Przemyśl ins ukrainisch-polnische Grenzgebiet. Über zehn Kubikmeter an Spendengütern, gespendet von Privatpersonen, Unternehmen und der Region Hannover, konnten so an die Grenze gebracht werden. Zudem wurden elf Menschen nach Deutschland gebracht. Das Résumé der Aktion: „Für die erste Hilfe war es gut, dass wir da waren. Langfristig sollten wir das aber den professionellen Akteuren mit jahrelanger Erfahrung in diesem Bereich überlassen“, sagt Jannik.
Jetzt einfach aufhören war allerdings keine Option. Der Fokus wurde nun auf die gezielte Hilfe in Hannover gelegt. Zeitgleich kamen bereits die ersten Menschen in Hannover auf dem Messegelände an. „Da haben wir uns sehr schnell gemeldet, haben uns das angesehen und überlegt, wie wir zügig helfen können“, erzählt Anja Schollmeyer. Innerhalb von fünf Tagen entstand so in einer der Messehallen eine 120 Quadratmeter große Spiellandschaft, ebenfalls möglich gemacht durch viele Spender*innen.

Die Bereitschaft war so groß, die Leute haben nur auf uns gewartet. Bei unserer ersten Spendensammlung kam so viel zusammen, dass direkt klar war, wir machen weiter!“, erzählt Anja. Vier weitere Spiellandschaften folgten. Sie sollten den vielen Kindern in den sonst eher kühl eingerichteten Hallen eine unbeschwerte Spiel- und Tobemöglichkeit bieten. Ebenfalls auf die Beine gestellt hat Hanover4Ukraine eine Schulranzen Aktion, bei der knapp 420 gefüllte und bepackte Schulranzen an Kinder verteilt wurden. „Wenn irgendwas anfällt und wir irgendwas tun können, sind wir da“, betont Jannik.

Das ist auch die Grundidee des Vereins Hanover Helps e.V., der sich aus der Initiative Hanover4Ukraine gegründet hat und themenübergreifend in Hannover helfend aktiv sein möchte. Aktuell sammelt Hanover4Ukraine gemeinsam mit der Landeshauptstadt Sachspenden für die polnische Partnerstadt Poznan, um diese bei der Notunterbringung von rund 40.000 Geflüchteten aus der Ukraine zu unterstützen. Doch auch hinter den Kulissen leisten viele Ehrenamtliche enorme Arbeit. „Unsere Stärke ist einerseits, ad hoc Aktionen aufzuziehen und sehr schnell aus dem Stand zu agieren. Gleichzeitig jedoch auch eine Struktur zu geben, gerade auch für andere Initiativen, die noch in der Initiativphase sind,“, erklärt Jannik. Um diese Strukturen zu verfestigen und anderen zur Verfügung stellen zu können, ist momentan viel Verwaltungsarbeit nötig, die bewältigt werden muss. In der Whats-App-Gruppe von Hanover4Ukraine sind rund 200 Menschen unterwegs – ein Netzwerk, das Hilfe koordiniert und dem Informationsaustausch dient. Acht, neun Leute bilden das Kernteam. „Wir sind immer auf der Suche nach Sach- und Geldspenden. Und einen ganz großen Bedarf gibt es natürlich immer an freiwilligen Helfer*innen.“ Ob für die spontanen Aktionen, die Social-Media-Betreuung, für das Kernteam und die Verwaltungsarbeit oder mit eigenen Projektideen – helfende Hände werden immer gebraucht. „Wer Bock hat auf ein echt modernes Ehrenamt, der ist bei uns richtig“, meint Anja und Jannik fügt hinzu: „Wenn ihr Lust habt, uns zu unterstützen oder an den größeren Projekten mitzuarbeiten, dann kommt vorbei, redet mit uns und wir finden auf jeden Fall einen Einsatzort für euch!“

Jule Merx

Hanover4Ukraine

Telefon oder WhatsApp unter Tel. (0511) 91160979

Facebook und Instagram unter @Hanover4Ukraine

Per E-Mail an info@hanover4ukraine.de

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Editorial 2022-08

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Editorial 2022-08


Liebe Leserinnen und Leser,

es ist gar nicht so leicht, momentan nicht die Hoffnung zu verlieren. Die Pandemie ist noch längst nicht vorbei, der Krieg in der Ukraine geht einfach immer weiter, die Folgen des Klimawandels werden nun immer sicht- und spürbarer und die Lebenshaltungskosten explodieren, es geht plötzlich ans Eingemachte. Und das sind nur die Themen, die momentan die Schlagzeilen beherrschen. Vieles gerät schnell wieder aus unserem Fokus, wird schlicht vergessen. Die anderen Kriege und Konflikte, die Flüchtlinge. Überall Krisen, Menschen in tiefster Not, Menschen, die hungern, die verhungern. Und wie geht es eigentlich den Frauen in Afghanistan?

Es ist wahrscheinlich ganz gut, dass wir Menschen ausblenden und verdrängen können, wir würden sonst wohl kollektiv durchdrehen. Und uns stellenweise vielleicht auch in Grund und Boden schämen, angesichts unserer eigenen Rolle im Spiel um den größten Wohlstand. Wir realisieren mehr und mehr, dass unsere Weste so weiß gar nicht ist – wir haben nur viele Jahre die Flecken nicht sehen wollen. Und wenn ich in diesen Tagen Menschen erlebe, die ganz offensichtlich einzig und allein den eigenen Vorteil im Blick haben, die egoistisch argumentieren und handeln, die Angst um ihr bisher so schönes Leben haben, dann habe ich zwar den Impuls, mich angewidert abzuwenden, aber ein Stück weit ahne ich dabei, dass ich möglicherweise einfach nicht in den Spiegel blicken mag.

All diese Krisen bergen neben den offensichtlichen, direkten Folgen noch eine weitere Gefahr. Wir neigen dazu, uns einzuigeln, die Stacheln aufzustellen, wenn wir uns bedroht fühlen. Wir neigen zudem zu einfachen Erklärungen. Und wir mögen Schuldige. Wenn es zu unübersichtlich wird, dann verschafft so ein Sündenbock uns ein bisschen Luft. Das zusammengenommen führt dazu, dass die Populisten an Stärke gewinnen, dass wir empfänglicher werden für die vermeintlich einfachen Lösungen. Ich bemerke diese Tendenzen immer wieder auch bei mir. Ich puzzle mir mein Weltbild zurecht und oft sind es dann zum Beispiel „die Reichen“, die ich als Schuldige ausmache. Oder der Kapitalismus ist das wahre Böse. Das ist einfach gedacht und gesagt. Bei anderen Menschen sind es „die Ausländer“ oder die „Gutmenschen“ oder die „links-grün versifften Spinner“. Es ist darum vermutlich ziemlich klug, sich hin und wieder den Mechanismen unseres Denkens zu widmen, um zu verstehen, wie wir ticken. Das rate ich an dieser Stelle gerne und ausdrücklich auch allen Intellektuellen, die offene Briefe schreiben.

Was ich bei mir selbst bemerke in letzter Zeit, und das ist noch so eine Gefahr, die mit der momentanen Krisen-Überforderung eng verknüpft ist, das ist Resignation und Lähmung. Ich sehe eine brennende Welt, aber ich habe keine Handhabe. Ich kann das alles nicht ändern. Ich fühle mich machtlos und ausgeliefert. Einfachste Küchenpsychologie. Die Probleme erscheinen so groß, der Berg so unüberwindbar, dass schon der erste Schritt irgendwie sinnlos erscheint. Und darum bleibt man stehen. Mir hat es darum sehr gutgetan, in diesen Tagen Steffen Krach zu treffen, unseren Regionspräsidenten, und mit ihm über Ideale und Ideen zu sprechen (ab Seite 50). Weil mir dabei bewusst geworden ist, dass man auch ganz anders mit der momentanen Situation umgehen kann. Man kann die Ärmel hochkrempeln und sich um das kümmern, worauf man direkten Einfluss hat. Man kann versuchen, es einfach vor Ort besser zu machen. Und zum Beispiel für ein 365-Euro-Ticket kämpfen. Man kann viele kleine, sinnvolle Schritte in die richtige Richtung gehen, das ist weitaus klüger als permanent über den einen großen Schritt zu grübeln und an der Welt zu verzweifeln. Ich bin mir sicher, Steffen Krach hat keine Zeit für einfache Erklärungen, Sündenböcke oder Resignation, dafür hat er einfach zu viele kleine Schritte auf dem Zettel.

Viel Spaß mit dieser Ausgabe

Lars Kompa

Herausgeber Stadtkind

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Zum Abschied von Wolfgang Werner

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Zum Abschied von Wolfgang Werner


Ich habe einfach die Tür aufgemacht …

Ein bunter Abschied von
Wolfgang Werner

Das Glück über eine vom Publikum für gelungen empfundene Veranstaltung, ob groß oder klein, ist durch kein anderes Glück wirklich zu ersetzen. Dieses Glück durfte ich tausendfach erfahren, also halte ich mich für einen glücklichen, dankbaren Menschen.“ Wolfgang Werner in seinem Buch „Ich habe einfach die Tür aufgemacht!“


Wolfgang Werner ist am 1. Mai im Alter von 80 Jahren gestorben. Die Nachricht hat mich unerwartet getroffen, seine Partnerin Uschi Hedwig hat mich angerufen. Ich hatte vorher lange nichts mehr von Wolfgang gehört. Er hatte sich aus der Kulturarbeit in Hannover verabschiedet vor ein paar Jahren, hatte seine Werkstatt-Galerie Calenberg (WGC) in der berühmt-berüchtigten Kommandanturstraße 7 in jüngere Hände übergeben (heute ist dort das Leibniz Theater), war mit Uschi nach Aschaffenburg gezogen. Ein paar Mal haben wir nach seinem Rückzug aus der WGC telefoniert – Wolfgang hatte noch Ideen und Pläne. Natürlich! Wolfgang hatte Zeit seines Lebens Ideen und Pläne, auf seinem Herd köchelte es immer in mehreren Töpfen gleichzeitig. Ich war traurig. Kurz. Aber dann habe ich mich erinnert. Weitermachen, nach vorne schauen, nicht zurück, im Fluss bleiben, zuversichtlich neu anpacken – das war Wolfgang Werner. Für glückliche Momente sorgen, für andere, das war Wolfgangs Leben, über nichts hat er sich mehr gefreut als über glückliche Gesichter. Keine Zeit für Traurigkeit! „Ich organisiere eine kleine, bunte Feier für Wolfgang“, erzählte mir Uschi am Telefon. „Nichts Trauriges, was Schönes und Lebendiges …“

Ich habe mir Wolfgang vorgestellt auf dieser Feier. Irgendwo am Rand hätte er gestanden und zugesehen, mit diesem verschmitzten, zufriedenen Lächeln im Gesicht – lauter glückliche Gesichter. „Hat funktioniert“, das hätte groß auf seiner Stirn gestanden. Vielleicht hat er zugesehen … Matthias Brodowy hat durch die Feier geleitet, er hat an diesem Tag sozusagen stellvertretend für Wolfgang noch einmal die Tür aufgemacht, über hundert Gesichter aus Kunst und Kultur waren dabei, viele traurige, aber dann auch wieder lächelnde Augen. Musik, Gesang, Tanz, Gedichte, Grußworte, Briefe … Eine wunderschöne Erinnerungsfeier, und ich glaube, ganz in Wolfgangs Sinne.

Ein paar Tage zuvor habe ich mich mit Matthias Brodowy verabredet. Ich wollte hören, was er mir über Wolfgang erzählen kann, für diesen Abschied hier im Stadtkind. Natürlich haben wir uns völlig verplaudert. Das passiert, wenn viele tausend Worte nicht reichen, um ein Leben zu erzählen. Wolfgang hat das nach 35 Jahren WGC selbst versucht, mit seinem Buch „Ich habe einfach die Tür aufgemacht!“, das ab Juli 2022 im Deutschen Kabarettarchiv in Mainz gelistet ist. Rund 180 Seiten hat er zusammengetragen, überwiegend im Telegramm-Stil, ein atemloser Sprint durch all die Jahre, so viele Veranstaltungen, so viele Auftritte, das alles ergänzt durch zahlreiche Grußworte zum 35. Geburtstag der WGC, Volker Pispers, Alix Dudel, Andreas Rebers, Rüdiger Hoffmann, Renate Rochell von der „Tribüne“ … viele Namen. Und natürlich ist auch Matthias Brodowy dabei.

Der erzählt mir in unserem Gespräch viele Anekdoten. Aber vor allem erzählt er davon, dass Wolfgang jemand war, der etwas in Bewegung gesetzt hat, der unterstützt und bestärkt hat. „Ohne Wolfgang wäre ich heute vielleicht Lehrer“, sagt er. Er war damals, 1990, beim La Strada Schülertheater Festival im Zirkuszelt vor der WGC mit seinen „Profilachtickern“ aufgetreten. „Das war unser erster großer Auftritt außerhalb von Schule und Kulturtreffs. Damals habe ich Wolfgang kennengelernt und wir sind dann mit den Profilachtickern regelmäßig in der WGC aufgetreten. Er war immer voller Wertschätzung, von Beginn an. Wir waren damals Schüler, das darf man nicht vergessen. 18 Jahre alt. Und er hat eine so hohe Wertschätzung für unsere Kunst gehabt. Ich glaube, das kann man gar nicht genug herausstellen. Da kommt jemand mit ganz viel Erfahrung, und der nimmt sich Zeit, der guckt hin und hört zu. Und dann sagt der einer Schülergruppe: Ihr seid gut! Ihr müsst weitermachen!“

Matthias beschreibt Wolfgang als Künstler unter Künstler*innen. Er sei eben nicht nur Veranstalter gewesen, sondern im Herzen ganz und gar Künstler, mit einem entsprechend tiefen Verständnis für die Menschen aus dieser Szene, die ihm im Laufe der Jahre begegnet sind. Er war ein Unterstützer, ein Förderer, er hat viel Künstler*innen in den ersten Jahren begleitet, ihr Talent gesehen, er hatte dafür ein Auge und dann hat er Mut gemacht. Matthias hat 1997 sein erstes Solo in der WGC gespielt.

Wolfgang hat gesagt, klar, mach das, trau dich. Du bist gut, probiere das mit deinen eigenen Texten. Natürlich hat er auch mal kritisiert. Da müsstest du mal dran, das könntest du ändern, es gab von ihm diese ganz ehrlichen Einschätzungen, aber eben auf der Basis einer wirklich großen und grundsätzlichen Wertschätzung. Ich verdanke Wolfgang gleichrangig neben Hanns Dieter Hüsch im Grunde alles. Wolfgang war so eine von diesen Stellschrauben, die man im Leben trifft. Ich bin ihm wirklich sehr dankbar. Der hat einfach nicht negativ, sondern immer nach vorne gedacht. Erstmal machen, hinterher gucken. Was war gut, was war schlecht?“

In der Werkstatt-Galerie Calenberg hat Matthias dann regelmäßig gespielt in den 35 Jahren, fast ein Wohnzimmer. Oder vielleicht auch eine WG, die er mit vielen anderen teilte. Der Ort hatte von Beginn an den Charakter einer Wohngemeinschaft. Ein offener Treffpunkt für alle Kreativen.

Wolfgang ist in Karlsruhe geboren und in Holtensen bei Hannover aufgewachsen, er hat dann später in einem ganz anderen Leben rund zwei Jahrzehnte als Handelsvertreter für Pharmazie- und Drogerieprodukte gearbeitet, ein Beruf, von dem seine Mutter einmal sagte: „Wo war ich bloß, als es um Deine Ausbildung als Drogist ging.“ Eine Beruf, den er zunehmend mit Skepsis ausübte. Abends unternahm er bereits seine „Fluchten“ in die Kultur. Kunst, Musik, Theater, das war viel mehr seine Welt. Und dann war dieses erste Leben vorbei. Er arbeitete Ende der 1970-er Jahre als Skilehrer, segelte und handelte mit Bildern. 1981 verschlug es ihn zurück nach Hannover, wo er kurz darauf die Werkstatt-Galerie Calenberg eröffnete und lernte, mit ganz wenig Geld auszukommen. Vielleicht ein Zufall, Schicksal, Fügung … Zunächst beherbergten die Räume eine Werkstatt für Töpferei, Lithografie und andere kunsthandwerkliche Arbeiten, Kurse wurden angeboten, Theaterworkshops, Ausstellungen fanden statt, erste Bühnenveranstaltungen – Wolfgang hatte den Kreativen der Stadt im wahrsten Sinne des Wortes eine Tür aufgemacht. Und über die Kursgebühren gelang auch die Finanzierung. Doch die Werkstatt bekam Mitbewerber, verschiedene Freizeitheime boten zunehmend ähnliche Kurse teilweise preiswerter an. 1983 erfolgte darum die Umstellung auf einen reinen Theaterbetrieb. Ein wichtiger Impuls für die gesamte Kulturszene in Hannover. Die WGC wurde zu einem Hotspot der Kultur. Kabarett, Musik, Theater, Krimis, Lesungen, Tanz und auch experimentelle Kunst, und mittendrin in dieser multikulturellen Welt Wolfgang, zufrieden lächelnd, wenn es funktionierte, zufrieden lächelnd, auch wenn etwas nicht funktionierte, mit der Gewissheit, dass dann eben demnächst wieder etwas funktionieren würde.

Bis 2017 war Wolfgang die Werkstatt-Galerie Calenberg, er war der Zirkusdirektor, der Impresario, der gute Geist, die Seele – und Koch, Klempner, Maler, Buchhalter, Hausmeister. Er hat im Laufe der Jahre immer wieder wie ein Löwe gekämpft für seine WGC, mit Liebe und Leidenschaft, er hat sich nie beirren lassen, er hat sich nie entmutigen lassen und er hat so nicht nur über Jahrzehnte die Kulturszene Hannovers geprägt und einer Subkultur Chancen eröffnet, er hat auch viele inspiriert und Vieles initiiert. Wolfgang war ein Macher, ein Anpacker. Und wenn es nicht gereicht hat, wurde einfach irgendwie und irgendwo noch ein Fisch an Land gezogen. Wolfgang war ein echter Kulturdickschädel, er hat nie aufgegeben.

Neben der WGC hat Wolfgang all die Jahre auch als Veranstalter in Hannover Feste und Shows organisiert. Ein naher und wichtiger Wegbegleiter war Mike Gehrke, Wolfgang war involviert bei den Altstadtfesten, beim Mittelalterspektakel, beim Tiergartenfest, er hat auch immer wieder für bunte, große und außergewöhnliche Firmenfeiern gesorgt, er hat kaum eine Gelegenheit ausgelassen, ein bisschen Geld nebenbei zu verdienen – um jeden Cent in die WGC zu stecken. 3200 Aufführungen haben die Bretter dort nach 35 Jahren gesehen, „Sinn, Freude, Bildung“, das war der Ansatz, der sich in allen Veranstaltungen spiegelte. Mit vielen Künstler*innen hat er diverse Formate entwickelt, es gab eine die Erzählbühne, es gab das Calenberger Literaturfrühstück, es gab Live-Hörspiele und ein Dauerbrenner waren natürlich die Calenberger Kabarettwochen und die vielen Jahre mit der „Tribüne“. Selbst nach Südafrika hat ihn sein Engagement getragen, wo er noch zu Zeiten der Apartheit mit zwei Clowns, Mark Hinds und Marc Colli, in Kapstadt einen Kinderzirkus für die Kleinen aller Hautfarben geründet hat.

Wenn man sich mit Wolfgang getroffen hat, kam er immer ins Schwärmen, über all die schönen Erlebnisse, über diese erfüllten, teilweise überfüllten Jahre. Selten gab es mal einen Urlaub, selten Phasen ohne unfassbar viel Arbeit, selten Phasen der Entspannung. Wolfgang hat nie gejammert, aber man darf sich sicher sein, er hat in mancher Nacht wach gelegen und Zahlen im Kopf hin und her geschoben. Wie kann das alles weiter funktionieren? Es hat funktioniert.

Wolfgang Werner & Uschi Hedwig

Es hat wohl auch funktioniert, weil Wolfgang immer wieder Wegbegleiter*innen hatte, die unterstützt und geholfen haben. Und eine Wegbegleiterin war ihm das Wichtigste. Über die Kunst und Kultur konnte Wolfgang lange und ausgelassen schwärmen, für einen Menschen schwärmte er endlos. Seine ganz große Liebe, Uschi Hedwig, war für Wolfgang ein Grundpfeiler seines Lebens. Kam die Sprache auf Uschi, leuchteten immer seine Augen. Die Erinnerungsfeier war Uschis liebevoller Abschiedsgruß. Sie hat nur für ihn und das 25-jährige Jubiläum ihrer Beziehung getanzt. Und wir haben geweint. Aber nur ein bisschen.

Man kann so einen Text über Wolfgang nicht beenden, ohne zuletzt eine große Idee zu erwähnen, für die er seit Jahren unglaublich brannte: das bedingungslose Grundeinkommen. Es wäre bestimmt ganz in Wolfgangs Sinne, hier einen Text zu zitieren, der auch in seinem Buch steht, der Klappentext von „Einkommen für alle“, dem Buch seines Cousins Prof. Götz W. Werner, Gründers der dm-drogerie-Märkte. Die Idee wird sehr einleuchtend erklärt: „Die Würde und die Freiheit des Menschen beinhaltet das Recht, nein sagen zu können. Diese Freiheit hat nur der, dessen Existenzminimum gesichert ist. Die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen ruht damit auf der zentralen Grundlage unserer Verfassung: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Einkommen ist ein Bürgerrecht.“ Wolfang war kein besonders politischer Mensch, er war ein spiritueller Humanist, ein Menschenfreund durch und durch, er war für ein Gleichgewicht in der Gesellschaft. Oft hat er sich ausgemalt, wie es wäre, wenn all die Kreativen sich ganz ohne finanziellen Druck entfalten könnten, und in diese Idee hatte er sich verliebt. Das bedingungslose Grundeinkommen war aus seiner Sicht ein sehr schöner Traum. Er hat Zeit seines Lebens nicht aufgehört, ihn zu träumen. Viele träumen ihn nun für Wolfgang weiter.

Was bleibt noch zu sagen? Danke, Wolfgang!
Lars Kompa

Wer mag, kann als letzten Gruß für den Verein la festa musicale zur künstlerischen Förderung von Jugendlichen spenden. Das Projekt läuft bereits; es wird von KünstlerInnen durchgeführt, die als Weggefährten eng mit Wolfgang verbunden sind.

Betreff:

Wolfgang Werner, Musik/Schauspiel&Tanz-

Projekt mit SchülerInnen aus Hannover

Kontoverbindung:

la festa musicale

DE 80 2519 0001 0709 1184 00

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Verein für krebskranke Kinder Hannover e.V. Frederike Ludwig-Lück

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Verein für krebskranke Kinder Hannover e.V. Frederike Ludwig-Lück


Frederike Ludwig-Lück

Verein für krebskranke Kinder Hannover e.V.
Frederike Ludwig-Lück

Ein krebskrankes Kind in der Familie oder im Umfeld zuhaben oder selbst in jungen Jahren an Krebs zu erkranken, ist furchtbar. Die Diagnose ist ein Schlag für alle direkt oder indirekt Betroffenen. Der Verein für krebskranke Kinder Hannover e.V. hilft unermüdlich und mit viel Engagement, damit Familien die schwere Zeit in der Klinik gemeinsam durchstehen können.

Bereits 1984 hat Ulrike Baum den Verein aus einer Initiative von betroffenen Eltern gegründet, die etwas an der allgemeinen Unterbringung und an dem allgemeinen Angebot verbessern wollten. „Wir mussten uns Stühle von zu Hause mitbringen“, erinnert sich eine Mutter – denn damals gab es in den Patientenzimmern nicht einmal Sitzgelegenheiten für Besucher*innen.

Schon bei der Gründung legte der Verein drei Schwerpunkte als Aufgabenfelder seines Engagements fest. Zum einen die Unterstützung im seelischen und sozialen Bereich für krebskranke Kinder und ihre Familien. Zum anderen Hilfe beim Ausbau der technisch-diagnostischen Ausstattung der Kinderklinik der MHH und der Personalstruktur sowie beim Umbau der Kinderkrebsstation. Und als dritten Schwerpunkt hat es sich der Verein nicht zuletzt zur Aufgabe gemacht, die Forschung nach den Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten der kindlichen Krebserkrankungen zu unterstützen.

Seitdem hat sich, dank der Arbeit und dem Engagement des Vereins, viel verändert. „Ein ganz ganz wichtiger Punkt ist das zusätzliche Personal, das wir vom Verein finanzieren können. Das Land Niedersachsen muss die Grundversorgung gewährleisten – die ist aber nicht immer ausreichend“, erzählt Frederike Ludwig-Lück, Geschäftsführerin des Vereins.

Zwei Stationen der Kinderklinik der MHH betreffen den Verein – Station 64A und Station 62. „Viele Kinder kommen nach Hannover – viele aus Niedersachsen, aber auch aus ganz Deutschland. Im Jahr sind es knapp 100 Kinder, die hier stationär aufgenommen werden“, berichtet Ludwig-Lück.

Die Arbeit im Verein wird größtenteils von Ehrenamtlichen erledigt. Der Vorstand, mit seiner Vorsitzenden Bärbel Dütemeyer, bildet den Kern des Vereins – die meisten im Verein engagierten Vorstandsmitglieder waren in der Vergangenheit selbst Betroffene. „Als Elternteil mit einem Kind in so einer Lage kann man die Situation und die Probleme am besten nachvollziehen und man weiß, was wirklich getan werden muss.“

Gemeinsam konnten Projekte wie kostenfreie Elternwohnungen, ein künstlerisches Angebot mit Künstler Rainer Mörk, verschiedene Familienunterstützungen, , eine Sporttherapie, Freizeitscamps, und eine Trauergruppe organisiert werden. Die Mutperlen sind ebenfalls so ein Projekt. „Das ist wie ein Tagebuch ohne Worte. Jedes Kind bekommt für jeden Piks, für jede Behandlung, eine Mutperle. Daraus entsteht hoffentlich eine sehr kurze, aber leider doch oft eine recht lange, Mutperlenkette“, erklärt Ludwig-Lück. Eine sichtbare und fühlbare Hilfe, die Mut machen soll. „Mit zusätzlichen Aktionen auf den Stationen versuchen wir den Kindern den schmerzhaften Klinikalltag erträglicher zu machen und ihnen dabei am liebsten noch ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.“

Der Verein finanziert sich ausschließlich aus Spenden.. „Es ist die finanzielle Unterstützung, die den Verein ausmacht. Wir haben viele treue Mitglieder, die uns bei unserer Arbeit seit Jahren unterstützen, aber ein Großteil sind Spenden, die bei uns eingehen“, betont Ludwig-Lück. Eigene Spendenaktionen, Geburtstagsspenden oder Kondolenzspenden: „Es ist toll, was für einfallsreiche Ideen unsere Spender haben, um Spenden für unseren Verein zu sammeln. Noch bemerkenswerter ist es zu sehen, was wir als Verein dadurch an die betroffenen Kinder und Familien weitergeben können, um genau da zu helfen, wo die Hilfe am meisten gebraucht wird.“ Der Verein konnte so unter anderem 2014 den Umbau der Station 64A mittragen, sich an den Kosten beteiligen und der Station damit zu einer modernen Ausstattung verhelfen.

Vorstand des Vereins für krebskranke Kinder

Ehrenamtliche Arbeit direkt im Verein gestaltetet sich, abgesehen von der Arbeit im Vorstand, als schwierig. „Das ist total schade, wir haben viele Anfragen von Leuten, die helfen wollen – es darf aber nicht jede*r auf die Stationen. Daran hapert es dann. Das sind Intensivstationen – auch wir dürfen coronabedingt erst seit kurzer Zeit wieder vor Ort sein“, erklärt Ludwig-Lück. Helfen und unterstützen ist wichtig, in diesem Fall aber eher über Spenden. „Wir sind unseren Spendern für jede Spende, die uns unsere Arbeit, den an krebserkrankten Kindern zu helfen, ermöglicht, unendlich dankbar. Denn ohne Spenden wäre unsere Arbeit nicht möglich!“.
● Jule Merx
Unter der IBAN DE86 25050180 0000001560 kann man den Verein und die lebensbedrohlich an Krebs erkrankten Kindern direkt mit einer Spende unterstützen. Mehr Informationen unter

www.verein-fuer-krebskranke-kinder-hannover.de.

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Editorial 2022-07: Über Öffentlichkeit

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Editorial 2022-07: Über Öffentlichkeit


Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe habe ich mit Bettina Wulff über „Öffentlichkeit“ gesprochen, und mir ist bei unserem Treffen sehr schnell (und mal wieder) klar geworden, dass die persönliche Begegnung der Schlüssel ist für ein gutes und faires Miteinander. Ich hatte sie natürlich vorher in eine Schublade gesteckt, ich war mir sicher, sie schon ganz gut zu kennen, weil ich so viel gehört hatte. Und dann sitzt da gar nicht die Frau, die ich erwartet hatte. Bettina Wulff hat mich beeindruckt, offen und geradeaus, sehr reflektiert, stellenweise auch ganz schön nachdenklich.

Wieder eine Schublade, die ich zum Sperrmüll packen muss. Und auf der Kippe liegen schon etliche. Natürlich. Man bildet sich sein Urteil in ein paar Sekunden. Mag man jemanden? Mag man jemanden nicht? Wenn man sich entschließt, jemanden zu mögen, und der entpuppt sich im Nachhinein als ganz unangenehmer Zeitgenosse, braucht es eine Weile, bis das durchdringt und man sein erstes Urteil revidiert. Wenn man andersherum jemanden spontan nicht mag, dann kann der noch so nett sein, wir werden sein Verhalten, seine Gesten, seine Worte so interpretieren, dass unser Urteil bestätigt wird. Das mit der Fairness ist also keine so einfache Angelegenheit. Man muss sich immer wieder Mühe geben. Es ist eine Aufgabe.

Leider habe ich den Eindruck, dass die Tendenz momentan allgemein eher zur Gegenrichtung neigt. Man findet kübelweise Hass im Netz – ganz ohne danach gesucht zu haben. Und dieser Hass trifft nicht nur öffentliche Menschen, nicht nur Promis und Stars, dieser Hass kann zunehmend einfach jede und jeden treffen. Ein falsches Wort, ein falsches Bild – und man erlebt den Shitstorm seines Lebens. Im Netz fallen einem all die Schmähungen und Beleidigungen, all die Verwünschungen und Drohungen, selbst Todesdrohungen, offenbar leichter, im Netz lässt man sich eher zum asozialen Verhalten hinreißen. Wenn man sein Opfer nicht direkt erlebt, es womöglich nur als Nickname oder Avatar kennt, wenn man seine Reaktion womöglich gar nicht mitbekommt, wenn all die Beleidigungen und Drohungen ohnehin nicht geahndet werden – was ja kürzlich erst ein Jan Böhmermann eindrucksvoll aufgezeigt hat, dann beleidigt es sich völlig ungeniert. Und im Netz macht sich zugleich jeder und jede etwas angreifbarer, gibt vor aller Welt viel, vielleicht zu viel, von sich Preis. Auch das hat sich ja mit dem Internet geändert, das vielleicht eben tatsächlich noch Neuland für uns alle ist, wie Angela Merkel einmal sagte und dafür sehr gescholten wurde.

Wobei die Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, schon immer mit harter Kritik und gemeinen Schmähungen leben mussten. Und in Zeiten des Internets meistens natürlich noch weitaus inflationärer dran sind. Das zu verstehen, fällt mir schwer. Es muss im Leben der Menschen, die andere derart beleidigen und diffamieren, sehr düster aussehen. Ich bin ein bisschen überfragt bei solchen Menschen. Ich sehe die Dokumentationen über diese Phänomene und rätsele trotzdem. Macht das diesen Leuten wirklich Spaß? Sind das im Netz nur all die Mr. Hydes der normalen Dr. Jekylls um uns herum? Oder sind das Gestalten, denen ihr Treiben auch in der Realität einen ganz großen Spaß beschert? Fehlt mir da vielleicht irgendein Gen? Ich kann es jedenfalls nicht nachvollziehen, ich kann den Antrieb dieser Leute nicht verstehen und finde solche Menschen im Grunde einfach bloß bedauernswert.

Bettina Wulff hat mir ab Seite 50 u.a. erzählt, dass sie sich lange sehr viel hat gefallen lassen. Aber dass es dann irgendwann einfach auch genug war. Sie hat sich sogar mit Google angelegt. Sie hat gekämpft und letztlich hat sie gewonnen. Für sich und für andere. Eine Art der Selbstermächtigung, an der man sich tatsächlich ein Beispiel nehmen kann. Es ist möglich, sich zu wehren. Vielleicht sollten wir uns alle viel mehr wehren. Es wäre unserer Gesellschaft sehr zu wünschen. Und es wäre auch unserer Demokratie zu wünschen. Immer weniger Menschen zieht es in die Politik – wenn man sieht, was die tagtäglich aushalten müssen, ist das gar kein Wunder. Aber was wird aus einer Demokratie ohne Politiker*innn?

Viel Spaß mit dieser Ausgabe!

Lars Kompa

Herausgeber Stadtkind

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